Kaum jemand formulierte es so prägnant wie Robert Kagan, seines Zeichens Ikone der US-Neokonservativen: „Schachmatt im Iran“. Und es stimmt, der gescheiterte Krieg gegen Iran ist eine Zäsur für den Nahen Osten. Der Niedergang der amerikanischen Hegemonie könnte nun in zweierlei münden: einen endgültigen Zusammenbruch jeglicher Ordnung durch die Verstetigung eines Weder-Krieg-noch-Frieden-Szenarios. Oder aber den zaghaften Beginn einer selbsttragenden regionalen Sicherheitsordnung, in der die großen Staaten der Region erstmals selbst zu Sicherheitsgaranten werden.
Am 21. Juni trafen sich, medial überschattet vom Beginn der amerikanisch-iranischen Konsultationen in der Schweiz, die Außenminister der vier großen sunnitisch-muslimischen Regionalmächte in Kairo: Saudi-Arabien, Türkei, Pakistan und Ägypten. Innerhalb von nur drei Monaten war es bereits das vierte hochrangige Treffen in dieser Staatskonstellation – und erstmals ging es auch um die Institutionalisierung des Formats. Was hier entsteht, ist womöglich der Nukleus einer eigenständigen Regionalordnung.
Bereits vor der jüngsten Eskalation hatten alle Mitglieder dieses Quartetts in Washington gegen die Kriegsentscheidung interveniert. Anders als die Zauberlehrlinge in Amerika und Israel hat die Region das Desaster vorhergesehen. „Wäre der israelische Plan aufgegangen, einen Krieg zwischen uns und Iran zu entfachen, wäre die Region in Ruin und Zerstörung gestürzt worden“, so Prinz Turki al-Faisal, der ehemalige Geheimdienstchef und längst semi-offizielle Stimme des saudischen Establishments. Statt die iranischen Gegenschläge zur Eskalation zu nutzen, waren es gerade die großen Vier, zusammen mit dem kleineren Bruderstaat Katar, die am intensivsten versuchten, den katastrophalen Krieg zu beenden.
Die Kooperation zwischen den Vieren plus Katar ist so bemerkenswert, weil viele dieser Staaten sich noch vor wenigen Jahren teils offen bekämpften.
Die Kooperation zwischen den Vieren plus Katar ist auch deshalb so bemerkenswert, weil viele dieser Staaten sich noch vor wenigen Jahren teils offen bekämpften. Die Umstürze des Arabischen Frühlings mit ihren Proxykriegen und ihrem Staatszerfall haben eine regionale Hegemoniekrise ausgelöst, die Verständigung jahrelang unmöglich machte. Gerade Riad und Ankara standen lange Zeit am jeweils gegenüberliegenden Ende des ideologischen Spektrums. Die Türkei als Sehnsuchtsland der islamistischen Umstürzler gegen das Königreich als Hort der antirevolutionär-monarchischen Stabilität. Ägypten und Katar waren Schauplätze dieser Rivalität, die zwischenzeitlich ähnlich intensiv war wie der Gegensatz zwischen Saudi-Arabien und Iran, dem dritten Staat im Wettbewerb mit pan-islamischem Geltungsanspruch.
Auf die Hybris folgte Ernüchterung. Die Türkei brauchte Geld, Saudi-Arabien Ruhe, und selbst Teheran erkannte die Grenzen seiner Konfrontationspolitik. So begann die regionale Annäherung bereits vor dem 7. Oktober. Das durch Peking garantierte saudisch-iranische Rapprochement hat selbst den jüngsten Krieg überstanden. In Syrien hat die saudisch-türkische Entspannung ihr Meisterstück vollbracht und das Land nach dem Umsturz, unter nicht weniger als der Herrschaft eines ehemaligen Al-Kaida-Kommandeurs, gemeinsam aus der regionalen Isolation herausgeführt.
„Share the region“, riet Präsident Obama einst den Potentaten. Er war seiner Zeit weit voraus, aber Jahre später kam die Botschaft doch an. Es ist die Erkenntnis, dass keine einzige Regionalmacht allein ihren Geltungsanspruch durchsetzen kann und dass die Proxykriege, die auf die Spitze getriebene ideologische Feindseligkeit, am Ende allen schaden. Es ist ebenso die Erkenntnis, dass sich die amerikanische Weltmacht nur bedingt für die eigenen Belange einspannen lässt. Ganz gleich, wie viele Milliarden man investierte – gegen Israel lässt sich in Washington kein Wettlauf gewinnen.
Die Formel des neuen Nahost-Quartetts lautet: Amerika zumindest teilweise als Sicherheitsgaranten ersetzen, Iran einbinden und dadurch einhegen, Israel zurückdrängen. Der israelische Expansionismus in der Westbank, in Syrien und im Libanon und das hemmungslos überdehnte Sicherheitsverständnis des Landes gelten längst als ebenso große Herausforderung wie das revitalisierte Regime in Teheran, das völlig in die Ecke gedrängt mit Hormus nun seine „nukleare Option“ gefunden hat, nicht nur der Region, sondern gleich der ganzen Weltwirtschaft das Messer an die Kehle zu halten.
Der persisch-israelische Antagonismus gilt längst als die größte Gefahr für dauerhaften Frieden und Stabilität in der Region. Seine Zurückdrängung und Entschärfung ist das geopolitische Hauptziel der Viererbande um Riad und Ankara. Verhindert werden sollen sowohl neue, polarisierende Abraham Accords, wie sie Tel-Aviv Syrien und dem Libanon nun aufzwingen will, als auch die Entstehung einer Pax Iranica am Golf.
