Die Fragen stellte Nikolaos Gavalakis.
Seit Wochen gehen in Indien Zehntausende Menschen auf die Straße. Was ist der Auslöser der Proteste – und warum halten sie so hartnäckig an?
Als unmittelbarer Auslöser der Proteste gilt die Annullierung des National Eligibility cum Entrance Test, Indiens zentralem Aufnahmetest für das Medizinstudium. Hintergrund war, dass die Prüfungsfragen vorab geleakt worden waren. Rund zwei Millionen Studenten hatten die Prüfung am 3. Mai abgelegt und mussten sie im Juni wiederholen. In der Folge wurden etwa ein Dutzend Suizide mit der Annullierung in Verbindung gebracht.
Für indische Familien ist die Teilnahme an diesem Test oft das Ergebnis jahrelanger Vorbereitung und erheblicher finanzieller Opfer. Auf weniger als 150 000 Studienplätze im ganzen Land kommen mehrere Millionen Bewerber. Wenn dieses System versagt, zerbricht ein zentrales Aufstiegsversprechen.
Solche Fälle hat es in der Vergangenheit bereits mehrfach gegeben. Die Proteste halten dieses Mal aber an, weil es eben nicht nur um eine weitere gescheiterte Prüfung geht, sondern grundsätzlich um die Frage, ob sich Leistung in Indien lohnt. In einem Land mit über 600 Millionen Menschen unter 25 Jahren und ausgeprägter sozialer Ungleichheit ist soziale Mobilität der Kern des Gesellschaftsvertrags. Viele junge Menschen machen – wie derzeit in vielen Ländern der Welt – auf diese Missstände aufmerksam.
Wer trägt die Protestbewegung? Was wissen wir über die Demonstrierenden und ihre zentralen Forderungen?
Die Cockroach Janta Party ist aus einer Online-Satire entstanden und zugleich eine doppelte Anspielung. Zum einen parodiert sie die Regierungspartei Bharatiya Janata Party. Zum anderen bezieht sich der Name auf eine Äußerung des Obersten Richters Indiens Surya Kant. Dieser hatte Mitte Mai in einer Gerichtsverhandlung Aussagen gemacht, die weithin so verstanden wurden, als vergleiche er arbeitslose junge Menschen mit Kakerlaken. Er stellte später klar, er habe damit nur Personen mit gefälschten Abschlüssen gemeint. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Aussage online allerdings längst ein Eigenleben entwickelt.
Inzwischen hat der Instagram-Account der Kakerlaken-Bewegung über 23 Millionen Follower. Getragen wird sie vor allem von der Generation Z, wenngleich die Basis inzwischen deutlich breiter ist: Studenten, Lehrer, Eltern, Anwälte, Gewerkschafter und Bauern haben sich den Protesten angeschlossen.
Die Regierung hatte die Proteste wochenlang weitgehend ausgeblendet.
Zu den Kernforderungen gehören der Rücktritt von Bildungsminister Dharmendra Pradhan, eine grundlegende Reform des indischen Prüfungssystems, die Freilassung des im Hungerstreik befindlichen Aktivisten Sonam Wangchuk sowie Entschädigungen für die Familien der Studenten, die sich nach dem Prüfungsleak das Leben genommen haben. Bemerkenswert ist vor allem die Form der Bewegung: satirisch, digital und dezentral – zugleich aber mit sehr konkreten und verhandelbaren Forderungen.
Oppositionsführer Rahul Gandhi wurde zuletzt festgenommen. Ist das ein Zeichen wachsender Nervosität der Regierung?
Ich denke, man muss hier präzise sein: Rahul Gandhi wurde in Gewahrsam genommen und nach etwa drei Stunden wieder freigelassen. Ein solcher Vorgang gehört in Delhi bei nicht genehmigten Protesten in Hochsicherheitszonen zum üblichen Vorgehen. Das hat es auch unter früheren Regierungen gegeben und ist kein Novum.
Die Regierung argumentiert, dass der Marsch zum Parlament nicht genehmigt war und im Regierungsviertel Versammlungsverbote galten. Am Montag war es am Rande der Demonstrationen zu Ausschreitungen gekommen, unter anderem mit beschädigten Fahrzeugen, verletzten Sicherheitskräften und durchbrochenen Absperrungen. Anders gesagt: Aus Sicht der Behörden ging es um die Durchsetzung geltender Auflagen in einer Hochsicherheitszone und weniger um die Person Rahul Gandhi. Die Regierung versuchte zugleich, den Druck zu lindern, indem Premierminister Modi ankündigte, dass die Verantwortlichen für den Prüfungsleak bestraft würden, und seine Abgeordneten anwies, auf die Sorgen der Studenten einzugehen.
Dennoch bleibt der Vorgang aus zwei Gründen bemerkenswert. Erstens wegen der Bilder: Der Oppositionsführer wird bei einem Sitzprotest vor der Residenz des Premierministers von der Polizei abgeführt. Solche Bilder entwickeln in einer aufgeheizten Lage eine eigene Dynamik – unabhängig von ihrer rechtlichen Grundlage. Zweitens wegen des Timings: Die Regierung hatte die Proteste wochenlang weitgehend ausgeblendet. Dass sie nun gleichzeitig Gesprächskanäle öffnet und polizeilich durchgreift, zeigt, dass sie bislang keine kohärente Antwort auf die Proteste gefunden hat.
