Die Kontraste könnten nicht größer sein. Während Bundeskanzlerin Merkel Anfang Juli 2014 schon zum siebten Mal in großer Begleitung nach China reiste, hat sie Japan, die andere wirtschaftliche „Supermacht“ Ostasiens, seit ihrem Amtsantritt erst einmal – 2007 – besucht. Auch für viele andere hochrangige Bundespolitiker ist Tokio nicht die allererste Adresse. Allerdings fahren Ländervertreter häufiger dorthin, um für Investitionen und Unternehmensansiedlungen zu werben. Obwohl sich die Japan- Berichterstattung in den deutschen Medien seit einiger Zeit nicht mehr nur um die Atomruine Fukushima dreht, sondern zum Beispiel auch wichtige wirtschaftspolitische Entwicklungen aufgegriffen werden, entspricht das deutsche Interesse insgesamt nicht der Bedeutung eines Landes, das immerhin die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt ist und im asiatisch-pazifischen Raum eine sehr wichtige Rolle spielt. China hingegen beherrscht in jeder Hinsicht die Schlagzeilen.

 

Schwieriger Partner

Die Bewertungsunterschiede haben viele Ursachen. In wirtschaftlicher Hinsicht ist vor allem wichtig, dass Deutschland das Reich der Mitte seit dessen Öffnung 1978 in erster Linie als riesigen Absatzmarkt und lange Zeit auch als preiswerten Produktionsstandort ansah; ein Ergebnis hieraus ist, dass China etwa für die deutsche Autoindustrie inzwischen zu einem der weltweit wichtigsten Märkte geworden ist. Erst seit kurzem mehren sich aber die Stimmen, die diese Abhängigkeit als tendenziell sehr gefährlich einstufen.

Japan hingegen wird schon seit langem mit Recht als ein Hauptkonkurrent begriffen, auch wenn der Inselstaat besonders für die großen Unternehmen aus den „klassischen“ deutschen Exportbranchen, allen voran die Kfz- und Zulieferindustrie, trotz einer Reihe von Zugangsbarrieren ein wichtiges Ziel ihrer Absatz- und Investitionsstrategien darstellt. Große Teile des deutschen Mittelstands sind allerdings nicht selten sehr zurückhaltend gegenüber dem wirtschaftlichen Potenzial Japans: „Zu schwierig, zu zeitaufwendig“ sind Argumente, die häufig gegen ein Engagement vorgebracht werden. Dass viele Aspekte auch auf China zutreffen, wird dabei gerne verschwiegen.

Seit Japan fast zeitgleich mit dem Fall der Berliner Mauer Anfang 1990 in eine tiefe wirtschaftliche Krise geriet, [...]bestimmen oft diffuse Vorstellungen einer rasch alternden und wenig offenen Gesellschaft ohne große wirtschaftliche Perspektiven das Bild.

Auch unbewusste Faktoren dürften eine Rolle spielen: Seit Japan fast zeitgleich mit dem Fall der Berliner Mauer Anfang 1990 in eine tiefe wirtschaftliche Krise geriet, mit der das Land auch heute noch zu kämpfen hat, bestimmen oft diffuse Vorstellungen einer rasch alternden und wenig offenen Gesellschaft ohne große wirtschaftliche Perspektiven das Bild. Zu all dem kommt die Atomkatastrophe von Fukushima vom März 2011, die zu Recht große Besorgnis hervorrief, jedoch auch gerade in Deutschland für teilweise sehr überzogene Reaktionen sorgte.

Trotz alledem gibt es für Deutschland gute Gründe, sich wieder intensiver mit Japan zu befassen. Die Bemühungen der japanischen Regierung, die Deflation zu überwinden und die Konjunktur in Schwung zu bringen, sind generell auch im Interesse des Auslands. Besonders wenn Premierminister Abe sein Versprechen wahr macht und umfassende Strukturreformen durchsetzt, könnte dies die wirtschaftliche Attraktivität seines Landes beträchtlich erhöhen.

Ferner wird in Deutschland häufig übersehen, welch enormen wirtschaftlichen und technologischen Einfluss Japan weiterhin gerade in Ost- und Südostasien hat. Zwar ist das Reich der Mitte für japanische Unternehmen weiterhin der wichtigste Absatzmarkt und eine Hauptadresse für ihre Investitionen und wird dies voraussichtlich auch bleiben. Doch vor dem Hintergrund politischer Auseinandersetzungen mit China und unsicher werdender wirtschaftlicher und geschäftlicher Bedingungen dort suchen viele Firmen nach Möglichkeiten, wie sie das Risiko ihres Engagements begrenzen können. In diesem Rahmen gewinnen vor allem die ASEAN-Staaten wie Thailand, Malaysia, Indonesien oder Vietnam als Produktionsstandort und Absatzmarkt immer mehr an Bedeutung. Verbunden hiermit ist unter anderem auch ein Transfer an „soft skills“: So bilden zum Beispiel Einzelhandelskonzerne wie Aeon Personal aus den ASEAN-Ländern in Japan aus, um es anschließend als Führungskräfte lokaler Tochtergesellschaften wieder einzusetzen.

