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Zwischen den Sesseln
Russland und die Türkei ringen um Einfluss in Kasachstan.

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Putin und Erdogan betrachten Zentralasien als ihren geopolitischen Hinterhof.

Der Konflikt zwischen Russland und der Türkei infolge des Abschusses des russischen Kampfflugzeugs vom Typ SU-24M am 24. November 2015 durch die Türkei birgt eine Vielzahl negativer Folgen für Kasachstan.

Zum einen spaltet der russisch-türkische Konflikt die kasachische Gesellschaft erneut in Befürworter und Gegner des Verhaltens Russlands oder der Türkei. Eine ganz ähnliche Situation lag im russisch-ukrainischen Konflikt vor. Daran konnte man gut erkennen, wie stark vor allem der Einfluss der russischen Massenmedien auf die öffentliche Meinung in Kasachstan war. Die Geschehnisse im Zusammenhang mit der Ukraine haben gezeigt, wie schnell die Kasachen Opfer eines von außen geführten „Informationskriegs“ werden und wie schwach die eigenen, kasachischen Medien darin sind, objektive Informationen zu übermitteln. Dies ist die Bestätigung einer schon lange andauernden, besorgniserregenden Entwicklung in Form einer zunehmenden Spaltung der kasachischen Gesellschaft in vielerlei Hinsicht: Das betrifft nicht nur das Verhältnis zur Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU), sondern auch zum Stellenwert der Amtssprache, zur Politik Russlands in der Ukraine und nun sogar das Verhältnis zur Türkei. 

Der russisch-türkische Konflikt zeigt, dass das außenpolitische Modell Kasachstans in Konflikt mit dem russischen Modell gerät.

Zum anderen steht die sogenannten Mehrvektorenpolitik Kasachstans mit dem Ziel, gleich gute Beziehungen mit allen Seiten zu haben, auf dem Prüfstand. Die Tendenzen der vergangenen Jahre weisen stark darauf hin, dass bei Russland als engem Partner Kasachstans sowohl in Bezug auf die EAWU als auch in Bezug auf die Organisation des Vertrages über kollektive Sicherheit (OVKS) die Komplexe einer ehemaligen Supermacht zum Tragen kommen. Kasachstan besitzt derartige Komplexe nicht, was der Republik lange Zeit ermöglichte, ihre Außenpolitik flexibler zu gestalten, und zwar nicht, indem das Land auf den Ausbau von Stärke und Macht setzte, sondern indem es die partnerschaftlichen Beziehungen mit anderen geopolitischen Akteuren sowie mit internationalen und regionalen Organisationen stärkte. Der russisch-türkische Konflikt zeigt also auch ganz klar, dass das außenpolitische Modell Kasachstans in Konflikt mit dem russischen Modell gerät, wie dies bereits 2014 vor dem Hintergrund der sich verschlechternden Beziehungen zwischen Moskau und Kiew der Fall war. Denn die Türkei ist für Kasachstan wirtschaftlich und politisch gesehen ein genauso wichtiger Partner wie Russland. Kasachstan ist engagiertes Mitglied des Türkischen Konzils, dessen Gründung seinerzeit von der Türkei initiiert wurde.

Man kann der Meinung einiger Experten zustimmen, dass die Türkei und Russland, die beide die historische Bürde einer ehemaligen Supermacht tragen, gewisse Ähnlichkeiten besitzen: Sie mühen sich beide, ihre Rolle als subregionale Mächte zu festigen, und dies auch mittels Ausweitung ihrer strategischen Interessensgebiete. Die Türkei hat das in Syrien versucht und Russland in der Ukraine. Das heißt, so wie Russland mit dem Verlust seiner Vormachtstellung zu kämpfen hat, leidet die Türkei an Komplexen aufgrund des zerfallenen Osmanischen Reiches, die im Rahmen des Projekts zur Schaffung eines neuen Türkischen Konzils zum Tragen kommen. Recep Tayyip Erdogan versucht, ähnlich wie Wladimir Putin, mit dem Heraufbeschwören innerer und äußerer Feinde die türkische Gesellschaft zu mobilisieren. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass der Präsident der Türkei den Faktor Religion als festigenden Kitt einsetzt, während der russische Präsident auf den sogenannten Geschichtspatriotismus setzt, in dem sich einige Elemente aus der Sowjetideologie mit bestimmten Leitsätzen des Zarismus verbinden, wie Rechtgläubigkeit, Alleinherrschaft, Völkerschaft (Nationalismus).

