Mit viel Pomp und unter der Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wird Donald Trump am 24. September Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping zu einem Staatsbesuch in Washington empfangen. Zuletzt war Xi 2023 beim APEC-Gipfel in San Francisco zu Gast. Ein Staatsbesuch liegt länger zurück. 2015 empfing Barack Obama Xi Jinping im Weißen Haus. Aus Trumps Sicht gibt es kaum ein wichtigeres globales Ereignis als ein Treffen der Großen Zwei. Was die G2 vereinbaren, so die Vorstellung, setzt den Rahmen für den Rest der Welt. Einen Vorgeschmack darauf bot das letzte Zusammentreffen von Trump und Xi im Mai 2026 in Peking.

Doch beim Gipfeltreffen im Weißen Haus werden vor allem die Gegensätze dominieren. Trump ist innenpolitisch stark geschwächt. Seine Zustimmungswerte sind denkbar schlecht, seine Partei steht bei den so wichtigen Zwischenwahlen im November mit dem Rücken zur Wand. Xi hingegen reist mit breiter Brust an. Chinas Exportwirtschaft dominiert die Weltmärkte, die technologische Aufhol- und Überholjagd setzt sich rasant fort und international präsentiert sich Peking nach den erfolgreichen Gipfeln der Shanghai Cooperation Organization und der BRICS als Zentrum einer alternativen Weltordnung, in der die USA nicht mehr die (alleinige) Hauptrolle spielen. Den Finger in die Wunde legte kurz vor Xis Reise nach Washington das Treffen von Chinas Außenminister Wang mit seinem iranischen Kollegen Araghtschi. Die Botschaft war klar: Während die USA nur noch über wenige und zudem schlechte Optionen verfügen, den Krieg gegen Iran zu beenden, hält sich Peking als Vermittler bereit. Das verschiebt die Rollen beim Gipfel: Während Trump einen sichtbaren Erfolg braucht, kann Xi es sich leisten, vor allem eine weitere Eskalation zu verhindern.

Statt also die Welt in Einflusszonen aufzuteilen, belauern sich beide Seiten.

Statt also die Welt in Einflusszonen aufzuteilen, belauern sich beide Seiten – ohne dass von ihnen derzeit entscheidende Impulse zur Beendigung der Großkonflikte im Nahen und Mittleren Osten, in der Ukraine und in Chinas Nachbarschaft ausgehen. Mit Blick auf Taiwan wird Xi von den USA verlangen, die Unterstützung zu reduzieren. Nach wie vor stehen bereits zugesagte US-Waffenlieferungen an Taipeh im Umfang von 14 Milliarden Dollar aus. Entscheidend wird daher sein, ob das in Peking vereinbarte Konzept der „strategischen Stabilität“ zwischen China und den USA tatsächlich mit Leben gefüllt werden kann. Strategische Stabilität bedeutet dabei vor allem, dass beide Seiten verhindern, dass ihre Rivalität außer Kontrolle gerät.

Dagegen spricht, dass der Gipfel von viel Kleinklein bestimmt sein dürfte. Das beginnt beim Zankapfel Zölle. Hier ist kein Durchbruch, sondern allenfalls eine leichte Entspannung zu erwarten. Am 10. November läuft ein Moratorium für chinesische Exportkontrollen bei Seltenen Erden aus, ebenso wie eine einjährige Aufschiebung der amerikanischen Exportkontrollen für hochentwickelte Halbleiterchips. Beide Seiten werfen sich gegenseitig vor, stillschweigend Druck auf Engpässe in der Lieferkette auszuüben und ihren Teil der Vereinbarung nicht einzuhalten. Eine Vielzahl weiterer Handelsfragen, darunter ein chinesisches Exportverbot für Phosphat, der amerikanisch-chinesische Boeing-Deal vom vergangenen Gipfel im Mai sowie US-Maßnahmen zum Importverbot chinesischer Drohnen und anderer Roboter, wurden im Mai in Peking besprochen, bleiben aber ungelöst und dürften in den Gesprächen erneut eine Rolle spielen.

Xi Jinping soll Berichten zufolge von einer großen Wirtschaftsdelegation mit Vertretern aus der Technologie-, Elektrofahrzeug- sowie Luft- und Raumfahrtbranche begleitet werden – für chinesische Verhältnisse ein ungewöhnlicher Vorgang. Chinesische Beobachter interpretieren dies als Zeichen der Bereitschaft zu Investitionen und zu vertieften Handelsbeziehungen mit den Vereinigten Staaten. Möglich also, dass es zu einer Reihe kleinerer und mittlerer Wirtschaftsdeals kommen wird. Investitionen hier, Lockerungen von Exportbeschränkungen dort. Unwahrscheinlicher wäre ein großer Deal ganz nach Trumps Geschmack,  bei dem die USA im Gegenzug für ökonomische Zugeständnisse Pekings bei Handel und Lieferketten ihre militärische Unterstützung Taiwans reduzieren.

