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Drei Lektüretipps von Ralf Stegner

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Wenn Egon Bahr seine Erinnerungen an Willy Brandt niederschreibt, ist dies ein besonderes literarisches Vergnügen. Mit viel Herz und gleichzeitig klarem Blick beschreibt er den (privaten) Menschen und den Politiker Brandt, analysiert gleichzeitig auch das politische Umfeld und die getroffenen Entscheidungen.

Die deutsche Einheit als zentrales Ziel und die Gestaltung der Außenpolitik sind dabei das Herzstück. Die Ostpolitik Brandts, von Bahr selbst mit den Worten „Wandel durch Annäherung“ überschrieben und mit entworfen, hat historische Dimension und gehört zu den wichtigsten Weichenstellungen deutscher Außenpolitik. Wenn Bahr sie noch einmal anschaulich und mit vielen Detailinformationen nachvollzieht, wird deutlich, wie einschneidend und zugleich gewinnbringend dieser Politikwechsel gewesen ist. Und wichtig und aktuell damit bis heute.

Beeindruckend ist, mit welcher Genauigkeit Bahr die unzähligen Begegnungen jener Jahre  erinnert. Die damaligen Gespräche waren keine Selbstverständlichkeit, sondern dienten zunächst dazu, Vertrauen zu gewinnen. Insofern waren etwa  der Moskauer Vertrag, das Berlin-Abkommen und die vertraglichen Regelungen mit der DDR Meisterstücke. Welche diplomatische Kunst steckte darin, den scheinbar unüberbrückbaren deutsch-sowjetischen Gegensatz zuerst bei den Nachkriegsgrenzen  zu überwinden, indem das Wort "Unverletzlichkeit der Grenzen" gewissermaßen erfunden wurde… Zugleich waren die Beziehungen zu den osteuropäischen Staaten Grundlage für die heutige europäische Integration. Die damalige Entspannungspolitik erkannte die Realität an und wollte sie zugleich verändern, so beschreibt es Bahr und greift damit auf Willy Brandts Rat an seine Partei zurück: Die Sozialdemokratie dürfe niemals entweder-oder-Partei, sondern müssen stets sowohl-als-auch-Partei sein. Heute eine Selbstverständlichkeit, damals ein echter Politikwechsel.

Für mich gehört Martin Schulz ohne Zweifel zu den besten Rednern, den die SPD derzeit aufbieten kann. Wenn Martin Schulz über Europa spricht, fesselt er sein Publikum und zieht es in den Bann seiner Begeisterung für die europäische Integration. Mühelos lässt sich seinen leidenschaftlichen und zugleich sachlich fundierten Ausführungen folgen, die das komplexe und häufig so ferne Europa auf einmal nah und direkt erlebbar machen. Dass ihm dies auch in schriftlicher Form gelingt, zeigt er mit dem Buch „Der gefesselte Riese. Europas letzte Chance“. Hier wird einmal mehr deutlich, warum Martin Schulz Präsident der Europäischen Kommission werden sollte.

Ausdrücklich geht Schulz auf vielfache Kritik an der EU ein. Egal ob Bürokratiemonster, Demokratiedefizit oder neoliberales Projekt – vermeintliche Argumente, gegen die Europäische Union zu sein, gibt es vordergründig viele. Schulz beleuchtet und widerlegt sie, trennt aber berechtigte Kritik von purem Populismus. Ja, für Schulz ist diese Kritik gar Grund genug, ein Szenario des Scheiterns der EU und dessen Folgen zu entwickeln. Dieses Gedankenexperiment führt genug Gründe wirtschaftlicher, weltpolitischer oder auch friedenspolitischer Natur auf, die Anlass geben, an der europäischen Integration positiv mitzuwirken. Und genau hierauf geht Schulz im Herzstück seines Buches, dem Abschnitt „Neustart“, ein. Vier Aspekte stellt er ins Zentrum seiner Überlegungen: Mehr Demokratie, die Verteidigung des Gesellschaftsmodells, Entwicklung einer gemeinsamen Außenpolitik und die Zähmung des Raubtierkapitalismus. Damit beschreibt er genau das, was für mich dem sozialdemokratischen Ziel eines sozialen Europas entspricht. Visionen und konkrete politische Handlungsschritte – beides beinhaltet Schulz‘ Werk, streitbar wie man es von ihm gewohnt ist. Keine Frage, eine objektive Analyse liegt hier nicht vor, wohl aber das „Plädoyer“ für ein wirklich bürgernahes, demokratisches, soziales – neues – Europa.

Nicht nur dank meines langen Studienaufenthalts in den USA an der Harvard Universität und meiner bis heute währenden Verbundenheit mit dem McCloy-Kollegium haben die transatlantischen Beziehungen für mich eine besondere Bedeutung. Nur wenige Politiker haben mich derart fasziniert wie das politische Denken und Handeln der Kennedys. Angesichts der jüngsten Entwicklungen um die Ukraine, die Krim und in diesem Zusammenhang zunehmende internationale Spannungen habe ich einmal mehr diese Lektüre aus meinem Bücherschrank gezogen. Wohl selten stand die Welt vor einer derart heiklen Situation, so nah am Ausbruch eines weiteren Weltkrieges, wie bei der Kuba-Krise im Jahr 1962.

Robert F. Kennedy hat die damaligen Entwicklungen als Justizminister und Bruder des US-Präsidenten hautnah miterlebt und direkt beeinflusst. Seine Chronik jener dreizehn Tage, die für alle Beteiligten in höchstem Maße eine politische und diplomatische Herausforderung waren, ist bis heute fesselnd. Ein Bericht über unzählige Beratungen, verschiedene Einschätzungen, Vermutungen, Abwägungen und schließlich auch Entscheidungen. Aspekte, die im politischen Leben alltäglich, die aber nur selten von so großer Tragweite sind, wie sie es im Oktober 1962 waren.

Nachzulesen wie diese Krise beigelegt und mit diplomatischen Mitteln bewältigt, wie aber auch aus ihr gelernt wurde, ist heute aktueller denn je und ich empfehle das Werk allen derzeit handelnden Personen dringend zur gewinnbringenden Lektüre.

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