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Das waren noch Kalifen!
„IS“ mag sich als Staat ausgeben. Doch was heißt das schon?

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Als Kalifen das gute Leben noch zu schätzen wussten: Selim III, Sultan und Kalif (1789-1807).

Aus Gründen, die uns allen bekannt sein dürften, ist die Berufsbezeichnung „Kalif“ zunehmend in Verruf geraten: Journalisten, Wissenschaftler, aber auch muslimische Geistliche, haben in den vergangenen Monaten ausführlich erklärt, warum der Anspruch des „Islamischen Staates“ und seines vorgeblichen Oberhauptes Abu Bakr al-Baghdadi auf das Kalifat eine Anmaßung darstellt. Und nicht zuletzt ein Anachronismus ist – auch wenn dieser Vorwurf den „Kalifen“ in Mossul wohl am allerwenigsten interessiert.

Wer sich über längere Zeit mit der arabisch-islamischen Geschichte und ihren Kalifendynastien auseinandersetzt, lernt dabei allerhand exzentrische, korrupte und, ja, versoffene Existenzen kennen. Aber auch so manchen Staatsmann im wahrsten Sinn des Wortes. Und man wählt sich früher oder später seine persönlichen Lieblinge.

Wenn ich von den Osmanen einmal absehe und nur die beiden großen arabischen Dynastien betrachte, so sind meine Favoriten unter den Statthaltern Muhammads der Abbaside al-Mamun (813–833) und der Ummayyade Abdelmalik ibn Marwan (685 - 705). Der eine verhalf dem Reich zur Blüte, förderte die Wissenschaften und brach im Eifer seiner Neugier selbst ins Innere der Cheops-Pyramide ein. Der andere – seiner Natur nach noch ein echter Beduine – ließ den Felsendom in Jerusalem errichten und baute mit internationalem Know-How eine arabische Verwaltung auf.

Je weiter eine historische Epoche zurückliegt, desto eher ist man ja bereit, über die Schattenseiten ihrer Protagonisten hinwegzusehen. Auch über Grausamkeiten – selbst wenn sie systematisch waren. Dass al-Mamun eine Art Gesinnungsprüfung einführte und seine Untertanen notfalls auch mit glühenden Eisen und der Peitsche über die Eigenschaften des Korans aufklärte, ist angesichts seiner Liebe zur Philosophie doch ein Detail. Immerhin traf Mamuns Inquisition nicht die aufgeklärten Denker, sondern eher religiöse Eiferer, die an seinem Herrschaftsanspruch zweifelten. Heute würden sie uns genauso auf die Nerven gehen wie ihm damals im Bagdad des 9. Jahrhunderts.

Der Gegenkalif Zubair wurde gekreuzigt oder enthauptet, vielleicht auch gekreuzigt und enthauptet – ob, und in welche Reihenfolge, darüber gehen die Quellen auseinander.

Abdelmalik hingegen war der erste arabische Kalif, der byzantinische Münzen umprägen und mit seinem Konterfei versehen ließ. Sein liebstes Macht-Insignium: die Peitsche, die von seinem Gürtel hing. Im Alter von 45 Jahren schickte der Kalif eine Armee aus dem Irak in den Hedschas, um Mekka zu belagern. Die Wallfahrts- und Geburtsstadt des Propheten musste sich von den Umayyaden, die inzwischen im zivilisierten Damaskus Residenz bezogen hatten, vernachlässigt fühlen. Ein obskurer Gegenkalif, den wir als Abdallah ibn al-Zubair kennen, begehrte deshalb in Mekka auf.

Im Winter 691 ließ Abdelmalik kurzen Prozess machen. Er berief einen Volksschullehrer namens Hajjaj bin Yousef zum Heerführer und ließ byzantinische Katapulte durch die arabische Wüste schleppen. Als die Truppen des Kalifen Mekka stürmten, sah auch die heilige Kaaba übel mitgenommen aus. Der Gegenkalif Zubair wurde gekreuzigt oder enthauptet, vielleicht auch gekreuzigt und enthauptet – ob, und in welche Reihenfolge, darüber gehen die Quellen auseinander.

 

Der Kalif und der Staat

Das waren noch Kalifen, möchte man ausrufen: hart gegen ihre Feinde, großzügig zu ihren Freunden, mit Augenmaß und politischem Instinkt. Fleißig, im Bezugsrahmen ihrer Zeit leidlich gebildet und nicht abgeneigt, die Freuden des Lebens zu genießen und den Allerbarmer und Barmherzigen einen guten Mann sein zu lassen. Ob bei der Wildschweinjagd, beim Dichterwettstreit oder am Busen ihrer Konkubinen.

Was aber verlangt den Historikern seit Jahrhunderten den größten Respekt für einen Herrscher ab, gleich, ob man Livius, Ibn Khaldun oder Ranke liest? Es ist die Staatskunst, oder präziser ausgedrückt, das nachhaltige, staatspolitische Projekt, das ein Kalif mit seinem Ableben hinterlässt.

