Als das britische Climate Change Committee jüngst sein Loblied auf das Homeoffice sang, rannte es bei der Politik offene Türen ein: Die konservativen Tories haben ihr Engagement für die Telearbeit mittlerweile ins Wahlprogramm aufgenommen, und auch Labour drängt die Regierung zum Erlass neuer Gesetze. Nach der Pandemie dürften somit weniger Menschen täglich ins Büro gehen als davor.

Man sollte die Zahl der Beschäftigten, auf die sich diese Entwicklung auswirkt, freilich nicht überschätzen. Offiziellen Angaben zufolge blieben 2020 nur etwa 26 Prozent der Menschen in Großbritannien im häuslichen Büro. Die geographischen und branchenspezifischen Unterschiede sind enorm: Im nordenglischen Middlesbrough arbeiteten weniger als 14 Prozent der Arbeitskräfte von zuhause aus, im Bezirk Richmond upon Thames dagegen mehr als 70 Prozent. In Schottland saßen in der Kommunikationsbranche 70 Prozent der Beschäftigten im Homeoffice, in Hotellerie und Nahrungsmittelindustrie – kaum überraschend – nur sieben Prozent.

Warum mit dem Büro zu Hause so hohe Erwartungen verknüpft werden, liegt auf der Hand. Im eigenen Heim, umgeben von den eigenen Sachen, fühlen sich die meisten Menschen wohl. Mit dem Arbeitsplatz verbinden sie dagegen zumindest zeitweise Stress und Probleme. Der Spitzenverband der britischen Gewerkschaften TUC unterstützt nach Kräften einen Zuwachs an Flexibilität, nicht nur in Hinblick auf den Arbeitsort, sondern auch auf die Arbeitszeiten. Zudem ließen sich mit einer Abnahme des Pendlerverkehrs nicht nur CO2-Emissionen reduzieren, sondern die Betroffenen könnten sich auch die Kosten und Mühen des täglichen Berufsverkehrs sparen.

Für einige Gruppen liegen die Vorteile auf der Hand. Menschen mit Behinderung, die zuvor ausgegrenzt waren, hat der Anstieg der Telearbeit im letzten Jahr Chancen eröffnet. Wer sich die Mieten nicht leisten kann, kann dank Telearbeit an einen günstigeren Ort ziehen, seinen Job aber behalten. Familien mit Kindern wussten Flexibilität schon immer zu schätzen, weil sie ihnen die Betreuung erleichtert.

Wie das Homeschooling erleben die Menschen auch das Homeoffice sehr unterschiedlich.

Erst im Lauf der Zeit wird man abschätzen können, ob die Vorteile zunehmender Telearbeit die Nachteile überwiegen. Zu den Schattenseiten gehört, dass ein hybrides Modell, in dem die Menschen ihre Arbeitszeit zwischen Homeoffice und Arbeitsplatz aufteilen, die per Video zugeschalteten Teammitglieder womöglich benachteiligt, weil die Entscheidungen vor Ort im Konferenzraum fallen. Nachdem Frauen in der Pandemie den Großteil zusätzlich anfallender heimischer Tätigkeiten wie das Homeschooling übernommen haben, steht zu befürchten, dass sie die Verliererinnen der Krise sein werden.

Auch muss man fragen, wie die Wissensübermittlung laufen soll und ob jüngere Beschäftigte womöglich weniger Gelegenheit haben, von Betreuungspersonen zu profitieren und zu lernen. Wie wichtig ist es für Organisationen, dass ihre Leute an einem Ort arbeiten, zusammen essen gehen und dergleichen? Wie lassen sich informelle Effekte einschätzen, wenn Menschen physisch miteinander arbeiten, sich anfreunden, sich streiten, sich verlieben? Was ist mit den 7,9 Millionen Menschen in Großbritannien, die allein leben?

Dass es keine Universallösung geben kann, dürfte klar sein: In Großbritannien gibt es etwa 30 Millionen Angestellte, dazu kommen 4,35 Millionen Selbstständige. Doch wenn in der Arbeitswelt der Zukunft einige Beschäftigtengruppen sehr wahrscheinlich verstärkt im Homeoffice arbeiten, dann folgt daraus, dass Ungerechtigkeiten auf dem Wohnungsmarkt für die Diskussion ebenso relevant sind wie Ungerechtigkeiten in Job und Einkommen.

Darüber, dass diejenigen, die ein eigenes Büro oder ein Gästezimmer ihr eigen nennen, in jüngster Zeit andere Erfahrungen gemacht haben als solche, die sich aus dem Schlafzimmer in Videokonferenzen einwählen, wurde bereits intensiv berichtet. Wie das Homeschooling erleben die Menschen auch das Homeoffice sehr unterschiedlich. Jede Politik in dieser Hinsicht muss Internetzugang, Energiekosten wie auch den zur Verfügung stehenden Platz berücksichtigen.

