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Alle drehen am Rad
Die Republikaner sehen im Green New Deal der Demokraten eine Ausgeburt stalinistischen Denkens.

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AFP / IPG
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Don(ald) Quijote: Aufschlag gegen die Mühlen.

Ihre Aufgabe für heute: Denken Sie sich Ihren eigenen Green New Deal aus.

Vielleicht haben Sie schon vom ersten Green New Deal gehört, den wir hier kurz Green nennen wollen. Das ist ein Resolutionsentwurf für das Repräsentantenhaus, 15 Punkte, ohne Rechtskraft, aber die Republikaner halten drauf, als ginge es um die Zerstörung aller guten Dinge vom Gehweg bis zur Redefreiheit. „Der Green New Deal der Demokraten ruft eine Erkenntnis Churchills in Erinnerung: Am Anfang mag der Sozialismus die besten Absichten haben, aber am Ende steht immer die Gestapo“, tweetete Senator Tom Cotton aus Arkansas. Nur er bringt so etwas fertig.

Mitch McConnell lässt Ideen der Demokraten, die über die Namensgebung für ein Postamt hinausgehen, vom Senat ja für gewöhnlich nur ungern beraten, doch diesmal kündigte er händereibend an, er werde bald über das gesamte Green-Paket abstimmen lassen. Demokraten aus konservativen Bundesstaaten, Kohleabbauregionen oder auch nur neurotischen Staaten stöhnten leise vor sich hin. Green ist super-idealistisch. Das Konzept fordert „Netto-Nullemissionen für Treibhausgase“ bis 2030, was absolut lobenswert ist. Man möchte meinen, das wäre ehrgeizig genug für eine Resolution.

Doch die Initiatoren – Senator Edward Markey aus Massachusetts und die mittlerweile berühmte Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez aus Queens – wollten mehr, unter anderem die Schaffung „wirtschaftlicher Sicherheit für alle Menschen in den Vereinigten Staaten“ und die „Beseitigung der historischen Unterdrückung“ zwölf verschiedener Bevölkerungsgruppen, von „indigenen Stämmen“ über Frauen bis hin zu „verwaisten ländlichen Gemeinden“. Lauter gute Gedanken, aber als Agenda für eine einzige Presseerklärung vielleicht zu umfangreich. Ocasio-Cortez zählt zu den begabtesten Twitter-Nutzern des Kongresses. Sie müsste doch wissen, dass wir in einer Welt leben, der es schwer fällt, sich mehr als 280 Zeichen lang zu konzentrieren.

Eine der schönen Seiten der Windkraft ist, dass man in Schottland Donald Trump und seinem Golfplatz eine Turbine direkt vor die Nase gesetzt hat, und seither kann er die ganze Sache nicht leiden.

Wie wäre es mit nur einem richtig wichtigen Gedanken zum Klimaschutz? Wie wäre es mit Windrädern? Wenn das Land ernsthaft auf die Windkraft setzen würde, könnten wir schon allein damit unseren Klimaschutzzielen, äh, locker entgegensegeln. Windturbinen sind sauber und gut geeignet für Regionen wie die die flachen Prärie-Staaten, die wirtschaftliche Entwicklung gut gebrauchen können. Man kann sie auch ins Meer stellen und bekommt trotzdem noch all die Energie, die man braucht. „So weit vor die Küste, dass man sie von Mar-a-Lago aus nicht sieht“, so Scott Faber von der Environmental Working Group.

Genau genommen ist uns Mar-a-Lago ziemlich wurscht. Eine der schönen Seiten der Windkraft ist, dass man in Schottland Donald Trump und seinem Golfplatz eine Turbine direkt vor die Nase gesetzt hat, und seither kann er die ganze Sache nicht leiden. Obwohl sein Problem ja eigentlich ist, dass Wind Kohle ersetzen kann, und die gehört zu den Dingen, die der Präsident am allerliebsten hat. „Eine fantastische Energieform, denn – überlegen Sie mal – militärisch betrachtet ist Kohle unzerstörbar“, faselte er letztes Jahr, als er ankündigte, Präsident Barack Obamas Clean Power Plan den Garaus zu machen.