Wem es gelingt, einen solchen Staat zu hinterlassen, der kommt im Urteil der Geschichte sicher glimpflich davon, auch wenn er ein paar tausend Menschen mehr oder weniger enthaupten ließ.

Nun kann man sich fragen: Ist es tatsächlich diese „Staatlichkeit“, die jene Organisation, die sich „Dawla Islamiyya – Islamischer Staat“ nennt, so attraktiv für Dschihad-Zuwanderer macht? Ist es der Umstand, dass man nicht, wie al-Qaida seit 2001, einen abstrakt erscheinenden, globalen und nicht zu gewinnenden Krieg führt? Ist es am Ende die scheinbar realistisch eingeschätzte, erreichbare Zielsetzung von IS, an den Ufern des Euphrats, wo man die Großmächte der Welt nicht stört, ein Reich Gottes zu errichten?

Alle jetzigen und vormaligen Trotzkisten mögen mir diesen Gedanken nachsehen: Aber verglichen mit dem bisherigen Verhalten von IS erinnert der Binladenismus von einst eher an die Chimäre der „permanenten Revolution“ – die, wie es der Syrien-Analyst Ghiath Bilal zutreffend formulierte, im Falle von al-Qaida letztendlich nicht mehr erreichen konnte als ein kurzfristiges „Gleichgewicht des Schreckens“ mit der westlichen Welt.

 

ISIS, IS, ISIL: Schreckgespenst der Begrifflichkeiten

Nun versuchen wir, das Schreckgespenst IS nicht nur militärisch, sondern auch begrifflich zu verjagen: In den vergangenen Monaten gab es Diskussionen darüber, ob man den Markenschwindel der Dschihadisten übernehmen dürfe. Soll man „ISIS“, „IS“, „ISIL“ sagen, dem arabischen, despektierlicheren Akronym Da’ish folgen, oder von „Dawla“ sprechen? Letzteres ist in den von IS besetzten Gebieten üblich.

Manche Kommentatoren, darunter auch Politiker, schlagen vor, dass man sich diese Haarspaltereien sparen kann: Es genüge, von Terroristen, Barbaren, Unmenschen, Schlächtern oder zumindest von einer „Terrormiliz“ zu reden (das Wort „enemy combatants“, das nach 2001 in Washington Einzug hielt, habe ich in diesem Zusammenhang noch nicht gehört).

Der Politologe und Islamwissenschaftler Volker Perthes, Chef der Stiftung Wissenschaft und Politik, warnte neulich in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung vor begrifflichen Nachlässigkeiten: Wenn man IS zur „Terrormiliz“ degradiere, verkenne man das staatliche Projekt derselben und laufe Gefahr, ihre Wirkungskraft falsch einzuschätzen.

Wissen die Gesellschaften im Nahen Osten nach jahrelangen Erfahrungen mit Diktaturen, öffentlichen Verfallserscheinungen und gewaltsamer Verrohung überhaupt noch, was ein „Staat“ eigentlich ist?

Dem kann man einerseits beipflichten, andererseits aber auch widersprechen: Es mag sein, dass die IS-Führung ihr Projekt als etwas Staatliches betrachtet. Gleichwohl verdient nicht jede Form der „Ordnung“ eines Gemeinwesens den Titel „Dawla“ oder „Staat“. Wer IS als etwas Staatliches betrachtet, erliegt derselben Art von optischer Täuschung wie der, der es auf Gedeih und Verderb nur mir einer „Terrormiliz“ zu tun haben will.

Mir drängt sich ein anderer Verdacht auf: Wissen die Gesellschaften im Nahen Osten nach jahrelangen Erfahrungen mit Diktaturen, öffentlichen Verfallserscheinungen und gewaltsamer Verrohung überhaupt noch, was ein „Staat“ eigentlich ist?

Können sie zwischen „Regime“ und „Staat“ überhaupt noch unterscheiden? Oder sind beides nur Synonyme für etwas Diffus-Tyrannisches, das ihnen im günstigsten Fall Schutzgelder abpresst und sie im schlimmsten mit Fassbomben bewirft? In die Gesellschaft solcher „Regime“ fügt sich die Staatstheorie von IS dann allerdings gut ein.

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6 Leserbriefe

BradtkeM schrieb am 29.09.2014
Ich hätte nicht gedacht, dass ein Beitrag zu ISIS-Terror bei mir zu einer Stimmungsaufhellung beitragen könnte - doch das haben Sie gschafft, lieber Herr Gerlach. Kenntnisreich und über den Tag hinaus geschrieben noch dazu. Vielen Dank.
Peter Romanowski schrieb am 30.09.2014
Ist diese Frage wesentlich zu erfahren, ob die Gesellschaften im Nahen Osten wissen, was ein Staat ist? Die Gesellschaften sind in Religionsgemeinschaften oder Clans stark fragmentiert. Die Grenzen zwischen den einzelnen Gruppen sind deutlicher geworden als staatliche Grenzen.

Mit dem Verlust der Staatlichkeit verlieren nationale Armeen ihre Bedeutung. Aber welche nationalen Armeen hatten in der Vergangenheit im Nahen Osten Bedeutung und wer hatte etwas von diesen Armeen zu befürchten? Die Antworten auf diese Fragen würden mich sehr interessieren.