Russland und die Türkei betrachten Zentralasien als ihren geopolitischen Hinterhof.

Hierbei betrachten sowohl Russland als auch die Türkei Zentralasien als ihren geopolitischen Hinterhof: Der Staatsbesuch Erdogans im Jahr 2015 in Kasachstan und in Turkmenistan (bereits nach dem Zwischenfall mit dem abgeschossenen russischen Flugzeug) ist eines dieser Signale, die Ankara an Moskau sandte. Die Türkei setzt sich für eine beschleunigte Allianz der Turkstaaten ein und bemüht sich gleichzeitig um die Konsolidierung ihrer Position als eines der neuen muslimischen Zentren eines modernisierten Islams. Angesichts des wachsenden religiösen Selbstverständnisses in Kasachstan ist es übrigens nicht verwunderlich, dass innerhalb der kasachischen Gesellschaft immer häufiger die Meinung vertreten wird, dass das türkische Modell der Koexistenz von Religion und Säkularismus für die zukünftige Entwicklung Kasachstans interessant sein könnte. Obgleich das nicht so einfach ist, da in der muslimischen Welt ein Konkurrenzkampf zwischen den drei Zentren ausgebrochen ist, die – geopolitisch gesehen – Anziehungskraft besitzen: Iran, Saudi-Arabien und die Türkei. Alle drei haben ihr eigenes Modell der Beziehung zwischen Staat und Religion aufgebaut und dabei versucht, diese Modelle auch in andere Länder zu exportieren. Im Gegenzug hat Russland die Türkei wiederholt beschuldigt, sie versuche, in den Gebieten von geopolitischem Interesse für Moskau die Idee eines Pantürkentums und eines Panislamismus zu fördern. Russland hat seine Mitgliedschaft in der internationalen Organisation für die gemeinsame Entwicklung der Turkkultur (TÜRKSOY) für beendet erklärt, deren Mitglied auch Kasachstan ist.

Kasachstan wird über kurz oder lang vor die Wahl gestellt werden, auf wen es seine Hoffnungen setzen möchte.

In jedem Fall ist in den Kampf um Einflussbereiche im postsowjetischen Raum neuer Schwung gekommen. Nun sind an dieser Neuaufteilung vier Länder beteiligt: die USA, China, Russland und die Türkei. Doch das Hauptproblem Kasachstans besteht darin, dass das Land weder in Bezug auf den globalen Wettbewerb noch in militärischer oder wirtschaftlicher Hinsicht zu den starken Akteuren zählt. Schaut man in die Zukunft, ist davon auszugehen, dass je mehr die geopolitischen Spaltungen und die Konflikte auf regionaler Ebene zunehmen, Russland aufgrund seiner Komplexe als ehemalige Supermacht immer stärker die Welt in Freunde und Feinde aufteilen wird. Daher wird Kasachstan über kurz oder lang vor die Wahl gestellt werden, auf wen es seine Hoffnungen setzen möchte. Dies wird nach einem Machtwechsel in Kasachstan geschehen, wenn schwächere und weniger autoritäre Führungspolitiker besagte Mehrvektorenpolitik nicht mehr länger aufrechterhalten können, die der „Erste Präsident Kasachstans und Führer der Nation“ verfolgte.

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2 Leserbriefe

U.Walter schrieb am 08.03.2016
Rußland benimmt sich, wie ein kleines Kind. Dieses aber kann man noch wohl erziehen. Rußland wird durch sein Verhalten hier, wie übrigens in Moldawien, Georgien, der Ukraine unberechenbar und kaum ein Partner, wenn es nicht insgesamt sein.
Es wäre für Rußland und auch den Rest der Welt, wenn Pitin, irgendwie, die Weltbühne verlassen würde.
Joachim schrieb am 09.03.2016
Wenn ich mir die Ukraine anschaue, dann war es der Westen der Druck ausgeübt hat.

Es war auch der Westen, der durch die Maidan Schiessereien mit stärkerem Einfluss profitierte und letztlich durch den Regierungswechsel (Putsch) in Kiew dominiert.

Und was sagte Assad in Syrien über die "gemäßigten" Rebellen: "Wie würden Sie in ihrem Land reagieren, wenn Terroristen mit Maschinengewehren auf Polizei und Bevölkerung schießen?"

Und wie sähe es im Yemen aus, wenn die USA, laut eigenen Angaben, nicht Waffen im Wert von mehreren zig (oder Hunderten) Millionen verloren hätte.