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Die Grenzen der Geschichte
Was nützt es, das Chaos im Nahen Osten aus historischer Perspektive zu betrachten?

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Am Montag berichteten syrische Behörden, die Terrormiliz Islamischer Staat habe nun auch den etwa 2000 Jahre alten Triumphbogen in der syrischen Stadt Palmyra gesprengt.

Vor Abgesängen auf die alte Ordnung im Nahen Osten kann man sich derzeit ja kaum noch retten. Grenzen verschwinden, Systeme kollabieren, das Prinzip staatlicher Ordnung in der Region schmilzt – gefühlt hundertmal schneller als das Eis der Pole.

Der sogenannte Islamische Staat hat vor rund einem Jahr die Grenze zwischen Syrien und Irak für obsolet erklärt und – so zumindest scheint es – doch so manchem säkularen Denker und Orient-Experten ein inneres Fest beschert. Am Ende hatten sie Recht behalten, dass das mit dem System von Sykes-Picot nicht gutgehen würde. Nun waren es eben die Dschihadisten, die jene anmaßende, in europäischen Hinterzimmern ausgedachte Neuordnung des Nahen Ostens mit einem Arschtritt in den Orkus überführten.

Es stimmt schon – wenn das Heute einen überfordert, flüchtet man sich gern in die Geschichte, die im Vergleich zu den verworrenen Zuständen des Aktuellen ja einen verhältnismäßig ordentlichen Eindruck macht.

Aber vielleicht ist es ja doch von Nutzen, hin und wieder eine historische Perspektive auf das Geschehen einzunehmen. All jenen, die sich leidenschaftlich mit der Geschichte des Vorderen Orients befassen, für die die Auslöschung antiker Stätten wie Palmyra oder die blutige Zerrüttung Syriens nicht nur vermischte Nachrichten, sondern ein Anlass tiefer Trauer und Bestürzung sind, kann man nur zusprechen: Ihr mit Euren Kenntnissen werdet noch gebraucht.

Vielleicht gilt es schon in einigen Jahren, mit allen Mitteln und Methoden der modernen Wissenschaft die antiken Stätten von Nimrud und Palmyra wieder aufzubauen. Hunderttausende Touristen haben mit ihren digitalen Kameras buchstäblich jeden Stein davon dokumentiert. Halten wir es da mit Schiller, der bei seiner Antrittsvorlesung in Jena zum Studium der Universalgeschichte sagte: „Unser menschliches Jahrhundert herbeizuführen, haben sich – ohne es zu wissen oder zu erzielen – alle vorhergehenden Zeitalter angestrengt. Unser sind alle Schätz, welche Fleiß, Genie, Vernunft, Erfahrung im langen Alter der Welt endlich heimgebracht haben.“

Die Monumente der Antike wieder so herzustellen, dass in 100 Jahren niemand mehr fragt, ob es Originale seien, ist eine verhältnismäßig leichte Aufgabe, verglichen mit dem, was die Historiker im Syrienkonflikt, oder besser gesagt: die syrischen Historiker, zu leisten haben. Da wäre eine Aufarbeitung der blutigen Geschichte jüngerer Vergangenheit, jener traumatischen Kollektiverlebnisse wie das Massaker von Hama im Jahr 1982, und natürlich der aktuelle Krieg. Das despotische Regime konnte nur so herrschen, weil es diese Aufarbeitung hintertrieb, zum Teil auch mit Gewalt verhinderte. So blieb von der blutigen syrischen Zeitgeschichte nur ein heilloses Chaos von Narrativen, kollektiven, unhistorischen, aber historisch begründeten Ressentiments.

Die Geschichte als ein verworrener Haufen ungesühnter Bluttaten, ein Perpetuum Mobile verdrängter Traumata: Die Angst der Minderheiten, insbesondere der Alawiten, vor der Auslöschung durch die sunnitische Mehrheit, greift um sich, weil es keine historische Überprüfung dieses Topos einer angeblichen, über Jahrhunderte sich fortsetzenden Verfolgung gab. Ähnlich verhält es sich mit dem grassierenden Hass vieler Sunniten auf die angeblichen Profiteure. Jene obskure Minderheit, die, so die landläufige Sicht, mit dem Regime Assad einen Pakt einging, um die „rechtgläubigen“ Muslime um ihr historisches Erbe, das gelobte Syrien „Bilad al-Sham“ zu bringen. Die Katastrophe des syrischen Krieges hat eben nicht im Ramadan 2011 begonnen, sondern ist der bis dahin unvorstellbare, dabei aber eigentlich doch vorhersehbare Höhepunkt einer zutiefst gewalttätigen Geschichte.

