Die Debatte über den möglichen Rückzug amerikanischer Truppen aus Europa trifft einen wunden Punkt: Europa ist militärisch abhängig – und strategisch orientierungslos. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, ob Europa Russland ohne die USA abschrecken könnte – sondern ob es überhaupt weiß, wie es kämpfen würde. Denn Europas Verteidigungsplanung folgt bis heute weitgehend einer US-amerikanischen Logik. Und genau darin liegt das Problem: Wer als Europäer Kriege vom US-amerikanischen Standpunkt aus denkt, bereitet sich auf den falschen Konflikt vor. Europa läuft nicht nur Gefahr, bei der Waffenbeschaffung falsche Prioritäten zu setzen. Es versäumt zugleich, die politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen zu schaffen, um einen längeren Krieg durchzustehen.
Die „Europäisierung“ der NATO ist bereits im Gange. Auch wenn NATO-Generalsekretär Mark Rutte eine eigenständige europäische Verteidigung ins Reich der Träume verweist, arbeiten viele Regierungen an einem Plan B. Dieser zielt weniger auf den Ersatz der NATO als auf ihre sukzessive Europäisierung. Diverse bilateraleAbsprachen zwischen Deutschland, Großbritannien und Frankreich betreffen Rüstungsbeschaffung und nukleare Abschreckung. Emmanuel Macron betont die europäische Dimension der französischen nuklearen Abschreckung und will den strategischen Austausch zwischen Frankreich und anderen NATO-Ländern fördern. Im Hintergrund stärken europäische Staaten ihre Rolle in der NATO-Kommandostruktur und entwickeln Fähigkeiten, die bisher vor allem die USA einbrachten.
Das Ziel der USA ist ein „K.o.-Schlag“ in der ersten Runde.
Was allerdings in der öffentlichen Diskussion kaum eine Rolle spielt, sind die NATO-Militär- und -Einsatzdoktrin. Die Militärstrategie legt fest, wie die NATO ihre politischen Ziele militärisch erreichen will. In Friedenszeiten bedeutet dies, Russland von einem Angriff auf ein Mitgliedsland der NATO abzuschrecken. In Kriegszeiten würde es bedeuten, einen Angriff abzuschlagen und den Krieg zu akzeptablen Bedingungen zu beenden. Die Einsatzdoktrin beschreibt, wie die Streitkräfte im Kriegsfall kämpfen würden. Da die USA bisher der mächtigste und wichtigste Staat im Bündnis sind, sind sowohl Strategie als auch Doktrin traditionell stark von US-amerikanischen Vorstellungen geprägt.
Die militärische Denkweise der USA ist auf schnell zu entscheidende Kriege ausgelegt. Als globale Macht führen sie Konflikte meist fern der eigenen Grenzen – mit dem Ziel, sie möglichst rasch zu gewinnen. Diese Logik prägt auch die Doktrin der sogenannten Multi-Domain Operations (MDO): koordinierte Schläge über Land, Luft, See sowie Cyber- und Weltraum, die den Gegner schnell handlungsunfähig machen sollen. Das Ziel ist gewissermaßen ein „K.o.-Schlag“ in der ersten Runde.
Von der NATO wurde diese Doktrin weitestgehend übernommen. Sie prägt bereits die Beschaffungspolitik. Wenn es um eine eigenständigere europäische Rolle in der Verteidigungspolitik geht, meint das vor allem den Aus- und Aufbau von militärischen Fähigkeiten zur Umsetzung von MDO. So haben die Europäer hunderte JASSM-ER in den USA bestellt, einen weitreichenden luftgestützten Marschflugkörper, der von Lockheed Martin produziert wird. Gleichzeitig bemüht man sich, weitreichende Waffensysteme verstärkt selbst zu produzieren. Diese Anstrengungen dürften nach Trumps Ankündigung, nun doch keine konventionellen Mittelstreckenraketen in Deutschland zu stationieren, noch einmal verstärkt werden. Schließlich befürchten Verteidigungspolitiker und Experten deswegen eine „Abschreckungslücke“.
Selten wird die Frage gestellt, ob MDO der richtige Ansatz ist, wenn die Europäer konventionelle Abschreckung und Verteidigung eigenständig garantieren müssen. Allerdings müssten diese im Vordergrund stehen. Denn einerseits ist die strategische Ausgangssituation der Europäer, wenn sie auf sich gestellt sind, eine andere als die der globalen Supermacht USA. Andererseits gibt es wachsende Kritik von Fachleuten an MDO.
Eine nur aus ihren europäischen Mitgliedstaaten bestehende NATO hätte zwar noch großes militärisches Potenzial. Im Kern wäre sie aber ein Bündnis von Staaten mit unterschiedlichen Interessen und Bedrohungswahrnehmungen, dem mit den USA der politisch und militärisch integrierende Akteur abhandengekommen ist. Dieses Bündnis hätte weder die Aufgabe, noch den politischen Spielraum, um weltweit militärisch aktiv zu sein. Seine primäre Aufgabe wäre die Abschreckung Russlands und die Verteidigung des Bündnisgebiets. Globale Mobilität und Einsatzbereitschaft sowie eine überragende Notwendigkeit, Kriege möglichst schnell zu entscheiden, bestünde nicht.
Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob Kriege mithilfe der Doktrin der Multi-Domain Operations überhaupt schnell entschieden werden könnten. So nachvollziehbar das Ziel ist, Kriege möglichst kurz zu halten – nicht zuletzt um Verluste und Zerstörung zu begrenzen –, so schwierig ist es, dieses Ziel zu erreichen. Historisch gesehen entwickeln sich Kriege zwischen industrialisierten Staaten und Bündnissen meist zu Abnutzungskriegen. Da alle Seiten große Ressourcen und Bevölkerungen mobilisieren können, schlagen Versuche, einen Krieg durch einen „K.o.-Schlag“ zu entscheiden, meist fehl. Auch ein Krieg zwischen Russland und der NATO könnte sich leicht zu einem längeren Abnutzungskrieg entwickeln. Hier würde zusätzlich die Gefahr der nuklearen Eskalation das Abgleiten in einen Abnutzungskrieg noch wahrscheinlicher machen. Beide Seiten könnten aus Angst vor Eskalation auf konventionelle Operationen verzichten, die dem Gegner eine empfindliche Niederlage beibringen würden. Im Ergebnis würde ein langwieriger Krieg stehen, der erst mit der politischen und wirtschaftlichen Erschöpfung einer oder beider Kriegsparteien endet.
Kritiker schlagen einen anderen Ansatz vor: eine Verteidigungsstrategie, die auf Durchhaltefähigkeit setzt.
Kritiker schlagen deshalb einen anderen Ansatz vor: eine Verteidigungsstrategie, die nicht auf schnelle Siege, sondern auf Durchhaltefähigkeit setzt. Statt eines schnellen „K.o.-Schlags“ geht es darum, einen Angreifer langfristig zu zermürben – durch robuste Verteidigung, ausreichend verfügbare Systeme und die Fähigkeit, Verluste auszugleichen.
Unterm Strich folgt aus der andersartigen strategischen Lage einer „europäisierten NATO“, wie auch aus der Kritik an MDO, dass die europäischen NATO-Mitglieder gut beraten wären, eine neue, eigenständige Doktrin zu entwickeln, die auf einen längeren Abnutzungskrieg ausgelegt ist. Das übergeordnete Ziel wäre es – ganz in der paradoxen Abschreckungslogik –, einen derartigen Krieg zu verhindern, indem man sich auf ihn vorbereitet. Die zentrale Herausforderung zur Umsetzung einer derartigen Doktrin wäre dabei nicht technischer Natur, sondern primär politisch. Würde ein europäisches Bündnis, würden die europäischen Gesellschaften Russland glaubwürdig einen Abnutzungskrieg androhen können? Abnutzungskriege werden traditionell mit Wehrpflichtarmeen geführt – Freiwilligenarmeen können die Verluste schlicht nicht ersetzen. Und die meisten dieser europäischen Wehrpflichtigen würden im Kriegsfall andere europäische Länder verteidigen. Die Wehrpflichtfrage ist damit nicht nur eine Frage der Legitimität des jeweiligen nationalen politischen Systems, sondern auch der europäischen Integration.
Die Einführung einer Doktrin der Positionsverteidigung stößt an eine Grenze, die nicht technischer Natur ist, sondern durch den gesellschaftlichen Zusammenhalt definiert wird. Eine Strategie, die auf einen langwierigen Abnutzungskrieg setzt, verlangt von der Bevölkerung eine Opferbereitschaft und Geduld, die in individualistischen und gleichzeitig sozial zerklüfteten Gesellschaften nicht selbstverständlich ist. Diese Bereitschaft, lange Leidensphasen und Verluste zu akzeptieren, existiert nur dort, wo der Gesellschaftsvertrag funktioniert: Wo Bürgerinnen und Bürger das Gefühl haben, fair behandelt zu werden, wo Bildung und gute Infrastruktur Vertrauen in den Staat stiften und wo eine gemeinsame europäische Vision über nationale Egoismen hinwegweist. Wer Verteidigung langfristig denkt, muss deshalb auch den innergesellschaftlichen und europäischen Zusammenhalt stärken. Denn eine Abschreckung, die auf gespaltenen Gesellschaften ruht, ist keine Strategie, sondern ein Trugbild.
Wollen die Europäer Russland ohne die USA abschrecken, müssen sie Abschreckung und Verteidigung neu denken. Nicht als technisches Projekt, sondern als politisches. Solange Europa US-amerikanische Strategien und Doktrinen übernimmt, ohne seine eigene Realität zu berücksichtigen, bleibt seine militärische Emanzipation eine Illusion. Abschreckung entsteht nicht durch Waffensysteme allein. Sondern durch die glaubwürdige Fähigkeit, einen Konflikt auch durchzustehen. Die eigentliche Frage ist deshalb nicht, ob Europa stärker aufrüstet. Sondern ob es bereit ist, die politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen, einen längeren Krieg auch durchzuhalten.




