Ob True Crime-Dokumentation oder Verschwörungspodcast: Die Geschichte des 2019 verstorbenen Jeffrey Epstein bietet Material für jedes Gruselformat der zeitgenössischen Medienökonomie. Da sind etwa die einflussreichen Bekanntschaften des Multimillionärs, seine Privatinseln in der Karibik, sein mit vielen Fragezeichen versehener Aufstieg und sein ebenso rätselhafter Tod. Gar nicht erst zu sprechen von seinen Verbrechen, die in der öffentlichen Wahrnehmung längst den Boden des Nachweisbaren verlassen und eine regelrecht phantasmagorische Form angenommen haben. Selbst von Kannibalismus und rituellen Kinderopfern ist dieser Tage die Rede, und auch wenn man vieles für möglich halten soll, erscheint Epstein doch immer mehr als unwirkliche Figur im Stile eines Gilles de Rais. Als ein Mann also, der nur für das Verbrechen, durch das Verbrechen und im Verbrechen wirklich gelebt hat.
Würde sich die Beschäftigung mit ihm in herkömmlichen Bahnen bewegen, wäre sie zwar noch immer von bizarren Elementen durchsetzt, politisch aber kaum von Bedeutung. Doch hat sie im Lauf der letzten Monate ein hysterieähnliches Eigenleben angenommen, das nun immer weitere Kreise zieht. Wer ist mit Epstein auf welchem gut 20 Jahre alten Foto zu sehen? Wer hat sich bei ihm eingefunden, wer ihm geschrieben, wer mit ihm gefeiert? Jede längst vergangene Begegnung kann einen zum potenziellen Komplizen werden lassen, jede lose Bekanntschaft zum Pädophilen zweiter Ordnung. Allerorts wird die Szenerie von einem elektrisierenden Gemisch aus Neugier und Straflust beherrscht, das letztlich in eine eigentümliche Beweislastumkehr mündet: ein guilty until proven innocent, vor dem kaum jemand gefeit zu sein scheint. Dabei gilt, dass auch das gesellschaftliche Leben an der Spitze New Yorks überschaubar ist, und jeder, der über Jahre in den einschlägigen Restaurants und Privathäusern verkehrt, dem Menschenfänger Epstein mindestens einmal über den Weg gelaufen sein muss. Indes erscheint das Interesse an einem solchen Geraderücken der Rahmenumstände denkbar gering.
Ob britischer Botschafter oder slowakischer Regierungsberater – sie alle sind nunmehr Teil einer politischen fallout zone, aus der es keinen wirklichen Ausweg zu geben scheint.
Lieber wühlt man sich staunend durch die Epstein Files, diesem gewaltigen Konvolut an Notizen, Ermittlungsakten und Emails, dessen vorerst letzte Millionentranche das US-Justizministerium Ende Januar veröffentlicht hat. Neben einigem Banalen stößt man dort durchaus auch auf Bemerkenswertes, etwa auf eine Nachricht von Elon Musk aus dem Jahr 2012, in der nach der „wildesten Party“ auf Epsteins Eiland gefragt wird. Auch das Bild eines etwas schmuddelig daherkommenden Zahnarztstuhls lädt zu ausgiebigen Spekulationen ein. Vor allem aber stößt man auf jene Korrespondenz, die in den vergangenen Wochen so manche Karriere auf Eis gelegt hat: Norwegens bürgerliche Kronprinzessin Mette-Marit hatte Epstein einst ihr Herz ausgeschüttet und ihn „sweetheart“genannt; nun diskutiert die Presse, ob sie mit dieser Hypothek noch Königin werden kann. Der ehemalige französische Kulturminister Jack Lang war dem New Yorker wiederum über gemeinsame Geschäfte verbunden; jetzt musste er den Vorsitz des Arab World Institute räumen. Ob britischer Botschafter oder slowakischer Regierungsberater – sie alle sind nunmehr Teil einer politischen fallout zone, aus der es keinen wirklichen Ausweg zu geben scheint.
Die Vehemenz der Reaktionen verdeutlicht nicht nur, welch ungemeinen Sog die Affäre inzwischen entwickelt hat, sondern auch, an welchen zivilisatorischen Pfeilern bei ihrer Aufarbeitung gesägt wird. Schließlich muss man weder betriebsblinder Weltverbesserer noch ewiger Contrarian sein, um die Auffassung zu teilen, dass Straftäter (auch schwere) keine Aussätzigen sind, die man unter soziale Quarantäne stellen muss und mit denen man keinen Umgang mehr pflegen darf. Eine solche Haltung wäre nicht nur hochgradig blasiert, sondern widerspräche auch dem Resozialisierungsgedanken, der in unserer Zeit den menschenwürdigen Umgang mit Verurteilten prägt. Nicht weniger selbstverständlich sollte es sein, dass das Kontakthalten mit jemandem, der seine Zeit hinter Gittern absitzt (oder bereits abgesessen hat), einem nicht leichtfertig als Unterstützung von dessen Taten oder als Solidarisierung ausgelegt werden darf. Gerade vor diesem Hintergrund ist es beunruhigend, wie sehr die Epstein-Manie einem Hochamt der Kontaktschuld gleicht, bei dem es lange nicht mehr um die Aufarbeitung realer Straftatbestände geht. Sondern primär um Kolportage und Verdachtsgeraune.
