Die Rückeroberung Mossuls hat begonnen. In Bagdad und Washington zweifelt niemand mehr daran, dass die Herrschaft des IS im Irak mit den nächsten militärischen Manövern beendet sein wird. Das wirft die Frage auf, was danach kommt. Sind der Westen und der Irak darauf vorbereitet, das Machtvakuum zu füllen, das durch den Sturz des IS entsteht? Anders als in Syrien begrüßten die sunnitischen Iraker den IS und sahen ihn als eine befreiende Kraft. Wie kann das Bündnis gegen den IS sicherstellen, dass die Zivilbevölkerung nicht gleich nach der erfolgreichen Vertreibung des IS verzweifelt nach einer anderen „Befreiung“ ruft?

Ein guter Ausgangspunkt wäre herauszufinden, warum die sunnitischen Iraker den IS überhaupt willkommen hießen. Anders gefragt, was hat der IS richtig gemacht? Wir sind dieser Frage nachgegangen, indem wir die Menschen befragt haben, die sich 2014 kaum gegen die Gebietseroberungen durch den IS gewehrt hatten. Dazu wurden einer zufälligen Auswahl von 200 sunnitischen Muslimen in Kara Tapah und Jalawla, zwei Unterdistrikten im nördlichen Gouvernement Diyala, das 2014 teilweise unter IS-Herrschaft geriet, grundlegende Fragen gestellt. Die Antworten gaben interessante Einblicke in die Effektivität des IS.

Was macht der IS richtig?

Es ist kein Geheimnis, dass die sunnitischen Muslime im Irak nach der US-Intervention mit der schiitisch-dominierten Zentralregierung in Bagdad unzufrieden waren. Viele hielten die Regierung für inkompetent und einige sahen in ihr die Ursache aller Probleme. Um sich die Unterstützung der sunnitischen Bevölkerung zu sichern, änderte der IS zunächst das Justizwesen und die Sicherheitssituation. Sofort nachdem die IS-Kämpfer das Gebiet erobert hatten, führten sie ein kompromissloses Polizei- und Gerichtswesen ein, in dem Urteile sehr zügig gefällt wurden. Beispielsweise wurde jemandem, der des Diebstahls überführt wurde, umgehend (mit dem Schwert) die Hand abgehackt. Auf diese Weise konnte der IS eine gewisse öffentliche Ordnung in eine zuvor chaotische Situation bringen.

Dem IS wird von den Befragten ferner zugute gehalten, dass er die bürokratischen Sicherheitskontrollen abbaute. Vor der Herrschaftsübernahme durch den IS gab es in den Augen der Bevölkerung viel zu viele Kontrollpunkte, die mit respektlosen und unhöflichen Soldaten und Polizisten besetzt waren. Die Einheimischen fanden es ärgerlich, in der heißen Sonne fünf bis zehn Minuten an jedem Kontrollpunkt zwischen den Städten warten zu müssen. Azada Rash, ein ortsansässiger Taxifahrer, erklärte: „Um von Kara Tapah nach Diyala zu kommen, brauchte man fast zwei Stunden. Vor der Einrichtung der Kontrollpunkte war man in einer Stunde und 20 Minuten da. Und manchmal durfte man die Straße aufgrund von Sicherheitsbedenken und kriminellen Banden gar nicht benutzen.“

Was lernen wir daraus? Dass die nach der bevorstehenden Operation in Mossul eingesetzte Regierung – wer auch immer das sein mag – in Bezug auf Sicherheitsfragen, Kriminalität und Justizwesen mindestens so überzeugend sein muss wie der IS.

Obwohl die Sunniten der Auffassung sind, dass der IS viel für die innere Sicherheit getan habe, sind sie dennoch überzeugt, dass er für die massive Zerstörung von Eigentum und die vielen zivilen Todesopfer des Krieges verantwortlich ist. Und auch wenn viele der Befragten den IS für seine Errungenschaften für die innere Sicherheit loben, glaubt nur ein Viertel der Befragten, dass die Sicherheit für die Menschen und ihr Eigentum unter dem IS besser war als unter dem vorherigen Regime. Allerdings war fast derselbe Prozentsatz in dieser Frage ganz anderer Ansicht.

