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Der ironische Realist
Euphorischer Wahlkampf, technokratische Regierung: Während seiner Amtszeit verlor Obama die US-Öffentlichkeit. Nun sind seine Memoiren erschienen.

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Autobiografien von berühmten Persönlichkeiten sind fast immer eine Enttäuschung. Die Erfordernisse des öffentlichen Lebens sind der literarischen Prosa abträglich: Beschönigungen, Ausflüchte, Zwang zum Optimismus und Namedropping; der Druck, um die Gunst verschiedener Wählergruppen werben zu müssen, die eigene Persönlichkeit ins Rampenlicht zu stellen; der unerbittliche Terminkalender und der Zeitmangel sowieso. Mit einem Auge auf die öffentliche Meinung und dem anderen auf die Geschichte zu schielen ist Gift für jenes In-sich-Gehen, ohne das jedes Schreiben zum bloßen Abgeben von Statements gerät.

Berühmtheiten können es sich nicht erlauben, ehrlich zu sein. War ihr Leben zu normal, wirkt das wie ein Scheitern und enttäuscht die Leserschaft; zu viel Größe hingegen schmeckt nach Monomanie. Nein – Berühmtheiten müssen aus jedem Rückschlag lernen, sich der nächsten „Herausforderung“ stellen, müssen sich von einfachen Leuten inspirieren lassen, und wenn sie noch einmal von vorne anfangen müssten, würden sie alles wieder ganz genauso machen. Die Maske, die sie tragen, wird zum Gesicht. Auch die Worte, die sie selbst schreiben, klingen nach Ghostwriter.

Der erste Band von Barack Obamas Memoiren macht die Probe aufs Exempel, ob ein guter Schriftsteller eine Präsidentschaft überstehen kann. Obama ist als Schriftsteller in die Politik gegangen, nicht umgekehrt. „Dreams From My Father“ (deutscher Titel: Ein amerikanischer Traum. Die Geschichte meiner Familie) erschien 1995, als Obama 33 Jahre alt war, und erzählt von seiner Identitäts- und Sinnsuche als Sohn einer weißen US-Amerikanerin aus Kansas und eines Kenianers.

DassA Promised Land“ (deutscher Titel: Ein verheißenes Land) aus derselben Feder stammt wie „Dreams From My Father“, steht außer Zweifel. Beide Bücher verraten dieselbe Fähigkeit zur Selbsterkenntnis und Selbstkritik, dasselbe Gespür für Erzählweise und Erzähltempo, Einfühlungsvermögen und ironische Randbemerkungen. Die besten Passagen – wie zum Beispiel die, in der Obama seinen politischen Aufstieg von Chicago über die Vorwahlen in Iowa bis zur Nominierung als Präsidentschaftskandidat der Demokraten 2008 beschreibt, vermitteln die energiegeladene Frische des Erlebens. Je bedeutender er als Politiker wird, umso mehr Mühe bereitet es dem Autor, die Geschichte im Griff zu behalten.

Obamas Distanziertheit hat dort ihre Grenzen, wo er bereit ist, sich selbst zu hinterfragen.

Das zeigt sich daran, wie Obama die plötzliche und anhaltende Fremdheit des Amtes erlebt – wie „mein Vorname praktisch verschwand“, wie alle aufstanden, sobald er einen Raum betrat, wie widernatürlich sich seine Gefangenschaft im Weißen Haus und auch außerhalb des Regierungssitzes anfühlte, wenn er auf Reisen war. Präsidenten berichten davon, wie einsam das Amt macht. Diese Einsamkeit macht das Buch bei allem Personen- und Ereignisreichtum spürbar – etwa wenn Obama eine Besprechung im Situation Room verlassen muss, bei der es um die Frage geht, ob er in Libyen militärisch eingreifen soll.