Die japanische Regierung unterstützt die Diversifizierungsbemühungen der Unternehmen. Deutlich aktiver als seine Vorgänger setzt Premierminister Abe Reisen als Mittel der Diplomatie ein: So hat er seit seinem Amtsantritt im Dezember 2012 bereits alle ASEAN-Staaten, aber auch Indien oder die Mongolei besucht. Absicht war und ist immer, einerseits der japanischen Wirtschaft Türen zu öffnen oder die Versorgung mit Rohstoffen zu sichern, andererseits aber auch den chinesischen Einfluss in den besuchten Ländern zurückzudrängen. Diese Entwicklungen zu verstehen und darauf zu reagieren, ist auch für Deutschland essentiell.

 

Viele Gemeinsamkeiten

Sicherlich ist Konkurrenz ein wichtiger Faktor in den wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Japan. Doch müssen sich beide Länder auch mit vielen sehr ähnlichen Problemen auseinandersetzen. Hier gibt es zahlreiche Möglichkeiten für eine engere Zusammenarbeit. So hat Japan mehr als andere Länder umfangreiche praktische Erfahrungen mit Hybrid- und Elektroautos und der dazugehörigen Infrastruktur sammeln und sich hier einen beträchtlichen Vorsprung an Zeit und Wissen sichern können. Deutschland bemüht sich stark darum, den Abstand zu verringern. Doch über die Lösung technologischer Probleme hinaus geht es in beiden Ländern um die Frage, wie das Verkehrssystem der Zukunft aussehen soll. Hier können beide voneinander lernen.

Roboter sind ein weiteres Gebiet, auf dem Japan sehr intensiv arbeitet. Schon heute ist der Inselstaat führend beim Einsatz von Industrierobotern; die Maschinen werden in Japan in Kombination mit stärkerer Digitalisierung als Kerntechnologien bei der Umgestaltung der industriellen Produktion gesehen. In Deutschland gibt es eine ähnliche Initiative unter dem Begriff „Industrie 4.0“. Die Durchsetzung der jeweiligen eigenen Standards ist ein wichtiger Motor der Programme, und hier stehen Japan und Deutschland in Wettbewerb zueinander. Andererseits eint beide Länder die Frage, wie und wo sich angesichts massiver Automatisierung neue Arbeitsplätze schaffen lassen.

Wie Japans Arbeitsmarkt in Zukunft aussieht, hängt auch davon ab, ob der Regierung Abe gelingt, Frauen stärker als bisher in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Wie Japans Arbeitsmarkt in Zukunft aussieht, hängt auch davon ab, ob der Regierung Abe gelingt, Frauen stärker als bisher in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dies gilt allgemein als eine wichtige Voraussetzung, der zunehmenden Knappheit an Arbeitskräften Herr zu werden. Derzeit sind nur etwa 63% der Frauen berufstätig. Viele Japanerinnen geben nach der Geburt des ersten Kindes ihre berufliche Tätigkeit auf, ohne jemals zurückzukehren. 2013 lag ihre Erwerbsquote nach Angaben des World Economic Forum 22 Prozentpunkte unter der der Männer. In Deutschland waren es zwölf Prozentpunkte. Ein Umsteuern wird nicht einfach sein und auf viel Widerstand in Japans patriarchalischer Gesellschaft stoßen. Immerhin plant die Regierung, dass bis 2020 in jedem Vorstand eines Unternehmens mindestens eine Frau sitzen soll. Auch ist vorgesehen, bis dahin den Anteil der weiblichen Führungskräfte auf 30 Prozent anzuheben. Gegenwärtig liegt er, abhängig von der Definition, zwischen sieben und zehn Prozent. Die Vorgaben der Regierung führen offenbar bereits zu erheblicher Betriebsamkeit in den großen Unternehmen, heißt es in der Zeitschrift „Japanmarkt“ der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Japan.

Der Umbau des Energiesektors ist ähnlich brisantes Thema, mit dem sich beide Länder auseinandersetzen. Auch wenn zumindest die politische Führung und die Wirtschaft Japans unverdrossen auf die Kernkraft setzen, ist deren Zukunft keinesfalls sicher. Allerdings ist ein vollkommener Verzicht auf die Atomkraft ohne einen neuerlichen Unfall à la Fukushima so gut wie ausgeschlossen. Dennoch gibt es vor allem in Japans Bevölkerung sehr viele Widerstände gegen ein Wiederhochfahren bisher abgeschalteter AKW. Es wäre in dieser Situation zu wünschen, dass die deutsche Energiewende ohne größere Reibungen umgesetzt wird; denn die japanischen Kernkraft-Befürworter nutzen sehr gerne negative Entwicklungen in Deutschland als Argument für ihre eigene Sache.

Dass Japan an einem Dialog über all diese Fragen interessiert ist, darf angenommen werden. Auch wenn sich Japan 2011 nach der Fukushima-Katastrophe über vermeintlich mangelnde deutsche Solidarität zeitweilig irritiert zeigte, haben die beiden Länder doch insgesamt ein sehr gutes Verhältnis. Fruchtbare Debatten über die Lösung wichtiger Zukunftsaspekte lassen sich hierauf gründen. Ostasien ist nicht nur China.