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Ode to Joy

Was die neue Parteichefin Joy Pamela Rendi-Wagner mit den österreichischen Sozialdemokraten vorhat.

Reuters
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Joy Pamela Rendi-Wagner, die neue Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Österreichs

Österreichs Sozialdemokratie hat ihre erste Parteichefin, und dann auch gleich eine mit einem ungewöhnlichen Namen. Joy Pamela Rendi-Wagner, parteiintern „Pam“ gerufen, verdankt ihren ersten Vornamen nach eigenen Angaben der Hippievergangenheit ihrer Eltern. „Yes we Pam“ titelt Österreichs Boulevard euphorisch und das Nachrichtenmagazin profil veröffentlichte eine Blitzumfrage, in der 32 Prozent finden, dass sie als SPÖ-Vorsitzende besser geeignet ist als ihr Vorgänger Christian Kern. Nur neun Prozent sehen es andersum.

Frische Parteichefs, deren Beliebtheitswerte in den Himmel steigen, das kennt man auch in Österreich. Das steigert die Fallhöhe, wenn sich die erste Euphorie gelegt hat, die Mitbewerber sich auf einen einschießen und das harte politische Alltagsgeschäft einen zermürbt. Die Halbwertzeit eines Politikers an der SPÖ-Spitze ist erschreckend kurz geworden. Kern, den die veröffentlichte Meinung als „Mister Cool“ hochleben ließ, führte die SPÖ nur von Mai 2016 bis November 2018. Dann übernimmt Rendi-Wagner und wird die SPÖ im Frühjahr 2019 in die EU-Wahlen führen - mit Kern als österreichischem EU-Spitzenkandidaten. 2022 folgen dann die Nationalratswahlen gegen Kanzler und ÖVP-Chef Sebastian Kurz.

Frau, Ärztin, Mutter, Quereinsteigerin - auf den ersten Blick wirkt Rendi-Wagners Biografie wie gemacht dafür, die bei Umfragen zwischen 25 bis 30 Prozent oszillierende SPÖ gegen die rechtspopulistische und rechtskonservative Regierung zu repräsentieren.

In Kurz-Kabinett gibt es zwar eine 40-Prozent-Frauenquote, aber ihre Protagonisten sind männlich. Kurz, sein Vizekanzler und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und zuletzt massiv Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) dominieren die Themen Sicherheit, Migration und Integration. Frauenpolitik im feministischen Sinne gibt es nicht, dafür eine Familienpolitik, die auf das in Österreich dominierende „Papa arbeitet Vollzeit, Mama in Teilzeit“-Modell ausgerichtet ist.

Wer, wenn nicht eine Kraft ihrer eigenen Geschichte und ihres Berufes doppelt legitimierte Frau könnte das besser aufzeigen? Noch dazu eine, die nicht aus dem Parteiapparat kommt, sondern von außen und damit wie gecastet für die „Öffnung“ der Partei?

Trotzdem oder gerade deshalb schlägt Rendi-Wagner viel Skepsis aus der SPÖ entgegen.

Sie ist eine Erfindung Kerns, des ehemaligen Stromkonzern- und Bundesbahnmanagers, dessen Karriere und Kultiviertheit, kaum dass er vom Kanzleramt auf die Oppositionsbank wechseln musste, von seinen Gegnern geschickt gegen ihn gewendet wurden. Stallgeruch, Hausmacht - beides sind Fremdwörter für Rendi-Wagner und für Kern.

Frauen wählen mehrheitlich SPÖ und Grüne, Männer die FPÖ. Das wiederum könnte ein spannendes Momentum für Rendi-Wagner sein.

Auch Rendi-Wagner ist im Stil und Auftreten alles andere als eine typische österreichische Basissozialdemokratin. Die roten Spitzenfunktionärinnen rekrutierten sich in der Vergangenheit entweder aus dem nach wie vor stark maskulinen Gewerkschaftsflügel oder aus der roten Frauenbewegung - mit entsprechender Prägung. Die zierliche, aparte und modebewusste Rendi-Wagner wirkt mit ihrer gewählten Ausdrucksweise, ihrem femininen Geschmack und ihrem coolen brünetten Bob eher wie eine französische Universitätsprofessorin denn eine Austro-Genossin.

Als erste Personalentscheidung berief sie den ehemaligen Theatermanager und SPÖ-Kulturminister Thomas Drozda zum Bundesparteigeschäftsführer. Er ist wie sie ein Vertrauter Kerns und im Habitus Repräsentant einer urbanen, bürgerlichen Sozialdemokratie. Drozda hat in den nächsten beiden Jahren eine, wenn nicht die Herkulesaufgabe für die Partei zu meistern: Die Parteizentrale ist seit mehreren Sparschüben personell und Knowhow-mäßig ausgetrocknet, die Kampagnen- und Wahlkampfkraft der Partei ist stark erschüttert.

