Mit ein paar traditionellen Ungleichheiten konnte bei den Olympischen Spielen in Tokio aufgeräumt werden. Aber wie stand es bei den „geschlechtergerechtesten Spielen“ tatsächlich um die Situation der Sportlerinnen? Zumindest mit Blick auf die Teilnahme – 48,8 Prozent Athletinnen – kamen die Spiele von Tokio der Parität schon nahe. Wie stark Frauen gerade bei neuen Sportarten wie Skateboarding, Klettern und Surfen vertreten waren, zeigt, dass geschlechtsspezifische Teilnahmebarrieren und Normen abgebaut werden können. Auch die kontinuierliche Zunahme gemischtgeschlechtlicher Staffelwettbewerbe belegt, dass sich das olympische Narrativ verändert: „Die Mixed-Wettbewerbe sind sehr wichtig, da sie die Gleichstellung männlicher und weiblicher Athleten auf dem Spielfeld praktizieren“, so Kit McConnell, Sportdirektor des Internationalen Olympischen Komitees. Dennoch sind Rhetorik und Realität immer noch meilenweit voneinander entfernt. Sportlerinnen müssen mit Zähnen und Klauen kämpfen: um teilzunehmen, um sich und ihren Erfahrungen Gehör zu verschaffen und – am wichtigsten – um wertgeschätzt zu werden.

In den internationalen Führungsgremien werden Frauen mit einer Respektlosigkeit behandelt, die kaum verschleiert wird. Yoshiro Mori, der ehemalige Vorsitzende des japanischen olympischen Komitees, sagte: „Wenn wir die Anzahl der weiblichen Vorstandsmitglieder erhöhen, müssen wir dafür sorgen, dass ihre Redezeit irgendwie begrenzt wird. Es fällt ihnen schwer, zum Ende zu kommen, was sehr ärgerlich ist.“ Obwohl Mori seinen Posten verlor und durch eine Frau ersetzt wurde, ist sein Sexismus symptomatisch für die Geschlechterungerechtigkeit in Japan. Im Global Gender Gap Report 2020 des Weltwirtschaftsforums belegt Japan unter 153 Ländern den 121. Platz – den schlechtesten aller Industriestaaten.

Wie stark Frauen gerade bei neuen Sportarten wie Skateboarding, Klettern und Surfen vertreten waren, zeigt, dass geschlechtsspezifische Teilnahmebarrieren und Normen abgebaut werden können.

Wären Frauen stärker an der Entscheidungsfindung beteiligt, würde das Olympische Komitee wohl kaum willkürliche und schlecht begründeten Regeln aufstellen, die es zum Beispiel Athletinnen und Athleten – auch stillenden Müttern – verbieten, ihre Familien mit ins olympische Dorf zu bringen. Erst nach heftiger Kritik wurde die Vorschrift zurückgenommen.

Der kanadischen Boxerin Mandy Bujold wurde erst nach einer harten Auseinandersetzung die Teilnahme gestattet. Ihr war 2018 und 2019 aufgrund ihrer Schwangerschaft Untauglichkeit vorgeworfen worden. Vor ihrer Mutterschaftspause war Bujold Zweite in der Weltrangliste. Obwohl sie in Tokio letztlich antreten konnte, kostete ihr Kampf sie einen emotionalen Preis.

Auch Erfahrungen wie die der schwarzen Olympiasiegerin Briana McNeal werden bislang kaum beachtet. Sie wurde für fünf Jahre gesperrt, weil sie – während sie sich von einer Abtreibung erholte – einen Dopingtest verpasst hatte. Sie wurde nicht des Dopings beschuldigt. Ihre Sperre wurde verhängt, weil zwischen dem tatsächlichen Zeitpunkt ihrer Abtreibung und dem von ihr angegebenen 24 Stunden lagen. Sie wird die Olympischen Spiele somit sogar zweimal verpassen.

