Es gab im Iran eine Zeit, in der die Fußball-Nationalmannschaft über alle sozialen Grenzen hinweg bewundert wurde. Eine Zeit, in der sie für Hoffnung und Widerstandsfähigkeit stand. 1997 war so ein Jahr. Der Reformpolitiker Mohammad Chātami war überraschend zum iranischen Präsidenten gewählt worden. In dieser Phase des Aufbruchs qualifizierte sich die Nationalmannschaft für die Weltmeisterschaft 1998. Hunderttausende strömten im Iran auf die Straßen und jubelten, so viele wie seit der Islamischen Revolution 1979 nicht mehr. Das Regime konnte die Eruption nicht stoppen.

Oder das Jahr 2009. Große Teile der Bevölkerung protestierten damals gegen staatliche Gewalt, Korruption und den Präsidenten Mahmud Ahmadineschād. Die Demonstrierenden zeigten grüne Fahnen und Stirnbänder. Und sie fühlten sich von ihren Vorbildern gehört. Sechs iranische Nationalspieler trugen vor ihrem Spiel in Südkorea grüne Armbänder, aus Solidarität mit der „Grünen Bewegung“. Spätestens zu diesem Zeitpunkt merkte die Führung der Islamischen Republik, dass ihr die Mobilisierungskraft des Fußballs gefährlich werden könnte. Diese politische Sprengkraft hat der Fußball bis heute nicht verloren. Sie erklärt, warum die Weltmeisterschaft in den USA für die Führung in Teheran weit mehr ist als ein sportliches Turnier.

Die Revolutionsgarden, die den Fußball längst unter ihre Kontrolle gebracht hatten, verschärften die Repression. Ihre Gefolgsleute erhielten Führungsaufgaben in den Vereinen. Bei wichtigen Derbys mischten sich hunderte Kontrolleure unter die Fans, um Zeichen von Aufruhr frühzeitig zu unterbinden. Prominente Persönlichkeiten, die sich während ihrer Karriere oder auch danach gegen das Regime positionierten, wurden öffentlich gerügt. Ali Daei, einst aktiv beim FC Bayern, musste seinen Reisepass abgeben. Ali Karimi, der im Exil eine der lautesten Stimmen ist, wurde mit dem Einfrieren seiner im Iran verbliebenen Vermögenswerte bestraft.

Viele Menschen im Exil bezeichnen die Mannschaft als ein Instrument des Regimes.

Die Liste der Fußballer, die im Iran verhaftet und enteignet wurden, ist lang. Bei der Protestwelle im vergangenen Januar wurden auch etliche Spielerinnen und Spieler getötet. Exilmedien wie Iran International oder Iran Wire fordern, dass die aktuellen Nationalspieler diesen „staatlichen Terror“ benennen sollen. Doch wenn überhaupt, dann äußern sich die Spieler, die zum Teil bei Vereinen in Europa und der Golfregion angestellt sind, nur zwischen den Zeilen. Viele Menschen im Exil bezeichnen die Mannschaft nicht mehr als „Team Melli“, die gängige Bezeichnung für das Nationalteam – sondern als „Team Mullah“, also ein Instrument des Regimes.

Die Weltmeisterschaft in diesem Sommer, die überwiegend in den USA stattfindet, beim Erzfeind des Iran, hebt die Politisierung des Fußballs auf ein neues Niveau. Mitte Mai empfing der iranische Präsident Masoud Peseshkian in Teheran die Nationalspieler und stellte ihnen für eine erfolgreiche WM Belohnungen in Aussicht. Danach trat die Mannschaft auf dem Revolutionsplatz auf. Mit dabei: Hochrangige Vertreter aus Ministerien, Militär und Revolutionsgarden. Die Nationalhymne wurde vom iranischen Sänger Parvaz Homay vorgetragen, der häufig bei staatlichen Anlässen auftritt.