Das Vertrauen ist gering, dass die irrlichternden Amerikaner bei diesem gemeinsamen Unterfangen eine positive Rolle spielen werden. Der sich gelangweilt abwendende Trump überlässt das Feld bereits seinen zwei sich befehdenden Diadochen Vance und Rubio, die jeder für sich ein Risiko darstellen. Der Vizepräsident, den die Region dermaßen anekelt, dass er einen womöglich alleinlässt mit den Iranern. Und Außenminister Rubio, der trotz MAGA-Verkleidung ein Israel Firster alter neokonservativer Schule bleibt. Ungewiss, wie der amerikanische Kampf mit sich selbst ausgehen wird.
Mit Blick auf das gestärkte Regime in Teheran ist das Kalkül der Nahost-Vier die maximale Umarmung.
Mit Blick auf das gestärkte Regime in Teheran ist das Kalkül der Nahost-Vier die maximale Umarmung. Klar wird am Golf auch ein Rüstungswettlauf folgen, Abschreckung allein wird jedoch nicht reichen. Hormus als Druckmittel ist fast schon kriminell billig. Ein Revolutionsgardist muss nur husten, und die ganze Weltwirtschaft bekommt die Grippe. Die Ouvertüren sind längst gemacht – wenn man Iran nicht besiegen kann, muss man es einbinden. Selbst die notorisch iran-skeptischen Emirate scheinen zu begreifen, dass es schlauer ist, sich mit den Iranern zu arrangieren, als sich selbst ins Fadenkreuz zu stellen. Das Regime ist zwar aggressiver, aber womöglich weniger ideologisch verbohrt als früher. In Riad derweil gilt der Pekinger Annäherungspakt weiterhin als Erfolg, man würde ihn gerne ausbauen zu einem veritablen Nichtangriffspakt.
Dass man Iran trotz allen Misstrauens pfleglich behandeln muss, liegt auch an der neu gewonnenen Popularität des Regimes. Es ist ein offenes Geheimnis, dass breite Bevölkerungsschichten in der muslimischen Welt Teheran die Daumen drückten. Endlich ein Land, das der israelisch-amerikanischen Arroganz die Stirn biete. Die Gefahr liegt freilich darin, dass die Islamische Republik sich an ihren unerwarteten Erfolgen zu sehr ergötzt, dass sie letztlich ihr Blatt überreizt und die Region abermals ins Chaos zieht.
Noch komplizierter gestaltet sich die Beziehung der Viererbande zu Israel. Anders als von dortigen Propagandisten behauptet, gibt es keine prinzipiell anti-israelische Stoßrichtung. Die Türkei ist auch nicht „der neue Iran.“ Alle vier Mächte unterstützen den ursprünglich saudischen Vorstoß der Arabischen Friedensinitiative: volle Normalisierung im Austausch gegen eine Zweistaatenlösung in den Grenzen von 1967. Die Hand bleibt ausgestreckt in Richtung eines Israels, das Frieden will. Dieses allerdings existiert derzeit kaum noch.
Die von Netanjahu angepeilte Pax Judaica soll Israel zur alleinigen „Supermacht“ im Nahen Osten machen. Die ganze Region soll in einen maximal geschwächten, souveränitätslosen Raum verwandelt werden, in dem das israelische Militär nach Belieben schalten und walten kann. Es ist genau das Gegenteil jener staatszentrierten Welt, die das neue Nahost-Quartett anstrebt. Mit erstaunlich ähnlichen Mitteln setzt der jüdische Staat wie seine Erznemesis Iran auf Fragmentierung, ethno-konfessionelle Spaltung, auf Separatismus und Proxies. Die Hybris hat noch eine Heimat in Tel-Aviv.
Die irre Selbstüberschätzung kommt freilich an ihr natürliches Ende. „Ihr seid ein Neun-Millionen-Staat. Ihr könnt euch nicht einfach aus jedem Sicherheitsproblem heraustöten“, so J. D. Vance zum einstigen Premiumverbündeten, dem in Washington erstmals seit Jahren ein sehr viel eisigerer Wind entgegenweht. Die Region liest und hört aufmerksam mit. Längst registriert sie die Verschiebung der tektonischen Platten der Geopolitik. Ohne bedingungslosen US-Support wird der jüdische Staat zum Ikarus.
Für dauerhaften Frieden wäre ein zur Besinnung kommendes Israel mehr als hilfreich. Der iranisch-israelische Antagonismus nährt sich an der ungelösten Palästinafrage. Die Extremisten auf beiden Seiten gleichen zwei Betrunkenen, die sich gegenseitig stützen, während sie das ganze Lokal verwüsten. Für die Außenminister der großen Vier ist deshalb klar: Der Weg zum Frieden führt durch Ramallah. Die Missachtung dieser einfachen Wahrheit hat den 7. Oktober und die Folgekriege erst möglich gemacht. Dies soll nicht wieder geschehen.
Gerade hier liegt der Common Ground mit den in glanzvoller Irrelevanz versinkenden Europäern. Auch wir haben erfahren, dass die Nichtlösung des Nahostkonflikts ihren Preis hat – einen Preis, der sich nicht nur in Krieg, in Extremismus und Migration bemisst, sondern bis an die Zapfsäule reicht. Zeit also für mehr als die üblichen Lippenbekenntnisse. Das neue Nahost-Quartett bietet eine Chance. Nutzen wir sie.




