Sie hatten es geahnt: In den letzten Monaten, Wochen und sogar noch Stunden vor den koordinierten Angriffen der USA und Israel auf Iran, die am Morgen des 28. Februar begannen, hatten Vertreter der arabischen Golfstaaten versucht, eine solche Eskalation zu verhindern. Oman fungierte als Vermittler für indirekte Verhandlungen zwischen Iran und den USA, und am Tag vor den Angriffen hatte sich Außenminister Badr Albusaidi noch äußerst optimistisch geäußert, dass man einer Lösung nahe sei – ein Trugschluss.
Diese Vermittlerrolle ist nicht ganz neu. In den letzten fünf Jahren haben einige Golfstaaten wie Saudi-Arabien eine spektakuläre Kehrtwende von einem eher breitschultrigen interventionistischen Kurs zu einer Politik der ruhigen Töne, der Deeskalation, der Diplomatie und des Dialogs vollzogen. Dieser Kurs zeigte sich in mehrfacher Hinsicht: 2021 legten die Golfstaaten die Krise bei, die seit 2017 zwischen ihnen angedauert hatte: Katar – der selbstbewusste Emporkömmling – sollte durch seine Nachbarn Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Bahrain und Ägypten boykottiert und in die Schranken gewiesen werden.
Es folgte die schrittweise Annäherung des saudischen Königreichs an die Türkei, deren Verhältnis nach der Ermordung des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul im Oktober 2018 einen neuen Tiefpunkt erreicht hatte. Höhepunkt dieses neuen Kuschelkurses war sicherlich die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen Riads mit seinem Erzfeind Iran im März 2023. Unter Vermittlung Omans, des Iraks und zuletzt auch Chinas beendeten die beiden einflussreichen Regionalmächte ihre siebenjährige Eiszeit, die nach der Hinrichtung des in Iran beliebten schiitischen saudischen Predigers Nimr al-Nimr im Januar 2016 und den darauf folgenden Attacken iranischer Demonstranten auf die saudische Botschaft in Teheran begonnen hatte.
Noch 2017 hatte der einflussreiche saudische Kronprinz Muhammad bin Salman den iranischen Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamenei als den „neuen Hitler“ bezeichnet – daraufhin begann eine Hochphase der gegenseitigen Dämonisierung und Diffamierung. Auslöser der 180-Grad-Wende ab 2019 war eine ähnliche Bedrohung wie zurzeit: Im September schlugen Drohnen und Raketen in den saudischen Ölraffinerien Abqaiq und Khurais ein und sorgten zeitweise für einen 50-prozentigen Produktionsausfall, der Saudi-Arabien als wichtigsten Ölexporteur in die Bredouille brachte. Diese mit hoher Wahrscheinlichkeit von Iran durchgeführten Angriffe traumatisierten die saudische Führung und zeigten ihr auf brutalste Weise ihre Verletzlichkeit – trotz einer engen Sicherheitspartnerschaft mit den USA und eines hochgerüsteten Abwehrsystems. Saudi-Arabien entschloss sich in der Folge, den Konfrontationskurs zu verlassen und zu deeskalieren.
Obwohl die Golfstaaten an einem geschwächten Iran interessiert sind, hat Khameneis Tod nicht zu Jubelstürmen geführt.
Nun ist Khamenei tot. Doch obwohl die Golfstaaten grundsätzlich an einem geschwächten Iran interessiert sind, hat sein Tod weder in Saudi-Arabien noch in den anderen Golfstaaten zu Jubelstürmen geführt. Ohne Frage weint niemand in Riad oder Abu Dhabi dem Revolutionsführer eine Träne nach. Aber die aktuelle Krise droht, das golfarabische Geschäftsmodell nachhaltig zu beschädigen. Im Zuge der letztjährigen Entspannungspolitik haben die Golfstaaten ihre Marke als Plattform, Partner und Problemlöser gestärkt, um sich damit international unersetzlich zu machen, um Investitionen in die Region zu locken und sich als sichere Häfen in einer Krisenregion, als Drehscheiben für Handel, Logistik und Tourismus sowie als Zentren der Innovation, des Sports und des Entertainments zu präsentieren.
Die Annäherung an Iran beruhte weniger auf Überzeugung, sondern auf taktischem Kalkül – es war keine Liebesheirat, sondern eine Zweckbeziehung: Insbesondere Oman versteht sich traditionell als ehrlicher Makler mit einer Vielzahl von Kommunikationskanälen. Er wird seit langer Zeit als vertrauenswürdiger Vermittler geschätzt, wie zuletzt bei den Gesprächen zwischen Iran und den USA. Katar teilt sich ein Gasfeld mit Iran und ist daher auf konziliante Beziehungen angewiesen. Der Erfolg Dubais basiert zum Teil auf den Handelsbeziehungen mit Iran; auch deshalb verfolgten die Herrscher der VAE ebenfalls einen geschäftsorientierten, pragmatischen Kurs. Und sogar Saudi-Arabien löste sich von seiner Iranoia und sah die Annäherung an Iran als potenzielle geschäftliche Gelegenheit und Sicherheitsgarantie.
