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Die Erfindung der Nation
Uri Avnerys Hommage an ein wegweisendes Buch.

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Im Dezember 2015 starb Benedict Anderson. Oder, wie wir auf Hebräisch sagen, er »ging in seine Welt«. Der irischstämmige Anderson, in China geboren, studierte in England, sprach mehrere südasiatische Sprachen und hatte einen großen Einfluss auf meine intellektuelle Weltsicht. Seinem wichtigsten Buch Die Erfindung der Nation habe ich viel zu verdanken. Jeder von uns kann wohl Bücher benennen, die unsere Weltsicht geformt und verändert haben.

In meiner frühen Jugend las ich Oswald Spenglers Monumentalwerk Der Untergang des Abendlandes, das eine anhaltende Wirkung auf mich ausübte. Spengler, der heute fast vergessen ist, betrachtete die gesamte Weltgeschichte als eine Abfolge von »Kulturen«, die ähnlich wie Menschen geboren werden, reifen, alt werden und sterben, und zwar innerhalb einer Zeitspanne von tausend Jahren.

Die antike Kultur Griechenlands und Roms dauerte von 500 v. Chr. bis 500 n. Chr. Ihr folgte die »magische« östliche Kultur, die im Islam kulminierte und bis zum Aufstieg des Westens anhielt. Dieser, so Spengler, stehe vor dem Tod und werde von Russland abgelöst. Lebte Spengler heute, würde er Russland wahrscheinlich durch China ersetzen.

Das nächste Monumentalwerk, das meine Weltsicht beeinflusste, war Arnold Toynbees Der Gang der Weltgeschichte. Wie Spengler war auch er der Ansicht, dass Geschichte aus »Zivilisationen« besteht, die reifen und altern, doch er fügte Spenglers Liste ein paar neue hinzu. Der Deutsche Spengler war schwermütig und pessimistisch, der Brite Toynbee zuversichtlich und optimistisch. Die Ansicht, dass Zivilisationen dazu verdammt sind, nach einer bestimmten Lebensspanne zu sterben, akzeptierte Toynbee nicht. Es sei zwar bislang immer so gekommen, doch die Menschen lernten aus ihren Fehlern und könnten ihren Kurs auch ändern.

 

Anderson befasste sich nur mit einem Teil der Geschichte: der Geburt von Nationen.

Der Mensch erfand Anderson zufolge die Nation erst vor wenigen Jahrhunderten. Die weit verbreitete Vorstellung, die wir schon in der Schule gelernt haben und nach der es Nationen schon immer gegeben habe und sie sich nur an die verschiedenen Zeiten angepasst hätten, lehnt Anderson ab. Die Nation sei vielmehr erst vor etwa 350 Jahren »erfunden« worden. Der europazentrierten Sicht zufolge nahm die »Nation« ihre gegenwärtige Form in der französischen Revolution oder unmittelbar davor an. Bis dahin habe die Menschheit verschiedene Organisationsformen gehabt.

Die primitiven Menschen lebten in Sippen, die meist um die achthundert Mitglieder hatten. Solch eine Sippe war klein genug, um auf einem überschaubaren Gebiet zu überleben, und groß genug, um es gegen Nachbarstämme zu verteidigen, die versuchten, ihnen ihr Gebiet wegzunehmen. Daraus entwickelten sich verschiedene Formen menschlicher Gemeinschaften, etwa die griechischen Stadtstaaten, das Persische und das Römische Reich, das vielfältige Byzantinische Reich, die islamische »Umma«, die europäischen Vielvölkermonarchien und die Kolonialreiche des Westens.

Jedes dieser Gebilde entsprach seiner Zeit und seiner Realität. Der moderne Nationalstaat war eine Reaktion auf moderne Herausforderungen; dieser Mechanismus aus »Herausforderung und Reaktion« trieb nach Toynbee Veränderungen voran. Neue Realitäten – die Industrielle Revolution, die Erfindung der Eisenbahn und des Dampfschiffs, immer tödlichere moderne Waffen und so weiter – machten kleine Fürstentümer überflüssig.

Ein neues Konzept wurde notwendig und fand seine optimale Form in einem Staat, der aus mehreren Millionen Menschen bestand. Diese Größe ermöglichte es, eine moderne industrielle Wirtschaft aufrechtzuerhalten, das Gebiet mit einer großen Armee zu verteidigen und eine gemeinsame Sprache als Kommunikationsbasis für alle Bürgerinnen und Bürger zu entwickeln.

Noch vor der Blüte der großen Nationen wurden England, Schottland, Wales und Irland unter das Dach Großbritanniens gezwungen, einer Nation, die groß und stark genug war, weite Teile der Welt zu erobern. Franzosen, Bretonen, Provenzalen, Korsen und viele andere bildeten Frankreich. Das Land war stolz auf seine gemeinsame Sprache, begünstigt von der Druckerpresse und der Entwicklung der Massenmedien.

