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„Ängste und Wut gegen ein gemeinsames Feindbild richten“
In der Pandemie schlägt die Stunde der Verschwörungstheoretiker. Extremismusforscherin Julia Ebner über Kontrollverlust und die drohende Eskalation.

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Demonstration in Köln gegen Corona-Maßnahmen

Lesen Sie diesen Artikel auch auf Russisch.

Das Interview führte Claudia Detsch.

Die Zeit der Corona-Pandemie ist die Zeit der Verschwörungstheorien. Welche machen derzeit im Netz und außerhalb die Runde?

Da lassen sich unterschiedliche Richtungen ausmachen. Im rechtsextremen Spektrum werden bereits bekannte Verschwörungstheorien und Ideologien mit der Corona-Krise kombiniert. Vor allem in rechten und identitären Kreisen wird sehr stark das Thema Migration verknüpft mit Corona. Es werden Verschwörungstheorien und Falschmeldungen verbreitet, die Migranten die Schuld zuschreiben. Diese seien verantwortlich für den Ausbruch und die Verbreitung des Corona-Virus in Europa. In den letzten Wochen kommt die Behauptung hinzu, dass Migranten und Muslime sich nicht an die Quarantäne halten oder dass es ganze Migrantenviertel gebe, die ausgenommen seien von den Lockdown-Regulierungen. Im Fokus steht hier also das Thema Migration.

Sehr oft kommen in Neonazi- und noch extremeren Kanälen antisemitische Verschwörungstheorien hinzu: Die sogenannten globalen jüdischen Eliten seien für den Ausbruch verantwortlich. Auch diese Verschwörungstheorie gibt es schon viel länger. Dass Juden verantwortlich gemacht werden für Epidemien und Gesundheitskrisen, war bereits bei der Pest der Fall. Heute wird dieser Vorwurf verknüpft mit Anti-Bill-Gates- und Anti-WHO-Verschwörungstheorien, die weit verbreitet sind. So besagt eine Theorie einiger Rechtsextremisten, Bill Gates sei jüdisch und er leite das globale Judentum sozusagen an in einer künstlich erzeugten Pandemie, von der diese Eliten wirtschaftlich profitieren.

Dann gibt es noch gewaltbereite rechtsextreme Kanäle, in denen besprochen wird, das Corona-Virus als Biowaffe zu verwenden gegen Migranten, indem man beispielsweise Speichel auf Türklinken von Flüchtlingsheimen oder von Polizeistationen schmiert.

Wie sieht es in anderen extremistischen Kreisen aus?

In islamistischen Kreisen werden Verschwörungstheorien gegen den Westen verbreitet. Vor allem aber geht es darum, das Chaos auszunutzen und zur Eskalation des sogenannten Tag X beizutragen.

Dann gibt es Verschwörungstheorien, denen zufolge das Virus künstlich erzeugt wurde, um die gesamte Bevölkerung einer globalen Kontrolle zu unterwerfen oder soziale Kontrolle und totalitäre Systeme einzuführen. Diese Verschwörungstheorien finden sich quer durch ideologische Spektren. Das ist übrigens auch bei den Verschwörungstheorien zur WHO so. Und es gibt sehr viele Anti-China-Verschwörungstheorien, denen zufolge China das Virus als Waffe künstlich in einem Labor erzeugt habe. Eine der absurdesten Verschwörungstheorien gibt vor, Chinas 5G-Technologie sei verantwortlich für die Ausbreitung des Virus und für die Todesfälle. Nicht Corona, sondern die Telefonmasten seien also verantwortlich für die Toten. Es gab Fälle in ganz Europa, wo Telefonmasten angezündet wurden.

Einige der Verschwörungstheorien sind definitiv unmittelbar gefährlich, da sie zu Gewalt inspirieren.

