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China top, Amerika Flop?
So einfach ist das nicht.

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Das Licht der Welt? Zumindest mal Verbindungen über soziale Medien.

China steigt auf, Amerika steigt ab. So oft wurde die Prognose in den vergangenen Jahren verbreitet, dass sie längst zu einem Allgemeinplatz geworden ist. Aber ist sie deswegen auch richtig? Zweifelsohne hat China einen atemberaubenden Aufstieg hinter sich. Und aller Schwierigkeiten zum Trotz wird das Reich der Mitte seine Erfolgsgeschichte weiterschreiben. Das Problem mit all den Prognosen, die China bereits im Jahr 2020 an den USA vorbeiziehen sehen, ist jedoch, dass sie die zweistelligen Wachstumszahlen der vergangenen Jahrzehnte einfach linear in die Zukunft fortschreiben.

Die Geschichte der ostasiatischen Vorbilder Chinas zeigt jedoch, dass dies strukturell unmöglich ist. Japan, Taiwan und Süd-Korea ist nach jahrzehntelangen Aufholjagden der Anschluss an die Industrienationen gelungen. Ihre Wachstumskurven folgten dabei ähnlichen Mustern: Das anfänglich zweistellige Wachstum flacht immer weiter ab, und pendelt sich schließlich entlang der Konjunkturzyklen der entwickelten Volkswirtschaften ein. Dieses Muster ist kein Zufall, sondern schon in den Entwicklungsmodellen angelegt. Zu Beginn ist es einfach, mit Billiglöhnen wettbewerbsfähige Produkte für den Export zu produzieren. Im Unterschied zu weniger erfolgreichen Exportnationen haben die Ostasiaten es dann jedoch auch verstanden, mittels harter Exportdisziplin eine Spirale technologischen Lernens in Gang zu setzen. Aus dieser Entwicklung sind globale Champions hervorgegangen.

 

China: Etwas langsamer rasen

Auf der mittleren Einkommensstufe kommt dieses Modell jedoch von zwei Seiten unter Druck. Das Wachstum der ersten Industrialisierungsphase beruht vor allem auf den Produktivitätsgewinnen, die erzielt werden, wenn ein Millionenheer von Bauern in die Fabriken der Städte migriert. Trocknet dieser Mehrarbeits-Pool in den Peripherien aus, können die Arbeiter bessere Löhne fordern. Bei steigenden Arbeitskosten wandern jedoch arbeitsintensive Industrien ab. Um aus dieser Middle Income Trap zu entfliehen, muss eine Volkswirtschaft die globale Verwertungskette hinaufklettern. Das heißt, sie muss höhere Margen für höherwertige Produkte und Dienstleistungen erwirtschaften. Je mehr sie sich allerdings der Avantgarde annähert, desto mehr müssen technische und organisatorische Innovationen aus eigener Kraft geschaffen werden. Das Beispiel Japan zeigt, wie schwer dies selbst einer technikverliebten Gesellschaft fallen kann.

Entgegen allzu rosiger Phantasien wird China also weiter wachsen, aber nicht mehr so schnell wie bisher.

Dieser Punkt ist heute in China erreicht. Die geburtsstarken Jahrgänge gehen in Rente, die Löhne steigen, die technologische Avantgarde gerät in Reichweite. Schließlich ächzt die Billionenwirtschaft unter ihrer schieren Größe. Schon vor vier Jahren hat China rund ein Drittel der Rohstoffe der Erde importiert. Weiteres Wachstum stößt schlicht an die Kapazitätsgrenzen des Planeten.

Peking hat die Problematik längst erkannt und versucht das Entwicklungsmodell durch die Stärkung des Binnenkonsums und des Dienstleistungssektors zu diversifizieren. Diese Umsteuerung ist jedoch für ein autoritäres Regime, trotz aller Kompetenz und Voraussicht, keine leichte Aufgabe. Streng hierarchischen, reglementierten und traditionsbewussten Gesellschaften fällt es schwer, permanente Innovation zu generieren. Niedrigere Wachstumszahlen bedeuten zudem in einem System ohne Input-Legitimität eine schwere Belastung für die soziale und damit politische Stabilität. Nicht umsonst hat Peking zunächst versucht, mit gigantischen Stimulusprogrammen das Wachstum zu befeuern. Die Folge war eine ebenso gigantische Immobilienblase, deren Platzen eine Finanzkrise auslösen könnte. Um eine harte Landung zu verhindern, hat sich Peking scheinbar entschlossen, die Politik des Billiggeldes zu beenden. Die Zeiten zweistelligen Wachstums sind damit endgültig vorbei. Entgegen allzu rosiger Phantasien wird China also weiter wachsen, aber nicht mehr so schnell wie bisher.

