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Hacker für das Gute
Wie Apps das Leben von Flüchtlingen einfacher machen.

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„Welcome-App“ in Arabisch als Orientierungshilfe für Asylsuchende, Flüchtlinge und Migranten.

Wenn Flüchtlinge kommen, dann bleiben sie meist auch – nicht, weil sie wollen, sondern weil sie müssen. Wie James Fearon von der Universität Stanford empirisch nachgewiesen hat, dauert ein Bürgerkrieg durchschnittlich zehn Jahre; wenn ausländische Mächte oder viele Kriegsparteien beteiligt sind, sogar länger. Vor dieser Annahme müssen wir die Ressourcen so verteilen, dass die Flüchtlinge ein anständiges Leben mit Arbeit, Ausbildung, Gesundheitsversorgung und in Eigenverantwortung führen können, ohne dass die Lebensqualität der aufnehmenden örtlichen Bevölkerung leidet.

Der Philosophin Hannah Arendt zufolge werden Flüchtlinge meist als Abschaum der Erde betrachtet und behandelt. Wo immer sie hingehen, nimmt man sie als wirtschaftliche Bürde wahr, begegnen ihnen kulturelle Ängste, werden sie von populistischen Politikern missbraucht. Selbst wenn der Wille da ist – und das kommt selten vor –, ist die Hilfe nicht unkompliziert. Die Türkei, also das Land, das die meisten Flüchtlinge aufgenommen hat, investierte ihr gesamtes politisches Gewicht und mehr als acht Milliarden US-Dollar für die mehr als zwei Millionen Flüchtlinge auf ihrem Staatsgebiet. Dennoch bleibt die Aufgabe ungeheuer schwierig und unglaublich kostspielig, weil für die Aufnahme einer fremden Bevölkerung, die so groß ist wie die Sloweniens, eine ebenso große staatliche Struktur erforderlich ist.

Flüchtlinge leiden, weil sie in Staaten leben, die nicht für sie geschaffen wurden. In dieser Hinsicht ähneln sie jeder anderen unterversorgten Gruppe. Sie werden von Mittelsmännern ausgenommen, die ihnen Geld für eigentlich kostenlose öffentliche Dienstleistungen abnehmen. Sie werden von Arbeitgebern um ihren Lohn betrogen. Sie erhalten keine Versicherung oder werden gezwungen, gefährliche Jobs anzunehmen. Sie müssen Schmiergeld bezahlen, um ihre Kinder in kostenlosen öffentlichen Schulen anzumelden, müssen dem Apotheker Medikamente, die von der Versicherung erstattet werden, noch einmal bezahlen, werden von Immobilienmaklern betrogen, die für Sozialwohnungen eine Anzahlung verlangen, und von der Polizei schikaniert. Die Frauen fallen Zuhältern in die Hände, und kleine Kinder werden als landwirtschaftliche Hilfskräfte, Hausangestellte oder Bettler zur Arbeit gezwungen. Flüchtlinge werden ausgebeutet bis aufs Blut.

Der öffentliche Sektor steckt noch im 20. Jahrhundert fest und ist nicht schlank genug, um sich anzupassen.

Die Ursache dafür ist, dass wir mit prämodernen Methoden eine postmoderne Krise zu lösen versuchen. Der öffentliche Sektor steckt noch im 20. Jahrhundert fest und ist nicht schlank genug, um sich anzupassen. Ich habe dieses Phänomen selbst beobachtet. In einer Studie in der Türkei, an der ich im letzten Sommer beteiligt war, versuchten wir, über den Notruf einen Hinweis auf einen Schlepper zu geben, und das in der Stadt mit den meisten Flüchtlingen. In einer Welt, in der man mit einmal Tippen innerhalb von Sekunden eine Uber-Fahrt organisiert, brach unser Anruf mehr als sechsmal ab – jedes Mal war eine Frau in der Leitung, deren ernsthafte Hilfsbereitschaft von ihren begrenzten Sprachkenntnissen zunichtegemacht wurde –, und nach mehr als 40 Minuten scheiterte der Versuch endgültig. Doch neue Technologien können dafür sorgen, dass solche Episoden der Vergangenheit angehören.

Von Berlin bis nach Bangkok, von New York bis nach Nairobi ist eine wachsende Zahl von Hackern, Denkern und Neuerern dabei, die Art, wie wir unsere Gesellschaft sehen und organisieren, auf den Kopf zu stellen. Innerhalb eines Jahres zog etwa die New York Civic Hall, ein Co-Working Space für sozialengagierte Unternehmensgründer, über 1000 Entrepreneure an, die technische Hilfestellungen zur Lösung gesellschaftlicher Probleme entwickeln. Wenn man diesen Schwung nutzt, kommt man zu kostengünstigen, hoch effektiven Lösungen, mit deren Hilfe sich Staaten schneller und besser anpassen und Flüchtlinge mehr Eigenverantwortung übernehmen können. Es gibt schon heute mutige Projekte, die den Umgang mit Flüchtlingen fit machen fürs 21. Jahrhundert. Google.org brachte kürzlich mit NetHope, einem Zusammenschluss bürgerlicher gemeinnütziger Technologieunternehmen, das 5,3 Millionen US-Dollar teure „Project Reconnect“ auf den Weg. Es stattet gemeinnützige Organisationen, die in Deutschland Flüchtlingsarbeit betreiben, mit Chromebooks aus und unterstützt Softwareprojekte. Microsoft entwickelte gemeinsam mit den Vereinten Nationen die Datenbank „ProGres“, die mittels Chipkarten mit biometrischer Identifikation die Durchführung und Nachverfolgung humanitärer Hilfe verbessern und Diebstahl und Betrug vermeiden soll. UNICEF arbeitet mit mehreren nichtstaatlichen Partnern an dem Sahabati-Projekt („My Cloud“), ein Kernstück der Initiative „No Lost Generation“, mit der den 2,8 Millionen syrischen Kindern, die derzeit keine Schule besuchen, das Lernen ermöglicht werden soll.

