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Enzensberger Revisited
Sinnlose Gewalt ist keine menschliche Veranlagung. Die Marktwirtschaft fordert ihren Tribut.

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AFP
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"La mara para siempre" - Gangmitglied der MS-13 in El Salvador.

Vor 25 Jahren hat Hans Magnus Enzensberger seinen Essay „Aussichten auf den Bürgerkrieg“ veröffentlicht. Darin zeichnet er ein düsteres Bild kontemporärer Gewalt. Anders als den akademischen Kriegstheoretikern, denen auch bis weit in die Nuller Jahre die Kreativität zur Findung immer neuer Kriegsarten nicht abhandenkam, ging es Enzensberger nicht um ein wissenschaftliches Instrumentarium. Enzensberger hatte seiner These vom „molekularen Bürgerkrieg“ keine Neutralität unterlegt, sondern verbitterte Kritik an der Gesellschaft. Wir alle, so der Autor, befänden uns nämlich im Bürgerkrieg. Weil aber beim Blick aus hiesigen Bürofenstern kein mordender und brandschatzender Mob zu erkennen war, bedurfte diese seine Bürgerkriegstypologie ihres Beinamens „molekular“: Enzensberger erhob den Bürger zum Krieger. Dabei kann der Einzelne nun „Terrorist oder Geheimdienstler“, „Mafioso oder Skinhead“, „Neonazi oder Schwarzer Sheriff“ in Vollzeit sein. Er kann aber auch nur als teilzeitlicher „Amokläufer und Serienkiller“, „Brandstifter und Hooligan“ kämpfen - er ist „tagsüber“ eben auch eines: „unauffälliger Bürger“. Geeint werden sie alle in ihrem ziellosen „autistischen Charakter“, ihrer „Unfähigkeit zur Unterscheidung zwischen Zerstörung und Selbstzerstörung“.  Damit erstreckt der molekulare Bürgerkrieg sich auch auf Schauplätze fernab der akzeptierten Konfliktszenarien. Nicht bloß das damalige Jugoslawien, auch Rostock-Lichtenhagen folgt dem besagten Schema.

Auf der Suche nach den Gründen für diese (un-)bürgerliche Doppelidentität bescheinigt Enzensberger dem Menschen  gleich zu Beginn grundsätzliche Schlechtheit. Dieser auch heute von rechter Seite gern gewählte Fluchtweg, um Missstände ursächlich zu erklären, greift aber zu kurz. Enzensberger umschreibt so schlicht die Symptome einer Krankheit, die zu benennen er sich scheut. Deutlicher noch als damals wird heute: Nicht eine willkürlich bestimmte Konstitution des Menschen, sondern die mehrwertgebundene Marktwirtschaft ist Ursprung zielloser Gewalt.

Zwar ist es hierzulande noch immer ohne größere Umstände möglich, die täglichen Besorgungen körperlich unversehrt zu erledigen. Gleichzeitig aber sind Schreckensmeldungen allgegenwärtig. Die berichteten Gewaltexzesse eint alle, dass sie in ihrer Brutalität von einer übergeordneten Ideologie längst entkoppelt sind. Enzensberger nennt das „Überzeugungsschwund“, sucht die Gründe dafür allerdings an der falschen Stelle. Dabei werden Wissenschaftler nicht müde, die tieferliegende Ursache der Gewalt des IS nicht in wahrhaft geglaubtem Islamismus zu verorten, sondern in einer umfassenden, marktbedingten Perspektivlosigkeit. Wer ausschließlich aufwacht, um seine Existenz durch stupide und oft unwürdige Arbeiten zu sichern und gleichzeitig mit extremem Überfluss der Gewinner dieses kapitalistischen Wettbewerbs konfrontiert ist, der verliert sich schließlich in Sinnlosigkeit.

Dieselbe Erklärung greift auch bei dem Kartellkämpfer aus einem mexikanischen Barrio. Die grässlichen, enthemmten Morde des Sinaloa-Kartells verstoßen lange schon gegen einst sakrosankte Prinzipien der Mafia. Die Methode, keine Aufmerksamkeit zu erregen, um in Ruhe den Geschäften nachzugehen, wird durch Massenhinrichtungen schlicht konterkariert. Und auch die antidemokratische Ideologie des jungen Sachsen, der in Heidenau einen Molotowcocktail in eine Flüchtlingsunterkunft wirft, gründet in dieser Antwort. Das abstrakte Phänomen gefühlter Unsicherheit und Angst findet Halt in Gestalt von Hass auf der einfachsten Projektionsfläche, dem Fremden. Freilich wird sich allerseits munter auf die jeweiligen Platzhalter einer beliebigen Gesinnung berufen. „Dichter und Denker“ sind bloße Hüllen, während die Ausweglosigkeit aus dem Verliererdasein real ist. Denn daher eigentlich stammt dieser „autistische“ Gewaltwahn.

Die Kartons mit den Habseligkeiten der Mitarbeiter der Lehman Brothers Bank waren zuhause kaum abgestellt, da hat sich die Wirtschaft schon wieder bemüht, das Ende der Rezession, den erneuten Aufschwung und das nächste goldene Zeitalter anzukündigen. Experten warnen lange schon vor einer neuen Krise, die zwar eine Frage der Zeit ist, trotzdem unvermeidlich und dann nachdrücklich bevorsteht. Ähnlich aber der industriellen Reaktion auf die drohende Klimakatastrophe verlangt auch der Finanzwirtschafts-Knigge Ignoranz, Beharren, Linientreue.

Es kann und darf also nicht verwundern, dass Perspektiv- und Sinnlosigkeit sich auch in Teilen der hiesigen Gesellschaft breitmachen, wo noch keine Panzer durch die Straßen rollen. Und teils ist das Ventil derart angestauter Panik und Desillusionierung schließlich Gewalt aus dem Innern, die so offensichtlich völlig zum Selbstzweck verkommt. Mitnichten soll das menschenfeindliche Übergriffe rechtfertigen. Es soll dazu aufrufen, sich der realen Ungleichheit bewusst eben diese Umstände zu kritisieren! Irgendein haltlos zusammengebastelter Naturzustand klingt sicher gewichtig, keine Frage. Der Menschheit aber mal eben aus der Hüfte ein universelles und dann noch moralgetragenes Naturprinzip anzudichten, entbehrt jeder faktischen Grundlage.

Kapitalismuskritik wird gerne als linker Idealismus abgetan, als heuchlerisches Gerede derjenigen, die doch selber von den Marktmechanismen profitieren. Und natürlich ist alles so umfassende Bemängeln der Aktualität immer auch idealistisch. Wirklich konsequent antikapitalistisch lebt im Heute nur derjenige, der aussteigt, als Selbstversorger auf eine einsame Insel zieht und sich in asketischer Einsamkeit mit Flusswasser die Zähne putzt. Dem dann jedoch als einzige Alternative das Narrativ einer „dog-eat-dog-world“ entgegenzuhalten, ist so gängig wie vereinfacht.

Es muss möglich sein, die Grundkonstante des Kapitalismus aus dem Inneren desselben zu kritisieren. Das Gegeneinander anzuprangern und damit vielleicht zum Nachdenken über ein (durchaus mögliches!) Miteinander anzuregen muss nicht nur erlaubt sein, es muss sein. Denn so wie es jetzt ist kann es unmöglich bleiben.

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