Russlands Probleme lassen sich immer schwerer verbergen: leere Tankstellen in einem Ölexportland, Rückschläge an der Front, ukrainische Angriffe tief im russischen Hinterland und die seit April verhängte Sperre der beliebtesten Kommunikationsplattform des Landes. Die schärfste Kritik daran kommt nicht nur aus der Opposition, sondern auch aus dem eigenen Kriegslager – von Militärbloggern, die Tag für Tag ungestraft austeilen dürfen, wofür gewöhnliche Bürger längst im Straflager säßen. Das ist kein Zufall. Der Kreml braucht diese Kritiker als letzten Draht zur eigenen Kriegsgesellschaft und als Frühwarnsystem, das anzeigt, wie lange die eigene Basis noch bereit ist, den Krieg zu tragen.

Putins geduldete Kritiker nennen sich am liebsten Woenkory – im Deutschen etwa „Kriegsberichterstatter“ ,auch wenn die meisten von ihnen keinem formellen Medium angehören. Ihre Beiträge posten sie auf Telegram: jener Plattform, die nach dem Rückzug der amerikanischen Netzwerke zum wichtigsten Medium Russlands aufgestiegen ist und auf der alles nebeneinander existiert – offizielle Staatskanäle, Oppositionsstimmen, Kriegskritiker und die euphorischsten Z-Unterstützer.

Jeglicher Versuch, sie zu zählen, führt schnell ins Unübersichtliche. Grob lassen sie sich jedoch in drei Gruppen unterteilen: staatliche Kriegskorrespondenten wie etwa Jewgeni Poddubny, stellvertretender Generaldirektor der Staatssenderkette WGTRK, der es im Juni 2026 auf Platz drei der Duma-Wahlliste von Putins Partei „Einiges Russland“ schaffte, direkt hinter Außenminister Lawrow und Moskaus Bürgermeister Sobjanin; Amateure, die oft selbst als Freiwillige oder Soldaten an der Front stehen; sowie ein Heer anonymer Aggregatorenund persönlicher Blogs, deren wahre Identität und Rolle im Krieg sich kaum überprüfen lassen.

Was sie eint: Sie berichten meist vor Ort, verbreiten Videos und Fotos in Sekundenschnelle und sind dabei deutlich ehrlicher als die geglätteten Lageberichte, die Swodki, des Verteidigungsministeriums. Unbequeme Themen, die der Kreml lieber verschweigt ­– fehlende Munition, hohe Verluste oder Lücken in der Luftabwehr ­–, sprechen sie offen an.

Die Blogger glorifizierten den Krieg und wurden so selbst zu einem Teil der Staatspropaganda, die mit etwas mehr Authentizität und Nähe punktete.

Für viele Woenkory war der Beginn der Vollinvasion ein Moment, auf den sie lange hingearbeitet hatten. Denn schon seit Jahren berichteten viele von ihnen in ihren privaten Kanälen über den Krieg im Donbass, eine unvermeidliche Konfrontation mit der NATO sowie eine Ukraine, die historisch zu Russland gehöre. Zum ersten Mal hatten sie das Gefühl, die Geschichte bewege sich in ihre Richtung. So schrieb etwa Boris Roschin (colonelcassad) am 24. Februar 2022: „Ein historischer Morgen. Die Mühlsteine der Geschichte sind knirschend in Bewegung geraten.“ Über Nacht explodierten ihre Follower-Zahlen. Spenden flossen über Telegram herein. Ihr Content war gefragter denn je. Plötzlich saßen führende Woenkory in Fernsehstudios.

Auch der Staat sah ihre Rolle im Krieg positiv. 2023 empfing Putin loyale Woenkory persönlich. Semjon Pegow, der hinter dem Kanal WarGonzo steht, erhielt den Orden der Tapferkeit; Alexander Kots von der Komsomolskaja Prawda bekam einen Sitz in Putins Menschenrechtsrat. Es war der Höhepunkt eines Arrangements, das beiden Seiten nützte: die Blogger glorifizierten den Krieg, teilten aufmunternde Siegesbilder – zerstörtes ukrainisches, oft auch westliches Kriegsgerät –, warben für den Armeedienst und wurden so selbst zu einem Teil der Staatspropaganda, die im Vergleich zu den TV-Tiraden eines Wladimir Solowjow mit etwas mehr Authentizität und Nähe punktete.

Doch der Krieg entwickelte sich anders als in den anfänglichen Prognosen der Militärbloggerschaft. Die als schnelle Militäroperation geplante Invasion dauert inzwischen mehr als vier Jahre an. Die Staatspropaganda behauptet weiter, alles laufe planmäßig. Jedoch tun die Militärblogger das nicht. Und genau hier beginnt das große Paradox.