Dass die Regierung nervös ist, glaube ich jedoch nicht. Es handelt sich schlicht um eine komplexe Situation, für die es keine einfachen Lösungen gibt. Sicher scheint mir aber, dass die Opposition mit diesem Thema einen Hebel gefunden hat, der weit über ihre eigene Wählerschaft hinaus Resonanz erzeugt. Der Premierminister hat seit der Parlamentswahl 2024 fast alle wichtigen Landtagswahlen gewonnen. Zuletzt gelang der Regierungspartei sogar der historische Durchbruch in Westbengalen, wo die Partei zuvor noch nie regiert hat. An der Wahlurne wirkt Modi nach wie vor äußerst stark. Umso bemerkenswerter ist es, dass ihn nun eine Bewegung herausfordert, die gar nicht zur Wahl antritt. Sicherlich ist das die bislang größte Herausforderung seiner dritten Amtszeit.
Was sollten wir in Europa an diesen Protesten nicht übersehen? Geht es um einen singulären Konflikt oder spiegeln sie tieferliegende politische und gesellschaftliche Probleme des Landes wider?
Ich würde dabei vor allem drei Dinge hervorheben.
Erstens: Ich sehe kein Demokratie-Backsliding, sondern eher das Gegenteil. Hier geht es um eine junge Generation, die den Staat an seinen eigenen Versprechen misst und dafür demokratische Mittel einsetzt, etwa Humor, Petitionen oder Sitzproteste. Man sollte das deshalb nicht reflexhaft in ein Verfallsnarrativ der indischen Demokratie einordnen.
Der Umgang mit den Demonstranten in den vergangenen Tagen, etwa der Einsatz von Tränengas, Schlagstöcken oder die Räumung des Protestcamps, wirft allerdings berechtigte Fragen nach der Verhältnismäßigkeit auf. Ob eine Demokratie vital ist, zeigt sich nicht daran, dass solche Momente nie vorkommen, sondern daran, ob sie öffentlich ausgehandelt und im besten Fall korrigiert werden.
Ob Indiens junge Generation Perspektiven findet, entscheidet mit darüber, ob sich die Wachstumsgeschichte fortsetzt, auf die Europa wirtschaftlich setzt.
Zweitens: Im Kern geht es um Staatskapazität und ökonomische Strukturen. Auf dem Papier ist Indien eine Erfolgsgeschichte: die am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft der Welt, boomende Börsen, ein digitaler Staat. Aber dieses Wachstum ist das, was Ökonomen als K-förmig bezeichnen. Der obere Ast des K – IT-Dienstleistungen, Finanzsektor, Premiumkonsum und die großen Konglomerate – wächst spektakulär. Der untere Ast – Landwirtschaft, informeller Sektor und Massenkonsum – stagniert seit Jahren. Rund die Hälfte der Erwerbstätigen arbeitet noch immer in der Landwirtschaft, und der ganz überwiegende Teil der Beschäftigten arbeitet informell, also ohne Verträge oder soziale Absicherung.
Das Kernproblem ist die Beschäftigungsintensität – beziehungsweise ihr Fehlen. Indiens Wachstumsmodell ist dienstleistungsgetrieben und kapitalintensiv, schafft aber zu wenige gute Jobs für die zehn bis zwölf Millionen jungen Menschen, die jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt drängen. Das verteuert die wenigen sicheren Arbeitsplätze dramatisch. Dazu gehören Regierungsjobs und Berufe mit Medizinstudium – also Positionen, die soziale Sicherheit versprechen. Genau deshalb schlägt dieses Leak so stark ein: Wenn Millionen Menschen um weniger als 150 000 Medizinstudienplätze konkurrieren, ist diese Prüfung nicht irgendein weiterer Test, sondern das Nadelöhr zum oberen Ast des K. Wird dieser Test manipuliert, hinterfragt eine ganze Generation die Aufstiegserzählung eines Landes, die in Indien mit seiner Kolonialgeschichte und dem Kastenwesen ohnehin besonders aufgeladen ist.
Indien verfügt über eine gewaltige demografische Dividende. Sie ist aber kein Selbstläufer, sondern ein Zeitfenster. Sie zahlt sich nur aus, wenn Bildung, Prüfungswesen und Arbeitsmarkt in Produktivität übersetzt werden können. Diese Lücke zwischen Aspiration und Absorptionsfähigkeit der Volkswirtschaft ist die eigentliche kritische Frage für Indien – strukturell übrigens auch für manche europäische Gesellschaft, in der gute Bildungsabschlüsse nicht mehr automatisch in gute Jobs münden.
Drittens: Für Europa ist Indien als Partner gesetzt – ökonomisch wie geopolitisch, etwa durch Freihandelsabkommen, Lieferketten, Fachkräfte und zunehmende wirtschaftliche Verflechtungen. Unser Interesse an diesen Protesten ist deshalb kein moralisches, sondern ein strategisches. Ob Indiens junge Generation Perspektiven findet, entscheidet mit darüber, ob sich die Wachstumsgeschichte fortsetzt, auf die Europa wirtschaftlich setzt. Der Umgang mit den Anliegen dieser Generation ist deshalb kein Randthema. Wir sollten genau hinschauen – nicht als Lehrmeister, sondern als Partner mit einem ureigenen Interesse am Erfolg dieses wichtigen Landes.