Selbst US-Präsident Donald Trump, der Skandale gemeinhin wegsteckt wie ein Preisboxer die Treffer seiner Gegner, spürt, dass die Luft neuerdings dünner wird. Schließlich taucht er selbst unzählige Male in den Files auf, war mit dem Verstorbenen befreundet, soll sich aber bereits Anfang der 2000er Jahre mit ihm zerstritten haben. Trump sei „so widerlich“ schrieb die Obama-Anwältin Kathy Ruemmler noch 2018 in einer Mail an Epstein, woraufhin dieser keinen Hehl aus seiner Geringschätzung machte: „In echt und aus der Nähe [betrachtet ist er] noch schlimmer.“ Und doch erscheint der Trump-Epstein-Nexus bedeutend genug, um im Weißen Haus für beträchtliche Kopfschmerzen zu sorgen. Böse Zungen behaupten gar, dass nahezu jeder außenpolitische Vorstoß der vergangenen Wochen nicht zuletzt dazu gedient habe, die Angelegenheit unter einem schier endlosen Strom von Eilnachrichten zu begraben. Falls dem tatsächlich so gewesen sein sollte, war der Plan allerdings wenig erfolgreich, denn noch immer fällt Schlaglicht um Schlaglicht auf die Verstrickungen des Präsidenten. Etwa wenn es um jene viel beachtete Mail geht, in der Epsteins Bruder Mark diesen bittet, sich zu erkundigen, ob die Russen tatsächlich Bilder besitzen, auf denen Trump „Bubba einen bläst“.
Für die Netzgemeinde ein Heimspiel, denn Bubba ist ein gängiger Kosename für Bill und dieser Bill, so wurde geschlussfolgert, könne niemand anderes als Bill Clinton sein, der beim Thema Oralverkehr ja ohnehin ein gebranntes Kind ist. Man weiß nicht recht, wie viel davon noch Ironie und wie viel schon Postironie ist, aber selbst im Absurden zeigt sich: An der wildwuchernden Causa Epstein trägt der Präsident ansehenstechnisch schwerer als an all den Stormy-Daniels-Petitessen der ersten Amtszeit. Wer einer Stripperin Schweigegeld zahlt oder sich in Locker Room Talk ergeht, wirkt auf viele Wähler authentisch, kernig und maskulin. Wer dagegen im Verdacht steht, sich an den Perversionen einer zum Monster überzeichneten Figur beteiligt zu haben, kann kaum mit ähnlichem Wohlwollen rechnen. Zumal erschwerend hinzukommt, dass hier genau jener schlierige Sumpf aus Einfluss und Exzess zum Tragen kommt, den Trump im Wahlkampf trockenzulegen versprochen hatte.
So könnte die ganze Angelegenheit dazu geeignet sein, das Vertrauen der US-Bevölkerung in die Glaubwürdigkeit ihrer Eliten weiter zu untergraben – unabhängig von Profil und Parteibuch.
So sehr der Präsident auch unter Druck steht, so wenig konnten die oppositionellen Demokraten ihrerseits echte Feldvorteile aus der Affäre ziehen. Einerseits werden sie dadurch gehemmt, dass die Kongressrepublikaner den Kommunikationsstrategen im Weißen Haus wenig Beachtung schenken und gleichfalls in die Rolle der Aufklärer zu schlüpfen versuchen. Und andererseits lässt sich der Reigen der Epstein-Kontakte kaum entlang einer ideologischen Achse abtragen. Man denke nur an Trumps Handelsminister Howard Lutnick, der den Multimillionär 2015 kontaktierte, um ihn zu einem „sehr intimen“ Spendendinner für die damals noch von ihm unterstützte Hillary Clinton einzuladen. Oder an Trump-ferne Prominente wie Noam Chomsky und Bill Gates, deren Lebenswege sich ebenfalls mit dem des Tausendsassas gekreuzt haben. So könnte die ganze Angelegenheit vor allem dazu geeignet sein, das ohnehin stark angeknackste Vertrauen der US-Bevölkerung in die Glaubwürdigkeit ihrer Eliten weiter zu untergraben – unabhängig von Profil und Parteibuch. Der hysterische Schub, der sich derzeit beobachten lässt, wäre dann vor allem einem kollektiven Unmutsgefühl geschuldet, das sich nun auf groteske Weise den Weg an die Oberfläche bahnt.
Anders gesagt: Bei Epstein geht es womöglich nicht wirklich um Epstein – und bei der sich wellenartig auftürmenden Wut auf diejenigen, die Umgang mit ihm gepflegt hatten, nicht wirklich um pedantische Erwartungen zur Kommunikationshygiene der besseren Kreise. Vielmehr scheint hier ein grundsätzlicher Elitenüberdruss Ausdruck zu finden; ein lange gehegter, anschlussfähig gewordener Ärger angesichts des Gebarens der Millionärsklasse und der mit ihr verbandelten Funktionseliten: Sportler, Künstler, Intellektuelle. Die kriminellen Eskapaden des Toten fungieren dabei schlicht als kollektive Projektionsfläche für etwas, das tiefer sitzt und sich weder mit betonter Transparenz noch mit schneidigen Urteilen wieder einfangen lassen wird. Im Kongress mag man hoffen, dass der Sturm bis zu den im November anstehenden Zwischenwahlen vorüberzieht, oder nach Möglichkeiten suchen, ihn doch noch zum eigenen Vorteil zu nutzen. In der Gesellschaft aber zeigt sich in ihm mit einiger Heftigkeit das Gefahrenpotenzial ungerichteter und um jeden Preis nach einem Ventil suchender Affekte.




