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Glühwein für Afrika
Der Kontinent braucht mal wieder unsere Hilfe. Prost!

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Picture Alliance
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Jeder Schluck hilft wissenshungrigen Studenten in Kenia. Da wird einem warm ums Herz.

Weihnachtszeit – spätestens jetzt sollten jeder und jede mit einem Gewissen vor Jahresschluss einmal wieder Afrika retten. Vor allem in lokalen und regionalen Zeitungen wird dafür geworben. Die online-Zeitung Lokalo.de zum Beispiel legt ihren Leserinnen und Lesern in diesem Jahr das Projekt „Glühwein für Afrika“ ans Herz: „Ziel des Afrikastandes auf dem Trierer Weihnachtsmarkt ist es, durch den Verkauf von ‚Glühwein für Afrika´ bildungshungrigen jungen Menschen in Kenia ein Studium zu ermöglichen. (...) An den kommenden drei Adventswochenenden ist der Afrikastand noch vor der Trier Galerie in der Innenstadt aufgebaut und lädt Besucherinnen und Besucher herzlichst ein, einen Glühwein oder einen alkoholfreien Punsch für den guten Zweck zu trinken.“

Eine recht anschauliche Vorstellung davon, wie grauenvoll Afrika sein muss und wie unhaltbar die Lebensumstände dort, bekommen Leserinnen und Leser der Südwestpresse. „Ihr Zuhause ist die Straße. Sie ernähren sich vom Abfall der Stadt, leiden Schmerzen vor Hunger. Kenias Kindern fehlt jede Perspektive“, heißt es in der Tageszeitung aus Bayern. „Und wir Zeitungsmacher wollen auch in diesem Jahr wieder an diejenigen denken, die dringend Hilfe brauchen.... Die Rede ist von notleidenden Menschen in Afrika. Vor allem von den Kindern, denen ohne Unterstützung aus den westlichen Industrienationen ein Leben ohne jede Zukunft droht.“ Dabei ist nur so wenig nötig, glaubt man nach der Lektüre, um das triste Schicksal der Afrikanerinnen und Afrikaner doch noch abwenden zu können. Etwas guter Wille, ein offenes Portemonnaie auf dem Weihnachtsmarkt.

Im Südkurier erfährt man von einer Rentnerin, die „sich auf unterschiedliche Weise für Afrika, dem Kontinent, der ihr Herz tief berührt hat“ engagiert. „Sie ist erfinderisch, um Spenden zu sammeln, verkauft nicht nur selbst gemachte Marmelade und Dörrobst, sondern veranstaltet regelmäßig nach Ostern einen Flohmarkt, dessen kompletter Erlös in ihr Hilfsprojekt einfließt. Aktuell findet vor ihrer Haustür ein kleiner Weihnachtsmarkt statt – und zwar täglich und ganztägig.“ Die Spenden, erfahren Leserinnen und Leser auch noch, „überbringt sie persönlich, damit sie direkt bei den Armen ankommen“.

Ein anderer engagierter Rentner zieht jedes Jahr zwei Monate lang zu den Massai in Tansania. "Wir kümmern uns um die Kinder, denen kann man noch etwas beibringen“, wird der gelernte Gärtnermeister aus dem Erzgebirge von der Freien Presse zitiert, die in Chemnitz erscheint. „Die Massai sind Viehzüchter. Sie müssen lernen, den Boden zu bebauen“.

Hilfsbereitschaft in allen Ehren. Aber ob der Gärtnermeister aus dem Erzgebirge wirklich weiß, was die Massai am Kilimandscharo „müssen“? Beim Lesen solcher Artikel entsteht unweigerlich ein doppelter Eindruck: Erstens stellt sich Respekt ein vor der Großzügigkeit und oft auch Zähigkeit der gut meinenden Helferinnen und Helfer. Aber zweitens erscheinen die Afrikanerinnen und Afrikaner absolut bedürftig und dadurch fast schon kindlich. Anscheinend nämlich kann – und muss! – man ihnen bei allem helfen. Sie sind offenbar hilflos, wenn nicht die weißen Helfer kommen, dieser Eindruck jedenfalls entsteht.

Über die Gründe dieser Hilflosigkeit wird in solchen Artikeln nicht diskutiert, das eigentliche Thema sind ja die weißen Helfer. Genannt wird in aller Regel „die Armut“, und „die Armut“ scheint in Afrika so naturgegeben zu sein, wie Gebirge oder Wüsten. Zugleich aber scheinen sich die Afrikanerinnen und Afrikaner aus dieser Armut nicht mittels eigener Kraft befreien zu können. Ihnen fehlen anscheinend die guten Ideen, die in Europa offenbar am laufenden Meter produziert werden.

