Wenn Keith Olbermann zu einer seiner berüchtigten Schimpftiraden ansetzt, dann hat dies höchstes Suchtpotenzial. Wie bei einem Roman von Thomas Bernhard steigert sich der langjährige Talkshow-Moderator des US-Senders MSNBC in seinen Einlassungen minütlich bis zur Klimax – wegzappen oder wegklicken ist dann unmöglich. Als sich Olbermann jedoch kürzlich die Medien und Donald Trump vornahm, da legte er von der ersten Sekunde an los. Und er hatte gleich einen Rat an die Medien parat, den er seinen Zuschauern wieder und wieder einbläute: Hört auf, die Trump-Beraterin Kellyanne Conway zu interviewen, stoppt die Live-Übertragungen des täglichen Pressebriefings von Sprecher Sean Spicer aus dem Weißen Haus. Unterbrecht die Übertragung von Trump-Auftritten jedes Mal, wenn der US-Präsident die Fakten verdreht. Sagt dann, wie es richtig ist – und erst danach geht Ihr wieder live. Schließlich Olbermanns ultimativer Rat: „Macht nicht mit bei Trumps Propaganda-Spiel.“
Olbermann, der inzwischen für das Magazin GQ eine Webshow mit dem Namen „The Resistance“ (früher „The Closer“) produziert, legte mit seinem Appell den Finger in die Wunde. Denn die US-Medien befinden sich mit ihrer Berichterstattung über den neuen US-Präsidenten und dessen Team in einem massiven Dilemma. Einerseits werden sie von Conway, Spicer und Trump selbst als unehrlich, als Lügner und als gescheitert beschimpft. Andererseits laufen sie auch weiterhin eben diesen Personen hinterher, veröffentlichen stets umgehend jeden Tweet, jeden Kommentar oder jede noch so belanglose Einlassung aus dem Weißen Haus.
Dabei lässt das mediale Trommelfeuer aus dem Trump-Lager scheinbar keine Luft zum Atmen. Donald Trump füttert die Twitter-Maschine, die wiederum das gesamte Social-Media-Netz rotieren lässt. Die etablierten liberalen Medien – despektierlich „mainstream media“ genannt – glauben, bei diesem Rattenrennen mitmachen zu müssen. Auf der Strecke bleiben Distanz, Faktencheck und die eigentliche Rolle der Medien als Filter und als einordnende Instanz. Das ist dabei ganz nach dem Geschmack des Präsidenten. Der verriet schon im Dezember in einem Gespräch mit NBC-Today-Moderator Matt Lauer, warum er Twitter so liebt: „Ich bin [mit meinen Botschaften] damit viel schneller draußen als mit einer Presseerklärung. Ich bin damit auch viel ehrlicher, weil ich mich nicht mit unehrlichen Reportern abgeben muss.“ Zudem erreiche er über Social Media direkt über 40 Millionen Menschen.
Die Medien werden nun Opfer ihrer eigenen Gier, die sie während des Wahlkampfs gezeigt haben.
Wenn Trump jetzt also überhaupt noch die von ihm so verachteten etablierten Medien bedient und Interviews oder auch mal eine Pressekonferenz gibt, dann tut er dies fürs eigene Ego – nicht, weil er auf diese Medien angewiesen wäre. Tatsächlich treibt Trump mit seinen Tweets gerade die elektronischen Medien schon seit Beginn des Wahlkampfs vor sich her. Doch was damals noch vor allem Unterhaltungscharakter hatte, weil Trump eben nur ein bizarrer – wenngleich massiv unterschätzter – Kandidat war, ist heute im Zweifel schon Regierungshandeln. Die traditionellen, eher liberalen Medien wie CNN, NBC, MSNBC, ABC oder CBS hat er damit in die Ecke gedrängt: Sie verabscheuen inzwischen Trump, aber sie glauben, den Präsidenten der Vereinigten Staaten nicht auch nur einmal ignorieren zu können. Und schlimmer noch: Sie werden nun Opfer ihrer eigenen Gier, die sie während des Wahlkampfs gezeigt haben.
