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Botschaft nicht verstanden

Die Region wartet weiterhin auf die Dividende des Arabischen Frühlings.

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Reformen sind nötig – die Bürger in vielen arabischen Ländern, wie hier in Ägypten, werden immer wütender

Eine aktuelle Umfrage der Stiftung Carnegie Endowment for International Peace unter hundert arabischen Vordenkern ließ einen breiten Konsens darüber erkennen, was der Grund für viele der Probleme in der Region ist: ein Mangel an guter Staatsführung. Die Befragten hielten die darauf zurückzuführenden inländischen Probleme – Autoritarismus, Korruption, veraltete Ausbildungssysteme und Arbeitslosigkeit – sogar für wichtiger als regionale Themen wie die Bedrohung durch den selbsternannten Islamischen Staat (IS) oder die Einmischung regionaler oder internationaler Mächte.

Diese Informationen sind nicht neu. Die Unzulänglichkeit der veralteten gesellschaftlichen Grundlagen der Region angesichts der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Probleme wurde bereits durch die Aufstände des Arabischen Frühlings ins Licht gerückt. Aber die arabischen Regierungen scheinen die Botschaft immer noch nicht verstanden zu haben.

Fünf Jahre nach dem Ausbruch der Unruhen haben die arabischen Bürger bei den Angelegenheiten ihrer jeweiligen Länder immer noch wenig Mitsprache – und in manchen Fällen sogar noch weniger als damals. Darüber hinaus hängen sie von Rentenökonomien ab, die nicht in der Lage sind, für ihre jungen, gut ausgebildeten Bevölkerungen genug Arbeitsplätze zu schaffen. Und sie leiden unter einem alarmierenden Mangel an Rechtsstaatlichkeit, aufgrund dessen sie nicht sicher sein können, unabhängig von Geschlecht, ethnischer Herkunft oder Religion gleich behandelt zu werden.

Fünf Jahre nach dem Ausbruch der Unruhen haben die arabischen Bürger bei den Angelegenheiten ihrer jeweiligen Länder immer noch wenig Mitsprache.

Aber die momentan schlechte Staatsführung bedeutet nicht, dass die arabische Welt zum Scheitern verurteilt ist. Tunesien ist ein Leuchtfeuer der Hoffnung. Nach der Revolution von 2011 kam im Land ein konsensorientierter und integrativer Prozess in Gang, um eine neue Gesellschaftsordnung zu entwickeln, die die individuellen und kollektiven Rechte der Bürger in den Vordergrund stellt.

Zwar gibt es dort immer noch ernste Wirtschafts- und Sicherheitsprobleme, aber der erste Schritt zu deren Lösung ist der nationale Dialog, den das Land begonnen hat. Andere arabische Gesellschaften müssen nun einen ähnlichen Dialog starten, damit Volkswirtschaften und Institutionen geschaffen werden können, die die Bedürfnisse ihrer Bürger erfüllen.

Die Geschichte lehrt uns, dass solche Wandlungsprozesse Zeit brauchen. Um ihre volle Wirkung auf die Gesellschaft zu entfalten, müssen die lang unterdrückten Ideen und Energien, die durch Ereignisse wie den Arabischen Frühling freigesetzt wurden, erst reifen.

Betrachten wir die Aufstände in Europa von 1848, als die Bürger gegen autoritäre und feudale Systeme sowie den Mangel an wirtschaftlichen Möglichkeiten protestierten. Am Ende des Jahres konnten die Kräfte des Status Quo die Macht wieder erlangen, und die Aufstände schienen niedergeschlagen zu sein.

Aber etwas hatte sich verändert. Tabus waren gebrochen worden, und während der folgenden Jahrzehnte führten technische Fortschritte zur Verbreitung neuer Ideen. Bald darauf löste sich der Feudalismus auf, liberale und demokratische Werte gewannen an Boden, die Frauen konnten größere Rechte erlangen, und es entstanden Wirtschaftssysteme, die zu gesteigerter Produktivität, hohen Wachstumsraten und besserem Lebensstandard führten.

