Aus Gründen, die uns allen bekannt sein dürften, ist die Berufsbezeichnung „Kalif“ zunehmend in Verruf geraten: Journalisten, Wissenschaftler, aber auch muslimische Geistliche, haben in den vergangenen Monaten ausführlich erklärt, warum der Anspruch des „Islamischen Staates“ und seines vorgeblichen Oberhauptes Abu Bakr al-Baghdadi auf das Kalifat eine Anmaßung darstellt. Und nicht zuletzt ein Anachronismus ist – auch wenn dieser Vorwurf den „Kalifen“ in Mossul wohl am allerwenigsten interessiert.

Wer sich über längere Zeit mit der arabisch-islamischen Geschichte und ihren Kalifendynastien auseinandersetzt, lernt dabei allerhand exzentrische, korrupte und, ja, versoffene Existenzen kennen. Aber auch so manchen Staatsmann im wahrsten Sinn des Wortes. Und man wählt sich früher oder später seine persönlichen Lieblinge.

Wenn ich von den Osmanen einmal absehe und nur die beiden großen arabischen Dynastien betrachte, so sind meine Favoriten unter den Statthaltern Muhammads der Abbaside al-Mamun (813–833) und der Ummayyade Abdelmalik ibn Marwan (685 - 705). Der eine verhalf dem Reich zur Blüte, förderte die Wissenschaften und brach im Eifer seiner Neugier selbst ins Innere der Cheops-Pyramide ein. Der andere – seiner Natur nach noch ein echter Beduine – ließ den Felsendom in Jerusalem errichten und baute mit internationalem Know-How eine arabische Verwaltung auf.

Je weiter eine historische Epoche zurückliegt, desto eher ist man ja bereit, über die Schattenseiten ihrer Protagonisten hinwegzusehen. Auch über Grausamkeiten – selbst wenn sie systematisch waren. Dass al-Mamun eine Art Gesinnungsprüfung einführte und seine Untertanen notfalls auch mit glühenden Eisen und der Peitsche über die Eigenschaften des Korans aufklärte, ist angesichts seiner Liebe zur Philosophie doch ein Detail. Immerhin traf Mamuns Inquisition nicht die aufgeklärten Denker, sondern eher religiöse Eiferer, die an seinem Herrschaftsanspruch zweifelten. Heute würden sie uns genauso auf die Nerven gehen wie ihm damals im Bagdad des 9. Jahrhunderts.

Der Gegenkalif Zubair wurde gekreuzigt oder enthauptet, vielleicht auch gekreuzigt und enthauptet – ob, und in welche Reihenfolge, darüber gehen die Quellen auseinander.

Abdelmalik hingegen war der erste arabische Kalif, der byzantinische Münzen umprägen und mit seinem Konterfei versehen ließ. Sein liebstes Macht-Insignium: die Peitsche, die von seinem Gürtel hing. Im Alter von 45 Jahren schickte der Kalif eine Armee aus dem Irak in den Hedschas, um Mekka zu belagern. Die Wallfahrts- und Geburtsstadt des Propheten musste sich von den Umayyaden, die inzwischen im zivilisierten Damaskus Residenz bezogen hatten, vernachlässigt fühlen. Ein obskurer Gegenkalif, den wir als Abdallah ibn al-Zubair kennen, begehrte deshalb in Mekka auf.

Im Winter 691 ließ Abdelmalik kurzen Prozess machen. Er berief einen Volksschullehrer namens Hajjaj bin Yousef zum Heerführer und ließ byzantinische Katapulte durch die arabische Wüste schleppen. Als die Truppen des Kalifen Mekka stürmten, sah auch die heilige Kaaba übel mitgenommen aus. Der Gegenkalif Zubair wurde gekreuzigt oder enthauptet, vielleicht auch gekreuzigt und enthauptet – ob, und in welche Reihenfolge, darüber gehen die Quellen auseinander.

 

Der Kalif und der Staat

Das waren noch Kalifen, möchte man ausrufen: hart gegen ihre Feinde, großzügig zu ihren Freunden, mit Augenmaß und politischem Instinkt. Fleißig, im Bezugsrahmen ihrer Zeit leidlich gebildet und nicht abgeneigt, die Freuden des Lebens zu genießen und den Allerbarmer und Barmherzigen einen guten Mann sein zu lassen. Ob bei der Wildschweinjagd, beim Dichterwettstreit oder am Busen ihrer Konkubinen.