Denn in den vielen Monaten der Vorwahlen veranstalteten selbst weitgehend neutrale Sender wie CNN eine regelrechte Trump-Show. Der Milliardär aus New York war live „on the air“, wann immer ihm danach war. Ökonomisch bedeutete dies nichts anderes als kostenlose Sendezeit für den superreichen Trump. Dafür klingelten bei CNN und anderen die Kassen, weil mit Trump die Ratings nach oben schossen und damit die Werbeeinnahmen. Dass Trump bevorzugt behandelt wurde, dass dies unfair gegenüber den anderen Bewerbern war – ja, dass dies ethisch inakzeptabel war – den Sendern war es einerlei. Oder frei nach Brecht: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“.
Es ist eine bizarre Situation: Die Medien, die Trump groß gemacht haben, werden nun von Trump verhöhnt. Doch da diese Medien ihre Moral schon vor Monaten verkauft haben, fällt es den nun verlachten Sendern umso schwerer, Trump gegenüber Rückgrat zu zeigen.
Dabei wären große, unabhängig agierende TV-Häuser im Fernsehland USA in diesen Monaten so wichtig. Die Demokratische Partei hat nach dem Wahldesaster vom 8. November noch immer nicht zu einer geschlossenen Opposition gefunden, die eine klare Strategie verfolgt. Die Demokraten lecken sich weiterhin die Wunden – und müssen gar mit noch mehr Ungemach rechnen. Bei den Kongresswahlen in knapp zwei Jahren gelten die Sitze von bis zu zwölf Demokratischen Senatoren als gefährdet, während sich lediglich acht Republikaner Sorgen machen müssen. Um die konservative Mehrheit im Senat zu kippen, benötigen die Demokraten beinahe schon einen Erdrutsch. Doch so, wie sich die Liberalen aktuell präsentieren, wird das sicher nicht gelingen.
Beobachter rechnen zudem damit, dass die nächste mediale Front bald aufgemacht wird. Bisher beherrschen TV-Sender wie Fox News oder Webseiten wie Breitbart, The Daily Caller oder Drudge Report die konservative Szene. Doch unter der Federführung von Trumps Chefstrategen Stephen Bannon, der selbst lange Zeit Breitbart leitete, könnten nun neue radikale mediale Publikationen aus der Taufe gehoben werden. Erst kürzlich hat Bannon die etablierten Medien als die wahre Opposition bezeichnet – und damit zur Zielscheibe der Regierung gemacht.
Die neuen rechten Medien dürften noch mehr als bisher als Verstärker für den populistischen Politikstil von Trump eingesetzt werden.
Diese neuen rechten Medien dürften dann noch mehr als bisher schon als Verstärker für den populistischen Politikstil von Donald Trump eingesetzt werden. Der versetzt mit seiner Flut alarmistischer Tweets auch sein Regieren in eine Art permanenten Wahlkampf. Damit folgt Trump einem Muster, das auch von anderen Populisten gerne angewandt wird: Die Unterteilung der Welt und der eigenen Gesellschaft in Gut und Böse, in ehrbare Patrioten und in Feinde, die den Volkswillen untergraben wollen.
Die Angegriffenen – häufig die liberalen Eliten – befinden sich auf diese Weise in einer ständigen Verteidigungshaltung. Zuletzt bekam dies die Justiz im US-Bundesstaat Washington zu spüren, als diese Trumps Einreisestopp für Menschen aus sieben muslimischen Ländern aufhob. Trump machte sich via Twitter nicht nur über Richter und Generalstaatsanwalt lustig. Auch forderte er seine Anhänger auf, die Justiz verantwortlich zu machen, wenn aufgrund der Aufhebung des Einreisestopps nun etwas passiere. Im Kern zweifelte er mit seinen Attacken die unabhängige Justiz, mithin das Prinzip der Gewaltenteilung, an.