Die Menstruation weiblicher Athletinnen wird häufig ignoriert und versteckt. Eine offene Diskussion über ihre Auswirkungen auf das Leben und die sportliche Leistung von Frauen ist üblicherweise tabu. Dina Asher-Smith, eine britische Athletin, die von diesem Schweigen die Nase voll hatte, schrieb in einer Kolumne, die Menstruation einer Athletin könne für ihre Leistung von zentraler Bedeutung sein. Sie betonte, dass es – obwohl über das Leben der Athletinnen regelmäßig detailliert berichtet wird – kaum Debatten über ihre Perioden gibt. Zu den wenigen Ausnahmen gehört die Chinesin Fu Yuanhui, die der Welt, nachdem sie bei der Olympiade in Rio mit sichtbaren Schmerzen das Schwimmbecken verließ, mitteilte, sie habe ihre Tage. Auch die neuseeländische Athletin Kayla Imrie hat auf der olympischen Website über ihren langjährigen Kampf mit der Menstruation und deren Einfluss auf ihre Leistung berichtet.

Aufgrund ihres hohen natürlichen Testosteronspiegels wurde der südafrikanischen Läuferin Caster Semenya die Chance verwehrt, in Tokio ihren Titel zu verteidigen. Auch den namibischen Leichtathletikstars Christine Mboma und Beatrice Masilingi, die in diesem Jahr bei den Frauen vier der fünf schnellsten Zeiten über 400 Meter erzielten, wurde aus diesem Grund die Teilnahme verweigert.

Sportlerinnen müssen mit Zähnen und Klauen kämpfen: um teilzunehmen, um sich und ihren Erfahrungen Gehör zu verschaffen und um wertgeschätzt zu werden.

Die Kleidung der Athletinnen stand in den letzten Wochen mehrfach im Zentrum der Diskussion. Das Team der deutschen Turnerinnen erhielt viel Lob für ihre langen Gymnastikanzüge, mit denen sie sich gegen knappere und wenig praktische Trikots zur Wehr setzten. Das norwegische Beachhandballteam der Frauen, die sich den sexistischen Regeln verweigerten, indem sie statt der vorgeschriebenen Bikinihöschen Shorts trugen, bekam weltweit Applaus – und ein Angebot der US-Musikerin Pink, ihre Strafe zu bezahlen. Die Goldmedaille für Inklusivität geht allerdings an den Badmintonsport: Nachdem die Funktionäre 2012 in die Kritik geraten waren, weil sie im Wettkampf auf Röcke bestanden, damit die Athletinnen „feminin und attraktiv“ aussähen, wurden die Regeln geändert. In Tokio konnten die Athletinnen ganz nach Wunsch in Röcken, Shorts oder Hijabs antreten.

Der Internationale Schwimmverband hat eine Badekappe verboten, die entwickelt worden war, um genug Platz für das Haar schwarzer Athletinnen und Athleten zu bieten. 64 Prozent der schwarzen Kinder in den USA können nach einer aktuellen Untersuchung nicht schwimmen. Die Entwickler der „Soul Cap“ kritisieren dies: „Wie können wir im Wettkampfschwimmen stärker vertreten sein, wenn der zuständige Dachverband jenen, die unterrepräsentiert sind, die passende Badekleidung verweigert?“

Die Südkoreanerin An San musste wegen ihres Kurzhaarschnitts und des Vorwurfs, „Feministin“ zu sein, gnadenlose sexistische Beschimpfungen in den sozialen Medien über sich ergehen lassen. Geschichte geschrieben hat sie bei den Spielen in Tokio trotzdem. Als erste Frau seit 1904 gewann sie gleich drei Goldmedaillen im Bogenschießen.

Wenn Frauen nicht den für „normal“ erklärten femininen Idealen entsprechen und sich gegen diese zur Wehr setzen, müssen sie häufig einen erheblichen Preis dafür zahlen. Dies sehen wir auch an den Erfahrungen von Athletinnen, die offen über ihre mentalen Gesundheitsprobleme sprechen. Die jüngsten Beispiele sind die US-Turnerin Simone Biles und die japanische Tennisspielerin Naomi Osaka. Auch wenn beide eine überwältigende Unterstützung bekamen, mussten sie auch beißende Kritik über sich ergehen lassen. Aufgrund ihres Rückzugs aus einem Wettbewerb wurde Biles beschuldigt, „Schande über ihr Land zu bringen“.

