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Diplomatie in 280 Zeichen
Über die Folgen von Twitter für diplomatische Arbeit und Außenbeziehungen: Rainer Breul vom Auswärtigen Amt im Gespräch.

AFP
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Interview von Joanna Itzek

US-Präsident Trump umgeht mit seinen impulsiven Tweets regelmäßig das diplomatische Protokoll – und damit Prozesse, deren Stärke es ist, den Informationsfluss zu verlangsamen und drohende Konflikte zu entschleunigen. Welche Folgen hat Twitter für die diplomatische Arbeit?

Twitter hat sich als Medium in der diplomatischen Arbeit inzwischen fest etabliert. Fast alle Staaten nutzen die Plattform, sei es, um aktuelle politische Botschaften zu senden, ihr Land zu präsentieren oder um sich mit anderen Akteuren auszutauschen. Das kann der Dialog mit Bürgerinnen und Bürgern sein oder der schnelle Austausch innerhalb einer bestimmten Fach-Community.

Wichtig dabei ist, dass Twitter nicht für sich allein steht, sondern eingebettet ist in andere Formen der Kommunikation und des diplomatischen Austauschs. Ein Tweet kann und soll nicht persönliche Treffen zwischen Diplomatinnen und Diplomaten ersetzen, ebenso wenig wie die Kommunikation über Außenpolitik in den traditionellen Medien. Er kann diese Kanäle aber gut ergänzen: Twitter macht unsere Arbeit transparenter und zugänglicher, fast in Echtzeit können die Follower bei diplomatischen Verhandlungen dabei sein. Und natürlich können über Twitter auch eigene Impulse gesetzt werden.

Ist Transparenz per se gut? Inwieweit werden die geschützten Räume der Diplomatie beschädigt, wenn alles in Echtzeit in die Öffentlichkeit gespielt wird? Man denke nur daran, wie Donald Trump kürzlich die Friedensverhandlungen mit den Taliban via Tweet beendete.

Grundsätzlich ist Transparenz gut, auch für die Diplomatie. Denn Transparenz schafft Vertrauen. Und gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern wollen wir zeigen, woran wir arbeiten und damit auch Interesse wecken für Außenpolitik, informieren und Hintergründe bieten. Natürlich gibt es aber weiter Themen in der Diplomatie, bei denen besondere Vertraulichkeit geboten ist, gerade in schwierigen Verhandlungssituationen. Da ist dann auch nicht die Twitterdiplomatie gefragt, sondern die klassische Diplomatie mit ihren Instrumenten. Ein Twitterkanal kann keine Botschaft vor Ort oder die persönlichen Kontakte zwischen Regierungen ersetzen.

Trump ist nicht der erste Regierungschef, der bei Twitter für Kontroversen sorgt. Vor ihm lieferten sich dort schon etwa die Präsidenten von Estland und Ruanda Auseinandersetzungen mit den Medien. Allerdings ist er der einzige Politiker mit rund 65 Millionen Followern. Inwiefern verändert der US-Präsident die Spielregeln?

Es stimmt, der US-Präsident Donald Trump sorgt für Kontroversen und hat in gewisser Weise den Tonfall auf Twitter verändert. Gleichzeitig lässt sich beobachten: diese Art zu kommunizieren verfängt in der internationalen Gemeinschaft nicht. Wenn man sich die Twitter-Accounts anderer Regierungen anschaut, sieht man, dass wenige direkt auf Trumps Äußerungen reagieren. Da sieht man, dass sich diplomatische Beziehungen nach wie vor auf anderen Kanälen abspielen. In jedem Fall erhöhen die Kontroversen aber die Aufmerksamkeit dafür, dass man sensibel mit dem Medium umgehen sollte.

97 Prozent aller UN-Mitgliedsstaaten sind in irgendeiner Form offiziell auf Twitter präsent. Werden diplomatische Beziehungen fragiler, weil nun so viele Staats- und Regierungschefs tweetend ihre Agenda setzen können und damit unmittelbar eine globale Öffentlichkeit erreichen?

Ich glaube nicht, dass die diplomatischen Beziehungen fragiler werden. Wie gesagt: Twitter steht nicht für sich allein. Soziale Medien erweitern unsere Möglichkeiten, Beziehungen zu pflegen und zu kommunizieren, aber sie machen die traditionellen Kanäle nicht obsolet. Das sieht man im politischen Tagesgeschäft wie auch in der Medienlandschaft. Die Beziehungen werden nicht fragiler, sondern vielfältiger und das macht sie in der Regel stärker. Wir haben jetzt einfach mehr Möglichkeiten, miteinander in Kontakt zu treten – aber sollten diese natürlich auch verantwortungsvoll nutzen.

Dennoch haben manche Tweets massive politische Auswirkungen. Die kanadische Außenministerin etwa kritisierte auf Twitter die Regierung Saudi-Arabiens für die Verhaftung von Aktivisten und forderte deren Freilassung. Einen Tag später verwies die saudische Regierung den kanadischen Botschafter des Landes, strich Flüge nach Kanada und setzte studentische Austauschprogramme aus – alles wegen eines Tweets. Hier lässt sich doch ein erhöhtes Risiko für diplomatische Spannungen beobachten. Wie bewerten Sie das?

