Nie war es einfacher, Fakten zu überprüfen, die Lüge zu enttarnen, die Wahrheit zu finden. Die Zugänglichkeit des Internets macht dies möglich, die schnelle Abrufbarkeit von Informationen, das schier unendliche Gedächtnis dieser Digitalmaschine. Doch obwohl dies so ist, gedeihen die Halbwahrheit und die Lüge, erfreuen sich Verschwörungstheorien größter Beliebtheit, blüht der Populismus. Es scheint, als sei der Sieger der digitalen Welt nicht die Wahrheit.

Noch nie wurde so mannigfaltig entgegen jeder Evidenz gelogen, wurden Tatsachen ignoriert oder nur achselzuckend weggelächelt.

Natürlich: Das Verdrehen von Tatsachen gibt es, seitdem es Menschen gibt. So wie auch die Bereitschaft, der Lüge zu glauben. Weil sie besser ins Bild passt, weil sie von eigener Schuld oder eigenem Unvermögen ablenkt, weil sie gewünschte Vorwände für bestimmtes Handeln liefert. Doch noch nie wurde so mannigfaltig entgegen jeder Evidenz gelogen, wurden Tatsachen einfach ignoriert oder gar nur achselzuckend weggelächelt. Das gilt für Donald Trump in den USA wie für die AfD in Deutschland.

Der eine, inzwischen immerhin Republikanischer Präsidentschaftskandidat, behauptet etwa, dass die Arbeitslosigkeit in den USA 42 Prozent betrage und nicht, wie es das amerikanische Büro für Arbeitsmarktstatistik ausweist, rund fünf Prozent. Wie? Indem Trump kurzerhand die Definition von Arbeitslosigkeit ändert und sämtliche Menschen in eine Kategorie fasst, die keinen Job haben – egal, ob sie dafür zu jung sind, weil noch Kinder, oder zu alt, weil Rentner. Egal, ob sie behindert sind oder ob sie schlichtweg keine Arbeit suchen oder brauchen. Und obwohl die Fakten eine andere Sprache sprechen, wiederholt Trump seine Behauptung. Es stört ihn nicht. Und es stört auch seine Wähler nicht. Weil die den Korrektoren nicht glauben, die sie sämtlich und sofort im linksliberalen und damit für sie unglaubwürdigen Medien-Mainstream verorten.

Gleiches gilt für die Behauptung aus den Reihen der AfD, dass die gestiegene Zahl der Asylbewerber und Flüchtlinge die Kriminalität in die Höhe treiben würde. Doch auch diese Behauptung ist nicht belegt, wie die jüngste polizeiliche Kriminalstatistik zeigt. Der jüngste Bericht des Bundeskriminalamts zeigt vielmehr, dass diese Gruppe nicht mehr Straftaten begeht als andere Gruppen. „Zuwanderer sind nicht krimineller als Deutsche“, sagte eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums bei Vorlage der Daten im Juni dieses Jahres. Dennoch wiederholen die Rechtspopulisten diese Falschbehauptungen wieder und wieder. Weil auch hier das oben Geschriebene gilt: Die Anhänger interessieren die Fakten nicht oder sie werden als Kampagne der „Lügenpresse“ diskreditiert.

Das Futter für diese subjektiven Interpretationen liefert das Internet, in dem sich für jede auch noch so bizarre These ein scheinbarer Beleg findet und in dessen Filterblase man sich seine eigene virtuelle Realität zusammenbauen kann. Den Populismus fördert damit ausgerechnet jene digitale Kommunikation, die der Schlüssel für das große Unwohlsein ist, das so viele Menschen befallen hat. Denn ohne das Internet gäbe es keine Globalisierung – zumindest nicht jene rapide Weltvernetzung, die wir gegenwärtig erleben. Der niederländische Politologe René Cuperus hat das Dilemma in einem Beitrag für den Tagesspiegel kürzlich so zusammengefasst: „Es beunruhigt sie [gemeint sind rund 60 Prozent der Niederländer, d. Verf.], in einer Welt zu leben, die zu einem globalen Dorf wurde und in der jedes kleine Dorf zur Welt wird. Sie sind die Verlierer der neuen Weltordnung und wissen es.”