Wenn Frauen nicht den für „normal“ erklärten femininen Idealen entsprechen und sich gegen diese zur Wehr setzen, müssen sie häufig einen erheblichen Preis dafür zahlen.

In krassem Gegensatz zur oben erwähnten Sperrung der schwarzen Athletin Briana McNeal wurde es Alen Hadzic, einem weißen US-Fechter, erlaubt, trotz dreier Anschuldigungen wegen sexuellen Fehlverhaltens und eines ursprünglichen Verbots bei den Spielen anzutreten. In Hadzics Vergangenheit gab es mehrere Vorfälle sexuellen Fehlverhaltens und er wurde deswegen auch nach einer Untersuchung von der Columbia University suspendiert. Aus diesem Grund durfte Hadzic weder im olympischen Dorf wohnen noch gemeinsam mit anderen Athletinnen und Athleten reisen. Die Entscheidung, Hadzic antreten zu lassen, stieß bei seinen Teamkollegen auf Kritik. Aus Protest und aus Solidarität mit den Fechterinnen trugen sie rosa Masken.

Und dann war da die Ohrfeige: Der Internationale Judoverband hat den Trainer Claudiu Pusa dafür verurteilt, die deutsche Judoka Martyna Trajdos geschlagen zu haben, und teilte mit: „Judo ist ein pädagogischer Sport, und deshalb kann ein solches Verhalten, das seinem ethischen Kodex widerspricht, nicht toleriert werden.“ Trajdos verteidigte ihren Trainer und meinte, angesichts ihres Ergebnisses sei „dies noch nicht hart genug“ gewesen. Unabhängig von einem möglichen Einverständnis zwischen Trajdos und Pusa ist diese Handlung auf einer internationalen Bühne problematisch und kann als implizite Duldung von Gewalt gegen Frauen interpretiert werden. Sie muss auch vor dem Hintergrund eines allgegenwärtigen und systematisch verschleierten Missbrauchs in Sportarten wie dem Turnen gesehen werden. Auch die Bilanz der Gastgebernation Japan ist, was den Missbrauch junger Athletinnen und Athleten betrifft, sehr besorgniserregend.

Es gibt einen erheblichen systemischen Sexismus und Rassismus – sie sind weiterhin ein versteckter Teil der olympischen Tradition.

Eine Untersuchung der Medienberichterstattung über die Spiele in Tokio zeigt, dass zwar 59,1 Prozent der Hauptsendezeit den Frauen gewidmet war, aber die Darstellung von Männern und Frauen sehr unterschiedlich ist. Frauen werden siebenmal häufiger mit abwertenden Begriffen wie „Mädchen“ bezeichnet. Die Analysen der letzten Spiele in Rio führten zu ähnlichen Ergebnissen. Bei den Frauen stand eher die Ästhetik als die athletische Leistung im Mittelpunkt der Berichterstattung. Ihre Leistungen wurden infantilisiert oder trivialisiert.

Die offiziellen olympischen Werte sind Spitzenleistungen, Freundschaft und Respekt. „Die olympische Bewegung gründet ihre Aktivitäten darauf, Sport, Kultur und Ausbildung zu fördern – mit der Aussicht, eine bessere Welt zu schaffen“, so das Internationale Olympische Komitee. Diese bessere Welt steht bislang aber noch nicht allen offen. Es gibt einen erheblichen systemischen Sexismus und Rassismus, die weiterhin ein versteckter Teil der olympischen Tradition sind. Zahlen sind wichtig. Aber wenn wir uns nur auf Daten konzentrieren und uns damit zufriedengeben, dass die Geschlechtergerechtigkeit beinahe erreicht wurde, dann wird leicht übersehen, was es bis heute bedeutet, bei den Olympischen Spielen eine Frau, eine Mutter, eine farbige Frau zu sein – und eben nicht: „nur eine Athletin“.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff