Zwei der bekanntesten Forscher in Sachen globale Ungleichheit, François Bourguignon und Branko Milanovic, haben jeweils ihren neuesten Kenntnisstand und ihre politischen Schlussfolgerungen vorgelegt. Bourguignons französisches Original ist zwar schon aus dem Jahr 2012, aber die 2015 erschienene englische Ausgabe wurde erweitert und aktualisiert. Milanovic hat mit seinem dritten Buch seine umfangreichen Daten zur weltweiten Einkommensverteilung noch systematischer aufbereitet und deutlich politischer interpretiert. Ihre Befunde sind eindeutig, in den Empfehlungen gibt es Unterschiede.

Hauptergebnis: Die weltweite Ungleichheit zwischen allen Menschen hat in den letzten 20 Jahren, also der Blütezeit der Globalisierung, abgenommen. Hallo!? Wie bitte? Ja, um dieses empirische Ergebnis zu verstehen, muss man genauer hinsehen. Wenn man alle Menschen ohne Rücksicht auf ihre Nationalität oder Wohnsitz betrachtet, dann hat der Aufstieg der asiatischen Volkswirtschaften, allen voran Chinas, die Einkommen der globalen Mittelklasse am stärksten wachsen lassen (siehe Grafik). Diese Mittelklasse besteht aus den 30 Prozent der Weltbevölkerung in den mittleren Zehnteln der globalen Einkommenspyramide, die heute so zwischen 3 000 und 6 000 US-Dollar im Jahr zur Verfügung haben.

Was unsere Wahrnehmung von steigender Ungleichheit prägt und weswegen wir verblüfft über diesen Befund sind, spielt sich am oberen Ende der globalen Verteilung ab (in der Grafik rechts). Da sieht man, wer die Verlierer des globalen Wachstums sind: die Unter- und Mittelschichten der reicheren Länder, deren Einkommen praktisch stagnierten. Dazu zählen die Reallöhne in Ländern wie USA oder Deutschland. Und man sieht eine zweite, relativ kleine Gruppe von Gewinnern: die obersten ein Prozent der Welt, deren Mehrzahl in den reicheren Ländern lebt (zwölf Prozent der Amerikaner und zwei Prozent der Deutschen gehören dazu). Es ist diese schreiende Diskrepanz zwischen dem explodierenden Reichtum der Millionäre und der Abkoppelung des Restes in unseren Gesellschaften, die zu Politikverdrossenheit und/oder Radikalisierung führt.

Die weltweite Einkommensverteilung wird nämlich von zwei konträren Trends getrieben: Abnehmende Einkommensunterschiede zwischen Ländern dank aufholenden Wachstums im globalen Süden und steigende Ungleichheit innerhalb von Ländern. Letzteres gilt auch und gerade für Länder wie China, die insgesamt reicher werden. Trotzdem dominieren die Einkommensunterschiede zwischen Ländern immer noch die globale Verteilung. Der Ort, nicht die Klasse gibt (noch?) den Ausschlag, ob ein Mensch zu den global ärmeren oder reicheren zählt.

Es ist diese schreiende Diskrepanz zwischen dem explodierenden Reichtum der Millionäre und der Abkoppelung des Restes in unseren Gesellschaften, die zu Politikverdrossenheit und/oder Radikalisierung führt.

Mit der geschilderten Entwicklung kippt eine alte Theorie über den Zusammenhang von Wachstum und Ungleichheit, die Kuznets-Kurve. Kuznets nahm an, dass mit der Industrialisierung die Ungleichheit erst zunimmt, um anschließend im Zuge von Massenbildung, Urbanisierung und demokratisch-wohlfahrtsstaatlicher Umverteilung wieder zu sinken. Neben diesen gutartigen Faktoren „helfen“ auch bösartige wie Krieg, Seuchen und Revolutionen. So geschehen im globalen Norden zwischen 1860 und 1980. Doch seitdem steigt sie wieder, weshalb Milanovic auch von Kuznets-Wellen spricht.

