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Realität ist, was Boris draus macht
Die Hoffnung, dass Johnson an den Fakten scheitern wird, ist naiv. Europa droht ein heißer Herbst.

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AFP
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Die Konservativen in Großbritannien haben ihren neuen Vorsitzenden gewählt und vollkommen überraschungsfrei wurde es Boris Johnson. Nur einen Tag später wird ihn die Queen zum Premierminister ernennen. Damit wird die Regierung in London künftig von einem Lügner, Scharlatan, Clown, Narzissten, Faulpelz oder auch „Trump mit Wörterbuch“ geführt. Alle Bezeichnungen entstammen der aktuellen Presse, wenn auch eher dem liberalen Spektrum. In sämtlichen Kommentaren überwiegt die Frage, wie „Boris“ es schaffen wird, den Brexit zu liefern. Denn dieses Versprechen erneuerte er gleich noch einmal in seiner Dankesrede. Nicht nur die Presse attackiert ihn auf diese Art, auch die Opposition in Großbritannien hebt seine persönlichen Defizite in den Vordergrund und konfrontiert ihn mit der Aussichtslosigkeit seiner Brexitstrategie.

Die Konzentration auf seine Persönlichkeit und die Hoffnung, dass er über Sachfragen stolpern werde, sind zwei der größten Fallen, in die seine Gegner tappen können. Boris Johnson hat es geschafft, die Tories davon zu überzeugen, dass er ihre letzte Hoffnung ist. Nur er könne es schaffen, den Brexit zu liefern, die Partei und das Land zu einen und die Opposition um Labour-Chef Jeremy Corbyn zu schlagen. Ein Vehikel dafür war und ist gerade seine – vorsichtig formuliert – schillernde Persönlichkeit. Die Unernsthaftigkeit und ironische Distanz, die er zu allem pflegt, haben ihn gegen kleinere und größere Skandale immun gemacht.

Das zeigt sich schon allein im Umgang mit seinem Namen. Während Politikerinnen und Politiker normalerweise im Gespräch mit Nachnamen oder der Kombination von Vor- und Nachname Erwähnung finden, nennt ihn das ganze Land nur Boris. Er selbst fördert das, indem er seine Leadership Kampagne unter das Motto „Back Boris“ stellte. Dieses Anbiedern auf First-name-basis erzeugt eine scheinbare Nähe. Sie erlaubt es vielen Unterstützern, sein permanentes Waten durch Fettnäpfchen zu entschuldigen oder zu relativieren. Es ist halt nur Boris, er meint das gar nicht so und wenn es ernst wird, reißt er sich dann schon zusammen.

Boris Johnson lebt nach dem Motto, dass die Realität das ist, was er daraus macht.

Das verweist auf den zweiten Teil der schillernden Persönlichkeit. Denn Johnson ist ja nicht nur der kumpelhafte Boris, der sich für keinen Scherz zu schade ist. Er ist gleichzeitig auch Boris Alexander de Pfeffel Johnson, ein Mitglied der britischen Oberklasse. Als Alumnus von Eton und Oxford wurde er an den Eliteschmieden des Landes schlechthin ausgebildet. Die Zugehörigkeit zur upper class ist ein wichtiges Argument für viele Tory-Wähler, die eher verzweifelte Wahl von Johnson zum Vorsitzenden vor sich selbst zu rechtfertigen. Sie wissen zwar, dass der umstrittene Politiker das Zeug hat, die Partei zu zerlegen. Doch sie bauen darauf, dass er letztlich einer von ihnen ist und die besorgniserregenden Elemente seines Charakters doch nur klassisch britische Exzentritäten sind. Der doppelte Boris Johnson spielt daher mit zwei unterschiedlichen Zielgruppen und schafft es in seiner Widersprüchlichkeit, allen den Eindruck zu vermitteln, dass er ihr bester Freund, Repräsentant oder Anführer sein kann.