 

Die Dritte Industrielle Revolution der Vereinigten Staaten

Wie sieht es mit der anderen Seite der Gleichung aus, den angeblich absteigenden Vereinigten Staaten? Zweifelsohne hat sich der amerikanische Staat mit seinen imperialen Abenteuern überdehnt. Dieser overstretch des Finanzsektors stellt weiterhin ein großes Risiko für die US-Volkwirtschaft dar. Gleichzeitig sind die Technologiegiganten des Silicon Valley die am höchsten bewerteten Unternehmen der Welt. An der Schwelle der Dritten Industriellen Revolution bedeutet das mehr als sprudelnde Gewinne.

Die Abgesänge auf die Vereinigten Staaten könnten sich als verfrüht herausstellen.

Die disruptiven Innovationen der Informationstechnologien haben innerhalb kürzester Zeit ganze Industrien aufgerollt. Heute nehmen die IT-Giganten die Märkte für Mobilität, Gesundheit und Wohnen in den Blick. Gleichzeitig revolutioniert die maker-Bewegung mit ihren digitalen Werkzeugen die Produktionsketten vom Design über die Herstellung bis zum Verkauf. Die digitale Wirtschaft von Morgen wird dezentral, flexibel, lateral, kooperativ und wissensgetrieben sein. Die amerikanische Gesellschaft scheint besser als andere auf diese neue Form des Wirtschaftens vorbereitet zu sein. Nicht umsonst ist Amerika in der Digitalisierung, Robotisierung, Künstlichen Intelligenz, Nano- und Biotechnologie führend. Mit anderen Worten, die Abgesänge auf die Vereinigten Staaten könnten sich als verfrüht herausstellen.

Das alles bedeutet nicht, dass sich keine geopolitischen Umwälzungen vollziehen. Es bedeutet vielmehr, dass viele Analysen missverstehen, wie sich Transformationen vollziehen. Fehlerhafte Prognosen führen oft zu verfehlten Politiken. Und wohin das führen kann, hat die letzte epochale Umwälzung vor einhundert Jahren aufs Tragischste gezeigt.

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4 Leserbriefe

BurkhardHaasch schrieb am 05.05.2015
Ja die MAKER generation, Silicon Valley und FRACKING lassen den AMERICAN DREAM wieder auflodern.
China bleibt am Ball und wo stehen wir?
Danke für den Artikel
Franz D. schrieb am 05.05.2015
Dem Autor ist nur zuzustimmen. Das ganze Gerede über den bevorstehenden Zusammenbruch der amerikanischen Wirtschaft spielt sich ironischerweise auf eben den sozialen Netzwerken ab, die die Innovationskraft der US-Wirtschaft bezeugen.
Michael Müller schrieb am 06.05.2015
Richtig, die Amerikaner waren ohnehin nie "unten". Das ganze Rede vom Niedergang der USA war und ist lächerlich.
Ustin Groth schrieb am 18.05.2015
Ich musste spontan an "Motown" und dem was heute draus geworden ist denken und die regelmäßigen Stromausfälle, unter anderem im "Silicon Valley"... und man erinnere sich an die innovative Kraft der US-Deichbauer in New Orleans, wirklich spektakulär wie sie mit Hurricane Katrina umgegangen sind.
Aktuell nutzen die USA ihre digitalen Fähigkeiten, um unsere E-Mails mitzulesen... und sie bauen tolle ferngesteuerte Killer-Drohnen. Nicht zu vergessen ihr kreativer Umgang mit dem universellen menschlichen Verständnis von "Recht" und "Gerechtigkeit".

Was mich aber am meisten ärgert, ist, dass aus den USA keine gesellschaftlichen Innovationen kommen, außer arbeiten und konsumieren. Rohstoffe fressen und nicht an Morgen denken. Ich wüsste nicht, dass die USA ihren Energie-Hunger gesenkt hätten. Nur wohin wollen die noch wachsen? Und wen wird die dritte industrielle Revolution fressen? Wahrscheinlich die verbliebenen Industrie-Arbeiter. Die können ja dann von Food-Stamps leben...