Und schließlich wird immer stärker die Verschwörungstheorie verbreitet, nach der die Pandemie gar nicht existiert, es keine Todesfälle gibt und alle entsprechenden Berichte nur Fake-News sind. Da die Gefahr unsichtbar ist, überall und nirgends in gewisser Weise, ist selbst diese absurde Theorie relativ weit verbreitet – alles ist gar nicht wahr. Auch bei den Demonstrationen in den USA wird deutlich, dass manche wirklich glauben, es gebe kein Virus.

Diese Verschwörungstheorien ziehen sich quer durch die Gesellschaft?

Ja, wobei man in den USA und auch online durchaus beobachten kann, dass es eher Konservative, dem Trump-Lager nahestehende Menschen sind als Demokraten. Auch in Europa kommen die Anhänger dieser Theorien eher aus dem rechten Spektrum als aus linksliberalen Kreisen.

Handelt es sich weitestgehend um harmlose Spinnereien oder geht tatsächlich eine Gefahr für Demokratie und Gesellschaft von solchen Theorien aus?

Einige der Verschwörungstheorien sind definitiv unmittelbar gefährlich, da sie zu Gewalt inspirieren. Einerseits haben wir schon Vandalismus beobachtet, ich erwähnte bereits die 5G-Telefonmasten. Andererseits werden bei Verschwörungstheorien immer Menschengruppen dämonisiert, teilweise auch dehumanisiert. Wir haben in der Vergangenheit gesehen, dass das zu Terroranschlägen und zu Hasskriminalität führen kann.

Wir haben auch am Anfang sehr viel Anti-China-Rassismus und steigende Zahlen von Hasskriminalität vor allem gegen Asiaten beobachtet. Dass rassistische Hasskriminalität eventuell ansteigen könnte, nachdem der Lockdown gelockert wird, ist eine der großen Gefahren. Das könnte Terroranschläge inspirieren.

Wie sehr verfangen solche Theorien außerhalb einschlägiger Gruppen? Sind in der aktuellen Situation auch Menschen empfänglich dafür, die üblicherweise nichts mit Extremisten am Hut haben?

Wir alle sind in der aktuellen Situation viel anfälliger für Verschwörungstheorien, für falsche Informationen, die das riesige Informationsvakuum füllen und eine Antwort auf die Ungewissheit geben. Hier werden einfache Lösungen angeboten, für die wir empfänglich sind, weil einfach die Faktenlage nicht zufriedenstellend ist und große Ungewissheit herrscht.

Wir alle sind in der aktuellen Situation viel anfälliger für Verschwörungstheorien, für falsche Informationen, die das riesige Informationsvakuum füllen und eine Antwort auf die Ungewissheit geben.

Zudem verbringen die meisten Menschen im Moment viel mehr Zeit online. Man befindet sich viele Stunden in einer Echokammer und beginnt immer stärker, an diese Ideologien und Verschwörungstheorien zu glauben, weil es so oft wiederholt wird und man Inhalte aus unterschiedlichsten Ecken zu sehen bekommt, die diese Verschwörungstheorien nochmal bestärken.

Wie bewerten Sie vor dem Hintergrund dieser Entwicklung die Rolle von Politik, Wissenschaft und Medien? 

Selbst Politiker und andere einflussreiche Menschen verbreiten derzeit mitunter Falschmeldungen oder geben ihnen zumindest Auftrieb. Nehmen Sie zum Beispiel Trump, der die WHO stark kritisiert oder Bolsonaro, der die Existenz des Virus komplett in Frage stellt oder zumindest die Gefahr des Virus nicht ernst nimmt. Influencer hetzen gegen Bill Gates oder die WHO. Diese Menschen haben oft eine große Reichweite und so geraten diese Verschwörungstheorien auch an Menschen, die zuvor nie dafür anfällig gewesen wären. Das ist nur möglich, weil dieses Thema derzeit eine solche Präsenz hat und eben dieses große Fragezeichen im Raum steht: Was steckt dahinter? Mit was haben wir es überhaupt zu tun? Es gibt so viele Fragen, die in so kurzer Zeit beantwortet werden müssen, bei denen die Wissenschaft natürlich immer einen Schritt hinterherhinkt und die Falschmeldungen sich noch schneller verbreiten als das Virus selbst.