Mit der Unterdrückung eines historischen Bewusstseins lässt sich ebenso vortrefflich herrschen wie mit der Auslöschung der Geschichte. Ersteres hat das Assad-Regime schon demonstriert, letzteres betreibt der „IS“ heute mit industriellem Eifer. Er tut so, als könne man einen frühislamischen Urzustand herstellen, und degradiert, wie es der Dschihadismus-Forscher Asiem El-Difraoui beschrieb, den Koran und die Geschichten vom Leben des Propheten zu „leblos kruden Annalen“.

Diese perfiden Dienbarmachungen der Vergangenheit gilt es zu widerlegen, wo immer sie anzutreffen sind. Die gescheiterten politischen Ideologien des 20. Jahrhunderts, ob die der Muslimbrüder oder des Baathismus, haben das nicht vermocht. Im Gegenteil: Sie haben das Verhältnis von Staat und Religion und die Beziehungen von Religionsgruppen und Minderheiten auf ihre Art instrumentalisiert. Wo sie dies nicht konnten, sind sie ihnen ausgewichen und haben damit jene Schizophrenie befördert, deren Resultat wir heute sehen: Der Konfessionialismus, der die politische Wirklichkeit des Nahen Ostens über Jahrhunderte mitprägte, wurde verdrängt, während man zugleich in seiner Logik handelte.

In gewisser Weise sind diese gescheiterten politischen Ideologien mit ihren merkwürdigen historisch begründeten Ansprüchen auf Erneuerung zwar keine würdigen Nachfolger, aber doch verirrte Kinder der osmanischen Tradition. Besonders in seiner späten Phase der jungtürkischen Erneuerung Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Verhältnis des osmanischen Vielvölkerstaates zu seinen Religionsgruppen, Ethnien und Nationen immer schizophrener. Seine Führung weigerte sich zusehends, deren Platz, Rollen und Ansprüche zu definieren. Sie handelte konfessionalistisch, während sie noch die Lüge von der großen Einheit unter dem Halbmond predigte. Das Ganze mündete dann in einem Völkermord an Armeniern und aramäischen Christen in der syrischen Wüste. Diese Katastrophe ließ sich nicht ungeschehen machen, indem man sie leugnete, sondern entfaltete erst dadurch eine noch verheerendere, die Zeiten überdauernde Wirkung in der kollektiven Psyche der Gemeinschaften des Vorderen Orients.

Am Ende, so das Narrativ, das daraus hervorging und heute wieder überall hervorgekrochen kommt, kann sich die Konfessionsgemeinschaft nur auf sich verlassen. In dieses aus der osmanischen Konkursmasse hervorgegangene Weltbild fügte sich auf seine ganz eigene Weise sogar der Staat Israel ein, der heute ja mitunter daherkommt, als sei er nichts anderes als eine Variante des orientalischen Konfessionalismus.

Die Angst vor der Wiederkehr der Schrecken ist immer größer als die Hoffnung auf das Glanzvolle, oder, wie Nietzsche sagt, die Zuversicht, dass „das Grosse, das einmal da war, jedenfalls einmal möglich war und deshalb auch wohl wieder einmal möglich sein wird.“ Und wenn diese Schrecken der Vergangenheit nicht einmal gemeinsam beziffert, beschrieben und im eigentlichen Sinne aufgearbeitet werden, werden sie immer wiederkehren. Dass Gewalt immer Gewalt hervorbringt, weiß jedes Kind. Aber die Gewalt, die eine unbewältigte Erfahrung von Gewalt hervorbringt, kann noch weit schlimmere Folgen nach sich ziehen. Denn sie wirkt langfristiger und ist weit weniger berechenbar.