Nach und nach entwickelt sich auch in der arabischen Welt ein ähnlicher Prozess. Die Bürger (insbesondere die jungen Menschen), denen es an Vertrauen in ihre Regierungen mangelt, suchen alternative Informationsquellen und neue Wege, wirtschaftlich zu überleben. Dieser Wandel wurde von den Regierungen bislang kaum wahrgenommen, was verdeutlicht, wie sehr sie sich von ihren eigenen Bürgern entfremdet haben. Aber bald wird er nicht mehr zu übersehen sein.

All dies geschieht zu einer Zeit, in der eine weitere wichtige Entwicklung stattfindet: Die ölbasierten Rentensysteme schrumpfen rapide, was am starken Rückgang der Energiepreise in den letzten zwei Jahren liegt. Insbesondere Saudi-Arabien sah sich gezwungen, zu einem Wirtschaftsmodell überzugehen, in dem das Wachstum hauptsächlich durch Investitionen und Produktivität angetrieben wird. Andere Länder der Region müssen dem folgen und ebenfalls ihre Wirtschaftssysteme reformieren. Tun sie dies nicht, werden sie den Zorn ihrer immer wütenderen Bürger zu spüren bekommen.

Im Gegensatz zur internationalen Gemeinschaft, die sich auf den IS oder die destruktive Rolle des Iran im Nahen Osten konzentriert, kümmern sich die meisten Araber darum, ihr Leben zu verbessern.

Ein wichtiges Element innerhalb der Wirtschaftsreformstrategien ist die Technologie. Bereits jetzt haben 240 Millionen – größtenteils junge – Araber über ihre Mobiltelefone Zugang zum Internet. Etwa bis 2020 werden dann alle arabischen Jugendlichen so miteinander verbunden sein. Durch Technologie wird das Entstehen und die Verbreitung von Wissen gefördert, und das in einer Region, die bei diesem Prozess traditionell hinterher hinkt. Und momentan werden viele Technologiefirmen neu gegründet.

Dies bedeutet nicht, dass Technologie für die Region ein Allheilmittel ist. Immerhin wird sie auch vom IS verwendet, allerdings auf unheilvolle Art: um grausame Propaganda zu verbreiten und neue Mitglieder zu rekrutieren. Aber durch Technologie kann der soziale und wirtschaftliche Fortschritt der arabischen Welt beschleunigt werden, und dies auch dadurch, dass die Länder zu ihrer Unterstützung ein modernes institutionelles Umfeld schaffen.

Heute kann sich kein Land entwickeln, ohne effektive und vertrauenswürdige Institutionen zu entwickeln, ein sinnvolles System politischer Kontrollmechanismen aufzubauen und die Zuständigkeit für die Entscheidungsfindung auf mehrere Gewalten zu verteilen. Diese Elemente sind entscheidend dafür, dass die Länder ihren Bürgern eine angemessene Lebensqualität bieten können.

Eines Tages wird die arabische Welt über all dies verfügen. Im Gegensatz zur internationalen Gemeinschaft, die sich auf den IS oder die destruktive Rolle des Iran im Nahen Osten konzentriert, kümmern sich die meisten Araber darum, ihr Leben zu verbessern. Dies sollte von ihren Regierungen unterstützt werden.

(c) Project Sindicate

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7 Leserbriefe

Christian Helmut Wetzel schrieb am 24.05.2016
"Dividende des Arabischen Frühlings" ?

Die Dividende müssten die "Auslöser und Unterstützer" des A- Frühlings, nämlich die Westmächte (Frankreich, USA, UK usw.) zahlen!
Durch die Beseitigung der "Stabilen Diktaturen" wurde das jeweilige Chaos in den A-Ländern - und auch bei uns in Europa (Flüchtlings- und Asyl-Chaos, EU-Spaltung, Nationalismus, Rechts-Radikalisierung usw.) ausgelöst!
Religionen waren schon immer Hemmnisse für Freiheit und Fortschritt der Menschen - heute insbesondere der Islam in seiner weltweiten Ausprägung - d.h. mit seiner Intoleranz, Aggressivität, Menschenrechts-Feindlichkeit, Demokratie-Ferne und Gewaltbereitschaft!

