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Sie kamen nach Bagdad
Vor 60 Jahren schufen die Briten im Nahen Osten den Bagdadpakt. Nun steht Iran im Begriff, denselben Fehler zu begehen.

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Wird nicht überall als Heilsbringer geschätzt: Der iranische Revolutionsführer.

In den kommenden 12 Monaten jähren sich im Nahen Osten einige besonders denkwürdige politische Ereignisse. So wird dieses Jahr des Völkermords gedacht, den das Osmanische Reich während des Ersten Weltkriegs an den Armeniern beging. Parallel wird sich die Türkei der großen Abwehrschlacht von Gallipoli gegen die Entente-Mächte (1915-1916) besinnen, während Israel und die Bundesrepublik den 50. Jahrestag ihrer diplomatischen Beziehungen begehen werden. Eine Feierstunde zum 60. Jahrestag des „Bagdadpaktes“ wird es hingegen vermutlich nirgendwo geben. Denn wer erinnert sich schon noch an den Vertrag vom 24. Februar 1955?

Damals unterzeichneten die Türkei, der Irak, das Kaiserreich Iran, Pakistan und das Vereinigte Königreich ein Abkommen zur Zusammenarbeit in Verteidigungs- und Sicherheitsbelangen. Die „Middle East Treaty Organisation“ (METO) war geboren. Sie blieb, was die wechselseitigen Beistandsverpflichtungen im Kriegsfall anbelangt, vage. Doch die Unterzeichnerstaaten gelobten, sich nicht in die „inneren Angelegenheiten“ der anderen einzumischen und etwaige Konflikte miteinander nur „friedlich und im Einklang mit der Charta der Vereinten Nationen“ zu lösen.

Wer sich den Zusammenschluss dieser Staaten auf der Landkarte betrachtet, wird sagen: was für ein eindrucksvoller Block! Von den Gestaden des Bosporus bis an das östliche Indus-Ufer, vom Schwarzen Meer bis an den Indischen Ozean, wie dereinst das Reich der Makedonen.

Kein Wunder, dass die Sowjetunion davon nicht begeistert war: „Nicht die Staaten des Nahen Ostens brauchen militärische Blöcke, sondern jene aggressiven amerikanischen Kreise, die nach Dominanz in der Region streben“, ließ Moskau im April 1955 dazu verlauten.

Damals entstand die bipolare Welt; der Koreakrieg, in dem sogar türkische Nato-Soldaten gekämpft hatten, war in einem für alle Seiten verlustreichen Patt zu Ende gegangen. Tatsächlich musste es den Sowjets vorkommen, als sei der Bagdadpakt ein Versuch der Briten und Amerikaner, ein regionales Bollwerk gegen den Kommunismus in dieser rohstoffreichen und zugleich eher instabilen Region zu schaffen. Dabei spielte es für sie keine Rolle, dass die Amerikaner diesem Projekt zunächst skeptisch gegenüberstanden und sich erst dafür begeisterten, als es de facto kaum noch eine Rolle spielte. Der Bagdadpakt ging vielmehr auf eine britische Initiative zurück und diente dem Zweck, den Einfluss der einstigen Hegemonialmacht und den Zugang zum Erdöl zu erhalten. Irgendwie.

Die Islamische Republik Iran und die kurdische Regionalregierung in Erbil arbeiten schon eng zusammen und verstehen sich nicht schlecht.

Vor der Unabhängigkeit Indiens 1947 war der Persische Golf aus britischer Sicht so etwas wie der Vorgarten der größten und reichsten britischen Kronkolonie gewesen. Nun musste Whitehall sich an neue Zustände anpassen. Der arabische Nationalismus in der Gestalt des ägyptischen Führers Gamal Abdel Nasser machte den Briten Ärger. Und Premier Anthony Eden nannte Nasser einen „muslimischen Mussolini“ von Moskaus Gnaden.

Doch der Bagdadpakt war das Gegenteil einer pan-arabischen Veranstaltung: In ihm fanden sich einflussreiche Staaten mit verschiedenen sprachlichen und kulturellen Traditionen. Auf den ersten Blick keine ganz dumme Idee der Briten, die damit natürlich ihre „Verbündeten“ in eine britischen Weltpolitik eingliedern wollten. Allerdings verkehrte sich die Wirkung: Als Partner der ebenso intriganten wie ehrgeizigen Regierung Nuri Saids im Irak wurden die Briten nun ihrerseits noch tiefer als ohnehin schon in die innerarabischen Rivalitäten hineingezogen.

