In vielen Ländern der Welt leben Minderheiten. Die Herkunftsländer scheinen sich in den letzten Jahren immer stärker für ihre Diasporas zu interessieren, und umgekehrt scheinen sich die Diasporas immer stärker in die Außenpolitik ihrer Gastländer einzumischen. Stimmt dieser Eindruck?

Vor allem seit den 1990er Jahren treten Immigranten deutlicher als je zuvor in der Geschichte als Diaspora auf. Das heißt, sie wirken darauf hin, ihren eigenen Interessen oder denen ihres Herkunftslands Gehör zu verschaffen. Zum Beispiel ist die indische Diaspora in den Vereinigten Staaten stark gewachsen und hat ganz wesentlich zur politischen Annäherung zwischen den Vereinigten Staaten und Indien beigetragen. Vor allem ist es ihr gelungen, die Unterstützung von Hillary Clinton für die Gründung einer Freundschaftsgruppe im amerikanischen Kongress (Indian Caucus) zu bekommen. Die Diaspora der christlichen Iraker in Schweden hat wesentlichen Anteil daran, dass das schwedische Parlament entgegen der Empfehlung der Regierung den Völkermord an den Armeniern und syrischen Christen anerkannte.

Was sind die Gründe für dieses gewachsene politische Gewicht?

Die Diaspora-Gemeinden haben hauptsächlich deshalb an geopolitischer Bedeutung gewonnen, weil in Anbetracht der stark gesunkenen Kosten des internationalen Verkehrs und der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien Immigranten enge Verbindungen zu ihren Heimatländern halten können. Deshalb identifizieren sie sich sowohl mit ihrem Heimatland wie mit dem Land, in dem sie leben. Vor diesem Hintergrund bleibt es nicht aus, dass sie sich für die Beziehungen zwischen dem Land, in dem sie leben, und ihrem Herkunftsland interessieren. Ich habe dafür den Begriff „Diasporisation“ geprägt (Gérard-François Dumont, Démographie politique. Les lois de la géopolitique des populations, Paris, Ellipses, 2007.)

Ist die Rolle von Diasporas mehrheitlich kontraproduktiv und politisch fragwürdig? Wo haben Diasporas eine positive Rolle gespielt?

Das Verhalten von Diaspora-Gemeinden kann je nach eigenem Standpunkt positiv oder negativ beurteilt werden. Sie können eine positive Rolle spielen, wenn sie zum Frieden beitragen, etwa wenn die Diaspora eines Landes, in dem Bürgerkrieg herrscht, Geheimverhandlungen zwischen verschiedenen Konfliktparteien organisiert. Die Rolle der Diaspora ist auch positiv, wenn sie auf die Demokratisierung eines Landes hinarbeitet wie etwa die baltischen Diaspora-Gemeinden in Nordamerika, die Anfang der 1990er die Demokratisierung in Litauen, Lettland und Estland unterstützt haben.

Für einen Staat kann die Anwesenheit von Diaspora-Gemeinden ein geopolitisches oder wirtschaftliches Bindeglied in seinen Beziehungen zu den jeweiligen Ursprungsländern sein.

Wenn die Diaspora hingegen Konflikte schürt, ist ihr Einfluss negativ. So hat beispielsweise ein Teil der jüdischen Diaspora in den Vereinigten Staaten das Osloer Friedensabkommen von 1993 von Anfang an abgelehnt.

Sind sich die Staaten mittlerweile der potenziellen Vorteile bewusst, die sie durch das Beherbergen großer Anteile „ausländischer“ Staatsbürger auf ihrem Gebiet haben oder durch enge Beziehungen zu ihren nationalen Minderheiten im Ausland?

Für einen Staat kann die Anwesenheit von Diaspora-Gemeinden ein geopolitisches oder wirtschaftliches Bindeglied in seinen Beziehungen zu den jeweiligen Ursprungsländern sein. Immer mehr Staaten verstehen, wie wichtig es ist, Verbindungen zu ihren nationalen Minderheiten im Ausland zu halten. Zunehmend wird es üblich, Minderheiten im Ausland das Wahlrecht und eigene Abgeordnete zuzugestehen, das machen zum Beispiel Frankreich, Italien, Tunesien oder Rumänien. In einem weiteren Schritt versuchen viele Staaten, die Beziehungen so zu gestalten, dass ihre im Ausland lebenden nationalen Minderheiten zu ihrer eigenen Entwicklung beitragen, etwa Indien, Marokko, Togo oder Ruanda. Mit Blick auf dieses Ziel gewähren die Staaten beispielsweise ihren im Ausland lebenden nationalen Minderheiten Steuervorteile, wenn sie in ihren Herkunftsländern investieren wollen.