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Großes Spiel, neue Runde
In Zentralasien liegt ein Schlüssel zur Weltordnung.

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Schach! Nein, Elfmeter! Moment - was spielen wir hier eigentlich? Ah, Geostrategie!

Während die Ukraine-Krise und das schier endlose Blutvergießen in Nahost die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich ziehen, ist es um Zentralasien vergleichsweise ruhig geworden. Zu Unrecht. Denn der Region am Kaspischen Meer kommt bei der Gestaltung einer stabilen Weltordnung eine Schlüsselrolle zu.

Rückblick: Optimistisch reagierte die „freie Welt“ auf den Kollaps der Sowjetunion. Die permanente nukleare Bedrohung durch die Rivalität der Supermächte war entfallen. An ihre Stelle sollte globale Kooperation unter Führung der Vereinigten Staaten treten, eingerahmt von Demokratie und wirtschaftlichem Liberalismus.

Dieser Optimismus ist längst verschwunden. In den letzten Jahren erlebte die Welt einen erschreckenden Anstieg von Spannungen und Konflikten: im Nahen Osten, in der pazifischen Region und auch in Europa.

Im Kern machen diese Entwicklungen eines deutlich: Macht und ihre Ausübung in geographischen Räumen bleiben auch im 21. Jahrhundert von entscheidender Bedeutung für die internationale Politik.  In Ermangelung von tatsächlich global und nicht nur im Westen anerkannten Werten und Institutionen zur Regulierung der Weltpolitik kommen weiterhin klassische geopolitische Erwägungen zum Tragen.

 

Ende der bisherigen Weltordnung

Nüchtern betrachtet bedeutet dies folgendes: Mit dem Kollaps der Sowjetunion endete eine Weltordnung, die dem internationalen System mit der Drohung der nuklearen Apokalypse ein vergleichsweise hohes Maß an Stabilität verliehen hatte. Es folgte jedoch nicht eine unipolare Ordnung unter Führung der Vereinigten Staaten. Im Gegenteil: Der Erfolg der westlichen Eindämmungspolitik gegenüber dem Kreml führte letztlich zu mehr Instabilität.

Spätestens seit der Jahrtausendwende zeigte sich, dass die Vereinigten Staaten nicht in der Lage waren, das vom Rückzug des einstigen Moskauer Imperiums hinterlassene Machtvakuum vollständig zu füllen. Die Folge hiervon war ein Ringen kleinerer und größerer Mächte um Einfluss in dem vom Kreml freigegebenen Raum. Entsprechend spielte sich die Mehrzahl der größeren Konflikte der letzten 25 Jahre in oder nahe der Peripherie der ehemaligen Sowjetunion ab.

Dabei stellte sich aus westlicher Sicht die Lage in Osteuropa am besten dar. Dort konnten – mit Ausnahme von Moldawien, der Ukraine und Weißrussland – die Nachfolgestaaten der Sowjetunion über NATO und EU in das transatlantische Bündnis integriert werden. Auf dem Balkan, wo ungelöste Konflikte auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens bis zum heutigen Tag weiter schwelen, ist die Situation bereits komplexer. Im Kaukasus schließlich wurde spätestens im Georgien-Krieg 2008 deutlich, dass der westliche Einfluss trotz verstärkter Bemühungen um Handelsverflechtungen äußerst knapp bemessen ist.

Spätestens seit der Jahrtausendwende zeigte sich, dass die Vereinigten Staaten nicht in der Lage waren, das vom Rückzug des einstigen Moskauer Imperiums hinterlassene Machtvakuum vollständig zu füllen.

Im Nahen Osten, an der weiteren Peripherie der ehemaligen Sowjetunion, versuchten die USA durch die Stationierung von Bodentruppen in einigen sowie Interventionen in anderen Ländern eine Ordnung im Sinne Washingtons zu schaffen. Dieser Versuch muss als gescheitert betrachtet werden, hat er doch neben Chaos und Zerstörung als einziges dauerhaftes Ergebnis den Aufstieg Irans, bis dato Gegenspieler der USA, hervorgebracht.

Es folgt Zentralasien, jene Region, die sich vom Kaspischen Meer bis nach China sowie von Sibirien bis zum Hindukusch erstreckt. Weder politisch-militärische Bündnisse noch intensiver Handel verbinden die Region mit EU und USA. Verstärkte europäische Bemühungen auf Initiative der deutschen Ratspräsidentschaft 2007  konnten an diesem Umstand wenig ändern.

Hauptursache hierfür ist der mangelnde Zugang zu Zentralasien. Anders als Osteuropa, Balkan, Nahost und Kaukasus, die allesamt mehr oder minder gut erreichbar sind, stehen die fünf zentralasiatischen Republiken geographisch auf schwerem Posten. Im Norden grenzen sie an Russland und im Osten an China, während im Westen das Kaspische Meer als Binnenmeer eine natürliche Barriere bildet. Der Weg zum Indischen Ozean wird blockiert durch die unwegsamen Gebirgspässe des Hindukusch und die chronische Instabilität in Afghanistan und Pakistan. Iran im Südwesten schied bislang aus politischen Gründen für die Öffnung Zentralasiens aus.

