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Königreich der Konterrevolutionäre
Wie Saudi-Arabien die US-amerikanische Schieferöl-Revolution bekämpft.

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Noch leben die Saudis gut von ihrem Erdöl, aber das nordamerikanische Schieferöl setzt sie unter Druck

Die Preise auf den internationalen Erdölmärkten sind in den vergangenen Monaten auf Talfahrt gegangen. Die Nordseesorte Brent etwa, die in Europa den Referenzpreis darstellt, fiel von Juni bis Dezember 2014 von über 110 auf unter 65 US-Dollar pro Barrel. Ein Minus von mehr als 40 Prozent. Das ist für sich genommen schon bemerkenswert. Doch der Preisverfall findet in einer Zeit statt, in der in Nahost, in der Ukraine und – wenngleich bislang noch ohne Eskalation – im Pazifik die Zeichen auf Konflikt stehen. Erfahrungsgemäß geht der Ölpreis bei der Sorge vor Lieferausfällen eigentlich in die Höhe.

 

Weshalb also fallen die Preise trotz der Zunahme an Konflikten? Spekulationen gibt es zahlreiche und für einige Beobachter ist der Fall klar: Die Vereinigten Staaten üben Druck auf Saudi-Arabien aus, damit Riad den Ölpreis drückt. Denn Leidträger der niedrigen Erdölpreise sind Washingtons geostrategische Gegner in Teheran und Moskau. Bekanntlich benötigen beide zur Finanzierung ihrer Staatshaushalte einen wesentlich höheren Erdölpreis als das saudische Könighaus.

Vor diesem Hintergrund blickte die Welt Ende November mit einiger Spannung nach Wien, wo die Öl-Minister der OPEC-Staaten zusammenkamen. Entgegen mancher Befürchtungen – oder je nach Standpunkt Hoffnungen – konnte sich die Organisation nicht zu einer Reduzierung der Förderquoten durchringen. Das Angebot soll also nicht künstlich verknappt werden, um das Preisniveau zu stabilisieren oder gar nach oben zu korrigieren. Insbesondere der größte Produzent des Kartells, Saudi-Arabien, hatte schon im Vorfeld deutlich gemacht, dass er keinerlei Ambitionen in diese Richtung hege. Riad will weiter billiges Öl. Doch das Motiv hierfür war kein amerikanisch-saudisches Komplott gegen Moskau und Teheran, sondern die energiepolitische Rivalität zwischen Saudi-Arabien und den USA.

 

Die Ängste der Saudis vor dem Schiefergas

Die Zeiten, in denen die OPEC über Förderquoten Erdölpreise nach Gutdünken heben oder senken und somit die westlichen Industrienationen in tiefe Rezensionen stürzen konnte, sind vorüber. Zum einen hat die OPEC insgesamt an Marktanteilen verloren. Zum anderen ist aus dem Verbund mehrerer wichtiger Erdölproduzenten faktisch längst eine saudische Exklusivveranstaltung geworden.

Wichtige Förderländer wie Irak, Iran, Libyen und Venezuela genießen heute bestenfalls den Status von kleineren Akteuren. Ihre Exporte liegen zwischen 0,7 und 2,5 Millionen Barrel pro Tag. Das ist deutlich weniger als die saudischen Ausfuhren von 8,4 Millionen Barrel pro Tag.

In den 1970er Jahren war das noch anders. Damals exportierte eine ganze Reihe von Ländern im großen Stil und hielt entsprechende Potenziale zur Verknappung der Förderung bereit. Heute hingegen hätte eine Reduzierung der Förderung, die nicht von Saudi-Arabien ausgeht, kaum Einfluss auf die internationalen Märkte. Negative wirtschaftliche Folgen hätte ein solcher Entschluss lediglich auf die ressourcenbasierten Haushalte der betroffenen Ölstaaten.

Die Saudis fürchten, im Zuge einer amerikanisch-iranischen Annäherung übergangen zu werden.

Faktisch verfügt heute somit einzig Saudi-Arabien über die Fähigkeit, die eigene Förderung bedeutend kürzen zu können. Die übrigen OPEC-Mitglieder produzieren schlicht zu wenig. Wenngleich also die OPEC rhetorisch weiterhin die Einheit beschwört, werden die richtungsweisenden Entscheidungen alleine in Riad getroffen. Und dort wird in erster Linie die Rolle der USA kritisch bewertet.

Die Saudis fürchten, im Zuge einer amerikanisch-iranischen Annäherung übergangen zu werden. Die Sorge vor einer Regionalmacht Iran, die von den USA goutiert den saudischen Einfluss in der Levante, am Hindukusch und am Persischen Golf zurückwerfen könnte, treibt Riad um. Das derzeit faktisch orchestrierte Vorgehen von Iran und USA in Afghanistan, Irak und Syrien gegen die – zum Teil von Saudi-Arabien unterstützten – radikalislamistischen Kräfte, wertet Riad als potentiellen Startschuss für eine Änderung der geopolitischen Großwetterlage im Mittleren Osten.