Die Globalisierung treibt diesen Prozess an – darin sind sich beide Autoren einig. Die Konkurrenz der Billiglohnstandorte und die technologische Entwicklung untergraben die Einkommenschancen der abhängig Beschäftigten in den reicheren Ländern. Maschinen, die mit billiger Arbeit produziert werden, ersetzen teure Arbeit. Auch Migration trägt zur Einkommensspreizung bei. Die Umverteilung durch Steuern und Sozialsystem wird gleichzeitig geschwächt, wenn die Wettbewerbsstaaten Unternehmen und Reiche entlasten, die in der globalisierten Welt dem einzelstaatlichen Zugriff entgehen, und versuchen, die Lohn(neben)kosten zu senken, um Beschäftigung zu erhalten. Am oberen Ende stehen nicht nur die Kapitaleigner, die von der Umverteilung profitieren, sondern zunehmend auch die Toplohnempfänger (Manager, Banker, Künstler, Sportler etc.), die ihre speziellen Fähigkeiten und ihre Spitzenposition in globalen und digitalen Märkten extrem gut verwerten können. Die Lohnspreizung nimmt zu, die gewerkschaftliche Organisation ab, wenn der Arbeitsmarkt im Zuge der Tertiarisierung immer heterogener wird.

Milanovic und Bourgignon gehen davon aus, dass sich die Unterschiede zwischen den Ländern weiter verringern werden, vor allem durch ein starkes Wachstum in Asien.

Wie geht es weiter? Milanovic und Bourgignon gehen davon aus, dass sich die Unterschiede zwischen den Ländern weiter verringern werden, vor allem durch ein starkes Wachstum in Asien. Für die Weltbevölkerung insgesamt ist wichtiger, ob Afrika ebenfalls zu langfristig hohem Wachstum kommt. Deutlich skeptischer sind beide Autoren hinsichtlich der Ungleichheit innerhalb der Länder. Die Treiber der Ungleichheit bleiben wahrscheinlich noch länger wirksam. Milanovic kann sich vorstellen, dass in China die Kuznets-Welle „bricht“ und die Ungleichheit wieder abnimmt, während er in den USA (und anderen reicheren Ländern) einen weiteren Anstieg befürchtet, der vor allem in den USA zu einer Plutokratie führen und generell den Populismus stärken könnte. Langfristig würde die Klassenzugehörigkeit wieder über die Lebenschancen der Menschen bestimmen und die Verteilungskonflikte würden zunehmen.

Beide Autoren schlagen Maßnahmen vor, um die globale Ungleichheit zu bekämpfen. Bourguignon setzt auf die klassischen „sozialdemokratischen“ Maßnahmen wie Entwicklungszusammenarbeit, Bildung, Marktregulierung sowie Steuer- und Sozialpolitik. Milanovic geht darüber hinaus und fordert die Umverteilung der Vermögen. Auch Migration trägt aus seiner Sicht dazu bei, die globale Ungleichheit zu reduzieren, muss aber durch Maßnahmen in den Empfängerländern flankiert werden, die Zuzugsrechte und die Rechte von Eingewanderten neu definieren. Seine Hauptsorge ist angesichts weiter wachsender Ungleichheit, dass es letztlich die bösartigen Faktoren Krieg und Umstürze sind, die die Ungleichheit abbauen, aber um den Preis allgemeiner Verelendung und Leids. Für ihn droht eine Wiederholung der katastrophalen Entwicklung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, für die er ebenfalls die hohe Ungleichheit und die Verwertungskonflikte zwischen den nationalen Kapitalbesitzern verantwortlich macht, wenn riesige Vermögen nur durch politische Kontrolle immer größerer Märkte rentabel bleiben.

Wenn die Klassenherkunft für das Lebensglück wieder wichtiger als der Geburtsort wird und die Armen – wie Milanovic formuliert – die Kriege führen, die die Mittelklasse bezahlt und die dem obersten einen Prozent nutzen dann könnte ein anderes Konzept des 20. Jahrhunderts wieder aktuell werden: Klassenkampf, der aber derzeit wohl mehr von den Reichen geführt und gewonnen wird.