Eine Staatlichkeit haben wir meines Wissen erst seit 1948 im Nahen Osten, als neue Grenzen gezogen wurden.

Was geschieht, wenn diese Grenzen für unsere Geographen und Politiker unkenntlich werden?
Statt nationale Armeen herrschen nun fragmentierte Terrormilizen verbunden mit grausamen Happenings für Enthemmte. Die Eintrittsschwelle Krieg zu führen verringert sich.

Wer hat zur Destabilisierung der nationalen Strukturen im Nahen Osten hauptsächlich beigetragen? Wer hat Interesse daran?
Nicht die Beschreibung der Vorgänge, sondern die Hintergründe sollten wir besser beleuchten.
Dr.El sheikh Sami schrieb am 05.10.2014
Eine treffende Analyse!
Dr.El sheikh+Sami schrieb am 05.10.2014
Sicherlich muss man im Rahmen eines wirklichen Demokratisierungsprozesses im Nahen Osten die Zeit eines wenn auch unangenehmen neuen Staatsfindungsprozesses in Kauf nehmen. Dieser muss jedoch ,was sehr schwierig ist religionsunabhängig gestaltet werden.Das benötigt jedoch wie auch in Europa eine gewisse Zeit ,die auch das Entwickeln neuer vielfältiger Politideologien erfordert.Das wird sicherlich kein glatt ablaufender Prozeß werden(wie man auch jetzt sieht) sondern erfordert ein sich allmähliches Durchtasten . Irrläufe müssen leider ,wie auch historisch ,weltweit zu sehen war hierbei in Kauf genommen werden.Diese müssen jedoch intern (infolge eigener Erkenntniss ) saniert werden(evolutionsartig) und dürfen nicht von aussen aufoktroyiert werden(dieses würde den ohnedies komplizierten Prozeß der Selbstfindung erschweren und Hass und Ablehnung provozieren).Gegen eine Unterstützung ,vorallem kommunikativer Art ist sicherlich nichts einzuwenden. Wir haben es hier nicht mit Entwicklungsländer im eigentlichen Sinn zu tun,sondern mit oftmals jahrtausende Jahre politisch , gesellschaftlich und religiös unterdrückten Völkern zu tun. Stabile aus ich selbst herausgewachsene Grenzziehungen hat es in diesem Raum nie gegeben.Eroberungskriege bzw Kolonialiserung waren immer die Vorraussetzung dieser künstlichen Staaten .Ein neues politisches Selbstbewusstsein mit folglich stabiler demokratischen Entwicklung erfordert sicherlich eine lange Zeit.
StMench schrieb am 16.10.2014
Dr. El Sheik - aber ganz genau! Evolution zulassen und nichts von außen aufoktryieren sind hier die entscheidenden Schlüsselworte. Leider gibt es gute Gründe, warum das nichts wird. Menschen, denen das alles egal ist und die auch eben mal 100.000 über die Klinge springen lassen kämpfen um Vorherrschaft und Öl - wahrscheinlich ist es denen am Liebsten, wenn die Region am Ende von Störenden nach ihren Rechten verlangenden Menschen befreit ist - und dafür ist die IS gut, erst bringen die jede Menge Menschen um und dann dienen sie als Rechtfertigung für Krieg, um den Rest fertig zu machen - alles Scheiße, Deine Emmi - ich rate zur Auswanderung...
Carlos Don schrieb am 25.10.2014
Nun gut, ich betrachte mich nicht als einen Islamgelehrten. Aber eine 20 jährige Beobachtung der arabischen Welt durch meine langjährigen Aufenthalte in der Region (8 Jahre Baghdad, 9 Jahre Riyadh, Jeddah) haben mir doch sehr viel WIssen und auch Erfahrung über die Arabische Welt und die Araber vermittelt. Vieles ist uns Abendländern einfach fremd, und deshalb unverständlich. Es kann in den Arabischen Ländern keine Demokratie wie in der westlichen Welt geben, die Einstellung der Menschen ist eine völlig andere. Und das macht es Terrorgruppen wie der Al-Kaida, oder eben auch dem Islamischen Staat so leicht Menschen für ihre Sache zu interessieren. Ich stimme mit Ihnen Herr Dr. El Sheik überein, man muß diese Menschen ihre Entwicklung selbst machen lassen. Vielleicht müssen wir uns als westliche Staaten gegen irgenwelche Infiltrationen schötzen. So wie es auch diese Länder machen, keine Einreisen erlauben, Dann brauchen wir uns nicht über übertragenes Gedankengut welches mit unserer Rechtsstaatlichkeit nicht übereinstimmt, zu sorgen, weil es nicht entstehen kann. Ich weiss diese Meinung mag kontovers erscheinen, aber es ist die einzige Möglichkeit für uns uns zu schützen.
Trotzdem muß ich sagen dass meine Zeit im Arabischen Raum eine meiner besten war, nicht (nur) wegen des Geldes das ich verdient habe, sondern auch wegen der Erweiterung meines geistigen Horizonts den ich dadurch erfahren habe.