Warum haben Extremisten derzeit so leichtes Spiel?

Da sind zum einen die Ungewissheit und die Ängste, die in dieser Form wahrscheinlich noch nie so weit verbreitet waren wie jetzt. Ganz wichtig ist zudem die Kombination mit den sozialen Medien. Es handelt sich um die erste globale Krise, in der sich falsche Informationen auf globaler Ebene so schnell verbreiten können. Das können Extremisten enorm gut für ihre Zwecke ausnutzen. Sie können ihre Ideologien und ihre Verschwörungstheorien mit dem Corona-Virus kombinieren oder verknüpfen, so dass plötzlich alles Sinn ergibt in ihrem Weltbild. Sie können sich selektiv die Falschmeldungen und die Teile heraussuchen, die ihre Ideologien bestärken.

Verschwörungstheoretiker wie Alex Jones fordern seit Jahren die Schließung der Grenzen und warnen vor der Apokalypse. Sie haben die Prepper-Community, zu der teilweise auch die Reichsbürger gehören, immer stärker gefüttert mit Ängsten. Jetzt können sie sagen: Ich habe euch die ganze Zeit gewarnt. Das Profil dieser Menschen wird glaubwürdiger durch diese Krise, das ist eines der Probleme. Extremistische Gruppen können es sehr gut ausnutzen, dass nun alles in Frage gestellt wird: von den Regierungen über die Sicherheitsbehörden, die Medien. Das Vertrauen sinkt immer weiter, verstärkt noch durch die Wirtschaftskrise. Menschen verlieren ihre Arbeit oder haben Angst davor. Diese Ängste auszunutzen und gegen ein gemeinsames Feindbild zu richten, zu kanalisieren, das ist etwas, was Extremisten enorm gut beherrschen. Zudem sind die meisten ihrer Online-Kampagnen relativ geschickt gemacht.

In den Ländern, in denen rechte Parteien nicht an der Regierung beteiligt sind, sind sie in der Krise ins Hintertreffen geraten. Ihre Zustimmungswerte sinken. Könnten Sie auf mittlere Sicht trotzdem von solchen Tendenzen profitieren?

Es ist enorm schwierig, das vorherzusagen. Es wird sehr stark davon abhängen, wie sich die Lage entwickelt und wie stark die Bevölkerung der Regierung weiterhin Vertrauen schenkt. Oder ob die Entwicklung eher so ist, wie wir in der Migrationskrise erlebt haben: dass am Anfang Merkel gelobt wurde, sich dann aber nach und nach immer mehr Hass, immer mehr Zorn und Wut entwickelt haben, weil man das Gefühl hatte: Sie hat es nicht mehr unter Kontrolle. Sobald die Regierungen die Situation nicht mehr unter Kontrolle haben, kann sich die Situation sehr schnell in andere Richtungen entwickeln und die Randparteien oder die extremeren Stimmen können noch mehr Glaubwürdigkeit oder Legitimität bekommen.

Sie sind also nicht optimistisch, dass sich die Verschwörungstheorien legen, wenn die Pandemie zurückgeht?

Ich bin sehr zwiegespalten. Da es eine kollektive, globale Krise ist, in der wir alle dasselbe durchleiden, könnten mehr Solidarität und Vertrauen in die Demokratie erzeugt werden. An manchen Tagen bin ich diesbezüglich optimistisch. Überall auf der Welt haben wir gesehen, dass es mehr Empathie mit Menschen im eigenen Umfeld, aber auch gesamtgesellschaftliche Solidarität gibt. Andererseits kann es komplett in die andere Richtung gehen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass sehr oft sowohl gesundheitliche Krisen als auch Wirtschaftskrisen Hass noch mehr schüren und gesellschaftliche Spannungen noch mehr verschärfen können und dass Regierungen oder vor allem radikalere Parteien das für ihre Zwecke ausnutzen können. Das gleiche gilt für extreme Bewegungen.