Deutschland, ein Nachzügler in diesem Kreis, bestand noch aus Dutzenden souveräner Königshäuser und Fürstentümer. Preußen und Bayern konnten einander nicht ausstehen, Städte wie Hamburg waren stolz auf ihre Unabhängigkeit. Erst im Deutsch-Französischen Krieg 1870 wurde das neue Deutsche Kaiserreich gegründet, praktisch auf dem Schlachtfeld. Die Einigung »Italiens« fand sogar noch später statt.

Jedes dieser neuen Gebilde brauchte ein gemeinsames Bewusstsein und eine gemeinsame Sprache, und an dieser Stelle kam der »Nationalismus« ins Spiel. Das Lied der Deutschen Deutschland über alles wurde vor der Einheit geschrieben; der Titel besagte ursprünglich nicht, dass Deutschland allen anderen Nationen übergeordnet sei, sondern dass das gemeinsame deutsche Vaterland über allen regionalen Fürstentümern stand.

All diese neuen »Nationen« waren auf Eroberung aus – doch vor allem »eroberten« und annektierten sie ihre eigene Vergangenheit. Philosophen, Historiker, Lehrer und Politiker machten sich mit Feuereifer daran, ihre Vergangenheit umzuschreiben und sie in eine »nationale« Geschichte zu verwandeln.

So wurde beispielsweise die Schlacht im Teutoburger Wald (9 n. Chr.), in der drei germanische Stämme eine römische Armee vernichtend schlugen, zu einem nationalen »deutschen« Ereignis umgedeutet. Der Heerführer Herrmann (Arminius) wurde postum zu einem frühen »Nationalhelden« erhoben. Auf diese Art, so Anderson, entstanden »vorgestellte« Gemeinschaften.

Doch Anderson zufolge wurde die moderne Nation gar nicht in Europa geboren, sondern in der westlichen Hemisphäre, nämlich in Süd- und Nordamerika. Die dortigen weißen Immigranten wurden ihrer repressiven europäischen Herren überdrüssig, entwickelten einen lokalen (weißen) Patriotismus und bildeten neue »Nationen« aus – Argentinien, Brasilien, die Vereinigten Staaten und andere mehr –, jede mit ihrer eigenen Nationalgeschichte. Von dort breitete sich die Idee nach Europa aus, und schließlich war die gesamte Menschheit in Nationen unterteilt.

Als Anderson starb, hatten Nationen bereits begonnen, auseinanderzubrechen wie die Eisberge der Antarktis. Der Nationalstaat wird überflüssig und entwickelt sich rasant zu einer Fiktion. Eine weltweite Wirtschaft, internationale Militärallianzen, die Raumfahrt, die weltumspannende Kommunikation, der Klimawandel und viele andere Faktoren formen eine neue Realität. Organisationen wie die Europäische Union und die NATO übernehmen die Funktionen, die einst die Nationalstaaten innehatten.

Nicht zufällig geht die Vereinigung geographischer und ideologischer Blöcke mit einer scheinbar gegenläufigen Tendenz einher, die jedoch in Wahrheit ein komplementärer Prozess ist: Nationalstaaten brechen auseinander. Nach dem Zerfall der Sowjetunion, Jugoslawiens, Serbiens, des Sudan und vieler anderer supranationaler [AE2] Einheiten fordern Schotten, Basken, Katalanen, Quebecer, Kurden und viele andere die Unabhängigkeit. Warum müssen Katalonien und das Baskenland unter demselben spanischen Dach leben, wenn jeder von ihnen ein separates unabhängiges Mitglied der Europäischen Union sein könnte?

Hundert Jahre nach der Französischen Revolution »erfanden« Theodor Herzl und seine Kollegen die jüdische Nation. Das passte durchaus in die Zeit. Ganz Europa wurde damals »national«. Die Juden waren eine internationale ethnisch-religiöse Diaspora, ein Überbleibsel aus der ethnisch-religiösen Welt des Byzantinischen Reichs. Als solche lösten sie bei anderen Misstrauen und Feindschaft aus. Herzl, ein glühender Bewunderer sowohl des neuen Deutschen Reichs als auch des Britischen Empires, glaubte, durch die Neudefinition der Juden als territoriale Nation dem Antisemitismus ein Ende bereiten zu können.

Nachträglich taten er und seine Gefolgschaft das, was auch andere Nationen vor ihnen getan hatten: Sie erfanden eine »Nationalgeschichte«, die auf biblischen Mythen, Legenden und der Realität gründete, und nannten sie Zionismus. Der Leitspruch lautete: »Wenn ihr wollt, dann ist es kein Märchen.“

Der Zionismus war, angestoßen durch den intensiven Antisemitismus, unglaublich erfolgreich. Die Juden ließen sich in Palästina nieder, schufen einen eigenen Staat und entwickelten sich zu einer echten Nation. »Eine Nation wie alle anderen«, besagte ein weiterer berühmter Leitspruch.

