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Brüder im Geiste?
Hat Trump als einziger Kim verstanden? Sein Vorgehen ist riskant, aber nicht aussichtslos.

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AFP
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Doppelgänger proben wie es aussehen könnte, das erste Treffen zwischen Donald Trump und Kim Jong-un.

Ein konstruktiver Dialog zwischen den USA und Nordkorea unter der Führung von Donald Trump und Kim Jong-un? Ein direktes Treffen beider mit dem Ziel, den Jahrzehnte schwelenden Konflikt um das nordkoreanische Nuklear- und Raketenprogramm unumkehrbar zu beenden? Utopisch, so die vorherrschende Meinung der meisten Beobachterinnen und Beobachter. Auch jetzt, wo es ans Eingemachte geht und ein Zusammenkommen der beiden Staatsführer anscheinend unmittelbar bevorsteht, überwiegen Argwohn und Vorbehalte, was den Ausgang betrifft.

Dabei ist das angekündigte Treffen keinesfalls eine Überraschung, sondern die konsequente Einlösung dessen, was beide Politiker schon seit Jahren neben allem Säbelrasseln und Zähnefletschen signalisieren – nämlich ihre Bereitschaft, den Konflikt bilateral auf höchster Führungsebene zu erörtern und dabei bestenfalls ein Paket zu schnüren, das die auf der koreanischen Halbinsel vorherrschenden Spannungen einvernehmlich aufzulösen vermag.

Daran glauben die wenigsten und untermauern ihre Skepsis mit ganz unterschiedlichen Argumenten. Beispielsweise ist da die Sorge, ein mutmaßlich selbstverliebter, nicht lenkbarer sondern impulsiv handelnder US-Präsident Trump verfüge weder über eine klare Strategie geschweige denn über ausreichend politische Routine für dieses Unterfangen. Ein solches bedürfe zwingend einer minutiösen und langwierigen Planung und Vorbereitung, so die historische Erfahrung, beispielsweise mit Blick auf die Annäherung zwischen Ost und West. Ein unbeholfener Trump laufe Gefahr, von einem listigen Kim über den Tisch gezogen zu werden.

Dessen Motive, sich momentan äußerst konziliant zu geben, so eine weitere Annahme, lägen zuvörderst in den schmerzhaften Auswirkungen der Sanktionen gegenüber Nordkorea und einem sich über die Jahre hinweg verschlechternden Verhältnis mit China begründet. In einer solchen Situation sei ein medienwirksames Gipfeltreffen mit dem US-Präsidenten eine willkommene Möglichkeit, die eigene Position zu stärken und das nordkoreanische System politisch aufzuwerten.

So eingängig die genannten Argumente auf den ersten Blick erscheinen mögen, lassen sie gleichwohl alternative Perspektiven außer Acht und verhindern damit andere Blickwinkel, aus denen heraus die jüngsten Entwicklungen betrachtet und interpretiert werden können.

Bei Lichte betrachtet standen die Chancen für einen nutzbringenden Dialog mit substantiellen Vereinbarungen zwischen den USA und Nordkorea lange nicht mehr so gut wie heute.

Denn obwohl es sich den Einschätzungen zufolge um die schärfsten Sanktionen handelt, die bisher gegenüber Nordkorea verhängt wurden – auch sie vermögen kein Regime zwangsweise an den Verhandlungstisch zu bringen, das seit langem sanktionserprobt ist und weiss, wie es den daraus entstehenden materiellen Mangel ideologisch erfolgreich für seine Position nutzen kann. Was den angenommenen Entfremdungsprozess zwischen China und seinem Verbündeten Nordkorea betrifft, lässt sich festhalten, daß das Verhältnis beider Staaten schon immer von Ambivalenz geprägt war. Darüber, welchen Einfluss Peking tatsächlich auf Pjöngjang hat, kann nur spekuliert werden.