Christian Helmut Wetzel
, b Vein
Leonidas Latinus schrieb am 24.05.2016
Dividenden werden nicht aus moralischer Veranwortung gezahlt, sondern weil Aktionäre durchsetzen können, am Ertrag einer Unternehmung beteiligt zu werden. Das arabische Aufbegehren war kein Unternehmen, an dem seine Initiatoren Rechte erwerben konnten. Es gibt keine Dividende. Es gibt aber Wirkung, nämlich die Destabilisierung autoritärer Systeme, mit anschliessend zwanghafterer Bemühung der Träger dieser Systeme, Verändererungen zurück zu drängen (Ausnahme: Tunesien). Die Geschichte ist damit sicher nicht zu Ende; aber ihr Ausgang ist offen. Maßgeblich wird sein, in wessen Hand die Medien bleiben. Denn ich halte es für gewiss, dass gesellschaftliches Bewusstsein ohne Einbezug der Medien - insbesondere des Internets - sich heute nicht mehr verbreiten kann.
Klaus Ramelow schrieb am 24.05.2016
@Christian Helmut Wetzel stimme ich uneingeschränkt zu.
Ursächlich an der Zerstörung der bestehenden - und so gewachsenen - Strukturen sehe ich auch die "Auslöser und Unterstützer" des A- Frühlings und maßgeblich die vorgeblich "heilsbringende" Überstülpung unseres Verständnisses von Demokratie.
Auch hierbei wurde nicht berücksichtigt, dass dieser ohnehin "schillernde" Begriff Demokratie nicht auf andere Religionen und Mentalitäten und den hiermit verbundenen Bedürfnissen nicht den Menschen von außen vorgegeben werden darf und kann. Dieses funktioniert ja auch nicht in Europa.
( abgesehen davon stand das Streben nach Einfluss betr Ressourcen klar im Vordergrund )

In diesem Zusammenhang verstand ich auch nicht die euphorische Begrüßung des arabischen Frühlings durch unsere Tochter Julia.
Peter Lucke schrieb am 25.05.2016
Erhellend finde ich Murwan Muashers Exkurs über 1848. Da verlor zwar die Demokratie, aber der wirtschaftliche Aufschwung des Bürgertums ließ sich nicht mehr aufhalten. Dazu brauchte es aber auch wagemutige Unternehmer, unermüdliche Erfinder, Bauern und Arbeiter, die sich zu Genossenschaften, Gewerkschaften und Parteien zusammenschlossen und, vom Arbeits- und Fortschrittseifer getrieben, viele Opfer brachten für das, was sich dann hundert Jahre später als Wohlstand und Demokratie ausbezahlte. Diese Voraussetzungen sehe ich in arabischen Ländern nicht. Es reicht nicht, wenn man bei "Wohlstand und Demokratie" auf dem Handy "like" anklickt. Die jungen Menschen wandern lieber aus, als dass sie diese Sisyphusarbeit auf sich nehmen. Es ist wohlfeil, nur die orientalischen Despotien zu kritisieren
Manfred Groh schrieb am 26.05.2016
Wo bleibt der Islam in dieser Betrachtung? Das ist IMHO die Zusammenfassung der gesellschaftlichen Probleme. Was bei nachlassendem Druck passiert, ist ja in Ägypten zu sehen gewesen, bzw. in Syrien und Libyen aktuell zu besichtigen. Tunesien scheint ein Ausnahmefall zu sein.
Klaus Ramelow schrieb am 27.05.2016
@Manfred
"Was bei nachlassendem Druck passiert ..."
Welcher Druck ist denn hier gemein(t) ?
Der Druck durch die "Westmächte (Frankreich, USA, UK usw.", die die Kultur der arabischen Nationen zerstörten, oder der Druck innerhalb der jeweiligen Nation aufgrund von so vorgegaukelten Idealen ?
"der Islam" in der aktuell entstehenden Ausrichtung muss doch auch als eine Reaktion / Abwehr solcher externen und gewaltsamen (und somit kultur-vernichtenden) Einflussnahme verstanden werden.
Manfred Groh schrieb am 28.05.2016
Der Arabische Frühling ist ist an der Radikalität und der Kompromisslosigkeit der Akteure gescheitert. Diesbezüglich hat die Gesellschaft der besagten Region noch etwas zu tun. Ohne den Willen zum Frieden gibt es keinen. Saudi-Arabien und Iran zeigen, wie Druck funktioniert.