Vor Abgesängen auf die alte Ordnung im Nahen Osten kann man sich derzeit ja kaum noch retten. Grenzen verschwinden, Systeme kollabieren, das Prinzip staatlicher Ordnung in der Region schmilzt – gefühlt hundertmal schneller als das Eis der Pole.

Der sogenannte Islamische Staat hat vor rund einem Jahr die Grenze zwischen Syrien und Irak für obsolet erklärt und – so zumindest scheint es – doch so manchem säkularen Denker und Orient-Experten ein inneres Fest beschert. Am Ende hatten sie Recht behalten, dass das mit dem System von Sykes-Picot nicht gutgehen würde. Nun waren es eben die Dschihadisten, die jene anmaßende, in europäischen Hinterzimmern ausgedachte Neuordnung des Nahen Ostens mit einem Arschtritt in den Orkus überführten.

Es stimmt schon – wenn das Heute einen überfordert, flüchtet man sich gern in die Geschichte, die im Vergleich zu den verworrenen Zuständen des Aktuellen ja einen verhältnismäßig ordentlichen Eindruck macht.

Aber vielleicht ist es ja doch von Nutzen, hin und wieder eine historische Perspektive auf das Geschehen einzunehmen. All jenen, die sich leidenschaftlich mit der Geschichte des Vorderen Orients befassen, für die die Auslöschung antiker Stätten wie Palmyra oder die blutige Zerrüttung Syriens nicht nur vermischte Nachrichten, sondern ein Anlass tiefer Trauer und Bestürzung sind, kann man nur zusprechen: Ihr mit Euren Kenntnissen werdet noch gebraucht.

Vielleicht gilt es schon in einigen Jahren, mit allen Mitteln und Methoden der modernen Wissenschaft die antiken Stätten von Nimrud und Palmyra wieder aufzubauen. Hunderttausende Touristen haben mit ihren digitalen Kameras buchstäblich jeden Stein davon dokumentiert. Halten wir es da mit Schiller, der bei seiner Antrittsvorlesung in Jena zum Studium der Universalgeschichte sagte: „Unser menschliches Jahrhundert herbeizuführen, haben sich – ohne es zu wissen oder zu erzielen – alle vorhergehenden Zeitalter angestrengt. Unser sind alle Schätz, welche Fleiß, Genie, Vernunft, Erfahrung im langen Alter der Welt endlich heimgebracht haben.“

Die Monumente der Antike wieder so herzustellen, dass in 100 Jahren niemand mehr fragt, ob es Originale seien, ist eine verhältnismäßig leichte Aufgabe, verglichen mit dem, was die Historiker im Syrienkonflikt, oder besser gesagt: die syrischen Historiker, zu leisten haben. Da wäre eine Aufarbeitung der blutigen Geschichte jüngerer Vergangenheit, jener traumatischen Kollektiverlebnisse wie das Massaker von Hama im Jahr 1982, und natürlich der aktuelle Krieg. Das despotische Regime konnte nur so herrschen, weil es diese Aufarbeitung hintertrieb, zum Teil auch mit Gewalt verhinderte. So blieb von der blutigen syrischen Zeitgeschichte nur ein heilloses Chaos von Narrativen, kollektiven, unhistorischen, aber historisch begründeten Ressentiments.

Die Geschichte als ein verworrener Haufen ungesühnter Bluttaten, ein Perpetuum Mobile verdrängter Traumata: Die Angst der Minderheiten, insbesondere der Alawiten, vor der Auslöschung durch die sunnitische Mehrheit, greift um sich, weil es keine historische Überprüfung dieses Topos einer angeblichen, über Jahrhunderte sich fortsetzenden Verfolgung gab. Ähnlich verhält es sich mit dem grassierenden Hass vieler Sunniten auf die angeblichen Profiteure. Jene obskure Minderheit, die, so die landläufige Sicht, mit dem Regime Assad einen Pakt einging, um die „rechtgläubigen“ Muslime um ihr historisches Erbe, das gelobte Syrien „Bilad al-Sham“ zu bringen. Die Katastrophe des syrischen Krieges hat eben nicht im Ramadan 2011 begonnen, sondern ist der bis dahin unvorstellbare, dabei aber eigentlich doch vorhersehbare Höhepunkt einer zutiefst gewalttätigen Geschichte.