Das Problem war, dass in diesem Prozess der zionistische Nationalismus die alte jüdische religiöse Identität nie wirklich hinter sich ließ. Faule Kompromisse, die der Zweckmäßigkeit halber geschlossen wurden, flogen den Israelis hin und wieder um die Ohren. Da der neue Staat die Macht und die finanziellen Mittel der weltweiten jüdischen Gemeinschaft nutzen wollte, kappte er diese Verbindung nicht und tat so, als sei die neue Nation in Palästina (»Eretz Israel«) nur eine von vielen jüdischen Gemeinschaften, wenn auch die vorherrschende.

Anders als die Abtrennung der Nation vom Mutterland, die Anderson beschreibt, misslangen die kläglichen Versuche, in Palästina eine neue eigene »hebräische« Nation zu gründen wie Argentinien und Kanada. Shlomo Sand schildert sie in seinen Büchern.

Unter der jetzigen israelischen Regierung wird das Land immer weniger israelisch und dafür immer jüdischer. Religiöse Juden mit Kippa übernehmen immer mehr wichtige Regierungsämter, die Bildung wird zunehmend religiös.

Nun will die Regierung ein Gesetz erlassen, das einen »Nationalstaat des jüdischen Volkes« ermöglicht anstelle der bestehenden rechtlichen Fiktion eines »jüdischen und demokratischen Staates«. Der Kampf um dieses Gesetz könnte sehr wohl die entscheidende Schlacht um die Identität Israels werden.

Die Idee an sich ist natürlich schon lächerlich. Ein Volk und eine Nation sind zwei verschiedene Dinge. Ein Nationalstaat ist ein territoriales Gebilde, das seinen Bürgerinnen und Bürgern gehört. Er kann nicht den Mitgliedern einer weltweiten Gemeinschaft gehören, die in verschiedenen Nationen leben, verschiedenen Armeen dienen, ihr Blut für verschiedene Ziele vergießen.

Das würde auch heißen, dass der Staat den zwanzig Prozent oder mehr seiner Bürgerinnen und Bürger, die keine Juden sind, nicht gehört. Kann man sich eine Verfassungsänderung in den USA vorstellen, nach der alle Angelsachsen weltweit US-Bürger sind, afrikanische und hispanische Amerikaner dagegen nicht? Nun, Donald Trump mag sich das vorstellen können. Vielleicht aber auch nicht.

Dieser Beitrag erschien im Original im International Policy Digest.

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3 Leserbriefe

Dr. Reinhardt+Gutsche schrieb am 05.01.2016
Danke für diesen sehr interessanten Beitrag von Uri Avery und den Verweis auf das Buch von Benedict Anderson. Er kann sehr hilfreich sein in den gegenwärtigen Debatten hierzulande um „nationale Identität“, „Leitkultur“, Fremdenfeindlichkeit und einen wieder entstehenden Deutsch-Nationalismus usw., aber auch um eine kurzschlüssige Identifizierung von „Anti-Zionismus“ und „Antisemitismus“, wenn die Feststellung zutrifft, »Eretz Israel« sei nur „eine von vielen jüdischen Gemeinschaften“, was impliziert, es könne durchaus nicht für die Gesamtheit dieser Gemeinschaften sprechen. Auch der positive Verweis auf Shlomo Sand ist bemerkenswert, wurde doch sein Buch „Comment le peuple juif fut inventé. De la Bible au sionisme“ (2008), das die Thesen Andersons an der Vorgeschichte und der Geschichtspolitik Israels exemplifiziert, hier mit spitzen Fingern rezipiert.
Über allem könnte der Defintions-Aphorismus von Karl W. Deutsch stehen: "Eine Nation ist eine Gruppe von Personen, vereint durch einen gemeinsamen Irrtum über ihre Vorfahren und eine gemeinsame Aversion gegen ihre Nachbarn" Dies dürfte für jede Nation gelten, jede.
Dr. Hermann Hagena schrieb am 06.01.2016
Nüchtern betrachtet: was hat die Nationwerdung den Deutschen und ihren Nachbarn gebracht? Hätten wir besser auf Schiller gehört: „Zur Nation euch zu bilden, ihr hofft es, Deutsche, vergebens: Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.“
Gabriel Berger schrieb am 19.01.2016
So ganz hat Avenry nicht Recht. In Deutschland hatte mindestens bis zu den neunziger Jahren weltweit jeder Deutsche das Recht, die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen, auch wenn seine Vorfahren vor Jahrhunderten Deutschland verlassen hatten. Das ist aber genau die Einstellung, die man bis heute in Israel hat. Ob sie den Anforderungen der modernen Zeit widerspricht, kann man diskutieren.