Was beim Scrollen durch die Kanäle der Militärblogger auffällt: Sie kritisieren nicht den Krieg an sich, sondern dessen aus ihrer Sicht gescheiterte Führung. So schreibt etwa einer der prominentesten Kriegsbefürworter Russlands, der von einem niederländischen Gericht in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilte ehemalige Verteidigungsminister der separatistischen Donezker Volksrepublik, Igor Strelkow: Die Russische Föderation kann mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln und Methoden keinen Sieg erringen – und niemand wird daran etwas ändern, ebenso wenig wie die ‚talentierteste, unersetzliche, einzigartige Führung, die alles vermasselt hat‘. Ein siegreiches Ende der ‚Spezialoperation‘ ist daher nicht zu erwarten.“

Strelkow sitzt seit 2023 wegen „Aufrufs zu extremistischer Tätigkeit“ in Haft. Doch paradoxerweise erscheinen auf seinem Telegram-Kanal weiterhin kritische Beiträge, zusammengestellt aus seinen Briefen, die seine Frau Miroslawa Reginskaja für Strelkows hunderttausende Leser postet. Nicht seine Kritik an der Kriegsführung brachte ihn ins Gefängnis, sondern seine Forderung nach Putins Rücktritt. Die rote Linie ist somit klar gezeichnet: Kritik an der Ausführung ist erlaubt. Kritik an der Rechtmäßigkeit dieses Krieges – oder an Putin persönlich – nicht.

Spätestens seit dem Prigoschin-Aufstand von 2023 scheint der Kreml Lehren gezogen zu haben: Militärblogger sind ein wichtiges Warnsystem, das die Grenzen des Zumutbaren sichtbar macht. Durch sie kann das System die Empörung kontrollieren und durchgreifen, falls sie eines Tages zu eskalieren droht. Denn wer Frust ablassen kann, sammelt ihn nicht an. Zudem lenkt diese kontrollierte Empörung über das „Wie“ des Krieges von der Frage nach dem „Ob“ ab, die niemand stellen darf.

Wer jede kritische Stimme zum Schweigen bringt, zerstört zugleich das einzige Instrument, das ihn warnt, bevor die eigene Basis die Gefolgschaft verweigert.

Am liebsten würde der Kreml diese Kritik jedoch woanders leben lassen als auf dem unliebsamen Telegram – auf einer Plattform, die ihm den vollen Überblick über die eigene Gesellschaft verschafft. Genau dafür steht der staatliche Messenger MAX, den Putin per Dekret seit September 2025 auf jedem in Russland verkauften Gerät vorinstallieren lässt. Doch die erhoffte Umsiedlung scheiterte am Widerstand nicht nur der Woenkory, sondern selbst kremltreuer Stimmen: Für die Blogger bedeutete die Sperre den Verlust jener Reichweite, die sie fast ausschließlich Telegram zu verdanken haben. Als im März die vollständige Telegram-Sperre angekündigt wurde, verwiesen viele von ihnen ihre Leser noch vorsorglich auf ihre MAX-Kanäle. Drei Monate später ist von dieser Vorsicht kaum etwas übriggeblieben. MAX bleibt für sie ein Zweitkanal für duplizierte Inhalte, denn die App ist funktional unterlegen und zudem aus den App-Stores verbannt. Der Staat, der ein eigenes Telegram bauen wollte, hat daran nicht geändert: Die Militärbloggerschaft sendet weiter per VPN auf Durows Messenger – und der Kreml selbst braucht die verbotene Plattform, um seine Propaganda zu verbreiten.

Der Krieg geht ins fünfte Jahr, und vom Z-Rausch der ersten Wochen ist nicht viel mehr zu spüren. Immer öfter stellen sich die Woenkory offen die Frage, die 2022 noch undenkbar war: Lässt sich dieser Krieg überhaupt gewinnen? An seiner Rechtmäßigkeit zweifeln sie nie: Die Ukraine bleibt ein „Nazi-Staat“, der Überfall ein gerechter Akt. Ihr Zorn gilt nicht dem Krieg, sondern denjenigen, die ihn in ihren Augen verspielen.

Vielleicht liegt darin der Grund, warum sie fast ungestraft agieren dürfen. Die Militärblogger sind das letzte offene Fenster in die eigene Gesellschaft – der einzige Ort, an dem sichtbar wird, wie dieser Krieg wirklich verläuft und wie lange jene, die ihn tragen, das noch zu tun bereit sind. Gerade deshalb kann Putin seine Militärblogger nicht zum Schweigen bringen. Sie sind längst nicht mehr nur Propagandisten. Sie sind das Frühwarnsystem seines eigenen Regimes. Es ist das Dilemma jeder Autokratie: Wer jede kritische Stimme zum Schweigen bringt, zerstört zugleich das einzige Instrument, das ihn warnt, bevor die eigene Basis die Gefolgschaft verweigert. Und wer in Russland dieses noch halbwegs offene Fenster zumauert, so wie er gerade Telegram zumauert, regiert irgendwann blind und merkt nicht mehr, wann sich seine treuesten Krieger gegen ihn selbst zu wenden beginnen.