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Werde, was du bist
Trägt die Digitalisierung zur Emanzipation von jedermann bei? Und wenn ja: wie? Nils Heisterhagen über „Muster“ von Armin Nassehi.

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Der Philosoph Friedrich Nietzsche hat einmal gesagt: „Werde, der du bist“. Eigentlich hat er dabei das Individuum gemeint. Das Individuum solle die Möglichkeit der eigenen Selbstmächtigkeit doch bitte verstehen und in Angriff nehmen.

Armin Nassehi fordert in seinem neuen Buch „Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft“ etwas anderes. In Analogie zu Nietzsche nennen wir es: „Werde, was du bist“. Gemeint ist nicht das Individuum, sondern die Gesellschaft. Die moderne Gesellschaft sei nämlich schon digital und müsse das nun verstehen. Vielmehr: Durch die Digitalisierung könne die Gesellschaft endlich selbst verstehen, dass es sie wirklich gibt. Also: Werde, was du bist und zwar digital.

Armin Nassehis Hauptthese geht so: Die Digitalisierung ist nichts Neues. Die Moderne sei schon digital. Genauer gesagt: Die Gesellschaft der Moderne sei in ihrer Grundstruktur schon digital gewesen, bevor es überhaupt so etwas wie Digitaltechnik gab. Die Digitaltechnik sei also eine „logische Konsequenz“ der digitalen Moderne.

Armin Nassehi arbeitet heraus, dass bereits im 19. Jahrhundert durch Sozialstatistiken versucht wurde, Regelmäßigkeiten und „Muster“ zu entdecken. Die Datenanalyse gehöre daher schon seit Entstehen der Moderne zur modernen Gesellschaft, und die digitale Technik, insbesondere Big-Data-Technologie, würde diese Datenanalyse nun nur perfektionieren. Die Mustererkennung, das sei die eigentliche Funktion der Big-Data-Technologie. Aber das sei eben nichts Neues. In analoger Form habe es diese Versuche der Mustererkennung schon zu Beginn der Moderne gegeben. Die Mustererkennung sei überhaupt ein Wesensmerkmal der Moderne. Das einzige wirklich Neue der Digitaltechnik sei zum Beispiel, dass Big-Data-Unternehmen diese Mustererkennung nun kommerzialisierten und sie zur Grundlage ihres Geschäfts machten.

Google, Facebook und Co. sind daher quasi betriebswirtschaftliche Akteure der Mustererkennung, während die – staatlichen – Sozialstatistiker eben volkswirtschaftliche Akteure dieser Mustererkennung sind. Nassehi sagt das nicht, aber der Vergleich drängt sich auf: Der Statistiker beim Statistischen Bundesamt praktiziert also in gleicher Weise die Suche nach Mustern wie der „Data-Analyst“ bei Google. Nur mit dem Unterschied, dass Google und Co. einfach mehr Daten zur Verfügung haben als die Bundesamtstatistiker und sie zudem damit Gewinne erzeugen.

Ihren „Wert“, so darf man nun folgern, bekommen die Daten aber nicht durch sich selbst, sondern erst dadurch, dass jemand eine Regelmäßigkeit oder eben ein Muster in ihnen erkennt, das er für sich nutzen kann oder womit er ein Problem lösen kann – und tut er das als Unternehmer, kann er damit auch Geld verdienen. Daten an sich nützen nichts. Sie sind als Material, als Rohstoff wichtig. Aber man muss den Rohstoff eben auch bearbeiten und einen Zweck damit verfolgen.

Ihren „Wert“ bekommen Daten nicht durch sich selbst, sondern erst dadurch, dass jemand eine Regelmäßigkeit oder ein Muster in ihnen erkennt, das er für sich nutzen kann oder womit er ein Problem lösen kann.