 

Umworbenes Zentralasien

Während vor diesem Hintergrund Europa und die USA von Zentralasien weitestgehend fernblieben, wurden andere Akteure mit besserem geographischem Zugang aktiv. Dies sind in erster Linie Russland und China sowie, mit Abstrichen, Iran und Indien.

Russland behielt, trotz Einbußen durch die Unabhängigkeit der zentralasiatischen Staaten, stets seine besondere Rolle in der Region. Zahlreiche wirtschaftliche Verflechtungen mit dem Kernland der ehemaligen Sowjetunion hatten auch nach 1991 Bestand – insbesondere im Energiebereich, aber auch bei Schwerindustrie und Landwirtschaft. Darüber hinaus gingen die politischen und wirtschaftlichen Eliten Zentralasiens weitestgehend aus der ehemaligen sowjetischen Nomenklatura hervor. Auf diesem Fundament aufbauend strebt Russland seit der Machtübernahme von Wladimir Putin im Jahr 2000 nach der Ausweitung beziehungsweise Wiederherstellung seines einstigen Einflusses in der Region. Mit der „Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit“ (OVKS) weitet Russland seine militärische Präsenz in der Region aus. Auf wirtschaftlicher Ebene plant Moskau, im Rahmen einer „Eurasischen Union“ langfristig einen gemeinsamen Wirtschaftsraum zu etablieren. Formell als Bund gleichberechtigter Mitglieder – tatsächlich würde mit Blick auf Demografie, Militär und Ökonomie das unangefochtene Machtzentrum dieser Union jedoch in Moskau liegen.

Weiterer Akteur in Zentralasien ist Indien, das versucht, den Einfluss seiner strategischen Rivalen China und Pakistan zu begrenzen und gleichzeitig handfeste ökonomische Vorteile zu realisieren.

Neben Russland versucht sich China als zweite große Macht in Zentralasien zu etablieren – anders als im Pazifik jedoch ohne militärische Flankierung. Dabei hat China zwei Ziele im Blick. Auf der einen Seite stehen wirtschaftliche Aktivitäten und Handel in der Region. Auf der anderen Seite der Versuch, auf dem Landweg zu den Energiereservoirs am Kaspischen Meer und Persischen Golf vorzustoßen.

Auch Iran ist bestrebt, in Zentralasien Fuß zu fassen. Weite Teil der Region gehörten einst verschiedenen Perser-Reichen an, heute möchte Iran kulturelle Gemeinsamkeiten zur Förderung von Handel und Wirtschaft nutzen. An einer Wiederbelebung des Überlandhandels mit China ist Iran ebenso interessiert wie an Projekten in den fünf zentralasiatischen Republiken, in denen iranische Unternehmen in den vergangenen Jahren verstärkt aktiv wurden.

Weiterer Akteur in Zentralasien ist Indien, das versucht, den Einfluss seiner strategischen Rivalen China und Pakistan zu begrenzen und gleichzeitig handfeste ökonomische Vorteile zu realisieren.

Zur Beförderung dieser Interessen sieht sich Neu-Delhi jedoch – im Gegensatz zu Moskau, Peking und Teheran – dem Problem gegenüber, keinen eigenen Zugang zur Region zu haben, da Indiens Landweg durch die Rivalen China und Pakistan blockiert wird. Dieses Problem teilt Indien mit EU und USA. Doch anders als die Mitglieder des transatlantischen Bündnisses zeigt Indien keinerlei Berührungsängste gegenüber dem Iran. So arbeiten Neu-Delhi und Teheran aktiv gemeinsam an der Erschließung Zentralasiens über die Route Indischer Ozean-Iran

Die Bemühungen Chinas, Indiens, Irans und Russlands überraschen kaum. Zum einen beherbergt Zentralasien bedeutende Rohstoffvorkommen, allen voran verfügen Kasachstan und Turkmenistan über gewaltige Erdöl- beziehungsweise Erdgasvorkommen. Zum anderen ist Zentralasien eine Schnittstelle zwischen verschiedenen strategisch bedeutsamen Räumen. So grenzt die Region an das russische Sibirien, das chinesische Xinjiang, Afghanistan/Pakistan, Iran und den Persischen Golf/Indischen Ozean sowie über das Kaspische Meer an den Kaukasus. Die Nähe zu diesen Gebieten verhalf Zentralasien im Laufe seiner Geschichte zu einer besonderen Rolle.

Über viele Jahrhunderte verband die Region Ost und West auf dem Landweg über die sagenumwobene Seidenstraße. Diese historische Funktion möchten die anliegenden Mächte heute wiederbeleben. Gelänge dies, wären wichtige Teile der Weltwirtschaft – die Erdöl- und Erdgasvorkommen vom Kaspischen Meer und Persischen Golf auf der einen, die aufstrebenden Wirtschaftsnationen Ost- und Südostasiens auf der anderen Seite – vom Handel auf dem Seeweg unabhängig. Für die nach wie vor unumstrittene erste Seemacht der Welt, die USA, sowie Europa als deren wichtigster Verbündeter käme dies einer erheblichen Reduzierung von Einfluss gleich. Die Fähigkeit, den Welthandel über die Seewege zu kontrollieren, wäre deutlich geschmälert.

