Wir erleben derzeit eine erstaunliche Verbesserung der Beziehungen zwischen dem Iran und dem Westen. Wie wurde das möglich?

Meiner Ansicht hat die Verbesserung der Beziehungen zwei Ursachen. Die Innenpolitik im Iran spielt natürlich eine große Rolle. Gleichzeitig gibt es auch Hinweise darauf, dass die US-Position gegenüber dem Iran bröckelt. Zum ersten Mal wissen Regierungsmitglieder im Weißen Haus überhaupt, worüber sie eigentlich reden. Ich meine damit Verteidigungsminister Hagel, Außenminister Kerry und einige andere.

Die Mitglieder des derzeitigen iranischen Verhandlungsstabes saßen auch bei den Atomgesprächen 2003/2005 am Steuer. Damals konnten wir ein gutes Ergebnis erzielen, doch der Westen war nicht bereit zu liefern. Daher kamen die Gespräche zum Erliegen. Heute sind wieder dieselben Leute zuständig. Sie haben Erfahrung, und sie wissen, wie es geht und wie sie es schaffen können. Zum Thema Iran gibt es wirklich sehr erfahrene Leute. Das ist gut.

Zum ersten Mal wissen Regierungsmitglieder im Weißen Haus überhaupt, worüber sie eigentlich reden.

Wir sind weit gediehen bei der Lösung einer Krise, die im Grunde von Anfang an künstlich fabriziert war. Heute will wirklich niemand mehr zurück zu der Situation von vor zwei Jahren oder vor dem Genfer Abkommen. Das ist positiv. Die Suche nach einer Alternative zu einer ausgehandelten Einigung in der Atomakte ist wenig aussichtsreich. Um ehrlich zu sein: Niemand will das. Der iranische und der amerikanische Außenminister sind täglich in Kontakt. Das ist sehr zweckdienlich, und deshalb bin ich in Hinblick auf das künftige Verhältnis zwischen dem Iran und dem Westen optimistisch.

Das bilaterale Verhältnis hat sich in den letzten Jahren immer mal wieder gebessert und dann wieder eingetrübt. Warum sollte es diesmal anders sein?

Diesmal gibt es in der Region und in der Welt viele Aufgaben und Krisen, die beide Seiten zusammenbringen werden. Die Lage ist heute anders als vor zehn Jahren. Das ist ein wichtiger Faktor. Der zweite Faktor: Die Vertreter des Westens sind zum ersten Mal seit langem zu dem Schluss gelangt, dass der Iran nicht Teil des Problems ist, sondern Teil der Lösung. Somit sind zwei Dinge relevant: Wir haben es mit einer großflächigen Krise zu tun; der Terrorismus stellt weiterhin eine globale Bedrohung dar. Und der Iran kann in einer solchen Krise eine positive Rolle spielen. Das ist der Unterschied, und daher ergibt sich ein anderes Bild.

Die Vertreter des Westens sind zum ersten Mal seit langem zu dem Schluss gelangt, dass der Iran nicht Teil des Problems ist, sondern Teil der Lösung.

Natürlich hat sich auch die iranische Innenpolitik verändert. Wir hatten letztes Jahr extrem wichtige Wahlen. Die Bedeutung dieser Wahlen liegt im Kontext der Region auf der Hand. Das iranische Volk hatte eine Forderung: Es forderte eine verantwortungsvollere Regierungsführung und in der Außenpolitik verbesserte Beziehungen und ein größeres Einvernehmen mit der Welt.

Dennoch ist eine Einigung zu Syrien schwer vorstellbar. Außer dem IS als Feind gibt es kaum Gemeinsamkeiten. Wie lässt sich dieser Konflikt lösen?

Zuallererst: Die Einheit von Ländern wie Syrien ist unverzichtbar. Zweitens haben wir gemeinsame Interessen. Da wäre beispielsweise die Notwendigkeit einer politischen Lösung. Das ist eine gemeinsame Aufgabe. Niemand von uns glaubt an militärische Lösungen. Auch der tägliche Verlust an Menschenleben geht uns alle an. Da haben wir ebenfalls eine gemeinsame Ebene.

Um unsere Probleme zu lösen, müssen wir zu einer gemeinsamen Sicht dessen gelangen, was vor Ort eigentlich geschieht. An dieser Stelle halten wir unsere Analyse für sachgerechter als die des Westens. Für uns steht fest, dass sich in Syrien keine echte Revolution abspielt. Viele Kämpfer kommen von außerhalb Syriens. Eine Revolution müsste von innen kommen. Das war eine Irreleitung des „Arabischen Frühlings der Demokratisierung“, die eine Art ethnische Krise und einen Religionskrieg daraus machte. Wenn wir also zu einer besseren und sachgerechteren Erklärung der Ereignisse vor Ort gelangen, können wir, glaube ich, diese Schwierigkeiten bewältigen.

Und die Schwierigkeiten mit der Person Baschar al-Assad und seinem Regime überwinden?

Das muss das syrische Volk tun. Wie überall kann das nicht von außen aufgezwungen werden. Das syrische Volk muss entscheiden. Sehen wir doch nur, was in Libyen geschehen ist. Das Regime wurde von außen gestürzt, und was haben wir nun? Wer über eine Veränderung eines Regimes von außen nachdenkt, muss auch Konsequenzen und Alternativen bedenken. Das Ausland sollte den Weg bereiten, damit die Syrer selbst entscheiden können, was sie wollen. Wir sollten keine Bedingungen für den Ausgang stellen.

Es gibt Spekulationen über eine Militärkooperation zwischen dem Iran und den USA im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat. Gibt es für den IS eine militärische Lösung?

Der wahre Krieg wird lange dauern und liegt noch vor uns: der Krieg der Ideen und Glaubenssysteme. Das ist die fundamentale Herausforderung. Militärisch betrachtet wäre vor Ort jede Lösung eine kurzfristige. Man sollte daher die kurzfristige Lösung mit der langfristigen kombinieren.

Ist praktisch gesehen die Voraussetzung für echte Stabilität nicht eine Annäherung zwischen dem Iran und Saudi-Arabien?

Sie überschätzen das Ausmaß der iranisch-saudischen Rivalität. Vergessen wir nicht, dass die Amerikaner nach dem 11. September überreagierten. Das taten sie im Irak und in der gesamten Region. Wir haben es somit nicht mit einem ausschließlich religiös motivierten Krieg zu tun, sondern mit der Reaktion auf eine Überreaktion. Vergessen wir nicht die Intervention von außen in der Region, und erliegen wir nicht dem Wunschdenken anderer. Vergessen wir nicht, dass Vertreter des Westens und Israels meinten, die Krise in Syrien sei innerhalb weniger Wochen erledigt. Messen wir daher bitte der saudisch-iranischen Rivalität nicht allzu großen Wert bei.