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„Judas“ - Amoz Oz und sein brandaktueller neuer Roman
Eine Lektüre-Empfehlung von Niels Annen.

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Die Ergebnisse der jüngsten Knesset-Wahlen in Israel konnte Amos Oz natürlich nicht voraussehen, doch das, was er in seinem neuen Roman „Judas“ verhandelt, ist brandaktuell. Unvergessen die Szene aus Oz’ letztem großen Roman „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“, in welcher der noch kleine Bibi Netanyahu unterm Tisch die ganze Shabbat-Gesellschaft nervt. Auch der neue Roman „Judas“ erzählt aus einer Zeit, in der Bibi noch ein Kind war, im West-Jerusalem der späten 1950er Jahre. Der noch junge jüdische Staat hat sich konsolidiert, die Wunden des Unabhängigkeitskrieges sind jedoch längst nicht verheilt. Die Suez-Kampagne gemeinsam mit Großbritannien und Frankreich zeigt erste revisionistische Tendenzen und führt so zu Prolongierung und Vertiefung des bis heute nicht gelösten Nahost-Konflikts.

Vor diesem historischen Hintergrund, der den Lesern einiges abverlangt, entfaltet Oz ein dichtes und tiefgründiges Kammerstück, in dem nur wenige Personen das ganze Drama Israels und immer wieder auch ihrer Jüdischheit diskutieren und sich daran abarbeiten.

Der junge Shmuel Ash befindet sich in einer Krise. Seine Freundin hat ihn, den jungen sozialistischen Wirrkopf und von revolutionärer Erneuerung Träumenden, wegen eines langweiligen, jedoch zuverlässigen und durchschaubaren Hydrologen verlassen. Die elterlichen Zahlungen für sein Studium fallen wegen des Konkurses der väterlichen Firma aus. Da er bei seiner Magisterarbeit über das Bild des Judas in der jüdischen Perspektive ohnehin nicht weiterkommt, bricht Shmuel sein Studium ab und nimmt einen Job als Gesellschafter für einen alten Mann an – Gershom Wald. Dieser lebt mit seiner Schwiegertochter Atalja Abrabanel in einem verwitterten Haus am Rande Jerusalems, in das Shmuel praktischerweise gleich einzieht. Der Name Abrabanel flößt ihm sofort Respekt ein – ist dies doch ein berühmtes und vornehmes altes sephardisches Geschlecht aus Spanien und Portugal.

Im Hause Gershoms und Ataljas begibt sich Shmuel in eine Art Winter-Klausur und beginnt auch wieder mit seinen Überlegungen zu Judas Iscariot aus jüdischer Perspektive: War er der Verräter Christi oder vielmehr nicht derjenige, der die Entstehung des Christentums erst ermöglichte?

An langen Winterabenden erfährt Shmuel, dass die Frage nach Verrat oder wahrer Treue bereits Gershom und auch Ataljas Vater Shealtil Abrabanel umtrieb. Abranel war ein fiktives Mitglied der Jewish Agency und des Zionistischen Weltkongresses und Gegenspieler Ben Gurions.

Jener Abrabanel opponierte gegen die Gründung eines jüdischen Staates und war von einem möglichen Ausgleich mit den Arabern überzeugt. Wald wiederum war und ist glühender Zionist. Dennoch leidet er unter seinen Ansichten, da er davon überzeugt ist, dass diese seinen Sohn trotz Wehrunfähigkeit als Freiwilligen in den Unabhängigkeitskrieg trieben, in dem er regelrecht massakriert und sein Leichnam geschändet wurde.

Wald berichtet Shmuel, dass er sich mit Abranel über die nationalistische Ausrichtung des Zionismus stritt. Auch er habe Zweifel gehabt, sah nur keinen anderen Weg und hielt seinen Gegenpart für naiv. Abrabanel hingegen sagte die Kurzlebigkeit einer nationalen und nationalistischen Lösung voraus. Diese müsse langfristig scheitern, auch wenn ein jüdischer Staat vorerst erfolgreich sein könne. Eine Prophezeiung, die angesichts der heutigen Realität, der Spirale der Gewalt und einer sich immer mehr isolierenden und erratisch agierenden israelischen Regierung des revisionistischen Lagers erschreckend aktuell ist.

Neben diesen parallel geführten, intellektuellen Auseinandersetzungen über die Verhältnisse des Staates Israel zu seinen Nachbarn und zu den Palästinensern sowie zwischen Judentum und Christentum, beschreibt Oz ein vergangenes, verschlafenes Jerusalem im Winter, schräge Vögel wie ein ehemaliges Lechi-Mitglied und das nur teilweise erfolgreiche Liebeswerben Shmuels um die spröde und doch so aufreizende Atalja.

Mit Beginn des Frühlings erkennt Shmuel die Vergeblichkeit seiner Bemühungen, sowohl die zwischenmenschlichen um Atalja als auch die intellektuellen um das jüdische Bild des Judas. Er bricht auf in eine andere Welt und verlässt Jerusalem. Hier kommen ein Topos des Linkszionismus und ein realer Ort aus Oz’ eigenem Leben zum Tragen. Denn Shmuel geht in den Negev, wo er helfen will, die neue Stadt Mitzpe Ramon aufzubauen.

Der Negev steht für den Gründungsmythos des Zionismus, die Urbarmachung der Wüste, die Schaffung einer neuen Gesellschaft aus dem Nichts. Er war immer ein Projekt der Linken in Israel. Dorthin zog sich auch einst Ben Gurion zurück und Shimon Peres war mehrmals Minister für die Entwicklung des Negev. Auch Amos Oz zog einst von Jerusalem nach Arad in den Negev. Ironischerweise wurde bei den diesjährigen Knessetwahlen der Likud in Mitzpe Ramon mit Abstand stärkste Kraft.

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