Bei Lichte betrachtet standen die Chancen für einen nutzbringenden Dialog mit substantiellen Vereinbarungen zwischen den USA und Nordkorea lange nicht mehr so gut wie heute – und das nicht trotz verbaler Kraftmeiereien der beiden Hauptprotagonisten, sondern gerade deshalb. Während Barack Obama den Konflikt um das nordkoreanische Nuklear- und Raketenprogramm zurückhaltend behandelte, hat der Krieg der Wörter zwischen Donald Trump und Kim Jong-Un, verbunden mit der beiden allseits unterstellten Unberechenbarkeit, den Konflikt wieder ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Die Welt wähnte sich vor einem nuklearen Showdown, als Kim und Trump sich zu Jahresbeginn gegenseitig der Schlagkraft ihrer Nukleararsenale versicherten.   

Der Imageschaden bei Misserfolg wäre für beide jedenfalls immens und folgenreich.

So stehen die beiden als Sonderlinge karikierten Protagonisten nicht nur aufgrund ihres Amtes im Rampenlicht der Öffentlichkeit, sondern angesichts ihres exaltierten Gebarens auch unter besonderer Beobachtung. Zu viel steht für sie inzwischen auf dem Spiel, als dass sie nicht zum Erfolg verdammt wären. Beide sehen sich innenpolitisch unterschiedlichen Widrigkeiten gegenüber, die ihrer Macht gefährlich werden können. Folglich benötigen beide ein vorzeigbares Ergebnis, das mehr ist, als nur ein gemeinsames Foto für die Ewigkeit. Für sie geht es darum, sich als erfolgreiche Macher präsentieren und den eigenen Führungsanspruch legitimieren zu können. Der Imageschaden bei Misserfolg wäre für beide jedenfalls immens und folgenreich. Sofern sich darüber beide im klaren sind, kann das auch bedeuten, daß beispielsweise der neu von Trump in sein Team berufene Hardliner John Bolton, der unter der Bush-junior-Regierung maßgeblich für das Scheitern der Gespräche mit Nordkorea 2002 verantwortlich zeichnete, vom US-Präsidenten weniger als richtungsweisender Berater reaktiviert wurde, denn als Alibi gegenüber seinen konservativen Kritikern.

Dieser Interpretationsansatz bedeutet keinesfalls, dass dem Gipfeltreffen nicht auch ein böses Erwachen folgen kann. Die Erwartungen auf beiden Seiten sind seit langem klar definiert: Der Fokus für Washington und seine Verbündeten liegt auf einer verifizierbaren nuklearen Abrüstung Nordkoreas – im Tausch dafür verlangt Pjöngjang eine Nichtangriffsgarantie sowie die Normalisierung der Beziehungen. Ein solcher Deal ist nicht im Sinne der Hardliner, die auf amerikanischer Seite weiterhin konsequent einem Regierungswechsel in Nordkorea das Wort reden und auf nordkoreanischer Seite keinesfalls bereit sind, vollständig auf ihr Nuklear- und Raketenprogramm zu verzichten. Wenn sie es ernst mit ihrer erklärten Absicht zur Befriedung der koreanischen Halbinsel meinen, müssen sich Trump und Kim der rückwärtsgewandten Quertreiber in ihren eigenen Reihen bewusst und darauf bedacht sein, diese so an die Leine zu legen, daß sie den begonnenen Prozess nicht durch unabgesprochene Alleingänge kollabieren lassen. Daß weder Trump, geschweige denn Kim davor zurückscheuen, sich unliebsamer Berater, die ihnen nicht nützlich erscheinen, rasch und ohne Rücksicht auf deren Renommee zu entledigen, ist bekannt.

Ob im Anschluss an das geplante Treffen beider Staatsoberhäupter Katerstimmung oder ein klarer Kopf vorherrscht – beides hängt bei Lichte betrachtet ganz wesentlich vom psychologischen Moment der Begegnung und der Tagesform ihrer Hauptdarsteller ab. Trump und Kim halten das Zepter in der Hand und entscheiden aufgrund ihrer machtpolitischen Handlungsspielräume schlussendlich situativ und eigenmächtig, welchen Weg der Konfliktbearbeitung beide Länder die nächsten Jahre unter ihrer Führung beschreiten werden. Gelingt es Trump und Kim bei ihrer ersten persönlichen Begegnung, nicht nur Verständnis für die jeweilige Haltung zu erzeugen, sondern sogar Empathie füreinander zu empfinden, ist alles möglich. Und auch das, so lehrt uns die Geschichte, ist Realpolitik.

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