So deutlich sagt Armin Nassehi es nicht. Aber ich würde es sagen: Ein Schrottplatz an Daten, wo Daten einfach willkürlich angesammelt werden, würde keinen Nutzen erzeugen und keine Funktionen ausüben. Es braucht den „Data Analyst“, der die Daten sichtet, Ordnung und Regelmäßigkeiten in ihnen sucht, damit ein „Mehrwert“ daraus entstehen kann.

Und es ist der individuelle Akt des „Data Analyst“, den der Systemtheoretiker Armin Nassehi in seiner „Theorie der digitalen Gesellschaft“ eher unterbeleuchtet lässt. Er hat sozusagen keine Theorie des digitalen modernen Menschen geschrieben, sondern bleibt in der Tradition von Niklas Luhmann einem gewissen Holismus verpflichtet, der auf das Ganze blickt: die Gesellschaft.

In der Folge analysiert Nassehi eine „dritte Entdeckung der Gesellschaft“ durch die Digitalisierung. Die Datenanalyse via Digitaltechnik ist für ihn ein empirischer Beweis dafür, dass es „so etwas wie eine Gesellschaft, eine soziale Ordnung gibt, die dem Verhalten der Individuen vorgeordnet ist.“ Es ist gewissermaßen eine Ontologie, die Nassehi mit seiner Theorie der digitalen Gesellschaft unternimmt – eine Sozialontologie . Denn er will im Sinne eines sozialontologischen Realismus beweisen, dass es die Gesellschaft wirklich gibt – und zwar als digitale.

Deswegen solle man vor der Digitalisierung auch weniger Angst haben und sie nicht als Fremdkörper wahrnehmen, der einen gesunden Körper befällt und übernimmt. Sein Buch wirkt wie ein Versuch, sowohl Optimismus- als auch Pessimismus-Diskurse über die Digitalisierung loszuwerden, um frei darauf zu blicken, was die Digitalisierung eigentlich für einen Grund und für eine Funktion hat.

Der Leser wird allerdings von Nassehi eher mit einem optimistischen Blick versorgt. Denn die Digitalisierung löse Ordnungen nicht auf, sondern man könne mittels Datenanalyse über Digitaltechnik mehr als je zuvor in der Geschichte Ordnungen und Regelmäßigkeiten aufzeigen und Strukturen erkennbar machen. Die Zwischenzeile ist hier nahezu aufdringlich und heißt: Trotz der Gefährdungen der Privatheit, trotz der Gefahr von Monopolisierung der privaten Big-Data-Industrie, die ihre Marktstellung auch unlauter ausnutzen könnte, trotz der Unwissenheit über das Treiben von Geheimdiensten, trotz Überhitzungen in medialen Debatten (gemeint mag so etwas wie Hate-Speech im Internet sein) sei Digitalisierung ein Prozess, der Ordnung nicht zerstöre, sondern  sogar zur Stärkung von Ordnung beitragen könne, weil durch Datenanalyse Strukturen und Muster erst entdeckt werden könnten.

Aber da ist eben dieser blinde Fleck in Armin Nassehis Buch: Es muss immer ein Individuum geben, das die Daten durchsucht und Muster findet. Ja, es muss auch immer einen Informatiker geben, der den Algorithmus programmiert, der bei der Datenanalyse hilft. Es muss immer das Individuum geben, das die Ergebnisse der Suche von Algorithmen in den Daten sichtet und bewertet. Kurz: Ohne Individuen findet keine Datenanalyse statt. Die Individuen sind also doch mächtiger als der Systemtheoretiker Armin Nassehi andeutet. Das Individuum verschwindet in seinem Buch nämlich eher. Ein soziologischer Holismus – à la Luhmann – fängt das Individuum nicht ein. Er blendet es eher aus.

Aber da ist eben dieser blinde Fleck in Armin Nassehis Buch: Es muss immer ein Individuum geben, das die Daten durchsucht und Muster findet.

