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Zwischen amerikanischem Traum und totaler Anarchie
Die Republikaner sind in ihrer Anbetung des US-Präsidenten vereint. Ihr Parteitag unter Donald Trump gleicht einem Abend auf Fox News.

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In den Tagen zwischen dem Parteikonvent der Demokraten und dem der Republikaner propagierte die Wiederwahlkampagne von Donald Trump folgende Analyse: „Die Demokraten hielten den dunkelsten und wütendsten und düstersten Konvent in der amerikanischen Geschichte ab“, sagte Trump in einer Rede. Es war ein „unheilvoller, von Donald Trump besessener Parteitag“, fügte die Vorsitzende des nationalen Organisationsgremiums der Republikaner (RNC) Ronna McDaniel hinzu.

Um dieser imaginären Sicht dessen, was die Demokraten tatsächlich sagten, entgegenzuwirken, scheinen die Republikaner einen Parteitag zu planen, der zwischen abstrus fröhlichem Gerede über das hier und heute und erschreckenden Visionen einer albtraumhaften Zukunft im Falle der Wahl von Joe Biden hin und her schaltet. Sie wollen Dunkelheit und Wut sehen? Dann warten Sie nur ab.

Dies als einen Balanceakt zu bezeichnen, hieße, der Trump-Kampagne einen Grad an Feinsinn zuzuschreiben, den sie bisher nicht an den Tag gelegt hat. Auf der einen Seite wird behauptet, dass Amerikas Städte zu Höllenschauplätzen der Gewalt geworden sind und dass sich die Gewalt bald in jeden Winkel des Landes ausbreiten könnte. „Wenn Sie eine Vision Ihres Lebens unter einer Biden-Präsidentschaft haben wollen“, sagte Trump letzte Woche, „dann denken Sie an die schwelenden Ruinen von Minneapolis, die gewalttätige Anarchie in Portland, die blutbefleckten Bürgersteige von Chicago, und stellen Sie sich das Chaos vor, das auf Ihre Stadt und jede einzelne Stadt in Amerika zukommt“.

Der Parteitag wird sich trotz einer Wirtschaftskrise, in der 30 Millionen Amerikaner arbeitslos sind, stark darauf konzentrieren, zu argumentieren, dass es ihnen noch nie so gut ging.

Oder wie er in einer anderen Rede sagte: „Ich bin das Einzige, das zwischen dem amerikanischen Traum und totaler Anarchie, Wahnsinn und Chaos steht“. Sie können erwarten, noch viel mehr davon zu hören, ein lebendiges Bild der post-apokalyptischen Zukunft, die kommen wird, wenn die sozialistischen Demokraten ihren Willen durchsetzen und Amerika zerstören.

Doch andererseits wird die tatsächliche Bedrohung, der jeder Amerikaner gegenübersteht – die Pandemie, die über 175 000 getötet hat – durch die Konstruktion einer bizarren Phantasiegeschichte dargestellt, in der der Präsident sie nicht ignoriert und geleugnet, keine Schlangenöl-Heilmittel verhökert, keine einfachen Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit abgelehnt, das Management der Krise nicht seinem schwachsinnigen Schwiegersohn übertragen hat und auch jetzt nicht so tut, als sei sie so gut wie vorbei.

Stattdessen werden die Republikaner, wann immer sie über die Pandemie sprechen – was sie wahrscheinlich so wenig wie möglich tun werden – die meisterhafte Führung von Trump loben und dann das Thema wechseln. Ebenso wird sich der Parteitag trotz einer Wirtschaftskrise, in der 30 Millionen Amerikaner arbeitslos sind, stark darauf konzentrieren, zu argumentieren, dass es ihnen noch nie so gut ging. „Während Joe Biden gestern Abend sagte, die Wirtschaft komme erst dann wieder, wenn die Coronavirus-Pandemie vorbei ist“, sagte Vizepräsident Pence bei Fox & Friends, „Eilmeldung an Joe Biden, die Wirtschaft kommt zurück!“ Auf dem Kongress werden Porträts gewöhnlicher Amerikaner zu sehen sein, denen Trump Wohlstand und Erfolg gebracht hat, so dass wir an ihrer Dankbarkeit teilhaben können.

Alles zusammengenommen ist das, was wir wahrscheinlich zu sehen bekommen, eine seltsame Mischung aus Verleugnung und Terror, in der das Elend der Gegenwart beiseite geschoben wird, während die Zukunft als ein Horror dargestellt wird, den man sich kaum vorstellen kann.