Ich glaube kaum, dass die Belastungsproben einer Ehe im Weißen Haus jemals so freimütig aus der Innenperspektive beschrieben wurden wie in diesem Buch. Obama bleibt oft bis spät in die Nacht auf und arbeitet im Treaty Room, während Michelle sich in ihr Arbeitszimmer zurückzieht, und wenn er schließlich ins Bett geht, schläft sie längst: „In manchen Nächten lag ich im Dunkeln neben Michelle und dachte an die Zeiten zurück, in denen sich alles zwischen uns leichter anfühlte, in denen sie häufiger lächelte und unsere Liebe weniger belastet war, und es mir plötzlich das Herz zuschnürte bei dem Gedanken, diese Zeiten könnten vielleicht nie wiederkommen.“ Er stellt sich die Frage, ob die Anspannung seiner Frau aufrichtiger ist als seine Gelassenheit, eine Art Selbstschutz, der ihre Einsamkeit noch weiter verstärkt.

Obamas Distanziertheit hat dort ihre Grenzen, wo er bereit ist, sich selbst zu hinterfragen. Zum Beispiel erkennt er die Kritik an, dass sein Umgang mit der Finanzkrise dem amerikanischen Volk den Eindruck vermittelt habe, seine Regierung sei eher um gierige Banker besorgt als um den Normalbürger. Er erörtert, ob er die Banken hätte verstaatlichen, auf ein größeres Konjunkturpaket hätte drängen und mehr für Hausbesitzer hätte tun sollen, die vor der Zwangsversteigerung standen; dann sieht er den Fakten ins Auge und formuliert den nicht sehr tröstlichen Gedanken, dass „die vermeintlich einfachste Lösung nicht so einfach war“, und fügt hinzu: „Ich war mir sicher, dass wir auf einem guten Weg waren.“

Charakteristisch für Obama ist nicht sprühende Inspiration, sondern ein ironischer Realismus – die Bereitschaft, die tragische Begrenztheit menschlichen Bemühens zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen. Diese Haltung wirkte während seines dramatischen ersten Amtsjahres für Außenstehende wie eine Art Technokratie, die denkbar weit entfernt war von seinem Wahlkampf 2008 und seinem „Yes we can“.

Die Verzweiflung war mit Händen zu greifen, und Obamas Washington schien unendlich weit weg.

Eine ähnliche Haltung bestimmte in Obamas erster Amtszeit zwei seiner Entscheidungen, bei denen es um Krieg und Frieden ging: die Militäroffensive in Afghanistan 2009 und die Luftangriffe in Libyen 2011. Aus seiner Schilderung der beiden Fälle lässt sich unschwer schließen, dass er weder eingreifen noch sich heraushalten wollte und sich für einen politischen Mittelweg entschied, in den er selbst nicht viel Vertrauen hatte: zehntausende Soldaten nach Afghanistan entsenden und gleich schon ihren Rückzug planen; Muammar Gaddafis Luftabwehr zerstören und dann das Libyen-Problem den Europäern überlassen. In diesen frühen Dilemmata in Obamas Präsidentschaft kehrt sein jugendlicher Zwiespalt wieder, den Michelle Obama als Zwiespalt zwischen „der Welt, wie sie ist, und der Welt, wie sie sein sollte“ beschreibt.

In einer bemerkenswert selbstkritischen Passage über seine Innenpolitik ist Obama nahe daran, seine anfängliche Unerfahrenheit zuzugeben. In den anderthalb Jahren, in denen er eine Wirtschaftskrise verhinderte und eine Gesundheits- und eine Wall-Street-Reform durchsetzte, verlor er die amerikanische Öffentlichkeit. Die begeisternde Verbundenheit mit den Wählern, die er 2008 aufgebaut hatte, kam ihm abhanden, als er ins Weiße Haus einzog. Sie konnten kaum nachvollziehen, was er tat oder wie sich dies in eine übergeordnete Vision einfügte.

Seine erste Errungenschaft, der Recovery Act, war beinahe so konzipiert, dass seine Auswirkungen für niemanden erkennbar sein würden. Seine Berater drängten ihn, die Sache möglichst klein zu halten, um republikanische Wählerstimmen zu erobern, was jedoch nie gelang. Obama entschied, dass eine gute Politik schrittweise Steuersenkungen erfordere und nicht Pauschalbeträge, die die Empfänger sparen könnten, statt sie auszugeben. Für seine Infrastrukturprogramme warb er nicht mit einem wiedererkennbaren Symbol wie dem blauen Adler des New Deal. Für so etwas war er zu sehr ein Mann mit Prinzipien.

