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Der kommt wieder
Für Abgesänge auf Donald Trump ist es zu früh.

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Erwünscht: möglichst große Distanz zwischen The Donald und nuklearen Abschussvorrichtungen.

Das deutschsprachige Kommentariat war sich natürlich wieder einmal weitgehend einig: Nach der ersten Vorwahl des US-Wahlkampfes im ländlichen Iowa ist Donald Trump nun eigentlich fast schon Geschichte. Puh. „Trump entzaubert“, titelten dementsprechend Frankfurter Rundschau, die Welt und the European in schöner Einhelligkeit, während die Badische Zeitung erleichtert feststellte, der Mann mit den lustigen Haaren sei eben „doch kein Supermann“. Bei der österreichischen Presse firmiert der Immobilienmogul nunmehr nur noch despektierlich unter „Loser“, zumal Trumps ernüchterndes Ergebnis von den Strategen in Wien natürlich immer schon als völlig „vorhersehbar“ prophezeit worden ist.

Bei so viel kollektivem Aufatmen möchte man ungerne stören. Zumal sich denkende Menschen ohne ausgeprägtes Faible für apokalyptische Endzeitvisionen tatsächlich in den allermeisten Fällen eine möglichst große Distanz zwischen The Donald und nuklearen Abschussvorrichtungen erhoffen dürften. Doch leider, leider: Für einen endgültigen Abgesang auf das Phänomen Trump könnte es noch zu früh sein. So argumentiert zumindest Freddy Gray in einem aktuellen Beitrag des konservativen Spectators – bedauerlicherweise ziemlich überzeugend.

Denn bei aller Erleichterung über einen Rest an politischer Rationalität, deren Rückkehr auf die politische Bühne das Ergebnis von Iowa nun anzudeuten scheint, unterstreicht die „Niederlage“ Trumps eigentlich nur den Irrsinn. Wie konnte es jemand wie Trump überhaupt so weit schaffen?

Ausgangspunkt für Gray ist dabei der Begriff „Niederlage“. Denn die allerorts verkündete Bezwingung Trumps ist tatsächlich alles andere als eindeutig. „Bevor wir Trumps Kandidatur nun ausschließen, lohnt sich ein Blick auf das, was er erreicht hat“, warnt deshalb Gray. Trump gewann 24 Prozent der Stimmen (gegen Cruz‘ 28 Prozent und Rubios 23 Prozent). „Und zwar in Iowa, einem Staat, in dem bis vor ein paar Wochen, niemand dachte, dass er eine Chance hätte.“

Die allerorts verkündete Bezwingung Trumps ist tatsächlich alles andere als eindeutig.

Noch besorgniserregender: Auf seine 24 Prozent kam Trump aus dem Stand und für US-Verhältnisse zum Schnäppchenpreis. Haustürenwahlkampf? Fehlanzeige. Kostspielige Werbespot-Dauerbeschallung? Kaum. Bündnisse mit Partei-Granden? Spaß beiseite. Die 24 Prozent gab’s praktisch im Gegenzug für „Make America Great Again“-Baseballmützen im Wert von schlappen  500 000 US-Dollar, schreibt Gray. Und natürlich für eine noch höhere Drehzahl in der von Trump immer obszöner zelebrierten offensiven Anti-PC-Agitation gegen jeden, der den schlechten Geschmack an den Tag legt, nicht Donald Trump zu sein.

Trotz des moralischen Ekels über diese Methoden: Das Iowa-Ergebnis ist keine kleine Leistung verglichen mit den 47 Millionen US-Dollar schweren Wahlkampfkonten des Ted Cruz oder den 112 Millionen US-Dollar, die Hillary Clinton hinter sich versammelt hat. „Allein durch die schiere Kraft seiner Persönlichkeit und durch seinen medialen Schockwert kam er fast mit einem unmöglichen Sieg davon“, fasst Gray das Iowa-Ergebnis zusammen. Das sollte den Etablierten zu denken geben.

Sicher, Trumps kometenhafter Aufstieg könnte in den kommenden Wochen tatsächlich seinen Zenit überschreiten. In der Rückschau erschiene die Trump-Kandidatur dann mittelfristig als nervenzehrende, aber eben zeitlich begrenzte politische Horror-Episode. Doch bis dahin könnte der Weg noch weiter sein als gemeinhin angenommen. In New Hampshire jedenfalls liegt Trump derzeit mit 20 Prozentpunkten vorn.

Den Spectator-Beitrag “Sorry establishment Republicans, The Donald isn’t dead yet” lesen Sie hier.

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