 

Ringen um die Führung der arabischen Welt

Bagdad und Kairo rangen um die Führung der arabischen Welt. Die METO-Staaten unterstützten direkt oder indirekt auch die irakischen Machtspiele in Syrien und im Libanon – und die britische Haltung rief auch die Sowjets auf den Plan, die nun Nasser immer mehr den Rücken stärkten. „Damnosa haereditas“, eine „Erbsünde“ der britischen Orientpolitik, nannte dies der 1926 in Bagdad geborene britische-irakische Wirtschaftshistoriker Eli Kedourie.

Die METO blieb ein kurzlebiges Geschöpf: 1958 putschte das Militär im Irak und kündigte den Pakt. Pakistan verlangte zweimal vergeblich den Beistand der verbliebenen Mitglieder im Krieg gegen Indien und zog sich dann enttäuscht zurück. Und 1979, nach der Islamischen Revolution, stiegen auch die Iraner aus.

Ich musste an diese Episode der nahöstlichen Zeitgeschichte denken, als mir neulich ein nicht unbedeutender irakisch-kurdischer Politiker seine Vision von Bündnispolitik im 21. Jahrhundert erklärte: „Wir alle“ würden eines Tages noch eine strategische Allianz zwischen Iran, Israel und Kurdistan erleben. Diese einzigen „nichtarabischen Staaten“ in der Region, so fuhr der Kurde fort, seien schließlich die einzigen noch funktionsfähigen Staaten und teilten eine Vielzahl gemeinsamer Interessen. Ob die Türkei dazugehören werde, das müsse man dann noch sehen.

Natürlich leistet man jenen „Verschwörungstheorien“ in der arabischen Welt Vorschub, wenn man solche Gedanken einmal mit dem abgleicht, was in der Region derzeit geschieht. Aber das sollte ja nicht verboten sein. Fest steht: Die Islamische Republik Iran und die kurdische Regionalregierung in Erbil arbeiten schon eng zusammen und verstehen sich nicht schlecht. Der gemeinsame Kampf gegen die extremistisch-sunnitischen Milizen des „Islamischen Staates“ hat beiden zu einer beachtlichen Aufwertung in der westlichen Wahrnehmung verholfen. Auch das Verhältnis zwischen Israel und den Kurden ist nicht das schlechteste – angeblich kooperieren beide seit Jahren in Sicherheits- und geheimdienstlichen Angelegenheiten.

Es ist zwar schwer vorstellbar, dass Iran von seinem leidlich in die Jahre gekommenen, schal gewordenen „Versprechen“, Jerusalem von den Zionisten zu befreien, offiziell Abstand nehmen wird. Aber man muss sich andererseits fragen: Wo wollen die Iraner langfristig hin?

Derzeit sieht es noch so aus, als lieferten sich Israel und Iran im Libanon und in Syrien wieder einmal einen Stellvertreterkrieg. Die Hauptrolle spielt darin die von Iran gestützte, schiitische Hizbullah, die durch ihre Allianz mit dem Assad-Regime großen Schaden an ihrem Image auf der „arabischen Straße“ nahm und sich durch einen Krieg mit Israel profilieren will. Die israelische Regierung ist ihrerseits bemüht, kurz vor den Wahlen noch einmal zu zeigen, dass sie etwas für die Sicherheit ihrer Bevölkerung tut.

Erklärte iranische Strategie ist der Ausbau einer „Verteidigungsachse“ zwischen Iran, Irak, Syrien und dem Libanon. Dieses Projekt, das andernorts unter dem irreführenden Begriff eines „schiitischen Halbmonds“ firmiert und bei dessen Vereitelung der „Islamische Staat“ unbestreitbar eine Rolle spielt, weist doch einige erstaunliche Parallelen zum Bagdadpakt auf.