Die Islamische Republik will um jeden Preis verhindern, dass die Spieler bei der WM ein Zeichen des Protests aussenden. So wie die iranischen Fußballerinnen, die bei der Asienmeisterschaft im März in Australien bei ihrem ersten Spiel auf das Singen der Hymne verzichteten. Sieben Spielerinnen beantragten später humanitäres Asyl. Fünf von ihnen zogen ihre Anträge zurück, doch das Thema prägte die internationalen Medien und inspirierte die iranische Diaspora in mehreren Ländern zu Protesten. Nun bei der Männer-WM will das iranische Regime den Propaganda-Wettstreit um jeden Preis gewinnen. 

Doch die Islamische Republik ist klar im Nachteil. Die iranische Mannschaft bestreitet die ersten beiden Spiele gegen Neuseeland und Belgien in Los Angeles, im Süden von Kalifornien, wo schätzungsweise 500 000 Menschen iranischer Herkunft leben. Rund um den Persian Square, im Westen von LA, haben sich iranische Geschäfte und Restaurants angesiedelt. Seit der Revolution 1979 produzieren Exilanten Bücher und Filme, die auch in den Iran geschmuggelt wurden.

Die WM könnte für die Islamische Republik zu einem Desaster werden.

Die WM könnte für die Islamische Republik zu einem Desaster werden. Denn seit Monaten bereiten Initiativen der Diaspora Kundgebungen für das Umfeld des SoFi-Stadions von Los Angeles vor. Dabei wollen sie eines ihrer wichtigsten Symbole zeigen: die vorrevolutionäre Flagge mit dem goldenen Löwen. Die Fifa jedoch verbietet diese Fahne in den Stadien. Mehrere Exil-Iraner kündigten an, die historische Fahne ins Stadion schmuggeln zu wollen. Doch sie fürchten auch, dort von Informanten der Islamischen Republik beobachtet zu werden. Was dann wiederum ihren Familien im Iran schaden könnte.  

Fußball-Weltmeisterschaften gehören traditionell zu den wichtigsten Protestbühnen der iranischen Diaspora. 1998 in Frankreich, als die iranische Auswahl auch auf die USA traf, zeigten Exilanten im Stadion Bilder von politischen Gefangenen. 2006 in Deutschland stimmten Zuschauer Rufe gegen den damaligen Präsidenten Ahmadineschād an. Und auch 2018 in Russland und 2022 in Katar, in Staaten, die mit der Islamischen Republik zusammenarbeiten, protestierten Fans gegen das Regime. In Doha wurden etliche von regimenahen Gruppen attackiert.

In den USA kann die Islamische Republik wenig ausrichten. Was ihr bleibt, ist die Deutungshoheit in den staatlichen Medien daheim. Dort werden die WM-Gastgeber als „rachsüchtig“ beschrieben. Denn mehrere Vertreter des iranischen Fußballverbandes dürfen nun nicht die USA einreisen, unter ihnen auch Verbandschef Mehdi Taj, der früher als Kommandant bei den Revolutionsgarden aktiv war. 

Zudem echauffieren sich die Staatsmedien darüber, dass die iranische Mannschaft kurzfristig ihr WM-Quartier von Arizona ins mexikanische Tijuana verlegen musste. Das Team, so offenbar die Bedingung der US-Behörden, soll kurzfristig zu den Spielen anreisen und direkt danach wieder abreisen. Zudem droht der iranische Sportminister Ahmad Donyamali mit einem Abbruch der Spiele, sollte es in den Stadien zu Protesten gegen die Islamische Republik kommen.

Es gab im Iran eine Zeit, in der die Nationalmannschaft Menschen über alle gesellschaftlichen Grenzen hinweg verband. Heute offenbart sie vor allem die tiefe Spaltung zwischen Staat und Gesellschaft. Im Iran lässt sich diese Entfremdung kaum öffentlich artikulieren. In den USA dagegen wird sie für die Welt sichtbar werden. Die größte Herausforderung für Teheran bei dieser Weltmeisterschaft könnte deshalb nicht auf dem Spielfeld warten, sondern auf den Tribünen.