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Weshalb John Le Carré Recht hat
Die kuriose neue Bündnispolitik in Nahost hat mit Konflikten zu tun und dem Tiefpunkt westlicher Politik. Aber auch mit einem Roman aus dem Jahr 1974.

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Kuweits Emir Sabah im Juni in Teheran: Der erste Besuch seit Jahrzehnten.

Ein geflügeltes Wort hinterlässt kaum Spuren. Daher lässt es sich oft nur schwer zum Urheber zurückverfolgen. Wer durch das Prisma internationaler Staatskunst auf den Nahen Osten schaut, stößt beinahe zwangsläufig auf das Bonmot: „You can not buy an Arab, you can only rent him“.

Variiert fällt dieser Satz in John Le Carrés Agententhriller „Dame, König, As, Spion“ aus dem Jahr 1974. Mancher Autor schreibt ihn dem 1958 ermordeten irakischen Premierminister Nuri Said zu – ein ebenso brillanter wie ruchloser Stratege, zu dem er gut passen würde. Weiter als bis ins Jahr 1971 lässt sich die Sentenz allerdings nicht zurückverfolgen. Damals sprach den Satz ein entfernter Namensvetter Saids: der syrisch-amerikanische Politologe Abdul Aziz Said. Er fügte dem Spruch noch eine Fußnote hinzu: Günstig sei die Miete nicht.

Man mag das für ein unzeitgemäßes orientalistisches Klischee halten. Einige arabische Völker sind in den vergangenen Jahren große Risiken für ihre Freiheit eingegangen. Und zwar wissend, dass der mittelfristige Stabilitätsverlust mit ökonomischen Einbußen einhergeht. Aber in der internationalen Interessen- und Bündnispolitik haben die Völker wenig mitzureden. Das ist schon in Europa so und gilt erst recht für die arabische Welt. Dort müssen sich die Herrschenden für ihre außenpolitischen Entscheidungen meist nicht einmal erklären.

Die Maxime des glaubwürdigen und vor allem konsequenten Handelns – an der sich etwa die deutsche Außenpolitik messen lassen will und an der sie regelmäßig scheitert – ist den arabischen Staaten fremd.

Die aktuellen Allianzen und Verhandlungen zwischen arabischen Staaten scheinen Saids Bonmot zu bestätigen. Es geht nicht immer ums Geld, aber politische Prinzipien sind endlich und verhandelbar. Die Maxime des glaubwürdigen und vor allem konsequenten Handelns – an der sich etwa die deutsche Außenpolitik messen lassen will und an der sie regelmäßig scheitert – ist den arabischen Staaten fremd. Das macht sie weniger berechenbar, hat aber auch sein Gutes: Selbst tief verfeindete Staaten können wieder ins Geschäft kommen. Selbst wenn die Herrscher tiefe persönliche Abneigungen gegeneinander hegen, ist Dialogbereitschaft möglich. Und ein Pragmatismus tritt zutage, den mancher Orientalist der alten Schule für eine herausragende Qualität arabischer Stammeskultur hält: Man verhandelt schließlich nicht mit seinen Freunden, sondern mit seinen Feinden.

 

Wiederannäherung zwischen den „Feinden“ Iran und Saudi-Arabien

Saudi-Arabien und Iran, die beiden mächtigsten Rivalen im Nahen Osten lieferten sich in den vergangenen Jahren einen Schattenkrieg, der auch die Feindschaft zwischen Sunniten und Schiiten anfachte. Selten zuvor war so viel blanker Hass zu vernehmen wie heute, da radikale Eiferer – sunnitische wie schiitische – den Krieg in Syrien in einen Showdown um die Vorherrschaft im Inneren des Islams verwandeln.

Die Leidenschaft, mit der Saudi-Arabien und Iran, die jeweils selbsterklärten Schutzmächte beider Gruppen, sich gegenseitig angingen, suchte ihresgleichen. Und nun ist aus gewöhnlich gut informierten saudischen Kreisen zu vernehmen, dass Ende Juni 2014 ein neuer Kanal geöffnet werde: eine Art rotes Telefon zwischen Riad und Teheran, ein regelmäßiger und direkter Sicherheitsdialog. Sind die Kosten dieser Feindschaft einfach zu sehr gestiegen? Halten sie das Wettrüsten nicht durch? Oder wollen sich die beiden in Syrien engagierten Staaten mit einer Rückkehr zum »Status quo ante« nun aus der Affäre ziehen?

Diese saudische Initiative wurde erst möglich, nachdem in Teheran die neue Regierung Ruhani die Arbeit aufgenommen hat und in Riad zwei der mächtigsten saudischen Schiiten- und Iranhasser ihre Schlüsselposten räumten: Ex-Innenminister Prinz Na’if bin Abdulaziz starb 2012 in Genf, Geheimdienstchef Prinz Bandar bin Sultan wurde im März 2014 entmachtet. Manche Beobachter vermuten, dass auch das Rapprochement zwischen dem Westen und Iran dabei eine Rolle spiele, denn Riad wolle dabei nicht ins Hintertreffen geraten. Ein Argument, das nicht in Gänze überzeugt, denn aus saudischer Perspektive wäre es eher folgerichtig, diese Annäherung nicht zu flankieren, sondern zu hintertreiben.