Es besteht aber auch die Gefahr, dass sich Spaltungen weiter vertiefen, wenn in Millionen von Wohnungen und Häusern Arbeitsräume entstehen. Die unterste Stufe der sogenannten Immobilienleiter ist im Preis bereits so weit gestiegen, dass immer mehr Menschen aus ihren Mietwohnungen gar nicht erst herauskommen. Eine Politik, die dem Wohneigentum noch mehr Bedeutung zumisst – weil Menschen in ihren Wohnungen nicht nur leben, sondern auch arbeiten –, könnte Vermieter und Menschen, die in eigenen Wohnungen leben, bevorzugen und die schätzungsweise 13 Millionen Privatmieter, die in Großbritannien schon jetzt benachteiligt sind, weil sie weder Vermögen noch eine sichere Wohnung besitzen, weiter schwächen.

Es besteht die Gefahr, dass sich Spaltungen weiter vertiefen, wenn in Millionen von Wohnungen und Häusern Arbeitsräume entstehen.

Die Pandemie vergrößert die Ungleichheit im Bereich Wohnen und Wohlstand, das ist bewiesen. Die Inflation des vergangenen Jahres geht darauf zurück, dass Wohnungsbesitzer ihre Ersparnisse zum Erwerb weiteren Wohnraums nutzten und der Finanzminister entschied, Käufern die Grunderwerbssteuer zu erlassen. Die Preise für Einfamilienhäuser stiegen um zehn Prozent, doppelt so stark wie für Wohnungen, wobei im ländlichen Raum der Anstieg am höchsten war.

Manches deutet darauf hin, dass Mieter von einem Absinken der Wohnkosten in den Städten profitieren könnten. Mit Hypothekengarantien und einem neuen Förderprogramm für Wohneigentum soll den weniger gut Betuchten geholfen werden. Doch Forscher warnen vor zunehmenden Gegensätzen zwischen den Stadtvierteln. Während dort, wo mehr Menschen zu Hause arbeiten, zum Beispiel Lebensmittelläden und Friseurgeschäfte profitieren dürften, leiden die entsprechenden Geschäfte in Gegenden, in denen die überwiegend armen Ortsansässigen zu ihrer Arbeitsstelle fahren, ebenso wie die Stadtzentren.

Das kulturelle Phänomen privater Hobbysanierungen könnte seinen Höhepunkt überschritten haben. Manches deutet aber darauf hin, dass die Telearbeit eine neue Renovierungswelle mit sich bringen könnte. Modernisierungen und der Bau von Büroräumen im Garten könnten den Menschen das Leben leichter machen oder durch eine Reduktion des CO2-Ausstoßes sogar zum Allgemeinwohl beitragen.

Man darf allerdings im Zusammenhang mit der Telearbeit nicht übersehen, wie eng die wirtschaftlichen Interessen von Wohnungsbesitzern mit ihrem Immobilienbesitz verknüpft sind. In einer Zeit, in der Besitz (nicht nur Grundbesitz, sondern auch Altersvorsorge und anderes mehr) den Begriff gesellschaftlicher Klassen radikal verändert, hängt, wie Christine Berry und andere darlegen, nicht nur das Herz, sondern auch das Geld der Besitzer am „Eigenheim“.

Wenn mehr Wohnraum in Arbeitsraum umgewandelt wird, ist es dringlicher denn je, der krass ungleichen Verteilung von Wohneigentum entgegenzusteuern.

Das soll nicht heißen, dass Menschen mit selbst genutztem Wohneigentum morgens schon beim Aufstehen nur die Grundstückspreise im Kopf haben. Aber wenn mehr Wohnraum in Arbeitsraum umgewandelt wird, ist es dringlicher denn je, der krass ungleichen Verteilung von Wohneigentum entgegenzusteuern (jüngsten Forschungen zufolge gibt es in Großbritannien mittlerweile 2,7 Millionen Vermieter, die kaufen, um zu vermieten).

Vermögen ist nicht die einzige Trennlinie in unserer Gesellschaft. Nur in 3,5 Prozent aller Todesfälle wird eine Erbschaftssteuer erhoben (in Großbritannien sind bis zu 325 000 Pfund bzw. circa 280 000 Euro steuerfrei); ein Mehr an Wohlstand an die nächste Generation weiterzugeben, bleibt einer kleinen Minderheit vorbehalten. Das Vereinigte Königreich gehört in der westlichen Welt zu den Ländern mit der größten Einkommensungleichheit, und die Zunahme von Null-Stunden-Verträgen, verbunden mit der Kürzung von Sozialhilfeleistungen führt dazu, dass für viele Menschen Wohnen und Einkommensunsicherheit eng miteinander verknüpft sind. Schwarze, andere Minderheiten und Frauen sind überproportional betroffen.

Welche Langzeitfolgen die Arbeit von zuhause auf das Einkommen haben wird, lässt sich noch nicht sagen. Doch trotz der unbestreitbaren Vorteile der Telearbeit lassen die Immobilienmarktdaten bislang nicht vermuten, dass sie insgesamt eine progressive Wirkung entfalten wird. Viel wahrscheinlicher ist eine weitere Vermögensinflation und eine Zunahme der bereits chronischen Immobilienabhängigkeit in Großbritannien. Schon früher hätten die Menschen sicherere und langfristigere Mietverträge und einen massiven Zubau von Sozialwohnungen dringend gebraucht. Das gilt erst recht, wenn künftig noch mehr Menschen von zuhause aus arbeiten.

© The Guardian

Aus dem Englischen von Anne Emmert