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Drei Lektüretipps von Bernd Kubbig

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Gesprächsfäden knüpfen in Nahost – immer wieder

Dieses Buch könnte einer meiner US-Kollegen gewinnbringend verwandt haben, der für Außenminister John Kerry die Vielzahl der Vorschläge bei den palästinensisch-israelischen Verhandlungen aufgelistet und kommentiert hat – um zu verhindern, dass Kerry einen Vorschlag aus dem Hut zaubert, der an einem bestimmten Tag X schon einmal auf dem Tisch gelegen hat und deshalb nicht neu gewesen wäre.

US-Praktiker und -Analytiker, die zu den „best and the brightest“ gehören, haben diesen kenntnisreichen – und deshalb empfehlenswerten – Überblick über die Rolle der USA in vergangenen Verhandlungsrunden geschrieben. In einer Neuauflage können sie die wohl gescheiterten Verhandlungen mit dem unermüdlichen und beeindruckenden Chef-Diplomaten Washingtons zu ihrer langen Reihe von erfolglosen Gesprächsrunden hinzufügen.

Dies ist kein Mutmach-Buch, und dennoch, die Analyse zeigt auch: Ohne die USA geht es nicht, und es gibt auf diplomatischer Ebene keine Alternative zum immer-wieder-Anfangen, damit der Gesprächsfaden, so dünn er auch ist und so oft er gekappt wurde, zwischen den beiden friedlosen Seiten immer wieder geknüpft wird. Dieses US-zentrierte Buch sollte durch mindestens zwei weitere ergänzt werden: Eines, das sich mit den Friedensaktivitäten der EU im Nahen Osten, gerade wegen ihrer Neuansätze, befasst, und eines, das die Bemühungen der vielen Nicht-Regierungs-Projekte beschreibt. Ohne sie wäre das „Peace Puzzle“ mit seinen vielen Ungereimtheiten wohl ein noch strafferer Gordischer Knoten.

Noch zwei Bücher? Ja, aber sie sollten im Kontext der hochpolitischen Überraschungsgesten von Papst Franziskus während seiner Nahost-Reise Ende Mai 2014 gesehen werden. „Surprises do not work.“ Dies schlussfolgern die Autoren für die politische Bühne. Auszuschließen ist indes nicht, dass die päpstlichen Gesten die Trennlinien in Nahost- vielleicht sogar etwas entschärfen werden.  

 

 

Solide Analysen zum Iran – nicht in Schwarz-Weiß

Iran beherrscht seit Jahrzehnten immer wieder die Schlagzeilen der Weltpolitik. Die derzeitigen Verhandlungen zur nuklearen Dimension des vielfältigen Konflikts mit der Islamischen Republik bieten die Chance, wenn sie denn gelingen, die ganze Landschaft des Mittleren Ostens/Golfs positiv zu verändern. Wie tickt der Iran im Innern, wie haben sich die zentralen Bereiche entwickelt, was sind die Antriebsfaktoren seiner Außenpolitik und wie gestaltet sie sich in den unterschiedlichsten Bezügen? Viele Bücher behandeln diese Frage, und (zu) viele sind analytisch unzureichend, weil ihnen die Gradwanderung zwischen ‚pro- und anti-Iran‘ nicht gelingt.

Diese Sammlung von Aufsätzen ist eine rühmliche Ausnahme. Das liegt vor allem daran, dass die beiden Herausgeber ausgewiesene Fachleute gewinnen konnten, von denen die meisten an US-Universitäten lehren und einen persönlichen iranischen Hintergrund haben. Sie haben die „richtige“ Distanz zum Iran und können Quellen in Farsi auswerten. Zu hoffen ist, dass das interessierte Publikum über Zugang zu einer Fachbibliothek verfügt, denn dieses Buch ist teuer. Seine Lektüre lohnt, weil die Fachleute wichtige Fakten verlässlich vermitteln, neue Einblicke und vor allem durchgehend differenzierte Einschätzungen geben.

„Alone in the world“? – das ist für die Situation des Iran wohl übertrieben. Aber Mit-Herausgeber Thomas Juneau bringt Teherans Position auf den Punkt, wenn er vom Iran als einem einerseits machtpolitisch im Aufstieg begriffenen Akteur spricht – der aber andererseits an vielen Unzulänglichkeiten krankt, die ihm eine dauerhafte Top-Stellung verwehren dürften. Präsident Ruhani scheint genau das erkennt zu haben und versucht deshalb, durch hoffentlich ausreichend Kompromiss-orientierte Verhandlungen vor allem die wirtschaftliche Basis seines Landes zu verbessern.

 

 

Erschreckende Atomwaffen – Grund genug, sie abzuschaffen

Diesem Buch wünsche ich, dass es möglichst schnell in die richtigen Hände gelangt (oder schon gelangt ist). Das sind die Hände derer, die in den Nuklearwaffenstaaten dazu beitragen, dass die Anzahl der nuklearen Sprengköpfe nicht geringer wird, oder gar auf Null zugeht, oder die im Begriff sind, sich diese gefährlichsten Waffen der Welt anzuschaffen.  Auch wer sich berufshalber sein Leben lang mit diesem Waffentypus befasst hat, wie das für mich zutrifft, ist erschrocken über die zahlreichen Unfälle und besonders über die atomaren Beinahe-Katastrophen in den USA - und das in Friedenszeiten!

Eric Schlosser stellt sie in seiner gründlich recherchierten Studie auf eine Weise dar, in der die vermeintlich abstrakten Monster auf geradezu suggestive Weise Teil des Alltags werden. All dies ist „kein Schnee von gestern“. Trotz aller Bemühungen, die Sicherheit der Nuklearwaffen zu verbessern, reißen Meldungen über skandalöses Verhalten mit potenziell katastrophalen Folgen bei den „Hütern“ des US-Atomarsenals nicht ab. In anderen Nuklearwaffenstaaten lässt sich Ähnliches oder gar Schlimmeres vermuten.      

Mit seiner spezifischen Perspektive gelingt es dem Autor, eine eigenständige Geschichte des Ost-West-Verhältnisses zu schreiben, die auch jüngeren Leserinnen und Lesern zugänglich sein müsste. Für Fatalismus und Apokalypse-Denken sollte dabei kein Platz sein. Nuklearwaffen wurden von Menschen gemacht und Menschen können sie wieder abschaffen.  Atomwaffen, das lässt sich eindeutig aus Schlossers Buch schlussfolgern, sind erst dann sicher, wenn sie verschrottet worden sind.    

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