Immerhin begreifen sich die Herrscher am Golf als Modernisierungsmanager, die wissen, dass sie ihre von Öl und Gas abhängigen Wirtschaften diversifizieren müssen. Insbesondere Saudi-Arabien, Kuwait oder Oman sehen sich enormen sozioökonomischen Herausforderungen gegenüber. Wirtschaftliche Reformen sind kein Selbstzweck, sondern absolut notwendig, um Arbeitsplätze zu schaffen, soziale Frustration zu verhindern, um die Erzählung von Frieden und Fortschritt mit Leben zu füllen und um die politische Legitimation der Herrscher zu sichern. Dafür benötigen alle Golfstaaten regionale Stabilität, weil regionale Krisen das Vertrauen internationaler Investoren unterminieren.
Die aktuelle Eskalation ist für die Herrscher am Golf ein Super-GAU.
Deswegen stellt die aktuelle Eskalation für die Herrscher am Golf einen Super-GAU dar. Sie fühlen sich verraten – nicht nur von Iran, der sie trotz aller Annäherungsversuche unter Feuer nimmt, sondern auch von Israel und den USA. Weder US-Präsident Donald Trump und schon gar nicht Israels Premierminister Benjamin Netanjahu werden als verlässliche Partner betrachtet – ganz im Gegenteil. Saudi-Arabien fühlte sich bereits nach den Anschlägen auf die saudischen Ölraffinerien 2019 von Trump im Stich gelassen – weil er in seiner ersten Amtszeit nicht massiv gegen Iran vorging. Nun fühlt sich die Führung in Riad wieder im Stich gelassen, diesmal weil er massiv gegen Iran vorgeht.
Dieser Wandel zeigt, welche Zeitenwende der Golf durchlaufen hat, und wie sich die Bedrohungsperzeptionen verschoben haben. Iran galt zeitweise als kleineres Übel im Vergleich zu Israel, das wegen seines verheerenden Gaza-Kriegs als neuer Hegemon in der Region wahrgenommen wird. Den aktuellen Konflikt betrachten viele Herrscher am Golf als existenzielle Bedrohung ihrer Sowohl-als-auch-Politik, die darauf angelegt ist, sich keinem Lager zuordnen zu lassen und Allianzen flexibel anzupassen. Diese Politik des Ausbalancierens galt in den letzten Jahren als große Stärke der Golfstaaten, erweist sich aber gerade als Schwachpunkt: Weder hat die Annäherung an Iran dazu geführt, dass man von dessen Angriffen verschont wird, noch haben die engen persönlichen Beziehungen zu Trump und die Normalisierung der Beziehungen zu Israel durch die VAE oder Bahrain die eigene Sicherheit verbessert. Ganz im Gegenteil: Die Golfstaaten fürchten, zwischen Iran und Israel zerrieben zu werden und als schwächstes Glied in der Kette keine echte Unterstützung durch die USA zu bekommen.
Nun befinden sich die Golfstaaten in einer Post-Annäherungsperiode und müssen ihr Kalkül verändern. Dabei könnten sie eine Doppelstrategie anwenden: Auf der einen Seite könnten Staaten wie Saudi-Arabien und die VAE ihre Abschreckung gegenüber Iran erhöhen, indem sie ihre diplomatischen Beziehungen abbrechen. Saudi-Arabien hat bereits den iranischen Botschafter einbestellt und die Emirate haben ihre Botschaft in Teheran geschlossen. Außerdem könnten sie ihre Lufträume für amerikanisch-israelische Angriffe öffnen, was sie bislang vermieden haben, um sich aus dem Konflikt herauszuhalten. Und zuletzt könnten sie selbst militärisch gegen Iran eingreifen. Diese Entscheidung wäre allerdings hochproblematisch, weil man dann Seite an Seite mit Israel kämpfen würde, was vor allem Saudi-Arabiens Legitimation als Unterstützer der palästinensischen Sache untergraben würde.
Auf der anderen Seite könnten sie weiterhin auf Diplomatie setzen. Trotz der Konfrontation hat Oman offiziell die Notwendigkeit eines Waffenstillstands betont. Mohammed bin Abdulrahman bin Jassim Al-Thani, Katars Premier- und Außenminister, sprach mit dem iranischen Außenminister Abbas Araghchi. Die Golfstaaten könnten zudem auf Trump einwirken, nicht endlos zu eskalieren, und argumentieren, dass dies nicht nur dem Geschäftsmodell der Golfstaaten schaden würde, sondern auch den globalen Märkten und ganz besonders der US-amerikanischen Wirtschaft – was sich negativ auf Trumps Popularität und die Zwischenwahlen im November auswirken könnte. Die Golfstaaten verfügen auch gegenüber Europa und China über Handlungsspielräume, für die sie Partner aus Notwendigkeit sind. Als einflussreiche Strippenzieher können sich die Golfstaaten wehren und versuchen, ihr Modell zu retten – doch dafür braucht es Einigkeit, internationale Unterstützung und einen kühlen Kopf.