Setzt auf Windkraft! Ocasio-Cortez, die einmal einen Sit-in für saubere Energie vor Nancy Pelosis Büro organisierte, könnte doch einen Protestmarsch mit ein paar Hundert Kindern anführen, die Windrädchen schwenkend rufen: „Pustet den Klimawandel weg!“ Und als Zugabe wollen wir natürlich auch Sonnenenergie. Sehr effizient, sehr sauber, und Donald Trump kann auch sie nicht ausstehen. So schiebt man Diskussionen an, besser als mit dem Green New Deal, der toll ist, aber viel zu kompliziert. Zum Beispiel werden darin mehr Investitionen in Hochgeschwindigkeitsstrecken gefordert, und das just in dem Moment, in dem der Gouverneur von Kalifornien seinen Traum von der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen San Francisco und Los Angeles praktisch begraben hat. („Es gibt einfach keinen Weg. ... Ich wünschte, es wäre anders.“)

Gelassenere Gemüter hätten nun den Vorschlag gemacht, dass wir die mexikanische Grenze mit Deutschen Schäferhunden bestücken.

Green enthielt auch ein geschwätziges, recht unglückliches Exposé, demzufolge man an dem Nullemissionsziel für Treibhausgase in zehn Jahren wohl noch ein bisschen schrauben müsse, weil „wir uns nicht sicher sind, ob wir bis dahin beispielsweise Emissionen von Kühen oder Flugreisen vollständig beseitigen können“.

Dieses Exposé, das offenbar versehentlich veröffentlicht worden war, wurde zwar von der Website genommen, doch die Republikaner forderten, den Plan bis ins kleinste Detail zu diskutieren. Den Medien, die sich nicht unablässig mit dem Konzept befassten, warf Senator Cotton vor, sie befleißigten sich „einer Stalin oder 1984 gemahnenden Methode, es verschwinden zu lassen, es in einem Gedächtnisloch zu versenken“. (So gut wie alles, was Cotton nicht mag, vergleicht er mit Stalin oder dem Nationalsozialismus. Gleich zu Beginn seiner Jungfernrede im Senat behauptete er, die Deckelung der Verteidigungsausgaben erinnerten ihn an die Machtergreifung „Adolf Hitlers in Deutschland“.)

Trump fand die Sache mit den Kühen und den Flugzeugen super. Auf einer Wahlkampfveranstaltung in Texas sagte er, die Demokraten wollten „eine Kleinigkeit namens Luftverkehr abschaffen“. Auf derselben Veranstaltung holte er zu einer geschwätzigen Suada darüber aus, dass Deutsche Schäferhunde Drogen besser erschnüffeln können als jedes technische Hilfsmittel. Gelassenere Gemüter hätten nun den Vorschlag gemacht, dass wir die mexikanische Grenze mit Deutschen Schäferhunden bestücken, der Präsident aber teilte seinem Publikum stattdessen mit, dass er Hunde liebe und auch gern einen hätte.

Dies sei nur erwähnt, um darauf hinzuweisen, dass Donald Trump Hunde durchaus nicht liebt, nie einen Hund hatte, ja, in seinem ganzen Leben offenbar noch nie ein Haustier besaß, nicht einmal einen Goldfisch. Wenn sich die Demokraten nur halb so gut wie die Republikaner darauf verstünden, aus jeder Mücke einen Elefanten zu machen, würden sie den Rest der Woche auf der Abneigung des Präsidenten gegen den Pudel seiner ersten Frau herumreiten. Aber wir können stattdessen auch über Windkraft reden. Die ist schlank, praktisch und extrem Twitter-geeignet.

Aus dem Englischen von Anne Emmert. 

(c) The New York Times 2019

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