Auch da war sie wieder, die Unterteilung in Gut und Böse. Wer nicht Trumps Meinung ist, der verrät den Staat und muss bekämpft werden. Für die liberalen Medien wäre dies eine weitere Chance, sich in der Trump-Ära zu bewähren: Indem sie die Einlassungen des Präsidenten zum Einreiseverbot nicht nur melden, sondern sofort ganz nüchtern einordnen.





16 Leserbriefe
Für diese Fanatiker ist jede Berichterstattung eine zusätzliche kostenlose Werbung.
Es wird allerhöchste Zeit, das alle Medien kreativ damit umgehen, die Sendezeit und Berichterstattung für die trumptruppe auf ein absolutes Minimum zu reduzieren!!!
Auf der anderen Seite ist es hierfür ob der "alternativen" Informationszugänge vielleicht auch schon zu spät. Das aufgeregte Gezwitscher bei SPON und Co ist bei mir schon nur noch eine Randnotiz, um mithilfe von Auslandspresse und originären Quellen einzelnen Nachrichten auf dem Grund zu gehen. Kostet mehr Mühe als früher, als man sich noch auf ein Mindestmaß an Objektivität verlassen konnte.
Bisweilen ist man dann doch überrascht wer so alles da IPG-Journal liest. Ihren Worten nach scheinen Sie sich geradezu einer Selbstkasteiung zu unterziehen. Warum tun Sie sich diesen "Meinungsterror" denn an? Woher rühren die Schmerzen wenn Medien sich erlauben darauf hinzuweisen, dass Trump wieder einmal Blödsinn von sich gegeben hat? Auch Obama wurde kritisiert, wie sie wüssten, wenn Sie die Nachrichten verfolgt hätten. Aber er hat halt einfach nicht permanent die Fakten verdreht, die Judikative nicht beschimpft, wenn sie ein von seiner Meinung abweichendes Urteil fällte und sich sogar dann noch in Zurückhaltung geübt, wenn der Kongress wieder einmal irgendein Gesetz blockierte. Nur, bitte lasten Sie es nicht den Medien an, wenn Sie die Phantastereien Trumps zurecht rücken.
Gruß
Klaus
Ich bin der gleichen Meinung wie Herr Bartl und denke ich kann Ihnen Ihre Frage stellvertretend für ihn beantworten: Wenn Sie politisch interessiert sind, kommen Sie an dem "Meinungsterror" gar nicht vorbei, weil ihn a l l e deutschen Medien, ohne Ausnahme, verbreiten. Wenn Sie der Meinung sind, dass Trump permanent Unsinn redet und macht, dann ist das Ihre Meinung, die kann Ihnen keiner nehmen. Aber offensichtlich gibt es auch Millionen Menschen in der Welt, die anders denken, sonst wäre Trump nicht Präsident geworden. In diesem Zusammenhang war es auch nicht klug von den deutschen Medien, das Wort "Wahlbetrug" in den Mund zu nehmen. Offensichtlich bedient man sich dieser Problematik immer dann, wenn es politisch in den Kram paßt (Volksbefragung Krim).
Wie könnte das konkret umgesetzt werden? Lasst uns BotschafterInnen der guten Neuigkeiten werden ... ich höre von Ausgrenzung und setze meine Energie auf Verbindung, Integration, Miteinander... anstelle mich über Ausgrenzung aufzuregen. Oder oder oder ...und
Reiht er sich doch wohl ein in die weltweite opportune augenblickliche Windschattenberichterstattung eines extrem
potenten Medien-Zirkuspferdes. Ich wünsche mir, dass Journalisten wieder selektiv über überwiegend relevantes
und ausschließlich über Fakten berichteten - ist offenbar naiv heutzutage.
Auch dieser Bürger Trump - heute Präsident der USA - ist allerdings demokratisch gewählt.
Die ganze warme luft könnte man auch einsetzen, um Themenwochen und - monate über Demokratien und Wahlsysteme
(nicht nur in den USA) zu berichten - noch ein naive Idee....