Ist es an der Zeit für eine Kommission, die sich mit der Erblast der Sklaverei und anderen Verstößen gegen die Menschenrechte in den USA befasst und um Wahrheit, Gerechtigkeit und Versöhnung bemüht ist? Vielleicht – wenn dies einer umfassenden und aufrichtigen Auseinandersetzung der USA mit Sklaverei und Unterdrückung in ihrer Geschichte dienlich ist.

Dass wir als Nation in diesem Punkt bisher kollektiv versagt haben, wurde im letzten Jahr bei mehreren rassistisch motivierten Gewalttaten wieder offenkundig. Vorfälle dieser Art sind allerdings nicht neu: Offene und versteckte Rassendiskriminierung und ihre Folgen gehören seit der Gründung der USA zum Alltag von nicht-weißen Menschen, sogenannter People of colour. In der US-amerikanischen Verfassung wurde der Wert eines afro-amerikanischen Sklaven auf drei Fünftel des Werts einer weißen Person festgelegt – Rassenunterdrückung wurde also in unserem obersten Gesetz festgeschrieben. Wie perfide dieser institutionalisierte Rassismus ist, wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass diese Festlegung nicht auf die Entrechtung von Afro-Amerikanern abzielte (denen die meisten Menschenrechte ohnehin verwehrt waren), sondern die politische Macht weißer Rassisten in der US-Regierung stärken sollte. Dann begann ein Jahrhundert, in dem die Gesetze und Institutionen von den rassistischen Jim-Crow-Gesetzen geprägt waren: Die Regierung erhob Segregation in allen Lebensbereichen zum Gesetz, etwa auf dem Wohnungsmarkt, im Bildungsbereich und bei der Kreditvergabe. Und auch im Privaten war Diskriminierung an der Tagesordnung. Ausgrenzung, restriktive Vertragsklauseln, Erschwernisse bei der Ausübung des Wahlrechts – diese und viele andere Praktiken zielten zumeist darauf ab, Weiße besser zu stellen, und taten dies auch verlässlich. Genauso gut könnten wir hier allerdings über die tief verwurzelte Unterdrückung von Angehörigen der amerikanischen Urvölker sprechen (und der genozidalen Gewalt, denen ganze Communitys von ihnen zum Opfer fielen) oder über die Ausbeutung und Unterdrückung asiatischer Minderheiten (von Chinese Exclusion Acts, mit dem die Zuwanderung chinesischer Migranten in die USA ausgesetzt wurde, über die Alien Land Laws, durch die Immigranten der Erwerb von Grundeigentum unmöglich gemacht wurde, bis zur Internierung japanischstämmiger Amerikaner) und die Ausbeutung und Unterdrückung der sogenannten Hispanics, die weit zurückreicht. Und im letzten Jahrzehnt konnten wir aus nächster Nähe miterleben, wie ein neues System der formellen und informellen Unterdrückung von Muslimen und Menschen, die als Muslime wahrgenommen werden, entstanden ist.

Rassendiskriminierung selbst ist nicht neu – neu ist, dass sie heute gefilmt wird.

Nein, man kann wahrlich nicht sagen, dass es sich bei Unterdrückung aufgrund von Rassenzugehörigkeit, Ethnie, Nationalität oder Religion um ein neues Phänomen in den USA handelt. Neu ist allerdings, dass einem Großteil der weißen Bevölkerung die mit dieser Erblast verbundenen Abgründe und ihre Auswirkungen dank der Kameras von Mobiltelefonen und der sozialen Medien so gegenwärtig sind wie nie zuvor. Rassendiskriminierung selbst ist nicht neu – neu ist, dass sie heute gefilmt wird.

Doch kann eine Wahrheits- und Versöhnungskommission hier wirklich helfen? Die Befürworter dieser Idee verweisen auf Dutzende von Ländern, in denen Wahrheitskommissionen eingerichtet wurden, um eine von Konflikt und Unterdrückung geprägte Geschichte aufzuarbeiten. Als Paradebeispiel nennen sie meist Südafrika, wo es ihrer Ansicht nach gelungen ist, das Erbe der Apartheid auf diese Weise aufzuarbeiten. Dies ist jedoch in zweifacher Hinsicht nicht stichhaltig. Zum einen hat Südafrika trotz der Arbeit seiner Wahrheitskommission auch heute noch mit dem Vermächtnis der Apartheid zu kämpfen. Zum anderen – und dieser Aspekt wiegt noch schwerer – verwechselt die Behauptung, eine Wahrheitskommission ermögliche einen effektiveren Umgang mit einer Geschichte der Unterdrückung und ihren Wunden, die Institution mit der Therapie.

