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Selber Dilettanten!
Der Putschversuch in der Türkei war alles – aber nicht amateurhaft.

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Nicht die Putschisten.

Obwohl vieles noch unklar ist an den Vorgängen in der Türkei scheint doch eines – jedenfalls für deutsche Kommentatoren – unwiderruflich festzustehen: „Die türkischen Putschisten waren Dilettanten“. So jedenfalls tönt es seit dem Wochenende durch die Medien – mit steigendem Crescendo. Als Konsens gilt: Unfähig, unvorbereitet und naiv hätten sich die aufständischen Militärs ihren Fehdehandschuh stümperhaft auf die eigenen Füße fallen lassen. „Gibt es wirklich so dilettantische Putschisten?“ fragte atemlos n-tv, während Die Welt die Frage aufwarf, „was das für ein Putsch sein soll mit fünf Panzern und zwei Flugzeugen?" Da wundert es nicht, dass noch vor vollständiger Niederschlagung des Putsches die Gerüchteküche über die angebliche Inszenierung des Coups vom Siedepunkt ins Brodeln überging. Der Verdacht: Der Putsch ist gar kein Putsch, sondern ein Reichstagsbrand. Nur eben nicht in Berlin, sondern in Ankara. Lange geplante Abrechnung des Regimes mit politischen Gegnern inklusive.

Das Problem: Das Scheitern der Putschisten sagt tatsächlich herzlich wenig aus über die Qualität ihrer Planung. Anders formuliert: Nur weil ein Putsch scheitert, ist er noch lange nicht dilettantisch eingefädelt gewesen. Als aufschlussreich erweist sich hier ein aktueller Beitrag aus dem US-Magazin Foreign Affairs, in der Brian Klaas der Frage „Why Coups Fail“ auf den Grund geht.

Zunächst einige Zahlen: In den vergangenen 65 Jahren hat die Welt mehr als 500 Putschversuche erlebt. Genug Material also, um einige grundlegende Lehren herauszudestillieren. Die Quintessenz: Militärputsche folgen in der Regel zwei Pfaden. In dem einen übernimmt eine einheitliche militärische Führung über Nacht das Ruder – gerne in Abwesenheit des eigentlichen Machthabers. Wenn sich die Bürger morgens den Schlaf aus den Augen reiben, ist die Sache schon entschieden und ein neuer Presidente, Rais oder Generalissimo residiert im Regierungspalast. In gewissem Sinne ist dies der Idealfall. So zuletzt zu erleben im Thailand des Jahres 2014.

Pfad 2 ist die schmutzigere Variante: Ein kleiner Teil des Militärs prescht voran und versucht durch Shock and Awe die unentschlossenen Teile des Militärs auf seine Seite zu ziehen. So geschehen im Liberia des Jahres 1980, in dem Präsident William Tolbert vom ehemaligen Sergeant Samuel Doe zeitgleich um Amt und Leben gebracht wurde. Der möglicherweise wörtliche Enthauptungsschlag legte dem verbliebenen Militär – und Land – eine rasche Loyalitätsverschiebung ans Herz. Sie erfolgte prompt.

Jeder Putsch beruht letztlich auf einer Extrapolation gefühlter Unzufriedenheit.

Für Brian Klaas folgt der türkische Putschversuch insgesamt eher dem Beispiel Thailands - nicht zuletzt weil beide Länder über ein vergleichbares Maß institutionalisierter Staatlichkeit verfügen. Doch zugleich - das wird in diesen Tagen immer deutlicher - setzten die Putschisten dezidiert auf einen detailliert geplanten Schlag gegen Erdogan. Das Problem war nur: Anders als in Bangkok weigerten sich das türkische Mehrheitsmilitär und andere staatliche Stellen auf den Zug der Putschisten aufzuspringen.

