Es ist ein geopolitischer Paukenschlag. Nicht mal zwei Monate nach ihrer vielbeachteten Gründung löst die Mekka-Allianz der drei Regionalmächte Saudi-Arabien, Türkei und Pakistan erstmals die ihr innewohnende militärische Beistandsklausel aus. Es geht darum, das saudische Königreich im Kampf gegen die vorrückenden Huthis im Jemen zu unterstützen. Längst sind auch saudische Ziele ins Visier der kampferfahrenen pro-iranischen Miliz geraten. Für die Weltwirtschaft wichtige Ölinfrastruktur wurde attackiert. Mit der Einkreisung der Stadt Taiz droht die sich selbst als Ansarallah – „Helfer Gottes“ – bezeichnende Bewegung, den jemenitischen Bürgerkrieg für sich zu entscheiden.

Für die mekkanische Nahost-NATO ist es nicht nur die erste Bewährungsprobe. Das Streben nach strategischer Autonomie führt sie zugleich in einen Hochrisikoeinsatz, politisch wie militärisch. Zwar ist bisher noch unklar, wie viele Truppen und wie viel Gerätschaft der NATO-Staat Türkei und die südasiatische Nuklearmacht Pakistan tatsächlich schicken werden, die offizielle Teilnahme macht diesen Krieg aber schon jetzt zu ihrem. Sollten die Huthis sich nicht stoppen lassen, wäre es auch ihre Niederlage – ein Prestigeverlust, der schwer wiegen dürfte für zwei Regime, die daheim erheblich unter Druck stehen.

Das Mekka-Bündnis, das die drei Staatenlenker – Kronprinz Mohammed bin Salman, Präsident Erdoğan und Premierminister Sharif – an heiliger Stätte geschlossen haben, ist nichts weniger als Ausfluss einer post-amerikanischen Regionalordnung. Die wankelmütigen Amerikaner, die die Saudis wider Willen in den Irankrieg gezwungen haben, sollten zumindest teilweise ersetzt werden durch eine robuste Allianz moderater Regionalmächte. Es ist ein Krieg, der das Geschäftsmodell schlechthin der Golfaraber unterminiert. Iranische Raketen zerstörten das Bild von der Insel der Seligen im so unruhigen Orient. Gerichtet ist die Allianz sowohl gegen den um sich schlagenden Iran wie gegen das unberechenbare Israel. Riads Kalkül war, die eigene Abschreckung wiederherzustellen. Gegen die Huthis ist diese Strategie bislang kaum aufgegangen.

Seit 2022 herrschte eigentlich ein no war, no peace-Arrangement zwischen Sanaa und Riad. Die vor allem für die jemenitische Zivilbevölkerung desaströse, aber für das saudische Militär nicht minder erfolglose Intervention des Königreichs in seinem südlichen Nachbarstaat war damit zu einem vorläufigen Ende gekommen.

Erst der 2026er Irankrieg beendete den fragilen Modus Vivendi. Durch die Blockade von Hormus gewann das Bab al-Mandad – die „Tor der Tränen“ genannte Meerenge zwischen Arabischer Halbinsel und dem afrikanischen Kontinent – erheblich an strategischer Bedeutung. Das Königreich schiffte das Gros seiner Ölexporte nun hierdurch an die asiatische Endkundschaft. Für die Huthis war es die Möglichkeit, aus ihrer Isolation auszubrechen. Jenseits der Unterstützung des iranischen Verbündeten hatten sie ein Eigeninteresse, die neu gewonnene geografische Relevanz zu nutzen. Als ihnen Riad die Wiedereröffnung ihrer Häfen und Flughäfen verweigerte, war das Anlass für ihren Kriegsbeitritt.

Was für Iran eine Entlastung bedeutete, die Eröffnung einer neuen Front, schürte im Königreich Einkreisungsängste.

Was für Iran eine Entlastung bedeutete, die Eröffnung einer neuen Front, schürte im Königreich Einkreisungsängste. Die Raketen kamen plötzlich von Nord und Süd. Im September wurde die für die Saudis so zentrale Ostwest-Pipeline beschossen. Es war ein Fanal. Trotz eindringlichster Appelle lehnte die ehemalige amerikanische Schutzmacht eine Intervention zu Gunsten des Königreichs ab. Allein aber ist das saudische Militär zu schwach, um diesen Kampf zu führen. Gemäß dem Motto big toys, small boys wird die Truppe trotz teuerster Waffenarsenale strategisch an der kurzen Leine gehalten. Die Erinnerung an durch Generäle gestürzte Königshäuser wirkt in den Palästen Arabiens bis heute nach.

