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Eure Mudder!
Die stärksten Verbündeten im Kampf gegen Radikalisierung sind die Familien der Dschihadisten.

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Das Ziel: Den Mythos brechen.

Beim Kampf gegen Extremismus und Terrorismus kann jedes Land aus drei verschiedenen Werkzeugkategorien wählen: Prävention, Repression und Intervention. Die meisten Länder verlassen sich auf die Repression, das heißt strafrechtliche und polizeiliche Maßnahmen sowie Prävention durch Bildung und Aufklärung. Während einerseits eine extremistische Gruppe eingedämmt werden soll, versucht man andererseits zu verhindern, dass meist junge Menschen überhaupt einsteigen. Doch was ist mit jenen, die bereits mitten im Radikalisierungsprozess stecken und wieder herauswollen? Für sie gibt es in einigen Ländern Ausstiegsprogramme. Doch die Rolle der Familie und insbesondere der Mütter bei der Intervention blieb bisher noch weitestgehend unbeachtet.

Mütter sind vielleicht der erste, letzte und beste Partner, um der Radikalisierung und Rekrutierung Einhalt zu gebieten. Vor zwei Jahren gründete ich GIRDS, das Deutsche Institut für Radikalisierungs- und Deradikalisierungsforschung (German Institute for Radicalization and Deradicalization Studies), das weltweit tätig ist und erforscht, wie sich am besten ein Radikalisierungsprozess unterbrechen und eine Deradikalsierung gestalten lassen kann.

Nach einigen Jahren in der praktischen zivilgesellschaftlichen Ausstiegsarbeit entwickelte ich spezialisierte Angebote an Familien und das soziale Umfeld von sich radikalisierenden Personen. Familienberatung gab es zu dieser Zeit vereinzelt im Bereich Rechtsextremismus, aber ohne eine solide wissenschaftliche und methodische Grundlage. In meinem Studium an der Princeton University hatte ich gelernt, komplexen sozialen Problemen mit qualitativ hochwertiger Wissenschaft zu begegnen und übertrug Forschungsergebnisse und eigene Erfahrungen aus der Familienberatung auf den Bereich Dschihadismus. Seitdem arbeite ich als Berater mit Familien von Dschihadisten weltweit und berate Regierungen beim Aufbau solcher Deradikalisierungsprogramme.

Der beste Partner, um der Rekrutierung und Radikalisierung Einhalt zu gebieten, ist die Familie.

 

Dabei ist es entscheidend, den Dschihadisten ihre „coole“ Aura zu nehmen und den „Mythos“ des „gloreichen Dschihad“ zu brechen – mit der Hilfe von Familie und Freunden. Wenn wir künftige Anschläge verhindern wollen, dann müssen wir die Familien und enge Freunde der potenziellen Attentäter in die Interventionsarbeit einbeziehen und ihnen speziell ausgebildete Experten zur Seite stellen. Ich habe daher die weltweit ersten Ausbildungskurse für Familienberater im Bereich der Extremismusbekämpfung und Deradikalisierung entwickelt und führe diese in verschiedenen Ländern seit mehreren Jahren durch.

Familien und Freunde suchen nahezu immer verzweifelt nach Hilfe und Rat, was sie tun können, um einer geliebten Person zu helfen, denn in der absoluten Mehrheit der Fälle bemerken sie einen Wandel und eine mögliche Gefahr.

Werden nun spezialisierte Programme zur Unterstützung dieser „Gatekeepers“ eingeführt und entsprechend hoher Qualitätsstandards umgesetzt, so können sie Familien und Kommunen die Stärke geben, dem Extremismus seinen Reiz zu nehmen. Denn Familien und Freunde kennen ihre Angehörigen und Bekannte am besten, sie wissen, was sie dazu bewegt haben könnte, sich einer radikalen Gruppe anzuschließen und was sie antreibt. Diese „Gatekeeper“ können auch am besten Alternativen vorschlagen und andere Lösungsvorschläge ins Spiel bringen. Dafür benötigen sie aber Hilfe und ein starkes Unterstützungsnetzwerk.

Mütter sind besonders wichtige „Gatekeeper“. Die meisten Mütter, mit denen ich bisher zusammengearbeitet habe und die ihre Kinder an den „Islamischen Staat“ (IS) oder andere terroristische Gruppierungen verloren haben, hatten zuvor eine Veränderung im Verhalten ihres Kindes bemerkt, sie hatten jedoch keine Hilfe von außen.

Wenn diese Familien von überall auf der Welt zu mir Kontakt aufnehmen, dann höre ich meistens das Bedürfnis zu verstehen, was vor sich geht und was sie dagegen tun können. Viele Eltern werden auf eigene Faust tätig, sie verstecken Reisepässe, schließen ihre Kinder ein oder bringen sie in eine andere Stadt. Diese Reaktionen sind verständlich, aber kontraproduktiv und fördern die weitere Radikalisierung meist nur. Denn Dschihadisten sehen in jedem Widerstand den Beweis dafür, auf dem richtigen – von Allah gewollten – Pfad zu sein.

Hinzu kommt, dass bei der Rekrutierung und in der Ideologie des salafistischen Dschihads erklärt wird, dass die Ablehnung durch die eigene Familie nur eine natürliche Konsequenz der absoluten Wahrheit sei, die jetzt gefunden worden sei. Die biologische Familie würde durch die spirituelle Familie (die Ummah) ersetzt, und so wird selbst die eigene Mutter zu einer Ungläubigen, also einer Feindin.