Ist dies nun „dilettantisch und naiv“, wie derzeit behauptet wird? Mitnichten, erläutert jedenfalls Klaas. „Die Fehleinschätzung des türkischen Militärs mag amateurhaft wirken, ist es aber nicht notwendigerweise“: Weshalb? Weil jeder Putsch letztlich auf einer Extrapolation gefühlter Unzufriedenheit beruht. „Putschversuche basieren auf Geheimhaltung und Überraschung und beruhen deshalb immer auf unvollständiger Information“, erläutert der Autor. Schließlich können die Putschisten kaum vorab Meinungsumfragen in Auftrag geben, um Befindlichkeiten und politische Neigung von Offizieren und Mannschaften auszuloten“. Sie können lediglich Stimmungen abschätzen und auf eine Kettenreaktion der Zustimmung hoffen. Entscheidend ist dabei, den Sieg der eigenen Sache als unausweichliches Schicksal darzustellen, dem sich selbst überzeugte Regimeanhänger besser nicht in den Weg stellen. Auch daher rührt die enorme Bedeutung tieffliegender Kampfjets und ohrenbetäubender Panzerfahrzeuge in Wohngebieten. Das Getöse signalisiert: Das Ding ist gelaufen. Mach Deinen Frieden mit den neuen Chefs!

Da Massenpsychologie eine solch zentrale Rolle spielt, ist der Erfolg eines Coups nur schwer zu prognostizieren. So belegt der Beitrag auch, dass die weitaus meisten Umsturtzversuche letztlich scheitern. Die aktuelle Statistik verweist auf eine Erfolgsquote von nur 25 Prozent. So gesehen sind die Vorkommnisse in der Türkei keine dilettantische Ausnahme, sondern eher der grausame Normalfall.

So unsicher die Erfolgsaussichten der Aufständischen, aber, so vorhersehbar erscheinen die Reaktionen des noch einmal davongekommenen Regimes. „Eines der eisernsten Gesetze der Politik ist, dass Regierungen, die es mit Putschisten zu tun hatten, immer autoritärer werden“, warnt Klaas. Das lässt für die Türkei nichts Gutes erwarten. Denn es sieht derzeit bekanntlich so aus, als ob sich Erdogan zumindest an dieses Gesetz bereitwillig hält.

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5 Leserbriefe

Dieter32 schrieb am 21.07.2016
Dieser Putsch wurde von Erdogan selbst hergestellt, da der Herr Erdogan seid langen nach Mehrheiten sucht oder seine Macht alleine bekommen will
Uwe Miltsch schrieb am 26.07.2016
Von wem der Putschversuch ausging wissen wir nicht.
Inzwischen hat das türkische Regime zugegeben das die "schwarzen Listen" längst in vorhanden waren. Ergo ist die Metapher "Reichstagsbrand" nicht unzutreffend.
Hardy Koch schrieb am 26.07.2016
Was will uns diese Analyse sagen???
Folkmar Biniarz schrieb am 28.07.2016
Es war das letzte Aufbäumen der einzig verbliebenen Staatsorgane, die das Erbe des Staatsgründers Kemal Atatürk verteidigen wollten - es hat ja im Gegensatz zur weltweiten Analyse in der Türkei schon einmal einen erfolgreichen Militärputsch gegeben. Aber es war schon viel zu spät. Herr Erdogan war schon darauf vorbereitet.
Armin von Thal schrieb am 19.09.2016
Gentlemen,
der "Putsch" war eindeutig eine von Erdogan lancierte Angelegenheit ! Theorie ist schoen, aber bleiben wir mal bei Fakten!
Verhaftungslisten lagen vor und ermoeglichten schon Stunden spaeter (vorbereitete) Polizei- und Sondereinheiten, zehntausende von Verhaftungen : Nicht nur (Guelen - glaeubige) Militaers, sondern auch Justizbeamte, Lehr- und Verwaltungsleute!
Es wurden 152 (angeblich beteiligte) Generale verhaftet. Wissen sie, was das in Realitaet heisst ? Das ist ein Grossteil der Tuerkischen Streitkraefte; die sind doch nicht selbst mit der Knarre auf die Strasse gegangen; die haben hunderte Stabsoffiziere, und die wiederum entsprechend viele "ausfuehrende Soldaten".
Panzer : 1
Air-Attack : 1 Heli, der NICHT den Palast getroffen hat !!
Buerger bereits vor Ort und warteten!