In jenen Jahren berichtete ich aus Orten, die von Arbeitslosigkeit und Zwangsvollstreckungen stark betroffen waren – South Side Virginia, Tampa Bay, Youngstown. Die Verzweiflung war mit Händen zu greifen, und Obamas Washington schien unendlich weit weg. Obama hörte auf vorsichtige Berater wie seinen Finanzminister Timothy Geithner, dem vor allem die Gesundung der Banken und die Stabilität der Märkte am Herzen lagen und der eine passende Erklärung parat hatte, warum jede radikalere Maßnahme unklug wäre.

So gelang es den Republikanern, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass der Recovery Act die Verschwendungsmaßnahme eines Eingriffsstaates sei.

So gelang es den Republikanern, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass der Recovery Act die Verschwendungsmaßnahme eines Eingriffsstaates sei, die weder Arbeitsplätze rettete noch neue schuf. Franklin D. Roosevelt „hätte niemals solche Fehler gemacht“, schreibt Obama. „Ich fragte mich, ob wir vielleicht in irgendeiner Weise aus einer Tugend ein Laster gemacht hatten und ob ich es in meiner hehren Gesinnung versäumt hatte, dem amerikanischen Volk eine Geschichte zu erzählen, an die es glauben konnte.“

Viele Amerikaner, die Obamas Wahlsieg begrüßt hatten, kamen zu dem Schluss, dass das politische System zugunsten der Reichen und Gutvernetzten ausgerichtet war. Während er sich in seinen ersten 100 Tagen im Weißen Haus durch die Sitzungen quälte, erhob sich draußen wie ein verheerender Sturm die Tea-Party-Bewegung. Als die Demokratische Partei bei den Zwischenwahlen von 2010 eine schwere Niederlage erlitt und diese für den Rest seiner Präsidentschaft zur Blockadepolitik der Republikaner führte, warf ich Obama und seinen Technokraten damals vorschnell vor, dass sie die Gunst der Stunde nicht genutzt hätten.

Zehn Jahre später bin ich nachsichtiger. Obamas Selbstkritik in „A Promised Land“ ist nach wie vor zutreffend, aber der historische Kontext stellt sich heute anders dar. Die Krise in jenen Jahren war nicht nur ökonomischer Natur, auch wenn sie sich aus einem ungleichgewichtigen und gnadenlosen Wirtschaftssystem speiste. Liest man die Geschichte, die Obama erzählt, sieht man deutlich, dass seine Kandidatur und seine Präsidentschaft eine lange Reaktionskette auslöste, die von Sarah Palin über die Tea Party-Bewegung und den Birtherismus – die verschwörungstheoretische Behauptung, Obama sei kein gebürtiger Amerikaner – bis zur Wahl von Donald Trump und dem Abgleiten der heutigen Republikanischen Partei in Unvernunft und Rassismus reicht.

Hätte Obamas Justizministerium den einen oder anderen Wall-Street-Banker strafrechtlich verfolgt, hätte diese neue Kraft in der amerikanischen Politik deswegen nicht weniger heftig um sich gegriffen. Bei vielen Amerikanerinnen und Amerikanern – auch bei einigen seiner Wähler – hatte Präsident Obama nie eine Chance. „Ich war angetreten, um das Vertrauen der Amerikaner wiederherzustellen – nicht nur in die Regierung, sondern auch in ihre Mitmenschen“, schreibt er. „Wenn wir einander vertrauten, würde Demokratie funktionieren ... Aber wie könnten wir damit überhaupt anfangen?“

Wenn wir uns in einer Art Kollapszustand der Demokratie befinden – Erosion der demokratischen Institutionen, implosionsartiger Vertrauensverlust bei den Bürgerinnen und Bürgern, explosionsartige Zunahme der Lügen –, so hat sich kein Politiker mit mehr Herz und Eloquenz dieser Entwicklung entgegengestemmt als Obama. Mit jedem Jahr verblassen die Fehler seiner Präsidentschaft und er gewinnt an Statur. Als Obama jung war, hielt er sich an „die amerikanische Idee: was das Land war und was aus ihm werden könnte". Daran hält er bis heute fest. Er wird von uns allen der Letzte sein, der sie aufgibt.

© The Atlantic

Aus dem Englischen von Christine Hardung

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