Auf einer Karte wirkt die Achse impressionant: Wenn der „IS“ nicht wäre, würde sie vom Indischen Ozean bis ans Mittelmeer reichen. In der Praxis hat dieses „Bündnis“ jedoch kaum Bestand. Zu unterschiedlich sind die Interessen der jeweiligen Staaten, von den inneren Fliehkräften ganz zu schweigen.

Unklar bleibt zudem, gegen welchen äußeren Feind sich diese territoriale Achse eigentlich verteidigen soll. Auch wenn die offizielle iranische Haltung dabei stets Israel als äußeren Aggressor nennt, ist ihr selbst hinlänglich bekannt, dass nicht einmal die rechtsgerichtete Regierung Netanjahu einen Eroberungskrieg gegen ihre arabischen Nachbarstaaten plant (was sie diesbezüglich in den Palästinensischen Gebieten treibt, ist freilich eine andere Sache).

Gälte die „revolutionäre Achse“ unter iranischer Führung dann eher der Türkei? Oder sieht sie sich als ein inneres Solidaritätsbündnis gegen sunnitische Dschihadisten, die den „Takfir“ betreiben, also Schiiten zu Vogelfreien und Ungläubigen erklären? Tatsächlich hat die iranische Führung ihre Achse gegen Israel in den vergangenen Monaten rhetorisch umgewidmet – hin zu einem Bündnis gegen die „Takfiristen“.

Tatsächlich hat die iranische Führung ihre Achse gegen Israel in den vergangenen Monaten rhetorisch umgewidmet.

Man kann dies als einen Versuch betrachten, dem Westen die iranische Unterstützung für das Assad-Regime besser zu verkaufen und sich stillschweigend als potenter Bündnispartner anzubieten. Vermutlich ist es kein Zufall, dass radikalere, der Regierung Ruhani gegenüber kritisch eingestellte Kräfte dies hintertreiben, indem sie den Konflikt mit Israel gerade jetzt zum Eskalieren bringen. Diese Kräfte finden sich unter anderem in den Revolutionsgarden und bei der Hizbullah. Sie wissen, dass die israelische Seite ihre Provokationen verlässlich abnimmt und beantwortet.

Die iranische Achse der „revolutionären Außenpolitik“ mäandert, so wie der Bagdadpakt, in ihrer Bedeutung vor sich hin. Sobald einer nicht mehr mitspielt, dürfte sie scheitern.

Wie einst die Briten hat Iran offenbar versucht, irgendwie Einfluss zu bewahren, ohne das Bündnis mit einer klaren Richtung und – vor allem – mit klar erkennbaren Vorteilen für alle Mitglieder zu versehen. Und wie einst die Briten erleben die Iraner nun womöglich die gegenteilige der beabsichtigten Wirkung: Sie werden in die innerarabischen Konflikte in einer Weise hineingezogen, die ihnen mehr schadet als nutzt. Ein „imperialer Hangover“ ist vorauszusehen. Der große Elie Kedourie würde wohl auch hier von einer „Damnosa haereditas“ der iranischen Nahostpolitik sprechen, wenn er 1992 nicht viel zu früh gestorben wäre.

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2 Leserbriefe

gerald schrieb am 03.02.2015
Habe nie verstanden, inwiefern der Iran eine "revolutionäre Außenpolitik" betreibt. Als das Land vom Irak angefgriffen wurde? Oder als der Iran geholfen hat, Afghanistan zu stabilisieren?
Experte schrieb am 15.02.2015
Was der Autor nicht versteht, ist, dass der Iran und seine Verbündeten hinter den Takfiristen "die Zionisten" stecken sehen. In diesem Sinne ist die Zielsetzung ganz klar.

Außerdem leistet diese Achse schon jetzt ihre Dienste. Sie hat für ihre Mitglieder den erkennbaren Vorteil, dass sie ihnen allen existentielle Sicherheit gibt (sei es gegenüber Israel, den Takfiristen oder anderen Bedrohungen) sowie Macht und Prestige den Iran und damit auch nach Innen.

Folgendes Resümee des Autors ist daher völlig falsch: "Wie einst die Briten hat Iran offenbar versucht, irgendwie Einfluss zu bewahren, ohne das Bündnis mit einer klaren Richtung und – vor allem – mit klar erkennbaren Vorteilen für alle Mitglieder zu versehen."