In den letzten zwei Jahrzehnten hat die Türkei einen tiefgreifenden autoritären Wandel durchlaufen. Unter der seit 2002 regierenden AKP („Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“) hat sich der politische Handlungsspielraum der Opposition stetig verengt: Die Pressefreiheit wurde ausgehöhlt, zivilgesellschaftliche Organisationen wurden geschlossen oder kooptiert, und der Rechts- und Wahlrahmen wurde zunehmend auf Machtkonsolidierung ausgerichtet. Wie dieser Umbau funktioniert, ist inzwischen gut bekannt. Dabei geht es nicht nur um offene Unterdrückung. Die Opposition wird systematisch geschwächt: Indem sie zersplittert und ihre Führung diskreditiert wird, wird organisierter Widerstand gezielt als gefährlich oder aussichtslos dargestellt. In diesem Kontext ist es äußerst schwierig, irgendeine Form politischer Opposition aufrechtzuerhalten.
Gerade deshalb ist die feministische Bewegung zu einer der wirksamsten oppositionellen Kräfte des Landes geworden. Sie ist eine beständige, sichtbare und wachsende politische Kraft geblieben, die in der Lage ist, Zehntausende von Frauen auf die Straße zu holen und Forderungen zu artikulieren, die tiefe politische Gräben überbrücken. Die feministische Bewegung in der Türkei hat einen alternativen politischen Raum geöffnet und beweist damit, dass Opposition nicht die Macht widerspiegeln muss, der sie sich widersetzt. Und dass gemeinsame Erfahrungen stärker verbinden können als ideologische Lager. Auch wenn der autoritäre Druck zunimmt, kann kollektive Organisierung weiterhin gelingen. In einer politischen Landschaft, in der die Frage, wie die Opposition überleben kann, immer stärker in den Vordergrund rückt, ist das, was die feministische Bewegung in der Türkei geschaffen hat, nicht nur eine lokale Geschichte. Es zeigt, dass selbst unter autoritären Bedingungen neue Formen politischer Handlungsfähigkeit entstehen können.
Der Feminismus erreicht auch Menschen außerhalb der Anti-AKP-Opposition, weil er seine Kritik nicht auf die staatliche Politik beschränkt.
Die feministische Bewegung in der Türkei begann sich in den 1980er Jahren zu organisieren. Hauptsächlich von Frauen aus linken Bewegungen getragen, wurde sie vom gemeinsamen Widerstand gegen patriarchale Gewalt zusammengehalten. In ihrem Verständnis von Feminismus positionierten sie sich auch gegen andere Unterdrückungssysteme wie Rassismus, Nationalismus und Kapitalismus. Die Bewegung nahm eine kampagnenbasierte Organisationsform an, die es ihr ermöglichte, dezentralisiert zu bleiben. Diese dezentrale Struktur entstand zwar nicht als bewusste Antwort auf autoritären Druck, sondern aus dem politischen Selbstverständnis der Bewegung. Im türkischen Kontext hat sie jedoch einen unbeabsichtigten strukturellen Vorteil hervorgebracht: Eine Bewegung, die kein einzelnes Machtzentrum hat, lässt sich schwer zerschlagen. Gerade deshalb kann sich die Bewegung auch unter den heutigen schwierigen Bedingungen schnell organisieren und je nach Thema in unterschiedlichen Konstellationen zusammenarbeiten. Diese Widerstandsfähigkeit schwächt auch die Wirksamkeit der Delegitimierungsstrategie der AKP: Sie zielt darauf ab, soziale Bewegungen zu zersplittern und zu diskreditieren, indem sie zentralisierte Strukturen und sichtbare Führungspersönlichkeiten ins Visier nimmt.
Von Anfang an hat die konservative Agenda der AKP, die sich gegen Frauen richtet, große Wut hervorgerufen. Als direkte Reaktion antworteten die Frauen mit eindeutig feministischen Positionen. Gerade in Zeiten umfassenderer politischer Repression wurde die feministische Bewegung zu einer wichtigen Form des Widerstandes. Der Feminismus erreicht längst auch Menschen außerhalb der Anti-AKP-Opposition, gerade weil er seine Kritik nicht auf die staatliche Politik beschränkt. Er benennt ein System männlicher Dominanz, das älter ist als die AKP, das politische Grenzen überschreitet und das das Leben von Frauen unabhängig von ihrer politischen Zugehörigkeit prägt. Frauen finden nicht trotz ihrer Unterschiede zur feministischen Politik, sondern gerade durch sie zueinander.