„Mit Verlaub, Thomas: Du bist ein Bobo“, posteten daraufhin Funktionäre der steirischen Landesgruppe. Das Kürzel „Bobo“ steht für die urbane Wissensarbeiterschicht der „Bourgeoise-Boheme“ und ist im immer noch latent intellektuellenfeindlichen Österreich mehr Schimpfwort als Auszeichnung. Dabei war schon einer der wichtigsten Ahnväter der österreichischen Sozialdemokratie, Victor Adler, ein Wiener Großbürger und Arzt. Das scheint in der Partei verschüttetes historisches Wissen zu sein. Und längst ist die österreichische Sozialdemokratie nicht mehr die Repräsentantin der Arbeiterschaft, auch wenn sich viele ihrer Funktionäre offenbar noch mimikriartig mit ihr identifizieren. Sie repräsentiert eher das Angestellten- und weltoffen eingestellte Akademikermilieu ­- und Senioren.

Bei den Nationalratswahlen 2017 wählten 59 Prozent der Arbeiterinnen die FPÖ und nur mehr 19 Prozent die SPÖ. Die stärkste rote Wählergruppe sind mit 39 Prozent Pensionistinnen, gefolgt von Angestellten mit 26 Prozent. Der Wähleraustausch von der SPÖ zur FPÖ läuft seit den 1990er Jahren. Mit dem Aufstieg der Rechtspopulisten unter Jörg Haider hat er sich mittlerweile verfestigt. Politologen halten es deshalb für aussichtslos, diese Wähler noch zurückzugewinnen. Ebenfalls zementiert ist der Gender Gap der Wählerschaft. Frauen wählen mehrheitlich SPÖ und Grüne, Männer die FPÖ. Das wiederum könnte ein spannendes Momentum für Rendi-Wagner sein. Die SPÖ ist von ihrer Wählerschaft eine feminine Partei, die jetzt endlich auch eine Frau an der Spitze hat.

Authentizität und Charisma sind wichtiger denn je für Spitzenpolitiker, beides hat Rendi-Wagner unbestritten aufgrund ihrer Profession als Ärztin und ihren bisherigen Medienerfolgen.

Anders als ihr Auftreten nahelegt, stammt die 1971 geborene Wienerin Rendi-Wagner aus durchwegs klassisch sozialdemokratischen Verhältnissen, wie sie für diese Jahre des sozialen Aufbruchs in Österreich in Großstädten typisch waren: Rendi-Wagners Vater war Sozialpsychologe, die Mutter Kindergärtnerin, beide hatten aus ersten Beziehungen je zwei Söhne. Pamela wächst also in einer Patchworkfamilie auf, in einem Gemeindebau in Favoriten, einem klassischen Arbeiterbezirk. Die Mutter war sehr bald alleinerziehend, wie Rendi-Wagner bei ihrer ersten Pressekonferenz betonte.

Was folgt, ist eine mustergültige Aufstiegsgeschichte dank Fleiß und Bildung, was Rendi-Wagner zur idealen Inkarnation des großen Versprechens der Sozialdemokratie macht.

Rendi-Wagner studiert Medizin. Bei einem Kongress im Ausland lernt sie ihren späteren Mann, den Diplomaten Michael Rendi kennen. Das Paar teilt sich Karriere und Familie partnerschaftlich. Rendi-Wagner spezialisiert sich in Wien auf Tropenmedizin. Als ihr Mann auf den Botschafterposten nach Israel berufen wird, geht sie mit, nimmt eine Gastdozentur an der Universität Tel Aviv an und lernt Hebräisch. In Israel kommt auch die zweite Tochter zur Welt. Nach der Geburt der ersten Tochter hatte Rendi-Wagner während der Karenzmonate ihre Habilitation fertiggestellt.

Als in Österreich die Leitung der Sektion Öffentliche Gesundheit im Gesundheitsministerium ausgeschrieben wird, ist es an ihr, die Karrierekarte zu ziehen. 2017 wird sie dann von Kern zur Frauen- und Gesundheitsministerin berufen. Gleich darauf macht er Rendi-Wagner im Wahlkampf zu seiner Nummer Zwei. Erst da tritt sie in die Partei ein.

Gibt es so etwas wie weibliche Themen in der sozialdemokratischen Politik? Und wenn ja, welche sind es? Sind sie am Ende ein Mittel im Kampf gegen die Rechtsdemagogen? Das sind spannende Fragen, die in Österreich in den nächsten Monaten wenn schon nicht beantwortet, so doch beobachtet werden können. Kärntens SPÖ-Landeshauptmann Peter Kaiser nennt für Rendi-Wagner als Waffe erster Wahl den „roten Dreizack“: Gesundheits- und Sozialpolitik, Geschlechtergleichstellung und Gerechtigkeit.

Authentizität und Charisma sind wichtiger denn je für Spitzenpolitiker, beides hat Rendi-Wagner unbestritten aufgrund ihrer Profession als Ärztin und ihren bisherigen Medienerfolgen. Selbst ihre Gegner attestieren ihr großes politisches Talent. Ob sie sich als Oppositionschefin gegen die Rechtsregierung in Österreich wird durchsetzen können, hängt vor allem davon ab, ob es ihr gelingt, die permanente Inszenierung des Ausnahmezustandes zu durchbrechen. Und die Ängste der Bevölkerung vor Statuts- und Sicherheitsverlust nicht als Ausländer- oder Migrationsfrage, sondern als Frage von Gesundheit, Arbeitsplatzsicherheit und Gleichberechtigung zu vermitteln.

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