Im Vergleich zu anderen terroristischen Gruppierungen und sogar rechtmäßigen Regierungen in aller Welt hat der IS in dem von ihm beherrschten Gebiet recht überzeugende sicherheitspolitische Strategien verfolgt (zumindest bessere als die Regierung in Bagdad). Das gilt allerdings nicht für andere öffentliche Anliegen. Von der Regierung in Bagdad geleistete Zuschüsse, wie beispielsweise für Schädlingsbekämpfungsmittel, wurden nach der Machtübernahme durch den IS sofort eingestellt. Andere öffentliche Dienste, wie Schulen, medizinische Einrichtungen und staatliche Krankenhäuser blieben– wie schon unter dem vorhergehenden Regime – geschlossen.

Was machte der IS falsch?

Im Allgemeinen empfand die Bevölkerung die wirtschaftliche Situation unter dem IS als schlechter. Das größte Problem war die Isolierung in Bezug auf den Handel. Die Bauern konnten ihre Produkte – Weizen, Kartoffeln und Fleisch – nicht verkaufen. Das stellt für eine hauptsächlich von der Landwirtschaft lebende Bevölkerung ein existenzielles Problem dar. Die Regierung zuvor hatte in der Region Agrarerzeugnisse aufgekauft, um sie an notleidende Menschen zu verteilen. Aber dieser Großabnehmer war nun weggefallen. Die Bevölkerung in den IS-Gebieten konnte auch keine importierte Ware mehr kaufen. Deshalb waren bestimmte Produkte wie Gas zum Kochen nicht mehr erhältlich, während sich bei anderen Produkten der Preis verdreifachte. Kurz nachdem der IS das Territorium unter seine Herrschaft gebracht hatte, kletterte beispielsweise der Preis für ein Glas Säuglingsnahrung, das in den von der irakischen Regierung kontrollierten Gebieten 3,50 US-Dollar kostet, auf 14 US-Dollar pro Glas – und selbst zu diesem Preis waren sie nur bei Schmugglern erhältlich.

Die schlechte Wirtschaftslage wirkt sich sogar auf die Eheschließungsrate aus. Da es im Irak üblich ist, dass der Mann eine sichere Beschäftigung hat, bevor er einer Frau einen Heiratsantrag stellen darf, bringt es die schlechte ökonomische Situation mit sich, dass viele junge Menschen nicht heiraten und eine Familie gründen können. Es ist nicht klar, inwieweit die wirtschaftliche Misere der IS-Politik zuzuschreiben ist bzw. inwieweit sie durch die Sanktionen von außen verursacht wurde. Klar ist jedoch, dass der IS weder die Mittel noch den Willen hatte, die Situation zu verbessern. Wenn beispielsweise Lehrer überhaupt Gehälter bekamen, wurden diese nur sporadisch ausbezahlt und waren in keiner Weise eine angemessen Entlohnung.

Welche Lehren sind also aus dem Aufstieg und bevorstehenden Fall des IS zu ziehen? Der wichtigste Punkt ist, dass es dem IS gelang, sich mit einer Stärkung des Justizwesens und seiner Sicherheitspolitik öffentliche Unterstützung zu sichern. Seine „interne Staatsführung“ wurde von der Bevölkerung positiv bewertet. Obwohl unsere Befragung durchgeführt wurde, nachdem der IS viele Gräueltaten verübt hatte und das Territorium bereits von kurdischen Streitkräften zurückerobert worden war, äußerten sich viele der Befragten positiv über den IS. Das heißt, dass die Bewertungen über den IS während seiner Herrschaft vielleicht sogar noch positiver ausgefallen wären. Der IS war jedoch auch die Ursache für den Krieg und die Handelssanktionen – beides hatte verheerende Auswirkungen auf die Wirtschaft und auf soziale Aspekte dieser Gesellschaften.

Was lernen wir daraus? Dass die nach der Operation in Mossul eingesetzte Regierung – wer auch immer das sein mag – in Bezug auf Sicherheitsfragen, Kriminalität und Justizwesen mindestens so überzeugend sein muss wie der IS. Sie muss auch willens sein, die Wirtschaft neu zu beleben. Dabei wird es natürlich helfen, dass einige der Sanktionen nach dem Verschwinden des IS wohl automatisch aufgehoben würden.

Dieser Artikel erscheint in Kooperation mit dem Belfer Center for Science and International Affairs der Harvard University. Den Originalbeitrag in englischer Sprache finden Sie: hier.