Was aber verlangt den Historikern seit Jahrhunderten den größten Respekt für einen Herrscher ab, gleich, ob man Livius, Ibn Khaldun oder Ranke liest? Es ist die Staatskunst, oder präziser ausgedrückt, das nachhaltige, staatspolitische Projekt, das ein Kalif mit seinem Ableben hinterlässt.

Wem es gelingt, einen solchen Staat zu hinterlassen, der kommt im Urteil der Geschichte sicher glimpflich davon, auch wenn er ein paar tausend Menschen mehr oder weniger enthaupten ließ.

Nun kann man sich fragen: Ist es tatsächlich diese „Staatlichkeit“, die jene Organisation, die sich „Dawla Islamiyya – Islamischer Staat“ nennt, so attraktiv für Dschihad-Zuwanderer macht? Ist es der Umstand, dass man nicht, wie al-Qaida seit 2001, einen abstrakt erscheinenden, globalen und nicht zu gewinnenden Krieg führt? Ist es am Ende die scheinbar realistisch eingeschätzte, erreichbare Zielsetzung von IS, an den Ufern des Euphrats, wo man die Großmächte der Welt nicht stört, ein Reich Gottes zu errichten?

Alle jetzigen und vormaligen Trotzkisten mögen mir diesen Gedanken nachsehen: Aber verglichen mit dem bisherigen Verhalten von IS erinnert der Binladenismus von einst eher an die Chimäre der „permanenten Revolution“ – die, wie es der Syrien-Analyst Ghiath Bilal zutreffend formulierte, im Falle von al-Qaida letztendlich nicht mehr erreichen konnte als ein kurzfristiges „Gleichgewicht des Schreckens“ mit der westlichen Welt.

 

ISIS, IS, ISIL: Schreckgespenst der Begrifflichkeiten

Nun versuchen wir, das Schreckgespenst IS nicht nur militärisch, sondern auch begrifflich zu verjagen: In den vergangenen Monaten gab es Diskussionen darüber, ob man den Markenschwindel der Dschihadisten übernehmen dürfe. Soll man „ISIS“, „IS“, „ISIL“ sagen, dem arabischen, despektierlicheren Akronym Da’ish folgen, oder von „Dawla“ sprechen? Letzteres ist in den von IS besetzten Gebieten üblich.

Manche Kommentatoren, darunter auch Politiker, schlagen vor, dass man sich diese Haarspaltereien sparen kann: Es genüge, von Terroristen, Barbaren, Unmenschen, Schlächtern oder zumindest von einer „Terrormiliz“ zu reden (das Wort „enemy combatants“, das nach 2001 in Washington Einzug hielt, habe ich in diesem Zusammenhang noch nicht gehört).

Der Politologe und Islamwissenschaftler Volker Perthes, Chef der Stiftung Wissenschaft und Politik, warnte neulich in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung vor begrifflichen Nachlässigkeiten: Wenn man IS zur „Terrormiliz“ degradiere, verkenne man das staatliche Projekt derselben und laufe Gefahr, ihre Wirkungskraft falsch einzuschätzen.

Wissen die Gesellschaften im Nahen Osten nach jahrelangen Erfahrungen mit Diktaturen, öffentlichen Verfallserscheinungen und gewaltsamer Verrohung überhaupt noch, was ein „Staat“ eigentlich ist?

Dem kann man einerseits beipflichten, andererseits aber auch widersprechen: Es mag sein, dass die IS-Führung ihr Projekt als etwas Staatliches betrachtet. Gleichwohl verdient nicht jede Form der „Ordnung“ eines Gemeinwesens den Titel „Dawla“ oder „Staat“. Wer IS als etwas Staatliches betrachtet, erliegt derselben Art von optischer Täuschung wie der, der es auf Gedeih und Verderb nur mir einer „Terrormiliz“ zu tun haben will.

Mir drängt sich ein anderer Verdacht auf: Wissen die Gesellschaften im Nahen Osten nach jahrelangen Erfahrungen mit Diktaturen, öffentlichen Verfallserscheinungen und gewaltsamer Verrohung überhaupt noch, was ein „Staat“ eigentlich ist?

Können sie zwischen „Regime“ und „Staat“ überhaupt noch unterscheiden? Oder sind beides nur Synonyme für etwas Diffus-Tyrannisches, das ihnen im günstigsten Fall Schutzgelder abpresst und sie im schlimmsten mit Fassbomben bewirft? In die Gesellschaft solcher „Regime“ fügt sich die Staatstheorie von IS dann allerdings gut ein.