 

Kuwait, Algerien & Co. – neue Player der Regionalpolitik

Skepsis bezüglich der Erfolgsaussichten dieses Dialogs scheint angebracht. Aber die saudisch-iranische Geschäftsanbahnung ist nur eine von vielen bemerkenswerten Bewegungen der vergangenen Wochen. Oftmals spielen dabei Player mit, die wir im Westen gar nicht auf dem Schirm haben. Das kleine, aber sehr vermögende Kuwait – Inbegriff provinzieller Trostlosigkeit und Langeweile – schwingt sich zum neuen Champion der arabischen Diplomatie auf: Es unterstützt arabische Brüder in Zahlungsschwierigkeiten und vermittelt als temporärer Vorsitzender des Golf-Kooperationsrates zwischen den Streithähnen Saudi-Arabien und Katar. Emir Sabah trifft sich mit Irans Revolutionsführer Khamenei und kündigt gemeinsame Investitionsprojekte an, während er gleichzeitig aufständische, darunter dschihadistische Einheiten in Syrien unterstützt, die wiederum gegen iranische Interessen kämpfen.

Sicher, nicht jede politische Kombination, nicht jedes Interessenbündnis ist in der Region möglich. Aber die Vielfalt dieser Allianzen wächst.

Das verschlossene Algerien – eine kuriose Mischung aus Südfrankreich und Nordkorea – stützt die tunesische Übergangsdemokratie mit Devisen, schaut aber mehr oder weniger tatenlos zu, wie sich Libyen, mit dem es eine lange Grenze teilt, immer weiter destabilisiert. Algier vermittelt dafür hinter den Kulissen zwischen den in der Syrienfrage gespaltenen arabischen Staaten. Und das als eines von nur drei Mitgliedern der Arabischen Liga, das noch vollwertige Beziehungen zum Assad-Regime unterhält.

Ägyptens Feldmarschall Abdelfattah Sisi lädt die gewalttätige palästinensische Organisation Islamischer Dschihad nach Kairo ein, um die mit den Muslimbrüdern verbündete, vergleichsweise gemäßigte Hamas zu schwächen und deren Förderer Katar und Iran aus dem Nahostkonflikt zu drängen. Und ein libyscher Nationalist, der umtriebige General Khalifa Haftar, fordert die Ägypter auf, in Libyen einzumarschieren und den Osten seines Landes von Dschihadisten und Muslimbrüdern zu befreien. Gegen den Einfluss Katars, dafür aber mit Rückendeckung der Golfkooperationsstaaten Saudi-Arabien und der Arabischen Emirate.

Und zuletzt schmiedet der politisch schon fast totgeglaubte irakische Premierminister Nuri al-Maliki wieder einmal eine Allianz – diesmal allerdings mit sunnitischen Politikern, die bis vor kurzem noch den schiitisch-chauvinistischen Maliki zum Grabträger des Nationalstaates Irak erklärten. Und gegen seine schiitischen Freunde von einst. Wobei übrigens, wie zu vernehmen ist, nicht nur Iran, sondern auch die Türken ihre Finger im Spiel haben.

 

Nahostpolitik des Westens am Tiefpunkt

Sicher, nicht jede politische Kombination, nicht jedes Interessenbündnis ist in der Region möglich. Aber die Vielfalt dieser Allianzen wächst. Sie ist eine – vielleicht nicht einmal negative – Folge des Rückzugs westlicher Nahostpolitik. Putsch und Wahlsieg Sisis in Ägypten, die Brutalisierung des Kriegs in Syrien, der Bruch im Bündnis mit der Türkei und nicht zuletzt die Krise in der Ukraine zeigen, dass Europa und die USA die Region mehr und mehr sich selbst überlassen. Dass sie derzeit keine klaren Ziele definiert haben – geschweige denn Verbündete, mit denen man diese zu verwirklichen gedenkt.

Die Nahostpolitik des Westens ist, wenn man ihre Konsistenz und ihre Wirkungskraft betrachtet, auf einem historischen Tiefpunkt angekommen. Was daraus folgt? "You can not buy an Arab!" Alles Weitere lässt sich wohl nicht mehr mit Gewissheit sagen.

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1 Leserbriefe

MarekT schrieb am 10.06.2014
Sofern eine Annäherung zwischen Iran und Saudi-Arabien gelingt und von Dauer ist, würde das die Landkarte des Nahen Ostens nachhaltig verändern. Da würde dann das Übel tatsächlich einmal an der Wurzel gepackt.