Donald Trump fühlt sich vollkommen wohl dabei, sowohl die Dunkelheit als auch das Licht gleichzeitig zu besetzen.

Donald Trump fühlt sich vollkommen wohl dabei, sowohl die Dunkelheit als auch das Licht gleichzeitig zu besetzen. Wenn Sie eine der Hunderten von Reden gesehen haben, die er in den letzten Jahren gehalten hat, wissen Sie, wie leicht er zwischen der Verkündung der Errungenschaften, die er nie erreicht hat („Niemand hat je so etwas gesehen“), und den reißerischen Beschreibungen von Verbrechen und Leiden hin- und herwechselt, die er seinen Feinden zuschreibt, seien es Demokraten, Einwanderer oder Ausländer.

Trump wird im Gegensatz zur Tradition früherer Parteitage nicht nur auf der Bühne stehen, wenn er seine Ansprache hält, sondern jeden Abend, damit niemand auch nur für einen Moment vergisst, dass es nur um ihn geht. Was natürlich auch so ist. Die Rednerliste auf dem Kongress ist voll von Trump-Familienmitgliedern, Trump-Mitarbeitern und -Mitläufern, die ihm alle die Art von kriecherischem Tribut zollen werden, nach dem er bekanntlich dürstet. Was wir wahrscheinlich viel weniger sehen werden, ist der Versuch, die Republikaner als Partei zu definieren. Das ist normalerweise eine Schlüsselfunktion dieser Veranstaltungen. Zu erklären, wer die Partei ist, an was sie glaubt und wohin sie das Land bringen will.

Was wir wahrscheinlich viel weniger sehen werden, ist der Versuch, die Republikaner als Partei zu definieren. Das ist normalerweise eine Schlüsselfunktion dieser Veranstaltungen.

Im Moment gibt es nur eine einzige Antwort auf all diese Fragen: Trump. Die Republikaner sind in ihrer Anbetung von Trump vereint, sie glauben an Trump, und sie wollen das Land zu mehr Trump führen. Kein Parteitag mit ihm – insbesondere keiner, der frei von ungeplanten Momenten ist, die es bei einem traditionellen Parteitag gibt – könnte eine andere Botschaft haben. Wenn ihm das Gebrüll der bewundernden Menge vorenthalten wird, ersetzt er es durch einen endlosen Strom von Komplimenten – von anderen und von ihm selbst.

Aber inmitten des Lobes wird es auch Kummer geben, großen Kummer. Das ist der Treibstoff, der die Trump-Partei zum Laufen bringt, die endlosen Klagen über die unfaire Behandlung durch die Liberalen, die Medien, die Universitäten und alle anderen, die ehrbare Leute kleinhalten. Er mag Präsident sein, aber er ist ständig wütend über etwas, das jemand gerade zu ihm gesagt oder ihm getan hat.

Es ist eine starke Kraft, die ihn mit seiner Basis verbindet: ihr gemeinsamer Glaube, dass die Welt ihnen Unrecht tut. Und das ist der Grund, warum Trump nichts von ihrer Loyalität einbüßt, obwohl er seinen Anhängern wenig greifbare Vorteile bringt. Die Wirtschaft mag in einem aussichtslosen Zustand sein und das Land mag von einer Pandemie heimgesucht werden, aber Trump hasst immer noch jeden Tag die Menschen, die sie auch hassen. Wie ein Mitarbeiter der Trump-Kampagne erklärte, werden auf dem Parteitag Menschen vertreten sein, die „durch eine von den Demokraten vorangetriebene 'Cancel Culture' zum Schweigen gebracht wurden“.

Am Ende wird also jede Folge des Trump-Parteitags einem Abend auf Fox News ähneln: bizarr, unehrlich, dazu bestimmt zu zündeln und zu erschrecken, und so exzessiv in seiner Lobpreisung, dass er das nordkoreanische Staatsfernsehen in Verlegenheit bringen würde.

Und genau wie Fox wird der Parteitag zu Trumps Anhängern predigen, aber wahrscheinlich niemanden außerhalb überzeugen. Glaubt denn tatsächlich einer, dass nach vier Jahren eine weitere Donald Trump-Show noch irgendjemandes Meinung ändern wird?

Die Originalversion erschien bei The American Prospect.

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