Die türkisch-pakistanische Intervention dürfte in Riad nun für Aufatmen sorgen. Doch das Streben nach strategischer Eigenständigkeit birgt neue militärische Risiken. Der Kronprinz geht damit all-in in einem Krieg, den er eigentlich vermeiden wollte. Die Kriegsziele sind ungewiss. Geht es darum, sich ein für alle Male der Huthi-Bedrohung zu entledigen? Oder lediglich um ein Wenden des Kriegsglücks im jemenitischen Bürgerkrieg? Die Intervention könnte die Ansarallah-Bewegung erst recht anstacheln. Militärisch sind die Huthis heute um einiges fähiger als vor gut zehn Jahren, als die Saudis schon einmal intervenierten. Anders als damals können sie Raketen und Drohnen nun teilweise schon selbst produzieren. Auch damals galt: Kriege beginnen ist einfach, sie zu beenden, dagegen schwer. Eine Zehnstaaten-Koalition biss sich an den Rebellen die Zähne aus. Ist diesmal alles anders?

Es ist zuvorderst die Asymmetrie des Kampfes, die eine Herausforderung für das Königreich darstellt. Riad ist höchstintegriert in die Globalwirtschaft. Dauerhafte Attacken auf die eigene Energieinfrastruktur treffen das Wirtschaftsmodell ins Herz. Ganz anders die Huthis, die unter widrigsten Umständen seit 22 Jahren in einem Dauerkonflikt bestehen. Sie sind wie gemacht für einen verlustreichen Abnutzungskrieg. Der Kronprinz muss seine vom Ölreichtum alimentierte Rentiergesellschaft dagegen erst einmal kriegstüchtig machen.

Ideologisch spielt die Eskalation der Ansarallah-Bewegung womöglich in die Hände. Die herrschende Huthi-Familie wähnt sich selbst als haschemitische Nachfahrin des Propheten. Die Legitimität der saudischen Herrschaft über die Heiligen Stätten wird religiös bestritten. Damit bekommt der Krieg eine ungute konfessionelle Komponente. Dass die Herrschaft der Huthis an der jemenitischen Staatsgrenze enden muss, dass die Bewegung nicht einst wie der Prophet selbst oder – Ironie der Geschichte – die Familie Al-Saud die arabische Halbinsel von hinten aufrollen kann, ist nicht gesagt.

Je länger dieser Krieg dauert, desto günstiger für den jüdischen Staat.

Auch für die Türkei und Pakistan ist die Intervention kaum ohne Risiko. Anzunehmen ist, dass beide Regionalmächte die Entsendung von größeren Truppenkontingenten nach Südarabien eher vermeiden werden. Für den Anfang zumindest sollen jemenitische Söldner die Drecksarbeit machen. An der Heimatfront allerdings dürfte der Krieg kaum populär sein. Den Huthis wird in der regionalen Öffentlichkeit zugutegehalten, dass sie Israelis und Amerikanern die Stirn boten. Nun zieht man in etwas, das böse Zungen als muslimischen Bruderkrieg bezeichnen dürften.

Gerade in Israel dürften die Sektkorken knallen. Tel Aviv macht keinen Hehl daraus, dass man die Türkei und Pakistan als feindselig betrachtet. Während man selbst eine Phase der Ruhe inmitten des Krieges erlebt, ziehen die Feinde von der sunnitischen Allianz nun indirekt ins Feld gegen den iranischen Erzfeind. Strategisch ist das für den elektoral mit dem Rücken zur Wand stehenden Netanjahu ein Hauptgewinn. Je länger dieser Krieg dauert, desto günstiger für den jüdischen Staat. Im Windschatten der immer größeren Eskalation dürften sich Fakten schaffen lassen, in den besetzten Palästinensergebieten ebenso wie im Libanon und in Südsyrien.

Es wäre überdies eine naive Annahme, dass sich die militärische Zuspitzung im Jemen trennen ließe vom Krieg am Golf. Für Iran sind die Huthis ein Premiumverbündeter, der an Wichtigkeit längst die Hisbollah überboten hat. Militärisch ist es kaum noch ein Vergleich zwischen der in die Ecke gedrängten Terrormiliz, die sich im Libanon aus der kaum anderthalb Millionen Seelen zählenden schiitischen Minderheit rekrutiert, und dem 30-Millionen-Quasistaat der Ansarallah am Südende der Arabischen Halbinsel. Die extrem unter Druck stehende Islamische Republik hat wenig andere Möglichkeiten, als ihr Heil in der Eskalation und damit in der Unterstützung der Huthis zu suchen. Ein Rückfall in alte khameneische Schockstarre wäre ein Warten auf ihren ökonomischen Tod. Mit der Aktivierung der Mekka-Allianz droht nun eine direkte Konfrontation mit der Türkei und Pakistan.

Damit fügt sich die Auseinandersetzung im Jemen in jenes Bild einer seit dem 7. Oktober 2023 immer schneller rotierenden Eskalationsspirale. Von der Levante über den Golf und die Arabische Halbinsel bis zum Horn von Afrika: Überall lodern die Kriegsflammen, greifen die Konflikte zunehmend ineinander und befeuern einander. Der Mekka-Pakt war ein Versuch, der um sich greifenden Anarchie etwas entgegenzusetzen und die eigene Sicherheit unabhängiger von Washington zu gestalten. Doch mehr strategische Autonomie bedeutet auch mehr militärische Verantwortung. Im Jemen entscheidet sich, ob der Pakt sein Versprechen einlösen kann oder ob er selbst vom Kriegsstrudel erfasst wird, den er eigentlich eindämmen wollte.