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3 Leserbriefe

P. Reinhardt schrieb am 06.10.2015
Die Schuld für das heutige Desaster kann und darf man ja nicht allein im muslimischen Raum suchen. Sie ist doch wohl zugleich auch eine Folge der zum Teil verheerenden Politik des "Westens". der hat immer wieder nur auf seinen augenblicklichen Vorteil gesehen - und in diesem Sinne immer wieder kräftig mit-gemischt. Das schlägt uns jetzt gewaltig um die Ohren. Und wie sollte eine Lösung aussehen? Nationalistisch geht nicht - religiös geht auch nicht. Und vernünftig friedlich - wer ist daran interessiert? Wer könnte das managen? Europa hat 30 Jahre Krieg gebraucht, um aus einem ähnlichen Dilemma heraus zu kommen. Trotzdem müssen wir hoffen - denn wir stehen nicht außerhalb.
In ihrer Hoffnungslosigkeit kommen die Menschen nun zu uns - und da haben wir den Salat - und wissen nicht weiter.
Ernest schrieb am 06.10.2015
Großartig, was Daniel Gerlach geistesgeschichtlich zusammenträgt. Das schlägt alle Talkshows, weil Gerlachs Begriffe den einzigen Verstehenszugang zum islamischen Raum ermöglicht. Das verheerende Mixtum von unaufgearbeitetem Gewaltgeschehen (ein Grundcharakteristikum, vgl. Türkei-Armenien), von Angst, notorischen Geschichtsklitterungen, gnadenlosen gegenseitigen Instrumentalisierungen der Religions- und Machtgruppen (sich gegenseitig Bomben in die Moscheen werfende Suniten-Schiiten, hochoffiziell frauensteinigende u.dgl. Sanktionssysteme), Despoten- und Folterregime (gewiss einst auch im Katholiken-Südamerika Ende letzten Jahrhunderts); der Islamische Staat ist nicht „sogenannt“, er ist, auch von außen unterstützt, islamisch im direktest-unverblümtesten Sinn. Gerlach ruft auf, was das aus der Zeit gefallene Islam-Destrukt bestimmt. Wer immer sich einlässt in islamische Räume (Öl und Mammon als Agens für Westmächte), er handelt falsch, so falsch wie die USA und Europa. Es herrscht Verweigerung von innerislamischem Diskurs und bestärkt von westlichen Medien (Narrative als Abwehrbegriff). Die nichtislamische Staatenwelt verausgabt Milliarden für Sicherheitssysteme an Flughäfen usw. nicht gegen christliche, buddhistische Fundamentalgläubige. Die Muslime müssten verzweifeln. Weit weniger die Flüchtlinge, sondern deren islamisch-selbstgerechte Sozialisierung provoziert das große Misstrauen in Europa – eine Gerlachsche Schulung täte ihnen bestens – nicht zuletzt den deutschen Talkshow-Leuten.
Friedrich Rainer schrieb am 08.10.2015
Es gibt Auswege aus dem von Gerlach präzise beschriebenen Dilemma: ich erinnere an den 'Appell des Dalai Lama an die Welt', der in klaren Worten auffordert, aus dem mörderischen Schatten der monotheistischen Religionen herauszutreten und eine humane Ethik zu leben und zu gestalten.
Dies ist die Aufgabe dieses 21. Jahrhunderts! Also fangen wir an.
Solange sich Fürstentümer, religiöse Formationen oder sonstwelche ideologischen Missgeburten -meist durch den Gebrauch von Waffen und durch die Unterdrückung 'ihrer' Ungläubigen - an der Macht halten köönen, wird sich nichts zum Guten wenden.
Also versuche als erstes jede/r im eigenen Bereich das Leben so zu gestalten wie es die humane Ethik verlangt um dann durch Überzeugungsarbeit und Engagement seine Umgebung mit einzubeziehen. Früher gab es weltweite Ausschreibungen an alle, auch an Wissenschaftler, um Antworten auf drängende Fragen der Gegenwart zu erhalten. Wer gibt einen Preis aus für die Beantwortung der Frage: "Wie gestalten wir humane Ethik in Pädagogik, Wirtschaft, in der internationalen Politik?"