Dabei kann Nassehis Wunsch nach der Wiedergeburt der Soziologie, also der Hoffnung auf ein Aufblühen der Soziologie, mit der er sein Buch schließt, ohne das Individuum kaum gelingen. Exakt dazu steckt nun aber, relativ verborgen, ein interessanter Gedanke am Ende des Buches. Dort schreibt Nassehi, dass die Vermessung der Welt im 19. Jahrhundert ein „berechnender Elitenblick“ gewesen sei. Anders gesagt: Es waren Bürokraten, adlige Intellektuelle, ein paar Kaufleute aus oberen Schichten, die Mustererkennung betreiben konnten, weil sie Material dafür hatten. Mustererkennung war der Elite vorbehalten.

Nun sind wir aber eine freiere Gesellschaft geworden, in der jedes Individuum mehr Möglichkeiten hat – oder etwa nicht? Ist Mustererkennung nicht heute für jedermann möglich? Kann der normale Bürger so zu einem Soziologen werden und damit die Soziologie von einer Fachdisziplin zu einer Alltagsdisziplin und Jedermanns-Sache machen? Oder ist es eben nur der Data-Analyst bei Google, Facebook oder SAP, der dort Daten zur Arbeit der Mustererkennung zur Verfügung bekommt, der am Ende wirklich Mustererkennung betreiben kann? Denn woher soll der „normale Bürger“ schon die Daten (die Datenmengen) nehmen, um Mustererkennung zu betreiben?

Das ist die wahrscheinlich interessanteste Frage, die Armin Nassehis Buch, gewollt oder ungewollt, uns mit auf den Weg gibt. Denn könnte jeder Bürger ein Soziologe, ein Data-Analyst, ein Mustererkenner werden, wäre die Digitalisierung als Emanzipation zu deuten. Kann es aber nur der Data-Analyst von Google, wäre der Prozess der Digitalisierung kein emanzipatorischer Weg, sondern würde eine gefährliche Monopolisierung implizieren. Dagegen könnte der auf Freiheit und Emanzipation fokussierte Beobachter nun sagen: Es gibt doch Open-Source-Programmierung. Darin läge doch eine Chance. Und doch bleibt auch hier die Frage: Wer außer ausgebildeten Informatikern soll das verstehen? Wird der Informatiker und Data Analyst also der eigentliche Soziologe, und eigentlich der Einzige, der noch Muster in der Gesellschaft zu erkennen und aufzudecken vermag? Wo soll da eine Emanzipation für Jedermann enthalten sein?

Das wäre meine offene Frage, die sich in Anschluss an das Buch von Armin Nassehi stellt: Trägt die Digitalisierung zur Emanzipation von jedermann bei? Und wenn ja: wie? Um in Nassehis Terminologie zu bleiben: Wie wird jedermann zum Subjekt der Mustererkennung? Und wie verhindert man, dass die breite Masse der Menschen nur Objekte der Mustererkennung sind?

Mit Nietzsche gesprochen: Die Bedeutung und Rolle des Individuums bleibt in Frage. Der Strukturalist bekommt das Individuum (vor allem die Frage nach ihm) nicht weg. Das Subjekt ist weder tot, noch verschwindet es. Wer kommt zuerst? Und was ist hier wem „vorgeordnet“? Was tut das Individuum eigentlich aktiv und was passiv? Und welche Macht haben einzelne Individuen über andere Individuen? Subjekt und/oder Objekt? Es sind viele offene Fragen.

Der Strukturalist oder Poststrukturalist, man weiß nicht genau, ob Armin Nassehi dazu gehört, wird die Frage nach dem Individuum nicht los – so sehr er es auch versucht. Insofern stimmt es wohl: Die Soziologie ist nicht mit den Großkopferten wie Niklas Luhmann gestorben. Aber der Soziologe wird wohl anerkennen müssen, dass die Frage nach dem Individuum bleibt. Da passt es gut, dass Armin Nassehi auch Philosophie studiert hat. Es ist ihm so zuzutrauen, dass sein nächstes Buch über den „Menschen in der digitalen Gesellschaft“ handelt.

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