Der Gipfel dürfte sich in Einzelfragen der Handels- und Technologiepolitik verlieren.

Einig sind sich nahezu alle US-Beobachter, dass das zentrale Thema des Gipfels die Sicherheit und Regulierung von Künstlicher Intelligenz sein wird. Möglicherweise werden beide Präsidenten mit den Chefs der führenden amerikanischen Tech-Unternehmen zusammentreffen. Doch auch hier belauern sich die beiden Großmächte mehr, als sie konstruktiv an einer der größten Herausforderungen unserer Zeit arbeiten. Weder Trump noch Xi haben sich die Forderungen nach einer Verlangsamung des Entwicklungstempos, wie sie die Unternehmen Anthropic und OpenAI angesichts der Berichte über gravierende Sicherheitsprobleme ins Spiel gebracht haben, zu eigen gemacht.

Dabei unterscheiden sich die Bewertungen der Risiken von KI in den USA und China erheblich: US-amerikanische Technologieunternehmen beschäftigen sich vor allem mit Fragen der allgemeinen künstlichen Intelligenz (AGI), der Superintelligenz und einem „Risiko von mehr als 10 Prozent für das Aussterben der Menschheit im nächsten Jahrzehnt“, während Chinas Bedenken weniger apokalyptisch daherkommen und sich auf die potenziellen politischen und wirtschaftlichen Folgen des Einsatzes von KI konzentrieren. In China spielt der öffentliche Diskurs über KI-Sicherheit keine so große Rolle. Beide Länder treiben die technologische Entwicklung auf unterschiedliche Weise voran. US-Unternehmen treiben die Entwicklung von KI mit enormer Rechenleistung voran, während China eine breite weltweite Verbreitung seiner Open-Source-Modelle anstrebt, die kostengünstiger sind und insbesondere im Globalen Süden auf großes Interesse stoßen.

Trotz all dieser Schwierigkeiten wäre ein KI-Abkommen zwischen beiden Staaten wünschenswert. Es hätte den Charakter eines Abrüstungs- oder Kontrollabkommens zwischen den USA und der Sowjetunion während des Kalten Krieges. Die China-Experten Matt Sheehan und Julian Gewirtz argumentieren, dass hierzu beim Gipfel die typische Falle aller Gespräche zu KI-Governance vermieden werden müsse: die Messlatte entweder so niedrig anzusetzen, dass ein Abkommen bedeutungslos wäre, oder sie so hoch anzusetzen, dass eine Einigung unmöglich wird. Chinesische Beobachter halten es für möglich, dass es zur gemeinsamen Ausformulierung roter Linien für autonome KI-Modelle und zur Einrichtung einer militärischen Hotline zur Vermeidung von durch KI hervorgerufenen Zwischenfällen kommen könnte. Wie dringlich das ist, zeigte erst kürzlich eine gefährliche Situation mit einem chinesischen Frachter im Arabischen Meer. Kurz vor dem Gipfel wurde berichtet, dass die US-Regierung China ein entsprechendes Angebot unterbreitet hat. Wünschenswert wäre es zudem, diesen Gesprächskanal zu nutzen, um gemeinsame Standards für Tests von Modellen auf gefährliche Fähigkeiten und Verhaltensweisen zu entwickeln sowie ein Protokoll für die Kommunikation über neue KI-Vorfälle festzulegen, bevor diese eskalieren.

Statt also als G2 die Welt unter sich aufzuteilen oder ihrer geballten Macht entsprechende Verantwortung für eine in Unordnung geratene Welt zu übernehmen, dürfte sich der Gipfel in Einzelfragen der Handels- und Technologiepolitik verlieren. Das entspricht Pekings Strategie, Konflikte mit den USA während Trumps Amtszeit nicht weiter eskalieren zu lassen. Xi, der aller Voraussicht nach auf dem Parteitag nächstes Jahr für eine vierte Amtszeit antritt, kann so zeigen, dass die US-Beziehungen unter seiner Führung in sicheren Händen sind. Trump-Management statt geteilter Weltherrschaft lautet daher die Devise: Peking muss mit Washington keine neue Weltordnung aushandeln. Es genügt zunächst, immer neue Konflikte über Zölle oder Technologieexporte zu vermeiden. Ein begrenztes Verhandlungsergebnis, das der angeschlagene Trump in Washington vor den Zwischenwahlen als kleinen Erfolg präsentieren kann, könnte dafür durchaus hilfreich sein.