 

Größeres Ölangebot und schwache Nachfrage

Doch auch in der Energiepolitik stehen die Zeichen auf Krise: Hier bereitet dem saudischen Königshaus die Ausweitung des weltweiten Erdölangebots bei gleichzeitig schwächelnder Nachfrage Unbehagen. Auch hier sind die USA von herausragender Bedeutung. Denn während die Nachfrage nach Öl durch das schwächere Wirtschaftswachstum in Ostasien langsamer als erwartet steigt, erweitert sich das globale Angebot durch die Förderung von so genanntem unkonventionellen Erdöl (und Erdgas) in Nordamerika.

Mit dem in der Folge niedrigeren Ölpreis könnte Riad zwar zumindest kurz- bis mittelfristig gut leben, doch dem Land droht durch die Ausweitung des Angebots auch ein Verlust von Marktanteilen. Und das stellt für das Königreich eine fundamentale Bedrohung dar. Denn neben dem sicherheitspolitischen Bedeutungsverlust würde Saudi-Arabien dadurch zusätzlich an energiepolitischer Relevanz einbüßen.

An dieser Stelle kommt der Preisverfall auf den internationalen Erdölmärkten wieder ins Spiel. Ein hohes Preisniveau auf den Märkten begünstigt die Entwicklung von alternativen Energiequellen. So wurde die Schieferöl-Revolution in den USA überhaupt erst durch das hohe Preisniveau auf den internationalen Märkten rentabel. Denn die Produktionskosten für unkonventionelles Erdöl liegen deutlich über denen am Persischen Golf

Saudi-Arabien versucht hier über das Instrument fallender Preise seine Position am Markt zu behaupten und die amerikanische Konkurrenz in Schach zu halten.

Mit einer Entscheidung in Wien, die Produktion zur Beendigung des Preisverfalls zu drosseln, hätte Saudi-Arabien somit doppelt verloren: Durch den unmittelbaren Verlust von Marktanteilen auf der einen und die Begünstigung der teureren nordamerikanischen Konkurrenz auf der anderen Seite. Mit weiter fallenden beziehungsweise niedrigen Preisen hingegen vermag Saudi-Arabien seine Marktanteile zu behaupten und gleichzeitig – zumindest Teile – der amerikanischen Konkurrenz aus dem Markt zu drängen.

Während dem Königreich also auf geopolitischer Ebene wenig einfällt, die sich anbahnende Entspannung zwischen Washington und Teheran zu stoppen, stellt sich die Lage im Energiebereich anders dar. Saudi-Arabien versucht hier über das Instrument fallender Preise seine Position am Markt zu behaupten und die amerikanische Konkurrenz in Schach zu halten. Dass der Iran und Russland dadurch ebenfalls vor Schwierigkeiten gestellt werden, ist für Saudi-Arabien lediglich ein gern gesehener Nebeneffekt im energiepolitischen Wettstreit mit den USA.

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1 Leserbriefe

Walter Schmidt-Bleker schrieb am 11.12.2014
Der Beitrag trifft den Nagel auf den Kopf, geht in seinen Folgerungen m.E. aber nicht weit genug.
Es war schon lange klar, dass sich die Viel-Milliardeninvestitionen der Amerikaner in die Schiefergasausbeutung im eigenen Land nur dann lohnen, wenn der Ölpreis hoch bleibt. Dass diese Investition von den Ölscheichs nicht gerne gesehen wurde legt der Bericht sehr gut dar!
Da mag es durchaus sein, dass sich das Fracking künftig noch bis zu einem Dauerniedrigpreis von ca. 75 $ pro Barrel Rohöl - oder vielleicht sogar darunter - lohnt. Wenn man aber bedenkt, dass die Produktionskosten der Saudis weit, sehr weit darunter liegen, dann mag man den Druck nachvollziehen, unter dem ein Teil der US-Finanzwelt da im Moment steht. Das hängt auch damit zusammen, dass man für Fracking für eine erfolgreiche Ausbeutung 500 Bohrungen niederbringen muß, während für normale Ausbeutung gerade mal 5 Bohrungen nötig sind!
Auch den US-Finanziers dieses Investments muß klar gewesen sein, dass diese Investition eine Konkurenzsituation zu den Ölscheichs hervorrufen wird, die sie in eine nicht kalkulierbare Abhängigkeit von den Saudis bringen wird. Ein extrem hohens Investmentrisiko, wenn man bedenkt, dass bis jetzt 40 000 Bohrungen für das Fracking in Schiefergestein in den USA niedergebracht und finanziert wurden! Es sei denn, man erschließt sich strategische Märkte für das Gas, die lohnen!
Europa ist ein lohnender Absatzmarkt, wenn nur die Russen aus dem Gasmarkt gedrängt werden können. Und nun wird die US-Sicht auf die UKRAINE-Krise aus geostrategischer Sicht mehr als verständlich.
Es wunderte dann auch nicht in einer Meldung der ZEIT vom Mai diesen Jahres zu lesen, dass der Sohn von US-Vizepräsident Biden Mitglied im Direktorium des größten Gasunternehmens der Ukraine wird (http://www.zeit.de/wirtschaft/2014-05/joe-biden-ukraine-gas-sohn-hunter-devon-archer-john-kerry).