Wenn Afrikanerinnen und Afrikaner in den Medien nicht in dieser Weise als chronisch Hilfsbedürftige dargestellt werden, dann wird entweder über ihre sportlichen Leistungen (und neuerdings über das weit verbreitete Doping) berichtet, oder über ihr Rhythmusgefühl und ihr musikalisches Talent. Die Afrikaner, so könnte man meinen, hungern, tanzen oder dribbeln, und oft auch alles zugleich. Dass sie hungern und trotzdem so fröhlich sind, dass sie tanzen, ist ebenfalls ein beliebtes Motiv. Sonst aber machen sie offenbar den lieben langen Tag nichts.

Natürlich gibt es auch andere als die oben erwähnten Berichte, die ja eigentlich die deutschen Wohltäter feiern, und sich nicht so sehr den Verhältnissen in Afrika widmen. Aber zahlenmäßig dominieren sie die Berichterstattung und verfestigen so das Bild, das sich Deutsche von Afrikanern machen. Denn die vielen kleinteiligen, immer gut gemeinten, aber oft sehr unbedarften Spendenaktionen gehen ja, wie oben skizziert, von der Annahme aus, dass „der Afrikaner“ sich selbst nicht zu helfen weiß. Das technisierte, moderne Afrika, die intellektuelle Elite des Kontinents, die global vernetzte afrikanische Jugend, das alles taucht als Gedanke nicht mal am Horizont auf. Ebenso wenig wie ein möglicher Zusammenhang zwischen Armut in Afrika und internationalen (handels-) politischen Verhältnissen.

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5 Leserbriefe

H.F. schrieb am 08.12.2015
Herrlich: "Die Afrikaner, so könnte man meinen, hungern, tanzen oder dribbeln, und oft auch alles zugleich." Danke frau Ruehl für das kritische den Spiegel vorhalten.
Heiko von+Thaden schrieb am 08.12.2015
Das Afrikabild der Sammelvereine hat wenig mit der Wirklichkeit vieler Staaten und Regionen in Subsahara zu tun. Das es viele Boomregionen kommt in unseren Medien nicht vor. Das wird von Institutionen genutzt, sich selbst zu bereichern. Auch unsere "Entwicklungshilfeindustrie" hat ein großes Interesse, das dieses Bild aufrecht erhalten bleibt, hängen doch viele lukrative Jobs in den zu entwickelnden Länder davon ab. Natürlich helfen die gespendeten Beträge im Einzelfall. Sinnvoller wäre es, das Geld einem Entwicklungsfond zur Verfügung zu stellen, der damit den Aufbau und Enwicklung von Infrastruktur, Gesundheits- und Bildungssystem in den Ländern unterstützt..
joh schrieb am 15.12.2015
Sehr interessant, auch wir haben ein kleines Projekt in Afrika und brauchen Spenden, da wir alles daraus finanzieren. Das ist schwer genug die Kohle aufzutreiben und dann noch als Idiot dazustehen ist nicht gerade erbaulich. Besser man macht nichts, dann kann man auch nichts falsch machen.
steffen schrieb am 21.12.2015
was wollen sie mit diesem artikel eigentlich bezwecken? spenden verhindern? sich selbst als ach so verständnisvolle menschen feiern? tragen sie doch bitte selber etwas zur lösung von problemen bei, als andere zu kritisieren.
KaJu schrieb am 27.12.2015
Liebe Frau Rühl, obgleich die Berichte über Afrika vielschichtiger werden und die Zusammenhänge zwischen Elend dort und unserem Lebensstil hier öfters beleuchtet werden, so beherrschen leider nach wie vor Krieg, Krankheiten, Armut, Hunger und Abhängigkeit von Agrarkonzernen die Berichterstattung über Afrika. Dies ist zu kritisieren. Berichte z.B. über die quirlige kenianische oder ruandische IT Start-up Szene, wie Sie sie immer wieder anbieten, sind in den deutschsprachigen Medien noch zu selten zu finden. So ich Ihre Kritik an dieser Stelle über die einseitgen Bilder über Afrika teile, so möchte ich die Kritik an den Spendenaktionen, wie Sie sie beschrieben haben, zurückweisen. Ein Studium in Kenia kostet etwa 1000- 2000 EUR pro Jahr. Dies können sich nur wohlhabene Familien leisten. Solange wie der kenianische Staat sein Bildungssystem nicht sozial gerechter gestaltet, halte ich die Arbeit von Vereinen, die Stipendien an Studenten vergeben, die ein Studium mit den Mitteln ihrer Familien niemals leisten könnten. für extrem wichtig. Ohne höhere Bildung, das wissen Sie selbst aus Ihren Erfahrungen, wird für diese jungen Menschen sozialer Aufstieg kaum möglich sein.