Freiheiten wurden eingeschränkt, und der Spielraum für zivilgesellschaftliches Handeln wurde immer kleiner.
Im Laufe der Jahre, insbesondere in den späten 2010er Jahren, hat die AKP einen zunehmend autoritären Kurs eingeschlagen. Freiheiten, insbesondere die Meinungs- und Versammlungsfreiheit, wurden eingeschränkt, und der Spielraum für zivilgesellschaftliches Handeln wurde immer kleiner. Die Stärke der feministischen Bewegung beruht in diesem Kontext auch auf dem Widerstand, den Frauen in ihrem eigenen Leben gegen männliche Dominanz entwickelt haben. Die AKP hat darauf gesetzt, die Opposition zu diskreditieren. Dabei hat sie von einer tiefen Polarisierung profitiert und diese noch verstärkt. Auch Feministinnen wurden gezielt marginalisiert und delegitimiert. Doch die Sprache des Feminismus – eine, die alle Frauen anspricht, die sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten anerkennt und Forderungen sowie eine Form des Widerstands, in der sich viele wiederfinden können, formuliert – ist dagegen immun. Was die feministische Sprache von anderen Formen des oppositionellen Diskurses unterscheidet, ist nicht, dass sie strategisch alle Frauen anspricht. Vielmehr trifft sie einen gemeinsamen Nerv, weil sie ein System benennt, das Frauen auf unterschiedliche, aber miteinander verbundene Weise betrifft – unabhängig von Klasse, politischer Zugehörigkeit oder Region. Frauen finden sich nicht trotz ihrer Unterschiede in der feministischen Politik wieder – sie finden einander durch diese Unterschiede.
Die Gewalt gegen Frauen, Femizide und die Straffreiheit männlicher Täter bestehen weiter fort. Gleichzeitig verfolgt der Staat eine Politik, die Frauen vor allem über ihre Rolle in der Familie definiert und ihnen die Verantwortung für Sorgearbeit aufbürdet. Damit nicht genug: Die Wiederaufnahme von Debatten über Themen wie Unterhalt, Abtreibung und Erbschaft schürt die Wut der Frauen noch weiter. Diese Reaktion beschränkt sich nicht auf Frauen, die in der AKP-Opposition sind, sondern wird auch von denen geteilt, die politisch mit der AKP verbunden sind. Das Aufkommen von GONGOs (government-organised non-governmental organisations, also regierungsnahe Nichtregierungsorganisationen) als Versuch, die organisierte Präsenz von Frauen zu kanalisieren, anstatt sie zu unterdrücken, zeugt von der Stärke dieser Wut. Selbst diese staatlich geförderte Alternative konnte sich der politischen Energie, die der Feminismus erzeugt hatte, nicht entziehen. Sogar Frauenorganisationen, die als GONGOs gegründet wurden, um die Geschlechterideologie der AKP zu verbreiten – eine Ideologie, die Gleichheit durch das religiös geprägte Konzept des „Fitrat“ ersetzt –, haben zeitweise Positionen eingenommen, die der Politik, die sie eigentlich unterstützen sollten, kritisch gegenüberstehen.
Die feministische Bewegung in der Türkei leistet etwas, wozu derzeit nur wenige andere oppositionelle Kräfte in der Lage sind: Sie verwandelt alltägliche Erfahrungen mit patriarchaler Unterdrückung in kollektive politische Sprache und gemeinsames Handeln. Frauen aus unterschiedlichen sozialen und regionalen Kontexten tragen feministische Forderungen weiter, prägen andere politische Bewegungen und finden darin etwas, das organisierte Politik nur selten bietet: die Erkenntnis, dass das, was sich lange persönlich angefühlt hat, in Wirklichkeit strukturell bedingt ist.
Die Entwicklung der feministischen Bewegung in den letzten zwei Jahrzehnten bietet mehr als nur eine spezifisch türkische Fallstudie. In einer Zeit, in der autoritäre Konsolidierung zu einem globalen Muster geworden ist, wirft sie eine konkrete Frage auf: Welche Formen von Organisierung sind autoritären Systemen womöglich gerade deshalb überlegen, weil sie sich nicht zentral kontrollieren lassen?