Ja, Äußerungen auf Twitter können ganz reale politische Konsequenzen haben und manchmal sogar für Spannungen zwischen Ländern sorgen. Tweets sind eben kein Tagebucheintrag, sondern ein Mittel der schnellen, sehr direkten Kommunikation für eine potentiell globale Öffentlichkeit. Diplomatische Konsequenzen nach öffentlichen Äußerungen von Regierungsmitgliedern hat es aber auch vor Twitter gegeben. Man denke nur an Günter Schabowski, der vor fast 30 Jahren vor laufenden Fernsehkameras die neuen Reiseregelungen für die Menschen in der DDR verkündete und damit zur Öffnung der Mauer und zu weitreichenden politischen Veränderungen beitrug. Davon abgesehen ist es auch oft nicht der Tweet selbst, der die Spannungen verursacht. Meistens gibt es ja tiefere Ursachen für Spannungen, die auch schon länger bestehen. Ein Tweet kann diese Spannungen dann aber zuspitzen.

Welche Vorteile bietet Twitter als diplomatisches Tool im Vergleich zu traditionellen Formen der Diplomatie?

Twitter hat unseren Instrumentenkasten erweitert: politische Arbeit ist transparenter geworden für die breite Öffentlichkeit, man kann direkter, schneller, unmittelbarer nachvollziehen, was gerade passiert. Und wir erreichen die Generation, die sich zunehmend ausschließlich über das Internet politisch informiert. Außerdem bildet Twitter auch mal Raum für den humorvollen Austausch, wenn es sich anbietet, das gilt natürlich genauso für Instagram und Facebook. Und: über die sozialen Medien können Politikerinnen und Politiker nicht nur senden, sondern auch zuhören und in den direkten Austausch mit den Menschen treten. Das ist auch für uns als Ministerium wichtig.

Welche Erfahrungen hat das Auswärtige Amt in den vergangenen Jahren mit Twitterdiplomatie konkret gemacht?

Mit Twitter sind wir 2011 in die Welt der sozialen Medien gestartet, inzwischen folgen dem Auswärtigen Amt auf Twitter, Instagram und Facebook mehr als 1,2 Millionen Menschen. Wir decken auf Twitter, wie auch auf unseren anderen Plattformen, eine große Bandbreite an Themen ab: von „harten“ politischen Nachrichten über Einblicke in die Arbeit des Auswärtigen Amts und der Auslandsvertretungen bei einem 24-stündigen Twitter-Marathon bis hin zu gemeinsamen Kampagnen mit anderen Außenministerien ist alles dabei. Im letzten Jahr haben wir unsere Kommunikation weiter ausdifferenziert. Wir sind in so vielen Bereichen aktiv, dass nur ein Bruchteil unseres außenpolitischen Engagements auf unseren Kanälen Platz gefunden hat. Um unsere Arbeit noch transparenter zu machen und die Diskussion zu bestimmten Fachthemen zu ermöglichen, haben sechzehn Führungskräfte bei uns eigene Twitterkanäle gestartet. Sie sind regional fokussiert oder setzen thematische Schwerpunkte wie Brexit, humanitäre Hilfe, Kulturdiplomatie oder Vereinte Nationen.

Gibt es ein Twitter-Protokoll, mit dem das AA arbeitet?

Wir haben keine starren Regeln, denn Twitter wird international ganz unterschiedlich genutzt. Jede Community hat ihren eigenen Stil, jeder Account funktioniert dadurch ein auch bisschen anders. Grundsätzlich ist aber jeder Tweet auch eine Äußerung in der Öffentlichkeit, bei der es für die Bundesregierung und Beamte Grenzen gibt - wie etwa das Gebot der parteipolitischen Neutralität. Die Regeln gelten für Interviews genauso wie für Posts in den sozialen Medien.

Welche strategischen Ziele verfolgt das AA mit seiner Social-Media-Kommunikation?

Hier sind Transparenz und Dialog zwei wichtige Stichworte. Wichtig ist dabei, dass wir nicht nur senden: wir wollen vor allem auch in den Dialog treten mit den Bürgerinnen und Bürgern. Wir werben dabei aktiv für ein weltoffenes Deutschland, das international Verantwortung übernimmt, für die europäische Integration und für gemeinsames, multilaterales Handeln in der internationalen Staatengemeinschaft.

Das versuchen wir je nach Kanal auf unterschiedlichem Wege. Twitter ist traditionell der Kurznachrichtendienst für tagesaktuelle politische Botschaften, Instagram dagegen soll mit Einblicken hinter die Kulissen eine zumeist jüngere Zielgruppe erreichen und für Außenpolitik begeistern. Auf Facebook arbeiten wir zunehmend mit Videos. Auch fast alle unserer Auslandsvertretungen sind in den sozialen Medien präsent.

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