Es gibt schon heute mutige Projekte, die den Umgang mit Flüchtlingen fit machen fürs 21. Jahrhundert.

Auch mehrere Startup-Unternehmen reiten auf dieser Welle. Das in Wien ansässige Where2Help, das Freiwilligen-Stellen in der Flüchtlingshilfe registriert, RefugeesWelcome in Berlin, auch als „Airbnb für Flüchtlinge“ bekannt, und andere aus der Zivilgesellschaft gewachsene Projekte machten bereits weltweit Schlagzeilen. Manche haben sich mittlerweile zu globalen Plattformen entwickelt, zum Beispiel die dänische Startup-Firma Refunite: Sie nutzt einfache Organisations-Tools, die gemeinhin für moderne Wahlkampfkampagnen verwendet werden, dafür, Flüchtlingen bei der Suche nach vermissten Angehörigen und bei der Familienzusammenführung zu helfen. Mit Unterstützung prominenter Spender wie Omidyar Network und der Clinton Global Initiative und in Zusammenarbeit mit Schwergewichten der Mobiltechnologie gründet Refunite Niederlassungen, die von der Türkei über Äthiopien bis nach Pakistan reichen.

Diese Projekte sind nur die Spitze des Eisbergs. In vielen Bereichen, sei es E-Government, Fernunterricht oder die mobile Geldüberweisung, sind die Möglichkeiten mannigfaltig und die Chancen groß. Nansen, ein von ehemaligen Studenten der Universität Columbia gegründetes Startup-Unternehmen in New York, brachte kürzlich gemeinsam mit dem türkischen Staat die Pilotversion seiner mobilen Anwendung auf den Weg, mit der Flüchtlinge rechtliche Verfahren wie das Aufgeben einer Anzeige bei der Polizei, die Beantragung einer Kostenerstattung bei der Krankenversicherung oder das Ersuchen um vorübergehenden Schutzstatus leichter bewältigen. Mit Apps wie Nansen können Flüchtlinge die meisten ihrer Probleme mit wenigen Klicks selbst lösen, statt Berge von Papier auszufüllen, stundenlang Schlange zu stehen und am Telefon von einem Sachbearbeiter zum nächsten verbunden zu werden, wie es derzeit geschieht. Die in Deutschland ansässige Kiron University ist eine der ersten kostenlosen Online-Universitäten für Flüchtlinge, deren Abschlüsse dank einer Partnerschaft mit der größten technischen Universität Deutschlands, der RWTH Aachen, anerkannt werden sollen. Ein Pilotprojekt in Kenia – das über 650 000 Flüchtlinge und das größte Flüchtlingslager in Dabaab beherbergt –, ist die mobile Plattform PoaPost, die das afrikanische Geldkuriersystem online bringt und damit für die Flüchtlinge die physischen Risiken und die astronomischen Kosten senkt, die es mit sich bringt, wenn sie ihr Geld mit sich herumtragen müssen. Es gibt sogar ein Startup – Refugee OpenWare in Amman – , das Flüchtlingen beibringt, wie sie einfache Industriemaschinen für die Umsetzung eigener Projekte nutzen können, sei es eine 3D-Drucker-Prothese, eine Löschpistole für den Feuerlöscher oder landwirtschaftliches Werkzeug.

Unsere Politiker mögen weder willens noch in der Lage sein, den Flüchtlingen zu helfen. Es gibt aber eine Armee aus Programmierern, Hackern, Denkern und Unternehmern, die den Willen und die Fähigkeit besitzen, ihre Aufgabe zu übernehmen. Geld allein vermag das Flüchtlingsproblem nicht zu lösen, doch der Fleiß und der Einfallsreichtum derer, die an der Spitze der beginnenden Revolution der Bürger-Technologie stehen, könnten es durchaus schaffen.

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1 Leserbriefe

Andrea aus+Bremen schrieb am 19.04.2016
Superklasse. Die Frage ist jedoch, wie wir den Einfallsreichtum und das Problembewusstsein der Flüchtlinge hier vor Ort in die Problemlösung einbinden können. Nach meinem Gefühl werden die Ankommenden viel zu sehr als Objekte unserer Hilfsbereitschaft gesehen als als Subjekte ihrer eigenen Zukunft. Zu wenig Kommunikation auf Augenhöhe ...