Der IS fürchtet Eltern als eine mächtige Rekrutierungsblockade

Wenn sich eine Mutter an uns wendet, dann wird ihr ein geschulter Berater (Case-Manager) zugewiesen. Zusammen analysieren sie die Situation des Kindes und versuchen, das „Radikalisierungsrezept“ zu identifizieren. Was trieb den Sohn oder die Tochter in die Arme des IS oder anderer extremistischer Gruppen? Zusammen entwerfen sie einen Schritt-für-Schritt-Plan, suchen externe Partner und bauen ein Unterstützungsnetzwerk rund um die Familie auf.

Die Beraterin oder der Berater wird die Familie in Deeskalationstechniken schulen, die Frustration, Streit in der Familie und Mobbing in der Schule verrringern sollen. Es werden positive Alternativen ins Spiel gebracht, die die Motivation der Tochter oder des Sohnes ansprechen.

Besonders wichtig ist, dass dieser Berater gemäß höchster Standards ausgebildet sind und eine sicherheitsrelevante Situation sofort erkennen können. Leider gibt es in den allermeisten Programmen dieser Art nicht genug gut ausgebildete Beraterinnen und Berater, die eine Brücke bilden sollen zwischen der Familie und allen relevanten externen Partnern (inklusive der Behörden, wenn nötig).

Um Mütter von dschihadistischen Kämpfern miteinander zu vernetzen, habe ich das „Mothers for Life“-Netzwerk gegründet. In erster Linie ist es eine Online-Community, doch manche Mütter haben sich auch schon persönlich getroffen. Als wir im Sommer 2015 einen offenen Brief an den IS schrieben und dieser noch am selben Tag über Twitter reagierte, da wussten wir, dass sie die Macht der Eltern bei ihrer Rekrutierung fürchteten.

Nachdem wir darüber hinaus Briefe von inhaftierten IS-Kämpfern erhielten, in denen sie davon sprachen, dass sie jetzt wüssten, was sie ihren Müttern angetan hatten und den Dschihadismus verlassen wollten, da wussten wir, dass es funktionierte.

Derzeit ist „Mothers for Life“ in elf Ländern aktiv (USA, Kanada, Frankreich, Großbritannien, Belgien, Dänemark, den Niederlanden, Deutschland, Italien, Schweden und Norwegen). Die meisten involvierten Eltern haben eine eigene nationale Organisation gegründet, um andere Familien zu unterstützen.

GIRDS-Experten sind in sechs der genannten Länder vor Ort und haben wiederum Experten ausgebildet. Diese beraten Regierungen rund um den Globus, wie sie Extremismus und Terrorismus am besten entgegentreten können und planen Rückkehroperationen in Zusammenarbeit mit staatlichen Behörden. Kürzlich wurde ich gebeten, Bewährungshelfer in Minneapolis in Interventionen zur Deradikalisierung auszubilden und für einige Angeklagte eine Evaluierung zu Gefährdung und Radikalisierung durchzuführen. Damit konnte GIRDS als erste Institution überhaupt in den Vereinigten Staaten Deradikalisierungsprogramme mitgestalten.

Der Westen wird den IS mit Sicherheit physisch besiegen. Die „Marke“ IS bleibt davon unberührt. Um diese in ihrer Anziehungskraft zu brechen, gibt es keine effektiveren Mitstreiter als die Familien und das direkte Umfeld der Jugendlichen, die von den perfiden Versprechungen des Märtyrertums verführt wurden.

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2 Leserbriefe

Folkmar Biniarz schrieb am 24.08.2016
Den Ansatz, die Deradikalisierung über die Familie und dem Freundeskreis zu entwickeln, finde ich gut. Ich gebe nur zu bedenken, dass ab einem bestimmten Augenblick der Kontakt zur Familie abgebrochen wird. Dann ist es meist zu spät. Die radikalisierten Jugendlichen werden nicht mehr zurück geholt, weil sie nicht mehr erreichbar sind - für niemanden. Sie müssen erst durch die Hölle des IS, bevor sie ganz verloren sind oder von sich aus aussteigen. Das ist dann eine andere Situation. Also ist es wichtig, die Anzeichen möglichst früh erkennen zu können und richtig zu reagieren - z.B. mit einer wirklichen Alternative bei der Sinnsuche der Jugendlichen.
VomSaulusZumPaulus schrieb am 09.10.2016
Permanente Gewalt erzeugt Gegengewalt!

Viele arabische Mütter haben u.a. dank erfolgreicher Drohnen Angriffe unserer ( ehemaligen (?) Besatzer ihre Söhne und Töchter verloren...

Angesichts des weltweit höchsten Militärbudgets, der Macht des militärisch- industriellen Komplexes,
des globalen Führungsanspruches, der 222 begonnenen Kriege ausserhalb des eigenen Territoriums rege ich an, darüber nachzudenken ergänzend in Washington Seminare zur Pazifizierung vorgenannter Kreise anzubieten.

Als Hauptreferent wüsste ich einen willigen Friedensnobelpreisträger, der demnächst für neue Herausforderungen und Aufgaben offen sein dürfte, wenn sein Engagement nicht in letzter Minute verlängert wird.