Gleichzeitig birgt die Abwesenheit von europäischem und US-amerikanischem Einfluss in Zentralasien die Gefahr, dass diese Region im schlimmsten Fall von einer Dritten Macht oder einer Koalition von Mächten dominiert wird. Dies könnte, den „Worst Case“ zu Ende gedacht, dazu führen, dass eine eurasische Landmacht oder eine Koalition eurasischer Mächte über die Kontrolle Zentralasiens durch Expansion Zugang zum offenen Weltmeer erlangt. Die US-amerikanische Schreckensvision einer Macht, die den Ressourcenreichtum Eurasiens mit dem Zugang zum offenen Weltmeer verbindet und somit zu einer Supermacht aufsteigt, wäre nicht auszuschließen.

Vor diesem Hintergrund wird neben der Ukraine-Krise und den zahlreichen Konflikten in Nahost die besondere Bedeutung Zentralasiens deutlich. Diesem „Herzland“ der klassischen Geopolitik, um das bereits im 19. Jahrhundert Großbritannien und Russland im „Great Game“ rangen, kommt auch im 21. Jahrhundert eine besondere Bedeutung für die Gestaltung der Weltordnung zu. Doch anders als im 19. Jahrhundert, als die Seemacht Großbritannien über Afghanistan, Belutschistan, Persien und Punjab aktiv ins zentralasiatische Geschehen eingreifen konnte, ist das transatlantische Bündnis heute durch den fehlenden Zugang zur Region vor ein besonderes Problem gestellt. Denn die militärische Präsenz in Afghanistan reicht für eine Öffnung der Region kaum aus.

So droht Zentralasien, neben der Ukraine-Krise und den zahlreichen Konflikten in Nahost, langfristig zu einer der schwierigsten Herausforderungen für das transatlantische Bündnis zu werden.

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4 Leserbriefe

Alexey Y schrieb am 28.01.2015
Die Abwesenheit des westlichen Einflusses birgt eine große Gefahr? Angst vor einer eurasischen Landmacht ist hier Thema? Die Gestaltung der Weltordnung bedarf eines aufmerksameren Blicks der "New Great Game"-Strategen?

Es überrascht sowohl die Selbstverständlichkeit eines transatlantischen Blicks, als auch viel mehr die Abwesenheit der Reflexion darüber, inwiefern es zeitgemäß ist, mit der Terminologie der "klassischen Geopolitik" über zukünftige Krisen und Herausforderungen zu reden. Weder ist diese Objektivierung der Region und ihrer Gesellschaften angemessen und angebracht, noch analytisch zielführend.

Der Beitrag hätte mit diesen Denkschemata auch aus dem Jahre 1915 stammen können.

Uraltes Spiel, neue Worte...
Gustav Meier schrieb am 29.01.2015
Zweifellos hat der Autor recht, wenn er impliziert, dass Politik im In- und Ausland immer einen Kampf um Macht darstellt. Doch sind Identitäten und Interessen veränderbar. Insofern wäre ein Blick auf die "kritsche Geopolitik" wünschenswerter gewesen. Dennoch ein netter Beitrag über eine in Deutschland vergessene Tradition des Denkens.
Godunow schrieb am 06.02.2015
Der Beitrag ist nicht nur "nett", sondern aufschlussreich und zukunftweisend. Ob darin Denkschemata aus dem Jahre 1915 enthalten sein sollen, kann dahinstehen. Es geht stets um Macht, Einfluss und Bodenschätze.Wer die Tiefebene von Turan besitzt, der beherrscht Zentralasien Das wussten schon die "alten"Mongolen,Perser ,Inder ,Chinesen und später die Briten. Der Handel zwischen Asien und Europa spielte sich ursprünglich entlang der Seidenstrasse ab. Mit der Entdeckung der Seewege fiel dieser Weg weg. Für u. a. Öl und Gas ist wohl der Landweg die optimalste Lösung. Somit wundert es nicht, wenn das transatlantische Bündnis seine Geopolitik auf Zentralasien ausweitet.Wenn es Russland ausbooten will ,so könnte es an seine Grenzen stossen und u.U. eine Niederlage einstecken.
Hellmut schrieb am 15.02.2015
Herr Jalilfand bedauert, so lese ich ich es jedenfalls heraus, dass die USA noch keinen Zugang u Zentralasien hat und dies schädlich für sie sei. Na und? Das ist doch kein Grund, ihr das zu gestatten! Die USA spielt sich seit Jahrzehnten als Weltpolizei auf ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten anderer Völker. Wo sie ihre "Finger" drin hat, gibt es Krieg, Tod und Zerstörung der Umwelt.