Eine Wahrheitskommission ist kein Selbstzweck. Im besten Fall ist eine solche Kommission Teil umfassenderer nationaler Bemühungen um die Aufarbeitung einer problematischen Vergangenheit. Sie kann ein Verständnis schaffen, mit dem wir uns den Ungerechtigkeiten der Vergangenheit in der Gegenwart widmen können, um eine Zukunft zu schaffen, in der wir – um mit Lincoln zu sprechen – den „besseren Engeln unserer Natur“ näher kommen.

Um uns in den Vereinigten Staaten dem Erbe der Unterdrückung zu stellen, sollten wir mehrere Ansätze verfolgen. Erstens müssen wir unsere Geschichte der Sklaverei, des Rassismus und der Diskriminierung stärker in das öffentliche Bewusstsein rücken und eine Auseinandersetzung damit anregen. Es gibt verschiedene Mechanismen, die hierfür genutzt werden können – und bereits genutzt werden –, beispielsweise Literatur, Theater, Kino, Museen und Mahnmäler. Ein gutes Beispiel hierfür ist Bryan Stevenson, der mit seiner Equal Justice Initiative daran arbeitet, Ehrenmäler der Konföderierten Staaten von Amerika durch Denkmäler zu ersetzen, die uns die Sklaverei und ihr Vermächtnis in Erinnerung rufen, darunter Tausende von öffentlichen Lynchmorden, die bis weit in das 20. Jahrhundert hinein begangen wurden. Doch es reicht nicht, unsere Geschichte stärker im Bewusstsein der weißen Bevölkerung zu verankern. Das Bewusstsein für diese Geschichte dient auch einem höheren Zweck: einer Reform unserer Institutionen, damit sie vergangenes Unrecht besser aufarbeiten und Gerechtigkeit schaffen können.

Zweitens sollten wir daher unser Engagement verstärken, um die verbliebenen Spuren der Unterdrückung in unseren Gesetzen, unseren Institutionen und unserer Kultur zu beseitigen. So muss beispielsweise das Strafrechtssystem reformiert werden, das auch heute noch unseren Anspruch unterläuft, eine Gesellschaft zu sein, in der gleiches Recht für alle gilt – unabhängig von Hautfarbe, Rassenzugehörigkeit, Glaube, Ethnie und anderen Merkmalen, die keine Relevanz für einen Schuld- oder Freispruch haben sollten.

Eine Wahrheitskommission kann dazu beitragen, das erste Ziel zu erreichen – unsere Geschichte der Unterdrückung stärker in das öffentliche Bewusstsein zu rücken und eine Auseinandersetzung anzuregen. Es gibt allerdings noch andere Institutionen, die sich dieser Aufgabe annehmen können. Eine Wahrheitskommission birgt nämlich die Gefahr der Selbstgefälligkeit: Sie kann uns zu dem Glauben verleiten, dass ihre Einrichtung allein schon einen wirksamen Umgang mit unserem Erbe der Unterdrückung garantiert. Die Probleme, vor denen Südafrika aufgrund seiner Geschichte der Apartheid auch heute noch steht, sollten uns zu denken geben. Sie zeigen, dass es keine einfachen Lösungen gibt.

Aktivisten wie Bryan Stevenson arbeiten daran, das öffentliche Bewusstsein für vergangenes Unrecht zu schärfen. Sie erreichen auf eine organischere und nachhaltigere Art das Ergebnis, das mitunter von einer Wahrheitskommission erwartet wird. Ihre Bemühungen verdienen es, unterstützt, anerkannt und ausgebaut zu werden. Der Erfolg solcher Bemühungen sollte nicht an den Institutionen bemessen werden, die errichtet oder nicht errichtet werden. Ihr Erfolg sollte vielmehr daran gemessen werden, wie effektiv diese Bemühungen die dunkelsten Kapitel unserer kollektiven Geschichte in das öffentliche Bewusstsein und den öffentlichen Diskurs rücken und wie sehr sie uns dazu bewegen, uns die Auswirkungen dieses Erbes auf unsere Gegenwart einzugestehen – also daran, wie effektiv sie uns dazu bringen, den „besseren Engeln unserer Natur“ näher zu kommen.