Mit der Unterdrückung eines historischen Bewusstseins lässt sich ebenso vortrefflich herrschen wie mit der Auslöschung der Geschichte. Ersteres hat das Assad-Regime schon demonstriert, letzteres betreibt der „IS“ heute mit industriellem Eifer. Er tut so, als könne man einen frühislamischen Urzustand herstellen, und degradiert, wie es der Dschihadismus-Forscher Asiem El-Difraoui beschrieb, den Koran und die Geschichten vom Leben des Propheten zu „leblos kruden Annalen“.

Diese perfiden Dienbarmachungen der Vergangenheit gilt es zu widerlegen, wo immer sie anzutreffen sind. Die gescheiterten politischen Ideologien des 20. Jahrhunderts, ob die der Muslimbrüder oder des Baathismus, haben das nicht vermocht. Im Gegenteil: Sie haben das Verhältnis von Staat und Religion und die Beziehungen von Religionsgruppen und Minderheiten auf ihre Art instrumentalisiert. Wo sie dies nicht konnten, sind sie ihnen ausgewichen und haben damit jene Schizophrenie befördert, deren Resultat wir heute sehen: Der Konfessionialismus, der die politische Wirklichkeit des Nahen Ostens über Jahrhunderte mitprägte, wurde verdrängt, während man zugleich in seiner Logik handelte.

In gewisser Weise sind diese gescheiterten politischen Ideologien mit ihren merkwürdigen historisch begründeten Ansprüchen auf Erneuerung zwar keine würdigen Nachfolger, aber doch verirrte Kinder der osmanischen Tradition. Besonders in seiner späten Phase der jungtürkischen Erneuerung Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Verhältnis des osmanischen Vielvölkerstaates zu seinen Religionsgruppen, Ethnien und Nationen immer schizophrener. Seine Führung weigerte sich zusehends, deren Platz, Rollen und Ansprüche zu definieren. Sie handelte konfessionalistisch, während sie noch die Lüge von der großen Einheit unter dem Halbmond predigte. Das Ganze mündete dann in einem Völkermord an Armeniern und aramäischen Christen in der syrischen Wüste. Diese Katastrophe ließ sich nicht ungeschehen machen, indem man sie leugnete, sondern entfaltete erst dadurch eine noch verheerendere, die Zeiten überdauernde Wirkung in der kollektiven Psyche der Gemeinschaften des Vorderen Orients.

Am Ende, so das Narrativ, das daraus hervorging und heute wieder überall hervorgekrochen kommt, kann sich die Konfessionsgemeinschaft nur auf sich verlassen. In dieses aus der osmanischen Konkursmasse hervorgegangene Weltbild fügte sich auf seine ganz eigene Weise sogar der Staat Israel ein, der heute ja mitunter daherkommt, als sei er nichts anderes als eine Variante des orientalischen Konfessionalismus.

Die Angst vor der Wiederkehr der Schrecken ist immer größer als die Hoffnung auf das Glanzvolle, oder, wie Nietzsche sagt, die Zuversicht, dass „das Grosse, das einmal da war, jedenfalls einmal möglich war und deshalb auch wohl wieder einmal möglich sein wird.“ Und wenn diese Schrecken der Vergangenheit nicht einmal gemeinsam beziffert, beschrieben und im eigentlichen Sinne aufgearbeitet werden, werden sie immer wiederkehren. Dass Gewalt immer Gewalt hervorbringt, weiß jedes Kind. Aber die Gewalt, die eine unbewältigte Erfahrung von Gewalt hervorbringt, kann noch weit schlimmere Folgen nach sich ziehen. Denn sie wirkt langfristiger und ist weit weniger berechenbar.