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Soleimanis Tod ändert nichts
Er war eine wichtige Figur des iranischen Regimes. Aber die Islamische Republik wird nach seinem Tod in der Region nicht an Einfluss verlieren.

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Reuters
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Die Ermordung des iranischen Generalmajors Qassem Soleimani durch die USA stellt in der verfahrenen Situation, in der sich die beiden Länder seit 40 Jahren befinden, eine beispiellose Eskalation dar. General Soleimani war der mächtige Chef der Quds-Einheit, der Sondereinsatztruppe innerhalb der Iranischen Revolutionsgarden. In der gesamten Region sind daher Vergeltungsschläge zu erwarten. Dennoch wird seine Ermordung die Revolutionsgarden oder den Einfluss des Iran in der Region nicht schwächen.

Oft hört man, da General Soleimani allmächtig gewesen sei, werfe seine Ermordung die Quds-Brigaden zurück oder belaste die Beziehungen des Iran zu schiitischen Milizen im Irak und im Libanon wie der Hisbollah. Doch aus einer solchen Sicht spricht eine oberflächliche, ja offen ideologische Betrachtung des Iran und der Revolutionsgarden.

Man bedenke nur, wie sich ähnliche Attentate ausgewirkt haben. Die Ermordung des Hisbollahführers Imad Mughnijeh schwächte die Gruppierung nicht, sondern bewirkte das Gegenteil. Auch in den Jahren gezielter Mordanschläge gegen die Hamas im Gazastreifen wurde die Organisation nicht zerstört. Die Revolutionsgarden und die Islamische Republik aber sind größer und mächtiger als diese beiden Gruppierungen.

Zum Verständnis der Struktur der Revolutionsgarden muss man zum Ersten Golfkrieg zwischen Iran und Irak zurückgehen (1980–1988). Auf den Schlachtfeldern dieses längsten konventionellen Kriegs im 20. Jahrhundert entwickelten die Garden ihre Kampfkultur und ihr Führungsethos. Konfrontiert mit einem irakischen Militär, das von den USA und vom Westen massiv mit Waffen ausgerüstet wurde, eigneten sich die Garden eine asymmetrischen Kriegsführung an, eine Strategie, die sie seither perfektioniert haben. Damit geht vor allem einher, dass Entscheidungen von kleinen, oft ad hoc gebildeten Gruppen getroffen werden, die semi-selbstständig gegen viel größere Einheiten operieren.

In den zehn Jahren, in denen ich im Iran zu den Revolutionsgarden und ihrer Darstellung in den iranischen Medien forschte, beobachtete ich in all ihren Einsatzgebieten, sei es im Iran oder in Kampfzonen im Ausland, eine solche Ad-hoc-Führung: Entscheidungen und Aktionen gehen nicht von einem Einzelnen oder auch nur einer kleinen Gruppe aus, sondern innerhalb der Organisation haben viele Erfahrung mit dem Aufbau von Beziehungen, der Entwicklung von Strategien und der Entscheidungsfindung.

In Filmen, Dokumentationen und sogar Musikvideos auf Persisch und Arabisch wurden Soleimanis Heldentaten gegen den sogenannten Islamischen Staat glorifiziert.

Das widerspricht General Soleimanis öffentlichem Image, im Inland wie im Ausland, das seit 2013 von einer massiven Medienkampagne gestützt wurde. Ich begleitete im Rahmen meiner Forschungen Teile seines Medienteams und beobachtete, wie in Filmen, Dokumentationen und sogar Musikvideos auf Persisch und Arabisch Soleimanis Heldentaten gegen den sogenannten Islamischen Staat glorifiziert wurden. In Umfragen im Iran war er stets eine der beliebtesten Persönlichkeiten des Regimes. In der oft gespaltenen Politik der Islamischen Republik profitierte sein Ansehen davon, dass er meist außerhalb des Landes tätig war.

Auch in der Region, besonders unter arabisch-schiitischen Gruppierungen im Irak und im Libanon, kann man General Soleimanis Symbolkraft kaum hoch genug einschätzen. Vom Libanon bis in den Jemen war er das Gesicht iranischer Macht, brachte Geld, Waffen und Berater. Doch in den Revolutionsgarden war er beileibe nicht der Einzige, der solche persönlichen Beziehungen knüpfte, wie westliche Medien es oft darstellen. Ganz im Gegenteil.

Der Ad-hoc-Struktur der Garden ist es zu verdanken, dass zwischen den Revolutionsgarden und schiitischen Milizen im Irak und im Libanon ein langwährendes und enges Verhältnis besteht. In meiner Zeit im Libanon und im Iran lernte ich ausländische Kämpfer kennen, die ausgedehnte Arbeits- und Urlaubsaufenthalte im Iran verbrachten. Sie sprachen fließend Farsi und waren mit dem Ethos der Revolutionsgarden gut vertraut. Die Beziehungen, die viele dieser Gruppierungen zusammenschweißen, sind Generationen alt und gründen auf Eheschließungen, Handel, gemeinsamer Geschichte und Kultur. General Soleimani, so wichtig er war, hatte keine Sonderstellung.

Der Iran und seine Bevölkerung blicken in der Region auf eine Jahrtausende alte Geschichte zurück, und die lässt sich mit Attentaten und Drohnenangriffen nicht „ausmerzen“. Die Beziehungen – zwischen Kadern der Revolutionsgarden und zwischen den Garden und ihren Verbündeten im Ausland – sind eng und stützen sich nicht auf eine einzelne Person. Tatsächlich hat der Iran bereits General Soleimanis langjährigen Stellvertreter Esmail Qaani zu seinem Nachfolger ernannt.

General Soleimanis Ermordung bietet eine willkommene Gelegenheit, das Land zu einen.

Angesichts der massiven Machtkämpfe innerhalb der iranischen Politik nach dem harten Durchgreifen des Staates gegen Demonstranten im November bietet General Soleimanis Ermordung eine willkommene Gelegenheit, das Land zu einen. In der Islamischen Republik weiß man, wie man gegen einen Feind von außen Einigkeit herstellt, so geschehen im Ersten Golfkrieg, im Kampf gegen den Islamischen Staat und im Umgang mit US-Sanktionen.

General Soleimanis Einfluss wird daher über seinen Tod hinaus Bestand haben, ja, er könnte sogar noch deutlich wachsen. Die Vereinigten Staaten haben in den mächtigen Militärzirkeln der Region lediglich eine sehr populäre Persönlichkeit getötet. Soleimani war aber nicht der einzige militärische Führer mit Strategie- und Kampferfahrung, der wollte, dass sich die USA aus der Region zurückziehen. Es war eine Ermordung mit großer Symbolkraft. Das Problem für die USA ist, dass Symbole die Macht haben, Menschen zum Handeln zu bewegen.

Aus dem Englischen von Anne Emmert

(c) The New York Times 2020

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