Es handelt sich um die erste globale Krise, in der sich falsche Informationen auf globaler Ebene so schnell verbreiten können. Das können Extremisten enorm gut für ihre Zwecke ausnutzen.

Eine weitere große Gefahr scheint mir zudem, dass auf politischer Ebene ein nationalistischer oder auch ein Tech-basierter totalitärer oder autoritärer Weg gewählt wird. Ich denke, das ist  in einigen Ländern bereits zu beobachten. Autoritäre Systeme wie in Ungarn oder China haben im Moment nicht unbedingt ein Imageproblem. Was sie tun, scheint effektiv, und zudem sind die Menschen abgelenkt und weniger wachsam.

Welche Empfehlungen haben Sie insbesondere an die politische Ebene, aber auch an Zivilgesellschaft und Medien – welche Fehler muss man vermeiden, um diesen Tendenzen nicht noch Nahrung zu liefern?

Es ist enorm wichtig, transparent und konsistent zu kommunizieren, was passiert. Jede zusätzliche Verwirrung oder Unsicherheit kann einen enormen Backlash erzeugen. Das Schlimmste, was eine Regierung im Moment machen kann, ist, noch mehr Unsicherheit zu erzeugen. Man muss Sicherheit schaffen, dass alles unter Kontrolle ist, dass alles getan wird, um die wirtschaftlichen Konsequenzen möglichst zu reduzieren.

Ebenso wichtig ist es, Hoffnung zu machen und auf das Licht am Ende des Tunnels hinzuweisen – unter anderem auch, um die mentale oder die psychische Gesundheit von Menschen zu stärken, die gerade unter Einsamkeit oder unter diesen enormen Ängsten besonders stark leiden.

Wenn es um die sozialen Medien selbst geht – gibt es Möglichkeiten der Einflussnahme?

Auf jeden Fall. Corona hat gezeigt, dass die großen Tech-Plattformen, also Facebook und Twitter, sehr schnell reagieren und Falschmeldungen entfernen können. In gewisser Weise hat es zwar inzwischen ein Ausmaß angenommen, wo es schwieriger ist, das zu kontrollieren. Aber wir haben sehr schnelle Reaktionen gesehen, wenn es um das Entfernen von Falschmeldungen zu angeblichen Heilmitteln oder um das Regulieren der sozialen Medien ging. Das zeigt, dass diese sehr wohl konsequent mit radikalen Inhalten oder Radikalisierungskampagnen umgehen können. Zuvor hat es viel länger gedauert, bis etwas geschehen ist. Es zeigt sich, dass die großen Tech-Unternehmen anscheinend doch weitaus mehr Kontrolle über die Inhalte haben und dass viel mehr getan werden könnte, um Radikalisierungsinhalte und -kampagnen zu stoppen.

Sind Sie entsprechend optimistisch, dass sich beim Umgang mit Hass im Internet nachhaltig etwas verändert nach der Pandemiephase?

Das ist schwierig. Nicht immer haben wir es so klar mit einer Gefahr zu tun wie bei den falschen Heilmitteln, die tatsächlich Menschen töten können. Radikale oder hasserfüllte Inhalte bewegen sich sehr oft am Rande des Legalen. Ich denke, dass es deswegen weiterhin zu Diskussionen kommen wird, was wirklich entfernt werden soll und darf. Und selbst mit der Neufassung des Netzdurchsetzungsgesetzes wird es immer noch große Baustellen geben. Dies gilt insbesondere für die kleineren alternativen Plattformen, wo auch jetzt weiterhin die Verschwörungstheorien rund um das Corona-Virus verbreitet werden. Dort wird leider viel zu wenig getan, um zu intervenieren.  

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