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Alternative Eliten
Der Nahe Osten bietet Anlass zum Optimismus, meint Daniel Gerlach. Die herrschende Klasse aber ist dabei im Weg.

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AFP
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Junge Gewichtheberinnen trainieren in Sadr City, im Osten Bagdads.

 

 

Die Region des Nahen Ostens und Nordafrikas ist seit Jahrzehnten durch Krisen, Kriege, Ausbeutung, schlechter Regierungsführung sowie wenig Hoffnung auf grundlegende Verbesserungen gekennzeichnet. Im Vergleich zu manch anderer Region ist positiver Wandel hier selten und zudem ungleich verteilt. Hinzu kommen die unerfüllten und teilweise naiven Erwartungen, die der „arabische Frühling“ weckte. Diesem düsteren Bild setzt Daniel Gerlach, Chefredakteur der auf den Nahen Osten spezialisierten Zeitschrift „Zenith“, Streiflichter alternativer Entwicklungen entgegen. Basierend auf zahlreichen Begegnungen und Gesprächen beschreibt er ein vielgestaltiges Panorama der Kulturen und Gesellschaften, ihrer wirkmächtigen Traditionen und autoritär-patriarchalen Strukturen. Anders als viele andere Autoren bemüht sich Gerlach, die positiven Trends und Potenziale der Region hervorzuheben.

Das Buch bietet durch seine unmittelbaren Beobachtungen, kenntnisreichen Nuancen und historischen Bezugnahmen viele überraschende Details und Einschätzungen zu aktuellen Ereignissen und Entwicklungen. Und es vermag etliche Klischees über die Region und ihre Gesellschaften zu hinterfragen, alternative Sichtweisen anzubieten. So erklärt Gerlach sehr plausibel, dass das Jahr 1979 – charakterisiert z.B. durch den Aufstieg Ayatollah Khomeinis, das Friedensabkommen von Camp David zwischen Israel und Ägypten, den Einmarsch der Roten Armee in Afghanistan – eine Wendemarke für die Region bedeutete.

Es folgten „40 Jahre, in denen der politische Islam und der Sektarismus an die Stelle der bankrotten Ideologien arabischer Regime rückten. In Ermangelung echter Ideale und Identifikationsfiguren und angesichts wachsender Verunsicherung wandten sich viele dem Nächstliegenden zu – dem eigenen Stamm, der eigenen Konfessionsgemeinschaft –, was die gesellschaftlichen Gräben weiter vertiefte. Es waren 40 Jahre, in denen sich die großen Rivalen der Region ein Nullsummenspiel zur Verhinderung der Macht- und Expansionspläne des anderen lieferten und dabei immer wieder religiöse, konfessionelle Gegensätze schürten. 40 Jahre, in denen insbesondere die westlichen Staaten sich auf eine Logik einließen, die fatale Folgen haben sollte: die Bereitschaft, autoritäre, zum Teil gewalttätige Regime zu stützen und ihnen im großen Umfang Rüstungsgüter zu verkaufen, um die eigenen Sicherheitsinteressen zu wahren und terroristische Gefahren zu bekämpfen.“

Gerlach weist wiederholt darauf hin, dass die ökonomische Perspektivlosigkeit einen wesentlichen Grund für die unzureichende Entwicklung der Region darstellt, und dass sie letztlich auch Ursache für den Erfolg extremistischer Bewegungen im Nahen Osten und Nordafrika ist. Sie wurde nicht, wie häufig klischeehaft verbreitet wird, durch die ideologisch-religiöse Überzeugungskraft von Fanatikern herbeigezaubert. Dschihadistische Bewegungen wie der IS waren insbesondere dort erfolgreich, wo der Staat entweder aufgehört habe zu existieren oder sich benehme wie eine kriminelle Organisation.

Hier nun findet sich der Autor ganz in der Nähe bundesdeutscher und westeuropäischer Außen- und Entwicklungspolitik, wenn er gute Regierungsführung und vor allem die arabische Zivilgesellschaft gestärkt sehen will. Letzteres wäre ein notwendiges Ziel, „weil wahrscheinlich nur diese gesellschaftlichen Kräfte eine realistische Chance haben, die vier Geißeln der arabischen Welt zu besiegen, die wir in den vorhergehenden Kapiteln identifiziert haben: Despotismus, Sektarismus, religiös verbrämter Extremismus und ökonomische Perspektivlosigkeit.“

Zugleich aber macht er darauf aufmerksam, dass solche Art von Politik auf Widerstände der herrschenden Eliten stößt, weil bei ihnen ein anderes Staats- und Gesellschaftsbild vorherrsche. Demnach sollen die Bürgerinnen und Bürger hin und wieder von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen und sich ansonsten nicht in Politik einmischen. Vielmehr könnten sie froh und dankbar sein, dass der Staat ihnen ein Auskommen verschafft und seine Sicherheitskräfte sie so gut es geht vor Terrorismus schützt. In dieser Logik gehört dem Staat die Gesamtheit seiner Bürgerinnen und Bürger, nicht umgekehrt. Solche Verhältnisse sind besonders in Gesellschaften vorzufinden, in denen der Staatshaushalt sich durch den Verkauf von Öl, Erdgas und anderen Bodenschätzen finanziert, also in Rentierwirtschaften.

Unter diesen Bedingungen sind gemäß Gerlach „alternative Eliten zu den bestehenden Herrschaftsschichten (notwendig, E.G.), die dann allerdings, anders als ihre Vorgänger, weder einer religiös verbrämten Ideologie das Wort reden, noch sich selbst am Forstbestehen von Korruption und Nepotismus schadlos halten. Es braucht über Jahre aufgebaute, belastbare Netzwerke von Menschen, die wissen, was Staaten und Gesellschaften morgen leisten müssen.“ Die zahlreichen unterschiedlichen Akteure der Zivilgesellschaft seien es wiederum, die solche alternativen Eliten hervorbringen könnten. Die vergangenen Jahrzehnte hätten zur Genüge gezeigt, dass der Staat, die Regierungen und Regime ihre Gesellschaften offenkundig nicht von den vier Geißeln der arabischen Welt zu befreien im Stande seien, würden sie sich dabei doch selbst abzuschaffen haben. Dass die Zivilgesellschaften dies könnten, scheint Gerlach indes „zumindest möglich. Und die Chancen dafür stehen vielleicht gar nicht so schlecht“.

Letztlich ist das Buch nicht derart optimistisch, wie der Titel es vorgibt, zumal der Autor in zahlreichen Passagen prägnante Parallelen herzustellen versucht mit historischen Ereignissen und Entwicklungen in Westeuropa. Damit macht er manche Herausforderungen in der südlichen Nachbarregion verständlicher, vermeidet aber zu erwähnen, wie viele Jahrzehnte und Jahrhunderte für das heutige Entwicklungsstadium der Gesellschaften in der EU benötigt wurden – das zudem aktuell brüchig erscheint. Insgesamt aber ein anregendes Buch.

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