Die neue Weltordnung teilt sich in zwei Klassen: In jene, die gut ausgebildet das hohe Tempo der Digitalisierung und Globalisierung nicht nur mitgehen können, sondern für die die Vernetzung eine Fülle neuer Chancen eröffnet. Und in all die vielen anderen, die das nicht schaffen, nicht schaffen können oder auch nicht schaffen wollen. Sie fühlen sich abgehängt von der Weltentwicklung und sehen sich nur mit den harschen Konsequenzen konfrontiert. Mit der Konkurrenz, die inzwischen jede Ecke der Welt erreicht hat, mit einem Lohndruck, weil so viele Jobs inzwischen per Mausklick andernorts um so vieles billiger erledigt werden können, mit einem Tempo, das oft kaum noch ein Durchatmen erlaubt. Kurz: mit einem Abbau der über Jahrzehnte hart erkämpften sozialen Errungenschaften.

Die liberale Gesellschaft wird zum Sündenbock und zum Opfer der Vereinfacher.

Die liberale und offene Gesellschaft, die all dies erlaubt, zumindest nicht verhindert, wird so zum Sündenbock und zum Opfer der Vereinfacher. Schon immer haben die Populisten die Welt gerne zweigeteilt: In „die da oben“ und „wir da unten“. Diese schlichte Dichotomie bietet sich in der globalisierten Welt noch einmal mehr an. So wirken zwei Schlüsselfaktoren insbesondere des Rechtspopulismus derzeit zusammen: zum einen die Ängste vor der Globalisierung, mit dem daraus drohenden sozialen Abstieg, und die Einwanderung als willkommenes Objekt der Kritik zum anderen. Das Schüren von Ausländerfeindlichkeit war schon von jeher ein Kernelement rechter Propaganda. Doch noch nie war dieses flankiert von einem solch wirkmächtigen Brandbeschleuniger: den Globalisierungsängsten und damit der Sorge um die eigene Existenz.

Wenn also Donald Trump eine hohe Arbeitslosigkeit beschwört, dann bedient er die Angst vor dem sozialen Abstieg. Und wenn die AfD die Migration für alle Übel verantwortlich macht, dann liefert sie einen Schuldigen. Und wer sich nur aus den abonnierten Feeds der sozialen Medien und ihren Algorithmen informiert, der hält das schon für die Realität.

Wie also auf den Populismus reagieren, wenn das Erklären einer komplexen Welt so kompliziert geworden ist? Wenn einfachen Botschaften nur unbefriedigend umständliche Analysen gegenüberstehen? Und das in einer digitalisierten Welt, die auf lange Erklärungen zunehmend keine Lust und keine Zeit mehr hat – wenn sie diese denn überhaupt noch an sich heranlässt?

Mehr in Bildung investieren, denn die ist das stärkste Gegengift gegen Populismus.

Die schlechte Nachricht ist: Es gibt auf diese Fragen keine einfachen Antworten, sondern wieder nur komplizierte. Aber immerhin gibt es sie: Man muss klar machen, dass sich ein Land, das vom Export und von der Globalisierung lebt, nicht abschotten kann; man muss den Auswüchsen der Digitalisierung begegnen und die berechtigten Sorgen ernst nehmen, auch wenn sie von Populisten missbraucht werden; die tolerante und offene Gesellschaft gilt es, nach Kräften zu schützen; das Friedensprojekt Europäische Union muss offensiv verteidigt und darf nicht schlechtgeredet werden. Und vor allem: noch mehr in Bildung investieren. Denn die ist das stärkste Gegengift gegen Populismus.