Der Fokus auf Sachfragen ist ebenfalls ein sinnloser Reflex, der offenbar aus der Zeit vor Trump rührt. Die Hoffnung, dass ein Premierminister Johnson an der Realität scheitern wird, verkennt, dass er im Grunde ein durch und durch postmoderner Politiker ist. Die postmodernen Theoretiker sprachen davon, dass „Realismus das ist, was wir daraus machen“. Boris Johnson lebt nach dem Motto, dass die Realität das ist, was er daraus macht. Schon der Beginn seiner Karriere als Brexiteer verdeutlicht seine Flexibilität oder auch seinen Opportunismus. So bereitete er zwei Artikel vor, einen für und einen gegen den Brexit. Seine Entscheidung, den Austritt aus der EU zu unterstützten, rührte vermutlich nicht daher, dass er zutiefst davon überzeugt war. Ausschlaggebend war wohl eher die Frage, welche der beiden Optionen seine Ambitionen, einmal Premierminister zu werden, am ehesten beflügeln könnte.

So wie er 2008 die Bürgermeisterwahlen in London als offener, liberaler Bürger einer Weltstadt gewann, rührte er acht Jahre später die Trommel für eine immigrationsfeindliche Kampagne für den Brexit. Das Leitmotiv seiner Regierung wird daher nicht die Umsetzung eines porentief reinen Brexits sein, sondern die Umsetzung einer Politik, die ihn im Amt hält. Der Brexit wird dafür ein Vehikel sein, denn er braucht die damit verbundene Wut und Enttäuschung. Nur so kann er die Tories einerseits in Abgrenzung zu Nigel Farage und seiner Brexit-Partei als regierungsfähige Kraft positionieren und gleichzeitig die Polarisierung infolge des Brexits gegen Labour und Jeremy Corbyn einsetzen. Er wird darauf zielen, Corbyns fragile Gratwanderung zwischen Leave und Remain zu zerbrechen und einen Teil der Establishment-müden Wählerinnen und Wähler von Labour anzulocken.

Was Johnson am Ende den Bürgern als Brexit verkauft, ist weitgehend beliebig und dürfte wohl ähnlich aussehen, wie der dreimal abgelehnte Deal von Theresa May.

Für Europa bedeutet das einen heißen Herbst. Johnson wird den September und den Parteitag Anfang Oktober dazu nutzen, die Gemüter anzuheizen und einen Showdown zum Brexit Day am 31. Oktober zu inszenieren. Aber noch nicht einmal er bringt die Suggestionskraft mit, um das uneinige Parlament zu einigen. Er wird also an Grenzen stoßen. Neuwahlen könnten ein Ausweg aus diesem Dilemma sein. Das gilt aber nur dann, wenn er es vorher geschafft hat, sich als tapferer Ritter für den Brexit zu inszenieren, der wegen des engstirnigen Parlaments und der hartleibigen EU leider nicht umgesetzt werden kann. Mit einer Kombination aus Opferrolle (die böse EU!) und Anti-Establishment-Rhetorik (das Parlament hört nicht auf den Volkswillen!) kann er dann in eine schnelle und schmutzige Wahlkampagne gehen.

Was er am Ende dieses Prozesses den Bürgerinnen und Bürgern als Brexit verkauft, ist weitgehend beliebig und dürfte wohl ähnlich aussehen, wie der dreimal abgelehnte Deal von Theresa May. Aber weil es dann eben ein Borisdeal ist und nicht der polierte Exkrementehaufen, als den er ihn noch letztes Jahr bezeichnet hat, wird er eben golden glänzen und nicht braun. Denn nicht vergessen: Boris Johnson hat nur eine politische Leitlinie, er will Premierminister sein, weil er glaubt, dass ihm das zusteht. Welche politischen Opfer er dabei bringen muss, ist ihm gleichgültig. Sein Charakter als moralische Windfahne ist daher kein Nachteil oder gar eine Stolperfalle, sondern eher ein Vorteil.

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